„Wir haben die besten Fans in ganz Frankreich“ – das sagen die Marseillais vor dem Spiel
Die Fangemeinde von Olympique Marseille kann sich sehen lassen, so viel kann man schon mal sagen. Interessanterweise haben sich in Marseille über die Jahrzehnte gleich zwei Kurven gebildet, die sich politisch, sowie ethnisch und ethisch unterscheiden. Sowohl auf der Südkurve, als auch auf der Nordkurve des historischen Velodrome, dem größten Stadion der Ligue 1, bildeten sich Ultragruppierungen, die sich zwar unterscheiden, weitgehend aber nicht konkurrieren, sondern den Fokus voll auf den Support ihrer Mannschaft legen. Eine Idee, die auch beim Grazer Lokalrivalen zumindest theoretisch umsetzbar wäre.
Den einen oder anderen Fan konnten wir zum SK Sturm, zu l’OM und nicht zuletzt zum kommenden Spiel befragen.
Zuerst erreichte uns Carl, ein 28-jähriger Finanzberater aus dem Raum Marseille. Er supportet die Mannschaft seit Kindestagen, hat aber den ersten Champions League Titel noch nicht erlebt. Dann konnten wir uns noch mit Francois unterhalten. Francois ist 37 Jahre alt, und bekam OM – wie er selbst sagt – nicht in die Wiege gelegt, sondern wurde es ganz von sich aus.
Was wusstet ihr über Sturm Graz, bevor die Auslosung stattfand?
François: Ehrlich gesagt nicht viel. Ihr seid ein österreichischer Verein, habt eine Flagge in eurem Logo und ich glaube, wir sind uns Anfang der 2000er-Jahre schon einmal begegnet. Das war’s auch schon. Tut mir leid!
Carl: Nichts Besonderes ehrlich gesagt, außer dass es sich um einen österreichischen Verein handelt.
Diese Saison verläuft für Olympique Marseille mit einigen Höhen und Tiefen. Ihr habt gewonnen, anschließend drei Spiele in Folge verloren und seid unmittelbar vor der Länderspielpause wieder auf die Siegerstraße zurückgekehrt. Was sind die Gründe dafür?
François: Der Verein befindet sich in einer Übergangsphase: Wir bewegen uns weg von einer sehr kostspieligen Strategie hin zu einer deutlich vorsichtigeren und bescheideneren Ausrichtung. Die vorherige Vereinsführung hat uns in eine äußerst schwierige Lage gebracht. Wir stehen sowohl unter der Aufsicht der UEFA als auch unter der Kontrolle der französischen Finanzaufsichtsbehörde für Fußballvereine (DNCG). Unser amerikanischer Eigentümer möchte kein weiteres Geld investieren. Deshalb herrscht in dieser Saison große Unsicherheit. Der Sommer war ziemlich ungewöhnlich: Zehn Spieler haben den Verein verlassen, es wurde kein einziger neuer Spieler verpflichtet und das Gehaltsbudget wurde um 30 Prozent gesenkt. Unser Ziel ist es mittlerweile, die Ligue 1 unter den ersten acht Mannschaften abzuschließen. Im Europapokal haben wir dagegen keinerlei große Ambitionen – was für uns eher ungewöhnlich ist. Der sportliche Rückschritt ist also deutlich spürbar. Konkret hatten wir im August und September einen schwierigen Spielplan und waren körperlich noch nicht vollständig bereit. Wir haben einige gute Spiele gezeigt, hatten dabei aber auch Pech – unter anderem gegen Olympiacos, das uns regelrecht die Punkte gestohlen hat. Die letzten beiden Spiele waren gegen schwächere Gegner. Deshalb befinden wir uns momentan wieder in einer positiveren Phase, allerdings ist diese Entwicklung noch sehr fragil.
Carl: Unser Eigentümer möchte sein Geld zurück und ist nicht mehr bereit, weiter zu investieren. Er hat viele gute Spieler verkauft, aber keinen einzigen neuen verpflichtet – wirklich keinen einzigen. Außerdem hat er der Liga einen Sanierungsplan vorgelegt, der deutlich härter ausfällt, als von der Liga gefordert wurde. Hinzu kommt, dass der Verein in den vergangenen Jahren mittelmäßigen Spielern astronomische Gehälter gezahlt hat. Diese Altlasten belasten uns heute erheblich.
Wie hat sich Olympique Marseille unter Genesio entwickelt und welchen Spielstil verfolgt er?
François: Genesio sucht noch nach der richtigen Balance. Wir wollen den Ball haben und setzen auf ein hohes Pressing in einem 4-2-3-1-System. Auch wenn wir am Donnerstag nicht mit unserer ersten Mannschaft antreten werden, gehe ich davon aus, dass wir taktisch ähnlich spielen werden.
Carl: Angesichts der Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung stehen, entwickelt sich die Mannschaft recht gut. Der Spielplan ist einfach gehalten, mit einem direkten Offensivspiel und ohne unnötige Spielereien. Außerdem veruscht er gerne, junge Spieler in die erste Mannschaft zu integrieren.
Was erwartet ihr euch vom Spiel am Donnerstag?
François: Unser Ziel ist es nicht mehr, uns für die nächste Runde zu qualifizieren. Die Niederlage gegen Olympiakos war ein schwerer Rückschlag. Unser Hauptaugenmerk liegt inzwischen auf der nationalen Meisterschaft. Ich denke deshalb, dass wir am Donnerstag einige Veränderungen in der Aufstellung vornehmen werden. Gleichzeitig wollen wir versuchen, eine positive Entwicklung einzuleiten und zumindest gewinnen, damit wir uns im Europapokal nicht völlig lächerlich machen. Und wer weiß … vielleicht kehren unsere Ambitionen zurück, wenn wir zwei oder drei Siege in Folge einfahren.
Carl: Ich hoffe auf einen Sieg, nachdem wir in Europa zuletzt zweimal verloren haben. Ich denke, dass wir gewinnen können, auch wenn es schwierig wird. Wir müssen außerdem in der Liga endlich richtig in die Saison starten. Andernfalls könnte die Situation für uns langsam alarmierend werden.
Möchtet ihr den Sturm-Fans noch etwas mitgeben? Vielleicht ein paar interessante Fakten über euren Verein, die Liga oder die Stadt?
François: Unsere größte Stärke sind unsere Fans. Ich weiß, dass es vor etwa zehn Jahren bei Europapokal-Auswärtsspielen Probleme gab, unter anderem mit Verwüstungen in Bars. In den vergangenen Jahren ist es aber deutlich ruhiger geworden. Deshalb denke ich, dass alles gut laufen wird. Es gibt keinen Grund, warum das nicht der Fall sein sollte. Ich kenne eure Mannschaft zwar nicht, aber wenn sie geschlossen auftritt, keine Angst zeigt und bis zum Schluss kämpft, habt ihr angesichts unserer aktuellen Situation definitiv eure Chancen. Ich wünsche euch alles Gute – allerdings erst nach Donnerstag!
Carl: Wir haben die besten und lautesten Fans in ganz Frankreich und vor langer Zeit auch einmal die Champions League gewonnen. Als der Verein gegründet wurde, war er übrigens zunächst kein reiner Fußballverein, sondern widmete sich unter anderem dem Boxen, Fechten und Rugby. Erst später kam die Fußballabteilung hinzu, die irgendwann die anderen Sportarten in den Hintergrund drängte.
Wir bedanken und bei unseren Gesprächspartnern für ihre Zeit!


Anzeige Mobil
Anzeige
RECENT POSTS