„Sturm könnte OM überrollen..:“ – Vorbericht Olympique Marseille

Das Derby ist geschlagen, endlich erwarten den SK Sturm wieder richtige Gegner auf Europas (zweit)höchster Bühne. Mit Olympique Marseille kommt ein echtes Kapazunder nach Graz – wir haben recherchiert und auch mit einem Journalisten aus dem Umfeld gesprochen.

Der SK Sturm bejubelt zumindest mit einem weinenden Auge aufgrund der Verletzung von Daniil Khudyakov den nächsten Derbysieg. Allzu ausuferndes Feiern gibt der Terminplan aber nicht her, immerhin erwartet die Schwoazen am Donnerstag bereits der nächste Kracher, wenn Olympique Marseille die Reise nach Liebenau antreten wird. Wie immer haben wir uns intensiv mit den Marseillaise beschäftigt, um Euch einen Überblick über das französische Topteam zu geben. 

Die Gründung der Stadt Marseille

Hier müssen wir lange in der Geschichte zurückreisen, bis ins 6. Jahrhundert vor der Zeitenwende. Wir befinden uns im Süden Galliens, über 500 Jahre vor der Eroberung durch Julius Caesar und noch viele Jahrhunderte vor der Schaffung der wohl bekanntesten Gallier durch Albert Uderzo. Wo heute Marseille liegt, also im Süden Frankreichs an der Mittelmeerküste im 13. Departement Bouches-du-Rhone, lebten im siebenten Jahrhundert vor Christus keltische Stämme, von einer gallischen Einheit war noch keine Rede. Wer hier an skrupellose Barbaren mit langen, borstigen Haaren und ungewaschenen Gesichtern denkt, der irrt aber gewaltig.

Der Stamm der Segobrigier, der die Region besiedelte, war für seine Zeit hochentwickelt. Ihre Siedlungen bestanden aus befestigeten, aus Stein gefertigten Häusern, die strategisch gelegene Siedlungen auf Hügeln im Hinterland bildeten. Sie betrieben Ackerbau, säten vor allem Gerste, Weizen und Hülsenfrüchte, züchteten Ziegen, Schweine, Rinder und Geflügel und waren sehr begabt in der Metallverarbeitung. Werkzeuge und Waffen der Segobrigier waren im ganzen Mittelmeerraum sehr gefragt. Dass Gallier gerne Wildschweine verspeißten ist übrigens historisch widerlegt, Wild landete nur in seltensten Fällen auf den Tafeln der Gallier. 

In Sachen Verwaltung und Politik hingegen erfüllten die Segobrigier allerdings ihre Klischees. Ein autokratischer Stammesfürst regierte den Stamm. Richtige Erbfolge gab es keine, es war eben der Mann Stammesfürst, der über das meiste Geld und den meisten Einfluss verfügte. An seiner Seite stand ein Klientel an kleineren Fürsten und Oberhäuptern, die ebenso einflussreich waren. Der Fürst, als primus inter pares, hatte im Zweifelsfall aber das letzte Wort. Die Rechtssprechung folge dem Gewohnheitsrecht, das Urteil fällte bei kleineren Delikten ein Druide, also ein Geistlicher und Mediziner, und bei schweren Delikten der jeweilige Stammesfürst. Gefängnisse gab es nicht, Urteile wurden nach Einschätzung des als Richter fungierenden Organs gefällt. Sehrwohl gab es aber bereits je nach Stamm so etwas wie faire Prozesse. Diebe etwa mussten neben dem Diebesgut zusätzlich einen Ehrenpreis entrichten, der sich am gesellschaftlichen Stand des Bestohlenen orientierte. Stahl ein Dieb etwa ein Rind eines Bauern, musste er das Rind zurückgeben und zusätlich ein weiteres Rind als Ehrenpreis entrichten. Bestahl er einen Adeligen, war der Ehrenpreis wesentlich höher. Konnte der Täter diesen Ehrenpreis nicht bezahlen, drohte Sippenhaft, also die Tilgung der Strafe durch die Familie des Täters sowie Verbüßung der Strafe der Familie, sollte auch die Familie den Ehrenpreis nicht bezahlen können. Im schlimmsten Fall drohte die Verbannung aus dem Stamm. Von Todesstrafen, wie sie etwa in De Bello Gallico beschrieben werden, ist wenig überliefert. Zwar wurden wohl Menschenopfer dargebracht, die überwiegend Kriminelle waren, dabei handelte es sich aber wohl eher um Riten zu Ehren der Naturgötter als als Verbüßung einer Strafe als Folge eines Verbrechens. 

Diese Gesellschaftsordnung wurde im siebenten Jahrhundert vor Christus gestört und revolutioniert zugleich. Die Griechen, die damals dominierende Macht im Mittelmeerraum, landeten etwa in dieser Zeit im Gebiet des heutigen Marseille. Grund für diese Reisen war die Expansion des Handelsnetzwerks der Griechen. Im Gegensatz zu moderneren Kolonisatoren erfolgten die Versuche der Griechen meist friedlich, immerhin brachten sie neuartige Güter wie Olivenöl oder Gewürze aus Asien in die kargen keltischen Gebiete. Einen durchaus positiven Empfang bescherte Fürst Nannus also auch den Neuankömmlingen aus Phokäa, einem griechischen Gebiet in Kleinasien in der heutigen Türkei. Der Seefahrer Protis hatte die Aufgabe, neue Handelswege ins Landesinnere zu erschließen, um den Handel der Griechen mit den gallischen und germanischen Völkern zu erleichtern. Die südliche Mittelmeerküste und die schiffbare Rhone waren gute Gründe für die Gründung einer Kolonie. 

Die Gründung Marseilles, Kupferstich aus dem 19. Jahrhundert. (c) Wikimedia Commons

Besagter Fürst Nannus, auch Naan genannt, verheiratete dieser Tage gerade seine Tochter Gyptis. Nach gallischer Tradition reicht der Vater seiner Tochter einen Becher, verschiedenen Überlieferungen nach gefüllt mit einer bierähnlichen Substanz, Schweineblut oder einfach Wasser. Die zu verheiratende Tochter reicht den Becher im Anschluss einem ihrer Werber, damit ist nicht nur das Auswahlverfahren erledigt, sondern kurzerhand auch gleich die Hochzeit. Von den Griechen und ihren Geschenken dürfte Gyptis hin und weg gewesen sein, schenkte sie ihren Becher doch gleich dem eben erst gelandeten Protis.

Die griechischen Seeleute blieben also sesshaft, banden die Region in ihr Handelsnetzwerk an, was zu Wohlstand und Migration führte. Aus dem überschaubaren Dorf am Hügel im Hinterland wurde eine echte Siedlung, aus losen Holzstegen in der nahen Bucht wurde ein wichtiger Hafen, große griechische Handelsschiffe ersetzten die kleinen Fischkutter der Einheimischen. Im 5. Jahrhundert fand die Stadt Massilia dann ihre erste urkundliche Erwähnung. Ob es sich dabei um einen Gründungsmythos oder historische Wahrheit handelt, ist umstritten – mehrere Quellen berichten allerdings unabhängig voneinander über eine Heirat einer gallischen Adeligen und eines griechischen Seefahrers, die Namen unterscheiden sich jedoch je nach Überlieferung. Noch heute nennen sich die Marseillaise jedoch „Le Phoceenne“ was seinen Ursprung bei den griechischen Kolonisatoren aus Phokäa hat. 

Massilia wurde also gegründet und entwickelte sich in den folgenden Jahrhunderten zu einer wichtigen Handeslmetropole. Heute ist sie Heimat unseres kommenden Gegners in der UEFA Europa League und nach dem Spiel gegen Stade Rennes bereits der zweite französische Klub, der die Reise nach Graz antreten wird.

Frühe Jahre von l’OM

Gegründet wurde der Klub 1899, wobei zunächst nur Rugby gespielt wurde. Eine Fußballsektion gibt es seit 1902, das erste Spiel wurde im selben Jahr noch gegen die US Phoceenne Marseille ausgetragen und mit 0:3 verloren. Austragungsort war der Parc Borely, der noch heute ein natürliches Idyll im Süden der Metropole ist. 1924 holte l’OM dann seinen ersten Titel, und der war auch gleich ein historischer. Als erster Verein, der nicht aus Paris stammt, konnte man die Coupe de France gewinnen. Diesen Erfolg konnten sie in den folgenden drei Jahren noch zwei mal wiederholen, 1929 folgte dann der erste französische Meistertitel. 

Auch im Europapokal konnte man nach vielen Jahren der sportlichen Elite den ersten ganz großen Titel 1993 feiern, als Basile Boli mit seinem Tor in München gegen den AC Milan den ersten Titel der neu geschaffenen UEFA Champions League nach Marseille brachte. Wer hoch fliegt, kann tief fallen – im Jahr darauf wurde OM von gleich mehreren Skandalen betroffen. Einerseits wurden vor besagtem Endspiel wohl allen Spielern mit Ausnahme von Rudi Völler, der sich kategorisch weigerte, eine unbekannte Substanz intravenös verabreicht, dazu flossen zumindest vor dem Ligaspiele gegen Valenciennes Bestechungsgelder. 1994 wurde der Meistertitel des Vorjahres aberkannt und l’OM wurde in die zweite Liga zwangsversetzt, was den Klub auch finanziell an den Rande des Ruins trieb. Der direkte Wiederaufstieg wurde aufgrund anhaltender Ermittlungen noch nicht gestattet, in der zweiten Zweitligasaison gelang aber als Zweitplatzierter die Rückkehr ins französische Oberhaus. Im 21. Jahrhundert war OM einer der erfolgreichsten und wider aller Erwartungen gemäß zahlreicher Umfragen auch der beliebteste nationale Fußballverein. Zwar gab es immer wieder Ermittlungen und Prozesse rund um Betrugsverdachte im Bezug auf Neuverpflichtungen, nennenswerte Konsequenzen gab es mit Ausnahme der Verurteilungen von Funktionären aber nicht mehr. Zu Buche stehen neun französische Meisterschaften und zehn Pokalsiege, den letzten Titel feierte man 2010. 

Eine offene Rechnung? Eine Kaderanalyse

Die älteren Semester unter den Sturm Fans erinnern sich noch an jene magische Nacht im Oktober 1999. Der frisch gebackene Meister aus Graz empfing die Franzosen am 5. Spieltag der Champions League, und obwohl wenige an einen vollen Erfolg dachten, endete das Spiel mit 3:2 für den SK Sturm. Roman Mählich sorgte in der 18. Minute nach einem Assist von Markus Schopp für die Führung der Hausherren. Christophe Dugarry wurde nach 53 Minuten im Sechzehner alleine gelassen und ließ Pepi Schicklgruber im Tor des SK Sturm keine Chance. Es folgte eine Sternstunde des in Kroatien geborenen Österreichers Tomislav Kocijan, der in Minute 61 und 85 den Sieg des SK Sturm besiegelte. Zwar glich Dugarry in der Zwischenzeit nochmal aus, Kocijan konnte nach einem Abwehrfehler der Franzosen aber fünf Minuten vor Schluss das Siegtor erzielen. Am Ende stiegen Marseille und Manchester United auf, Sturm und Croatia Zagreb schieden aus dem Bewerb aus.

Zeitzeugen wird es jedenfalls nicht nur auf den Rängen geben. Wie unsere Recherche ergab, kommt es gleich bei drei Funktionären der Franzosen zu einem Wiedersehen mit der Murmetropole. Jacuqes Abardonado spielte zu jener Zeit als Aktiver bei OM, musste das Spiel verletzungsbedingt aber von der Tribüne aus verfolgen. Er fungiert aktuell als Co-Trainer unter Genesio. Laurent Spinosi ließ 1999 seine Karriere ausklingen und war Ersatzkeeper, heute ist er naturgemäß Tormanntrainer bei den Franzosen. Fabrizio Ravanelli steht OM als sportlicher Berater zur Verfügung – und wer erinnert sich nicht – er war es, der beim 2:0 in Marseille das 1:0 erzielte, in Liebenau kam er über 75 Minuten zum Einsatz. 

Auf Sturm-Seite erinnert er sich vermutlich nur mehr an ein bekanntes Gesicht. Der Traum eines jeden Jungspunds, der Albtraum eines jeden Journalisten Günther Neukirchner stand über 90 Minuten am Feld und verdient heute sein Geld als

Roman Mählich war beim ersten Aufeinandertreffen mit von der Partie | © Martin Hirtenfellner Fotografie

Ob Marseilles mit dem Gedanken einer offenen Rechnung nach Graz kommt? Eher nicht, immerhin gibt es im Kader nur neun Spieler, die anno dazumal bereits auf der Welt waren, und keinen einzigen, der dieses Ereignis noch bewusst wahrgenommen hat. Nach Graz kommt nämlich eine recht junge Mannschaft. Trainer Bruno Genesio bevorzugt ein 4-2-3-1 System. Der Niederländer Jeffrey de Lange ist erklärte Nummer eins, obwohl auch er sich seit seinem Wechsel der Go Ahead Eagles Deventer vor zwei Jahren hie und da Vorwürfe mangelnder Qualität machen muss. Zehn mal musste er in der Liga bisher bereits hinter sich greifen. Über links erwarten wir den Brasilianer Emerson, der seit zwei Jahren für OM spielt. Offensiv ist Emerson eine Waffe, defensiv neigt er aber oft zu Fehlern. Über rechts wird Kapitän Timothy Weah auflaufen, der im Vergleich zu seinem Gegenpart auf Links nochmal mehr Offensivdrang zu Tage bringt. Speed, Technik und ein hervorragendes Spielverständnis runden sein Profil ab. Sein Name ist im Weltfußball jedenfalls kein unbekannter, sein Vater George Weah wurde 1995 im Dienste von Paris St.-Germain Weltfußballer und war bis 2024 gar Präsident seines Heimatlandes Liberia. Timothy Weah entschied sich jedenfalls für den US-Verband, für den der gebürtige New Yorker bereits 53 Spiele absolvierte.

Emran Soglo spielte drei mal für Olympique Marseille. Foto: SK Sturm

In der Innenverteidigung ist CJ Egan-Riley gesetzt. Der Engländer wechselte letztes Jahr von Burnley aus der Premier League an die Rhone und ist seitdem Leistungstärger im Zentrum von Marseille. An seiner Seite erwarten wir Geoffrey Kondogbia, der eigentlich ein klassischer Sechser ist. Doch Dereck Cornelius laboriert an einer Hüftverletzung und Leih-Rückkehrer Bamo Meite, der im letzten Jahr bei Lorient spielte, wurde bisher von Genesio nicht in der Ligue 1 berücksichtigt. Auch auf der Sechs muss der Trainer auf einen Leistungsträger verzichten. Ex Bayern und Tottenham Star Pierre Emile Hojberg fällt verletzt aus, an seiner statt setzte der Trainer am vergangenen Wochenende auf den erst 21-jährigen Nouhoum Kamissoko, der beim 5:2 Sieg in Angers aber gleich ein Tor erzielte. Tochukwu Nnadi wird den zweiten Sechser machen, für die Dienste des Nigerianers bezahlte Marseille ganze sechs Millionen Euro an Zulte Waregem – es gibt also ein Wiedersehen mit Emran Soglo, der ebenso bei Olympique Marseilles spielte, ehe er vom SK Sturm an die Niederländer verliehen wurde und dort einen großen Schritt nach vorne machte. Beide Sechser bringen eine Menge Physis mit und verteidigen mit allem, was sie haben. Sturm könnte sich hier die Jugend von Kamissoko zum Vorteil machen, der 21-jährige hat erst ganze zwei Spiele in der Kampfmannschaft am Buckel und wird vor seinem Europacup Debut mit Sicherheit zumindest leichte Nervösität verspüren. 

Die offensiven Kräfte werden wohl Amine Harit, Himad Abdelli und Igor Paixao heißen – Harit kennen Fans der deutschen Bundesliga noch von seiner Zeit auf Schalke, wo er zwei Jahre unter Vertrag stand. Er ist aktuell in Hochform und erzielte bereits zwei Tore und einen Assist. Ebenso zwei Tore steuerte Himad Abdelli bei, der im Winter erst für drei Millionen Euro aus Angers geholt wurde. Igor Paixao ist neben Kapitän Weah sowas wie der Superstar der Mannschaft. 30 Millionen Euro ließen sich die Franzosen die Dienste des Spielers kosten, um ihn von Feyenoord Rotterdam loszueisen. Falls der Name Feyenoord bei Sturm Fans noch Übelkeit hervorruft, den können wir beruhigen – beim 6:0 in Rotterdam 2022 stand Igor Paixao zwar im Kader der Holländer, kam aber nicht zum Einsatz. Hier wird es kreativ, alle drei Spieler bringen hervorragende Matchmaker-Skills mit sich. Vor allem Paixao hat viele Freiheiten, kommt über links, rechts, zentral oder wo auch immer er gerade eine Möglichkeit sieht. Zu verteidigen wird er über 90 Minuten nicht sein, Joshua Quarshie und Co brauchen einen wirklich guten Tag, um ihn zu zügeln. Außerdem hat Trainer Genesio mit Angel Gomes noch einen weiteren echten Edeltechniker impetto. 

Ganz vorne wird es nicht minder gefährlich.  Amine Gouiri steht bereits bei fünf Toren in sieben Ligaspielen. Viele Chancen darf man dem Franzosen mit algerischen Wurzeln nicht geben, er ist im Sechzehner brandgefährlich und lässt sich auch gerne fallen, um das Spiel zu beschleunigen. Auch Neal Maupay wird regelmäßig eingewechselt, den Routinier kennt man eventuell noch v

on seiner Zeit bei Everton oder Brighton in der Premier League. 

In Summe kommt eine technisch sehr begabte Mannschaft nach Graz, die Spielwitz und individuelle Klasse im Gepäck hat. Ganz angelaufen ist die Saison aber noch nicht in Marseille, am Spieltag eins gewann man noch überzeugend gegen Racing Straßburg und Jeyland Mitchell, es folgten gleich vier Niederlagen, ehe man gegen Troyes und Angers wieder gewinnen konnte. Marseille ist also keineswegs unschlagbar, und mit dem klaren Derbysieg im Rücken wird auch der SK Sturm sich nicht verstecken müssen.

Derek Cornelius und Pierre Emile Hojberg fallen bei den Franzosen verletzungsbedingt aus, beim SK Sturm ist die Verletztenliste wesentlich länger. Neben der Verletzung von Daniil Khudyakov stehen auch Emran Soglo, Filip Rozga, Otar Kiteishvili, Gizo Mamageishvili, Nelson Weiper, Leon Grgic und Seedy Jatta nicht zur Verfügung, Niklas Geyrhofer wurde

Jeyland Mitchell bekam mit Straßburg die Stärke von OM zu spüren. (c) Sturmtifo

nicht für den Europacup nominiert. 

Anmerkung 22.10.2026 – Pierre Emile Hojberg wird die Reise nach Graz antreten, er wurde rechtzeitig fit.

Interview

Natürlich haben wir wie immer vor internationalen Spielen versucht, mit Personen aus dem Vereinsumfeld ins Gespräch zu kommen. Diesmal stand uns Tristan Rapaud Rede und Antwort. Tristan ist Journalist für die regionale Tageszeitung „La Provence“ und berichtet seit gut fünf Jahren täglich über den Verein. Er wird auch in Liebenau zu Gast sein, um für La Provence zu berichten. 

Tristan, danke für Deine Zeit. Was wusstest du vor der Auslosung über Sturm Graz?

Ich muss zugeben, dass der österreichische Fußball in Frankreich nicht besonders bekannt ist. Für die Fans von Olympique Marseille beschränkt sich das Wissen im Wesentlichen auf Red Bull Salzburg – eine Mannschaft, auf die OM bereits mehrfach getroffen ist, insbesondere in der Europa-League-Saison 2017/18, als sich beide Teams sowohl in der Gruppenphase als auch im Halbfinale gegenüberstanden. An diese Duelle erinnern wir uns in Marseille gerne zurück.

Sturm Graz hingegen ist für uns weitgehend unbekannt, obwohl sich beide Mannschaften bereits in der Champions-League-Gruppenphase 1999/2000 begegnet sind. Außerdem hat Sturm in den vergangenen Jahren mehrfach gegen französische Vereine gespielt, darunter Brest, Lille und Rennes.

Wir wissen auch, dass Emran Soglo mittlerweile bei Sturm spielt, nachdem er bei OM keine Zukunft mehr hatte. Zudem spielte Mika Biereth früher für Sturm. Er schlug nach seinem Wechsel zu Monaco im Winter 2025 zunächst hervorragend ein, bevor seine Formkurve deutlich nach unten zeigte.

Diese Saison ist für Marseille von Höhen und Tiefen geprägt. Ihr habt zwei Spiele gewonnen, drei Niederlagen in Folge kassiert und seid unmittelbar vor der Länderspielpause wieder in die Erfolgsspur zurückgekehrt. Was sind die Gründe dafür?

OM hat in diesem Sommer eine schwierige Phase wirtschaftlicher Konsolidierung durchlaufen. Der starke Kader der Vorsaison, der in der Champions League spielte und PSG in der Ligue 1 um den Titel herausfordern sollte, musste auseinandergerissen werden. Mehrere wichtige Spieler haben den Verein verlassen, darunter Greenwood, Aubameyang, Balerdi, Medina, Rulli und Timber.

Der Klub war nicht in der Lage, diese Abgänge durch entsprechende Neuzugänge zu kompensieren. Dadurch ist die Mannschaft deutlich schwächer und unausgewogener geworden. Der aktuelle Kader besteht aus Spielern, die im Sommer keinen neuen Verein gefunden haben, aus Akteuren, die in der vergangenen Saison verliehen wurden, weil sie bei OM nicht mehr zum Zug kamen, sowie aus Nachwuchsspielern, die den Kader auffüllen und sich im Idealfall als positive Überraschungen erweisen sollen.

Dieser Qualitätsverlust erklärt die erheblichen Schwierigkeiten, mit denen OM zu Saisonbeginn zu kämpfen hatte. Die Mannschaft ist zwar gut trainiert und versucht, attraktiven Fußball zu spielen, doch es fehlt ihr an individueller Klasse und körperlicher Tiefe. Zwar konnte sie zuletzt einige Siege einfahren, diese gelangen jedoch größtenteils gegen schwächere Gegner wie Troyes und Angers.

In Marseille macht sich niemand Illusionen über das tatsächliche Niveau dieser Mannschaft: Sie verfügt über zwölf oder dreizehn Spieler mit ordentlichem Niveau, dahinter wird es allerdings dünn. Schon der Ausfall eines einzigen Spielers macht sich in der Gesamtleistung deutlich bemerkbar.

Wie hat sich OM unter Genesio entwickelt und was zeichnet seinen Spielstil aus?

Bruno Genesio auf der Trainerbank ist die einzige wirklich positive Nachricht – und der einzige Grund, auf eine weniger enttäuschende Saison zu hoffen, als ursprünglich befürchtet. Er gehört zu den kompetentesten französischen Trainern und hat bei all seinen bisherigen Stationen Erfolge erzielt: bei Lyon, Rennes und Lille.

Bei OM versucht er, seinen eigenen Spielstil zu etablieren. Dieser ist geprägt von aggressivem Pressing, einer mutigen und hoch stehenden Abwehrlinie sowie hohen technischen Ansprüchen.

Allerdings ist er dabei auf ein nahezu unüberwindbares Problem gestoßen: Weil OM keine passenden Spieler verpflichten konnte, passt der vorhandene Kader nur bedingt zu seiner bevorzugten Spielweise. Das gilt insbesondere für die körperlichen Voraussetzungen der Spieler.

OM legt in der Ligue 1 deutlich weniger Kilometer zurück als jede andere Mannschaft. Das erschwert es Genesio erheblich, ein intensives Pressing durchzusetzen. In den vergangenen Wochen musste er deshalb Kompromisse eingehen und seine taktische Ausrichtung anpassen, um eine Abwehr besser zu schützen, die von einem alternden Mittelfeld nur wenig Unterstützung erhält. Dieses Mittelfeld verfügt zudem nicht über die nötige Schnelligkeit, um gegnerische Tiefenläufe konsequent mitzugehen.

Hinzu kommt, dass die Außenverteidiger Weah und Emerson ihre Stärken eher in der Offensive als in der Defensive haben.

Trotz all dieser Probleme bleibt OM eine ambitionierte Mannschaft, die immer wieder zu glänzenden Spielphasen fähig ist – häufig allerdings nur über eine Halbzeit hinweg. Aus diesen Phasen der Überlegenheit schlägt das Team zu selten Kapital, weil es an individueller Qualität fehlt. Umgekehrt kassiert Marseille während seiner Schwächephasen viel zu leicht Gegentore.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer ist zuletzt durch einige junge Neuzugänge entstanden, deren körperliche Voraussetzungen der Mannschaft neue Impulse geben könnten. Besonders hervorzuheben sind die Mittelfeldspieler Nouhoum Kamissoko und Tochukwu Nnadi.

Was erwartest du vom Spiel am Donnerstag?

Ich erwarte eine schwierige Partie für OM – in einem kleinen Stadion mit einer hitzigen Atmosphäre. Marseille wird unter Druck stehen, denn ein Sieg in Graz ist entscheidend, wenn die Mannschaft ihre Chancen auf das Weiterkommen wahren möchte.

Allerdings dürfte Bruno Genesio seine Mannschaft auf mehreren Positionen verändern. Angesichts der ohnehin geringen Fehlertoleranz von OM könnten solche Rotation und die damit verbundenen Veränderungen im Mannschaftsgefüge erhebliche Konsequenzen haben.

Ich befürchte, dass Sturm Graz, getragen von der Euphorie der heimischen Fans, OM schnell überrollen könnte. Marseille fehlt derzeit die mentale Stärke, um ein Spiel noch zu drehen, wenn sich die Dinge erst einmal gegen die Mannschaft entwickeln.

Möchtest du den Sturm-Fans noch etwas mitgeben? Vielleicht ein paar interessante Fakten über den Verein, die Liga oder die Stadt?

In Marseille sagt man gerne, dass die Stadt die eigentliche Fußballhauptstadt Frankreichs ist. Hier steht mit dem Stade Vélodrome das größte Stadion der Liga, das rund 66.000 Zuschauer fasst und für seine leidenschaftliche Atmosphäre bekannt ist. Die Fans gelten als die enthusiastischsten des Landes.

Bis vor Kurzem war OM der einzige französische Verein, der die Champions League gewinnen konnte. Diesen Status müssen wir inzwischen mit Paris Saint-Germain teilen – einem unserer größten Rivalen.

Man kann sich vorstellen, wie schwierig die aktuelle Situation für die Menschen in Marseille ist: Sie müssen eine unterdurchschnittliche Mannschaft unterstützen, während der Erzrivale PSG seit zwei Jahren auf einer Erfolgswelle schwimmt.

Die Fans hoffen nun inständig, dass ihnen das schlimmste Szenario erspart bleibt: dass PSG zum dritten Mal in Folge den Titel gewinnt, während der eigene Verein am Saisonende womöglich gegen den Abstieg kämpfen muss.

Merci bien and thank you for your time!

Wir freuen uns also auf einen namhaften, aber nicht unschlagbaren Gegner! Am morgigen Donnerstag wird es noch eine weitere Interviewreihe mit Fans aus Marseille geben – seid gespannt!

6 Kommentare

  1. Ennstaler sagt:

    Der Kandidat Lukas Gradischnig hat 100 Punkte! Das ist Spiiiiitze!!!

  2. Bozo Bazooka sagt:

    Sehr schöner und informativer Artikel! Danke!

  3. Jocole sagt:

    Das Stade Velodrome mir 66.000 ist definitiv nicht das größte in Frankreich!
    Ich war bei der Euro im St. Denis in Paris – Fassungsvermögen ca. 81.000!

    • Lukas Gradischnig sagt:

      das größte in der Ligue 1 sollte das sein, völlig richtig, korrigiere ich demnächst, danke!

  4. Strauss sagt:

    Wow! Ich glaube kaum, dass irgendein OM Medium inhaltlich sich so intensiv mit Sturm und Graz beschäftigt, wie es hier getan wurde. Voll informativ!

    In den 90er Jahren hatte OM so etwas wie eine Kartnigkopie. Bernard Tapie. Zuerst fülliger Sonnengott, dann Konkurs, dann Bestechungsvorwürfe, Korruption und dann sechs Monate Haft. Klingt wie eine Blaupause vom Hannes…

    Sportlich könnte heute was drinnen sein, da ich die Ligue 1 nicht mehr so gut empfinde, wie sie noch vor ein paar Jahren war. Siehe Lille, Lyon etc. PSG spielt in einem eigenen Kosmos, speziell seit Luis Enrique dort das Sagen hat. PSG spielt in der Liga auch nur im 2. Anzug und schont ihre Stars für die CL. Das kann sich in dieser Form kein anderer Großklub in Europa leisten.

    Als frankophiler Mensch und Freund der Cote d`Azur, bin ich eben mit den Fans durch die Herrengasse zum Flann O Brian mitmarschiert. Keine Gesänge, keine Stimmung, dafür viel The Noth Face und fleißig Sticker picken. Stimmlich haben wir schon gewonnen. Sogar das durchgestrichene Graz auf den Werbebanden hat einer der OM Fans mit mir besprochen und warum wir unsere eigene Stadt hassen. Ich habe es erklärt. Er hat gelacht.

    Hoffentlich bleibt alles friedlich- sportlich. Die Franzosen sind momentan ja ein bisschen aggro unterwegs. Unsere Hütte wird voll sein und ich gehe von einem 3er aus. Das wären dann 450000 Euronen für die Klassenkasse. AUF DIE SCHWOAZEN!

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