„I canna change right into wrang.“ – Vorbericht Heart of Midlothian FC

Vor dem Rückspiel in Edinburgh wollen wir ein Auge auf die Hearts werfen!

Es war in allen Belangen ein gelungener Abend am 21. Juli 2026. Viele gesellige Schotten traten die Reise in die Landeshauptstadt an und erfreuten sich schmackhafter Kaltgetränke und kohlenhydratreicher Ernährung auf den Imbisständen des Grazer Hauptplatz. Später am Abend allerdings begaben sie sich gesenkten Hauptes in ihre Unterkünfte, haben ihre „Hearts“ doch das Duell der Vizemeister mit 4:0 verloren. Ein durchschnittlicher Auftritt mit Ausnahme einer extrem aufgezuckerten Phase direkt nach der Halbzeit führten den SK Sturm zum Sieg, der dem SK Sturm das Tor zur internationalen Ligaphase weit aufstößt. Wir haben uns intensiv mit den Hearts auseinander gesetzt, um Euch einen Überblick über den symphatischen Klub aus Schottlands Hauptstadt zu geben. 

The Heart Of Midlothian

Ein äußerst ungewöhnlicher Name für einen Fußballklub, umso interessanter ist dessen Geschichte. Um den Namensursprung des Klubs herauszufinden wird man tief in den Geschichtsbüchern der regionalen Geschichte der Region Mid-Lothian kramen müssen, denn wir begeben uns auf unserer Zeitreise tief ins 18. Jahrhundert.

Eine turbulente Zeit der schottischen Geschichte, immerhin wurde erst 1707 der Act Of Union durchgesetzt, der als Staatsgründung Großbritanniens gilt. Die Schotten an sich waren zu großen Teilen – was sich im übrigen über 300 Jahre später nicht geändert hat – nicht immer überzeugt von dieser Idee. Viele Schotten fühlten sich kontrolliert und ihrer Eigenständigkeit beraubt. Ein guter Nährboden für gesellschaftlich turbulente Jahre und Jahrzehnte. 

Ein ähnlicher Kampf erwartet den SK Sturm im Rückspiel in Edinburgh. (c) Sturmtifo

Gesellschaftlich war das Edinburgh des 18. Jahrhunderts geprägt von sozialer Ungerechtigkeit. Eine reiche Elite, die den Handel über den nahe gelegenen Hafen Leith kontrollierte, stand den zahlenmäßig weit überlegenen einfachen Menschen gegenüber. Landwirte, Handwerker und Hilfsarbeiter konnten sich gerade so über Wasser halten, während Kaufleute und (teilweise englische) Verwaltungsbeamte sich an deren Arbeit bereicherten. Ein politisches Pulverfass, das 1736 explodierte und völlig aus dem Ruder lief. 

Andrew Wilson wurde in diesem Jahr wegen Schmuggels zum Tod durch Erhängen verurteilt. Schmuggel war zu dieser Zeit in den Augen vieler kein Kapitalverbrechen, sondern ein Kavaliersdelikt und eine Art des gewaltlosen Widerstandes gegen die bereits erwähnten reichen Kaufleute. Ein einfacher Bürger aus Edinburgh, der wortwörtlich seinen Hals dafür riskiert, Waren – insbesondere Nahrung – in die Stadt zu schaffen, ehe sie reiche Eliten besteuern und nach ihrem Ermessen verkaufen können. Dieses Urteil erregte Aufmerksamkeit und so war es wenig überraschend, das sich Hunderte Bürger am Tag der Vollstreckung des Urteils am Grassmarket im Herzen der Stadt einfanden, um ihrem Unmut Gehör zu verschaffen. 

Wilson selbst bekam nicht mehr viel mit, das Urteil wurde zügig vollstreckt, sehr zum Ärger der Bürger der Stadt, die – je nach Überlieferung – mal friedlich, mal weniger friedlich dagegen protestierten. John Porteous, seines Zeichens Kommandant der örtlichen Polizeibehörde, befahl seinen Männern kurzerhand, auf Protestierende zu schießen, was den Beginn der sogenannten Porteous-Riots markierte. 

In den folgenden Monaten häuften sich Gegebenheiten dieser Art, im September des Jahres 1736 gipfelten die Unruhen in einem Überfall auf das Old-Tolbooth-Gefängnis, in dem sich Porteous aufhielt. Edinburgh bekam seinen ganz eigenen „Sturm auf die Bastille“. Aufgebrachte Schotten stürmten das Gefängnis, zerrten Porteous aus seinem Zimmer und ermordeten ihn. 

Warum ist das ausschlaggebend für einen Bericht zum kommenden Gegner des SK Sturm? Weil diese Gegebenheiten 1818 Grund genug für einen jungen Mann namens Walter Scott waren, ein Buch zu schreiben. Von besagten Aufständen, von einer fiktiven jungen Frau namens Jeanie Deans, die im Rahmen des Pulverfasses Edinburgh im 18. Jahrhundert einen Canossagang zu einem Londoner Gericht antreten muss, um ein Gnadengesuch für ihre wegen Kindsmords verurteilte Schwester Effie bei der Krone vorzutragen. Nicht nur wurde das Buch ein absoluter Bestseller, sondern auch – mit einigen anderen Werken von Walter Scott, den man mittlerweile am besten als „Sir“ Walter Scott anspricht – der Beginn des Literaturgenres des historischen Romans. Der Name des Buches stammt vom bereits erwähnten Tolbooth-Gefängnis und lautete Heart Of Midlothian, der titelgebende Vers ist ein schottisch-gälischer Part aus der Feder Scotts und lautet im Neuenglischen „I can not change right into wrong“ und spiegelt den moralischen Konflikt der jungen Jeanie Deans wieder. 

Überlieferungen zufolge wurde der Fußballverein in einem Tanzlokal von einer Gruppe junger Männer um den Angestellten einer Gummiwarenfabrik Tom Purdie gegründet, der auch zum ersten Kapitän des Vereins wurde. Als Namen wählte man passenderweise den allgegenwärtigen Begriff Heart Of Midlothian FC. Nicht nur, weil Edinburgh und insbesondere besagtes Gefängnis, in dem sich im 18. Jahrhundert Unruhen abspielten, als „Herz Mid-Lothians“ gelten, sondern auch aufgrund des Tanzklubs, der seinen Namen von Walter Scotts Stück Weltliteratur bekam. Noch heute ziert ein Mosaikherz im Pflaster der Altstadt den Ort, an dem Jahrhunderte zuvor John Porteous von einem Mob gelyncht wurde, noch heute erinnert dieses Herz an ein dunkles Kapitel schottischer Geschichte. Fun Fact – auf den Boden zu spucken könnte hierzulande und auch in Schottland zu einem Organmandat führen, beim steinernen Herz drücken die schottischen Beamten aber gerne ein Auge zu. Auf das Herz zu spucken soll immerhin Glück bringen, weshalb an Spieltagen zahlreiche Fans auf diese kuriose Art und Weise auf Fortunas Segen hoffen. 

Wie viel ist vom Vizemeister noch übrig? 

Und nun widmen wir uns dem Sportlichen. Die Hearts sorgten in der vergangenen Saison international für Furore, immerhin konnten sie bis zuletzt auf den schottischen Meistertitel hoffen. Seit 1985 der FC Aberdeen sich zum schottischen Meister krönte, gab es nur zwei Teams, die seitdem diesen Titel gewannen. Und beide kamen aus Glasgow, die Rangers sowie der Celtic FC. Ein Affront gegenüber der Bevölkerung der Hauptstadt, umso größer war die Enttäuschung an jenem Tag im Mai 2026, als man das meisterschaftsentscheidende Spiel im Celtic Park auf tragische Art und Weise nach einer 1:0-Führung nach Toren in der 90. und in der 98. Minute noch mit 1:3 verlor – mittendrin Hearts-Verteidiger Michael Steinwender, der im heimischen Fußball kein Unbekannter ist und mittlerweile sein Geld beim VfL Bochum verdient. 

(c) Frank Winkelmann https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Heart_of_midlothian_-_royal_mile.JPG

Im Anschluss folgte, wie es im Fußball eben so ist, der Exodus. Vor allem in persona Danny Röhl, den man nach seinem Wechsel in die Mozartstadt bereits am kommenden Wochenende zum ersten Mal an einer Seitenlinie in Österreichs Oberhaus sehen wird können, und Lawrence Shankland, der nach vier Jahren ablösefrei zu den Rangers wechselte. 

Dass sich der Klub in einem Wandel befindet, und insbesondere Neo-Trainer Wouter Vrancken noch nicht zu 100% in Edinburgh angekommen ist, sah man beim Hinspiel in Liebenau. Zwar war man sportlich nicht unterlegen, vor allem defensiv kam es aber zu großen Schwierigkeiten in der Abstimmung. 

Das Rückspiel wird aber für den SK Sturm alles andere als eine „gmahte Wiesen„. Die Hearts werden attackieren und versuchen, schnell in Führung zu gehen. Gelingt das, kann der morgige Abend durchaus noch eine Überraschung mit sich bringen. Allerdings ist der SK Sturm seit dem Valentinstag ungeschlagen und wird wohl im Tynecastle Park weitgehend verteidigen und kontern. Auch Verletzungen könnten Sturm schaden, immerhin hat wohl Jürgen Heil – der im Hinspiel gleich sein erstes Tor verbuchte – mit Problemen an der Hand zu kämpfen, dazu fehlen Amady Camara und Filip Rozga weiterhin mit muskulären Problemen. 

Wir können von den Hearts also erwarten, früh das Heft in die Hand nehmen zu wollen. Und wir werden wohl einige neue Gesichter sehen, die in Liebenau noch auf der Bank Platz nahmen. Stephen Kingsley könnte so ein Kandidat sein, der im Vergleich zu seinem Kollegen Harry Milne mehr Zug nach vorne hat und mehr Qualitäten mit dem Ball mitbringt. Im Zentrum könnte Stuart Findlay, der Neuzugang aus Oxford, den fehleranfälligen Jamie McCart ersetzen. Auch Neuzugang Tom Renauld könnte für Blair Spittal ins Spiel kommen, der im Hinspiel keinen guten Eindruck hinterließ. Ganz vorne wird wohl Claudio Braga, der wertvollste Spieler in den Reihen der Schotten, auf Torejagd gehen, Schottlands „Player Of The Year“ des Vorjahres und 14-facher Torschütze wird Jeyland Mitchell und Co. gut zu beschäftigen wissen. 

Wir erwarten also intensives, offensives Spiel mit hohem Pressing und ständigem Zug nach vorne. Der Vizemeister wird sich nicht kampflos geschlagen geben und der SK Sturm wird alles abrufen müssen, um sich für die nächste Runde und damit die Europa League Ligaphase qualifizieren zu können. Ob Luis Balbo, der übereinstimmenden Medienberichten zufolge vor einem Wechsel zu Sturm steht, die Reise nach Schottland antreten wird, ist noch ungewiss. 

Was sagen die Hearts zum Hinspiel? 

Im Zuge der Recherche durfte ich mich mit Matty G. unterhalten, ein waschechter „Jambo„, wie sich die Anhänger der Mannschaft nennen. Matty erlebte sein erstes Heimspiel im Jahr 1985, also erlebte er es gerade fünfjährig noch, dass mit dem FC Aberdeen ein Verein die Meisterschaft gewann, der nicht aus Glasgow kam. Zahlreiche Auswärtsfahrten durch Europa erlebte er, dazu besitzt er seit über 20 Jahren ein Abo im Tynecastle Park. 

Matty, was wusstest Du vor der Auslosung über den SK Sturm?
„Ich kannte den Namen. Sie haben eine gute europäische Tradition. Vielleicht sind sie derzeit nicht ganz auf dem Niveau, das sie in ihrer Geschichte schon einmal hatten, aber sie sind nach wie vor eine ordentliche Mannschaft.“

(c) SturmTifo.com

Was denkst Du über die 0:4-Niederlage in der vergangenen Woche?
„Frustrierend. Rein statistisch gesehen ergibt das Ergebnis keinen Sinn. Aber Statistiken schießen nun mal keine Tore. Ich finde, wir haben vor allem in der ersten Halbzeit ziemlich gut gespielt. Da wir uns jedoch gerade an eine neue, offensivere Spielweise gewöhnen, sind wir in der Defensive anfälliger geworden. Unser Trainer scheint sich noch an die Spieler zu gewöhnen – und die Spieler an sein System. Sturm hat seine Aufgabe aber sehr gut gemacht und den Sieg am Ende verdient eingefahren.“

Was erwartest Du dir vom morgigen Spiel?
„Wir werden offensiv und mit viel Tempo spielen. Wir werden Tore schießen, aber auch Tore kassieren.“

In Österreich kennen wir hauptsächlich das „Old Firm“, also das Duell zwischen den Rangers und dem Celtic FC. Kannst Du uns mehr über das Derby zwischen den Hearts und den Hibs erzählen?
„Das Edinburgh-Derby ist sogar älter als das Old Firm. Es ist kein religiös geprägtes Derby, sondern eine reine Fußballrivalität zwischen zwei Vereinen aus derselben Stadt. Außerdem haben wir eine der traditionsreichsten Derby-Geschichten im Weltfußball – ich glaube, wir gehören damit zu den Top 5.“

Wir danken Matty für den netten Austausch und wünschen in der weiteren Qualifikation für den Europacup sowie in der schottischen Premiership alles Gute. Und wir freuen uns auf eine weitere legendäre europäische Nacht, auf Flutlicht, auf traditionsreiche Gegner und Stadien, auf laute und gesellige Fans und nicht zuletzt auf ein Weiterkommen des SK Sturm! 

 

11 Kommentare

  1. Ennstaler sagt:

    Herzlichen Dank für diesen informativen und auch berührenden Bericht! Das ist Fußballberichterstattung der besonderen Art, wie zu den besten Zeiten von SturmNetz!

    • Lukas Gradischnig sagt:

      danke für das liebe Feedback 🙂

    • icegue sagt:

      Ich schließe mich an und sage ‚Danke‘ für diesen tollen Bericht und für allem für das grandiose Comeback und Euren Einsatz!

  2. fid82 sagt:

    Geiler Bericht! Danke!

    Zum Spiel selbst: Theoretisch würde mir heute das von mir eigentlich ungeliebte 3-4-2-1 passen.
    HInten gute Abräumer bei Flanken, vorne Seedy, der arbeitet wie ein Tier.

    Es wird aber vermutllich auf das 4-4-2 rauslaufen, was mir ansonsten immer lieber ist.
    Und das stellt sich großteils von alleine auf. Abwehr wie zuletzt, ZM mit Jon und Luca Weinhandl, wobei hier auch Fosso eine Option sein sollte. Auf den Flügeln würde ich mit Gizo und Seidl starten. Kite ist nicht bei 100% und JP auch nicht. Vorne wird es auf Jatta/Wloda rauslaufen.
    Beganovic und Weiper bleiben in der Hinterhand.

    WIr haben so eine starke Bank und auch am Feld genug Kampfkraft. Bauen müssen wir möglicherweise wieder auf die Standards. Aber vielleicht trifft Wloda wieder.
    Ich bin unvorsichtig optimistisch und denke, dass wir weiterkommen. Allerdings kann es schon knapp werden. Gerade wenn man mit einem 2 Tore Rückstand in die Pause geht.
    Wir dürfen nicht den offenen Schlagabtausch suchen. Dafür sind wir zu weit vorne.

  3. persephone sagt:

    Man merkt wirklich das hier viel recherchiert wurde und viel Herzblut hinein geflossen ist!
    Geschrieben wie von einem Profi!

  4. Bozo Bazooka sagt:

    Sehr geiler Artikel! Was für ein Unterschied zu anderen Sportmedien! Danke, dass ihr Sturmnetz wieder habt auferstehen lassen!

  5. sui1909 sagt:

    Das eine Jahr kam mir vor wie eine Ewigkeit. Danke, dass ihr zurück seid.
    Wo kann man spenden?! 🙂

    • Lukas Gradischnig sagt:

      Vielen Dank! Aufgrund organisatorischer Gegebenheiten wird unser Verein bald eine neue Bankverbindung haben, dann informieren wir gerne darüber 🙂

  6. Mikelangelo sagt:

    Es wird sich jetzt aber bitte keiner anmachen, dass wir heute nicht weiterkommen, oder? Ich verschwend daran nicht auch nur einen einzigen Gedanken. Selbst bei 3-0 müsste der „Drops gelutscht“ sein

    • Bozo Bazooka sagt:

      Bei einem 3:0 ist der Drops sogar definitiv gelutscht.

  7. Siro sagt:

    Endlich wieder Ihr habt so gefehlt…
    Und danke, dass ihr – wenn auch nur auswärts und icb weiß mittlerweile Bescheid warum – wieder für uns tickert..

    19,09 sobald es ein Konto gibt sind von mir fix
    mögen sich viele mir anschließen

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