„Aus diesem grandiosen Derbysieg blieb uns nichts außer Schimpf und Schande“
Im Vorfeld des 204. Grazer Stadtderbys haben wir einen mehrfachen österreichischen Meister, Torschützenkönig und Legionär bei einem echten Kumpel-Verein zu Wort gebeten. Edi Glieder gab uns Einblicke in sein abwechslungsreiches und überaus erfolgreiches Leben im Profifußball und der Zeit danach. Wir trafen den ehemaligen Nationalspieler in seinem kürzlich eröffneten Fußballpark-Gleisdorf, in welchem Fußball und Golf vereint werden.
SturmNetz: Hallo Edi! Danke, dass du dir für uns Zeit genommen hast. Wenn du auf das Grazer Derby blickst: Was ist das Erste, bei dem du dir denkst: „Das war damals bei uns anders?“ Bzw. von was hat diese Begegnung damals gelebt?
Glieder: Es lebte vor allem von zwei Präsidenten, die ihren Fußball gelebt haben. Harald Fischl und Hannes Kartnig haben sich im Vorfeld verbal Schlachten geliefert und auch Wetten abgeschlossen. Da waren schon viele Emotionen und viel Leidenschaft drinnen. Ich glaube aber, dass das heute auch noch der Fall ist.
Was sich aber wahrscheinlich stark verändert hat, sind die Kaderzusammenstellungen. Wenn ich zurückdenke, hat man damals zu 80 bis 90 Prozent mit Spielern aus der Region oder aus der eigenen Heimat gespielt. Aber natürlich war da auch schon der eine oder andere Legionär dabei. Damit war die Identifikation der Menschen mit dem eigenen Club sehr stark verbunden.
SturmNetz: Was hatte das Derby für dich, was ein normales Ligaspiel nicht hatte?
Glieder: Ich hatte damals auch viele Freunde, die Sturmfans waren. Aber wenn man mit 17 oder 18 die Chance bekommt zum GAK zu gehen und als junger Bursche in einen Bundesligaverein zu kommen, dann versuchst du das zu nutzen. Wenn es Sturm gewesen wäre, dann wäre ich auch zu Sturm gegangen. Bei mir war es dann eben der GAK und dann habe ich mich eben mit diesem Klub identifiziert und versucht, alles zu geben. Und natürlich ist man dann im Spiel gegen Sturm, wo man so viele Freunde hat, die dann Anhänger des Stadtrivalen sind, höchst motiviert und möchte eine gute Leistung bringen.

(c) Privatarchiv Edi Glieder
SturmNetz: Wie hat man damals als Spieler in der Derbywoche gelebt? Hat man das Spiel versucht auszublenden oder war man da schon aufgeregt?
Glieder: Man genießt diese Zeit vor dem tatsächlichen Spielbeginn. Es herrscht ein gewisses Kribbeln, eine gewisse Vorfreude auf ein Match, das ausverkauft ist und eine gute Stimmung herrscht. Es gibt Spieler, die das belastet und die dann ihre Leistung nicht abrufen können. Es gibt aber auch Spieler, die dadurch noch zulegen können. Ich selbst habe mich immer stark mit der mentalen Ebene befasst, relativ früh mit Mentaltraining begonnen. Das war auch der Schlüssel dafür, dass ich gut gesettelt war, ein gutes Mindset hatte und dadurch ein grundsätzlich gutes Auftreten hatte – nicht nur in Derbys gegen Sturm. Das hat mir sehr geholfen, dass ich mit Drucksituationen besser umgehen konnte.
SturmNetz: Du hast 1993 beim 4:0-Sieg des GAK im Derby zweimal gegen Sturm getroffen. Im damaligen mittleren Play-Off stieg schlussendlich aber doch Sturm auf. Wenn du daran zurückdenkst: Bist du eher Stolz auf diesen Erfolg oder überwiegt der Frust darüber, dass ihr den Aufstieg schlussendlich aus der Hand gegeben habt?
Glieder: An das kann ich mich noch genau erinnern, da dies ein einschneidendes Erlebnis in meiner Fußballerkarriere war, wo ich mir dachte „Kruzifix! Das kann es doch nicht geben!“ Wir spielen vier oder fünf Runden vor Schluss das Derby in der Körösistraße im alten Casinostadion und schießen die Schwoazen mit 4:0 aus dem Stadion und waren bei der damaligen 2-Punkte-Regel mit fünf Punkten Vorsprung vor Sturm. Da haben wir da schon gefeiert. Es war das letzte Jahr der mittleren Play-Offs, wo von acht Vereinen nicht mehr vier, sondern nur noch zwei Vereine aufgestiegen sind. Mödling mit Hans Krankl war damals schon weit weg und wir waren eigentlich nach diesem Sieg sicherer Zweiter und glaubten, dass wir uns das nicht mehr nehmen lassen. Danach haben bei uns aber irgendwie die Nerven versagt. Wir haben dann nur noch verloren oder unentschieden gespielt. Danach drehte Hannes Kartnig nach dem 0:4 durch, warf einige ältere Spieler raus und ließ die junge Garde spielen. Das war dann die Geburtsstunde von Mario Haas, Markus Schopp oder Günter Neukirchner…. Die hat er dann alle reingehaut und die haben dann eine Partie nach der anderen gewonnen und konnten uns noch abfangen, wodurch Sturm dann in die Bundesliga gegangen ist und wir absteigen mussten. Somit blieb uns aus diesem grandiosen Derbysieg nichts, außer Schimpf und Schande, weil wir den Vorsprung wieder hergegeben haben und nicht über die Ziellinie brachten.
SturmNetz: Gab es zu dieser Zeit bei Sturm einen Spieler, gegen den du besonders gerne oder ungern gespielt hast?
Glieder: Mir fällt da nur ein Spieler ein und da war ich dann schon vom GAK weg. Das war der Mario Tokic. Das war ein derart unangenehmer Innenverteidiger, der ganz schwer zu bespielen war. Sehr schlau, geschickt, richtig ausgepufft. Aber sonst erinnere ich mich nicht mehr, gegen welche Sturmspieler ich gerne oder ungerne gespielt habe. Mir ging es eher um die Sache, Tore zu schießen und Spiele zu gewinnen.
SturmNetz: Du hattest angeblich einmal ein Thema mit Ranko Popovic. Stimmt das?
Glieder: Gegen Popovic habe ich eigentlich sehr gerne gespielt. Auch er war ein schlauer, guter Verteidiger, wusste aber, dass er leicht heiß laufen konnte. In einem Derby griff er mir nach einem Foul leicht ins Gesicht. Das war nicht viel. Aber aus der Emotion heraus ließ ich mich fallen, bin aber eh gleich wieder aufgestanden und der Schiedsrichter zeigte ihm daraufhin sofort die Rote Karte. Das war aus meiner Sicht eine harte Entscheidung. Das war von mir vielleicht auch nicht ganz sportlich fair. Im Derby nimmt man so ein Geschenk dann aber auch an.
SturmNetz: War die Rivalität unter den Spielern damals ähnlich groß, wie unter den Fans? Oder konntet ihr damals nach einem Derby mit euren Gegenspielern auch was trinken gehen?
Glieder: Also ich habe mich mit den Sturmspielern immer gut verstanden. Es gab da zum Beispiel den Roland Goriupp, der von uns zu Sturm wechselte. Ich hatte auch mit Markus Schopp immer einen guten Kontakt gehabt zur damaligen Zeit. Auch mit Mario Haas. Ich habe die alle respektiert und bin denen mit Respekt entgegengetreten. Es war nicht so, dass wir miteinander essen oder was trinken gingen aber man hat sich aber etwa beim Fortgehen oder dort und da einmal getroffen und unterhalten. Grundsätzlich war das Verhältnis freundschaftlich und es gab außerhalb des Fußballplatzes keine Aggressivität.
SturmNetz: Gab es Spieler, mit denen du trotz eventueller Rivalität befreundet warst bzw. zu denen der Kontakt auch heute noch besteht?
Glieder: Der Mario Haas kommt gerne einmal hier vorbei und mit ihm habe ich bereits zwei Runden gespielt. Ich habe auch mit dem Pepi Schicklgruber einen super Kontakt, der ein guter Freund von mir ist. Auch mit Zoran Barisic habe ich immer wieder Kontakt. Mit Adi Hütter stehe ich ständig in Kontakt, dadurch, dass er hier in Gleisdorf aufgewachsen ist und ich ihn jeden Tag mit dem Auto zum GAK-Training mitgenommen habe und wir dann auch gemeinsam lange gespielt haben. Danach war ich ja auch sein Co-Trainer in Grödig. Es gibt eben einige Spieler, die bleiben dir und mit denen hast du dann viel Kontakt, mit Anderen eher losen Kontakt aber insgesamt bleiben dann doch nicht allzu viele über.
SturmNetz: Man könnte dich durchaus als GAK-Legende bezeichnen. Trotzdem sitzt du nun einem sturmnahen Medium gegenüber. Wäre das für dich früher einmal bereits eine kleine Grenzüberschreitung gewesen?
Glieder: Ich sehe die Rivalität so nicht. Es gibt natürlich diese Fanrivalität. Dadurch, dass wir uns als Spieler meistens kannten und miteinander Kontakt hatten, war die Hemmschwelle viel größer. In Wahrheit ist es ein Beruf den Profifußballer ausüben und dabei versuchen, für den Verein das Beste zu geben. Und damals war es so, dass man viel länger beim jeweiligen Verein war. Heute wird ja viel öfter der Klub gewechselt. Und da fehlt oft die Identifikation und da ist die Rivalität bei den Spielern nicht mehr so gegeben.

(c) Privatarchiv Edi Glieder
SturmNetz: Gab es in deiner Karriere einmal den Punkt, wo du dachtest, dass es doch spannend gewesen wäre, einmal für Sturm zu spielen?
Glieder: Es wäre fast so weit gekommen. Ich bin als Torschützenkönig von Austria Salzburg zum damaligen FC Tirol gewechselt und war davor bereits mit Hannes Kartnig in Verhandlungen. Ich wäre furchtbar gerne wieder in meine Heimat zurückgekommen. Auch war Sturm damals das Maß aller Dinge im nationalen Fußball, habe mich aber dennoch für Tirol entschieden. Das war eine strategische Entscheidung. Denn gegen Sturm habe ich sehr viele Tore gemacht und die Fans hätten sicher keine große Freude mit mir gehabt. Und wenn man da einen schlechten Start hat und nicht von Anfang an abliefert, dann kann das die Hölle werden. Das wollte ich vermeiden und bin dann eben zum FC Tirol gegangen.
SturmNetz: Wenn du heute noch einmal für ein Spiel als Profi auflaufen könntest – würdest du lieber ein Derby gewinnen oder z.B. mit Schalke in einem ausverkauften Stadion gegen einen Topklub spielen?
Glieder: Ich würde lieber in einem internationalen Topstadion auflaufen wollen.
SturmNetz: Was musstest du damals lernen, um dich im Profifußball durchzusetzen? Und was war damals eventuell anders, als es heute ist?
Glieder: Extrem verändert hat sich der Führungsstil der Ausbilder bzw. Trainer. Damals hatte ich viele Trainer, die mit autoritärem Führungsstil gearbeitet haben. Da hast du „du kannst nix, du bist nix, du wirst nix“ nicht nur einmal gehört. Da musste ich lernen, die Ärmel hochzukrempeln, immer wieder aufzustehen, immer wieder Gas zu geben und an mir zu arbeiten. Das war in dieser Zeit sehr, sehr prägend. Wenn das nicht funktioniert hat, haben die die Trainer fallen lassen. Dann hast‘ gehen können. Heutzutage wird mit den Spielern anders gearbeitet. Jeder Trainer im Profibereich muss ja mittlerweile die Pro-Lizenz haben. Da steckt eine fundierte Ausbildung dahinter, wie man Menschen führt, wie man mit einer Gruppe umgeht und wie man Spieler an Aufgaben heranführt. Damals haben Trainer halt ständig mit dem Hammer in die Mannschaft reingehauen mit dem Motto „Schauen wir, wer wieder aufsteht, bzw. wer noch übrigbleibt.“
SturmNetz: Wie groß war am Weg zum Profifußballer das Talent und wie viel davon harte Arbeit?
Glieder: Ich glaube, dass ich schon ein sehr gutes Talent hatte, da ich gute technische Fähigkeiten hatte, was man gesehen hat, als ich zum GAK gewechselt bin. Die haben mich am Anfang aber wie ein Blatt herumgehaut. Ich kam von der Gebietsliga, wo ich mit 15 Jahren bei St. Margarethen an der Raab den ersten Einsatz hatte. Bekam dann eben die Möglichkeit beim GAK zu spielen, da ich ein Stürmer war, der sich durchsetzen konnte. Beim GAK habe ich dann aber gemerkt, dass ich körperlich nicht in der Lage war, auch nur annähernd mitzuhalten. Da half mir auch meine gute Technik nicht. Ich konnte vielleicht einen überspielen, dann hat es aber einen Schnalzer gemacht und die haben mich von den Füßen runtergeholt. Da war es einfach sehr schwierig für mich. Danach begann ein etwa einjähriger Weg, wo ich extrem viel in der Kraftkammer gearbeitet habe, wo ich in der Grundlagenausdauer viel trainiert habe. Ich bin dann oft 2 Stunden laufen gegangen, auch wenn trainingsfrei war, denn ich wusste „Wenn ich da mithalten möchte, benötige ich eine gute körperliche Fitness, damit ich mein Können am Platz umsetzen kann.“ Dann kam auch noch die mentale Ebene dazu und das hat dann schlussendlich dazu geführt, dass ich rausstecken konnte. Aber das war eine sehr harte Arbeit. Ich habe sogar mit meinem Spiegelbild Gespräche geführt und mich selbst gefragt, was mir noch fehlt, wo ich noch arbeiten muss. Eine Sequenz daraus war, dass ich mir das Ziel gesetzt habe, über den Winter der beste Kopfballspieler in Österreich zu werden. Ich begann mit Sprungkrafttraining und schlussendlich hatte ich dann einen Standhochsprung von 1,25 Metern. Nur das ganze Thema ist – du kannst springen, so hoch du willst – wenn du aber kein Timing hast, hilft das auch wieder nichts. Und dann habe ich draußen noch das nötige Timing trainiert, ließ mir dann nach jedem Training Bälle zuwerfen, um den höchsten Punkt zu erwischen und habe mir dann noch Stangen ins Tor gestellt, um den Ball genau zu platzieren. Die Arbeit hat dann zumindest soweit gefruchtet, dass ich mit einer Körpergröße von knapp 1,80 Metern einer der besten Kopfballspieler Österreichs wurde.
SturmNetz: Da sind bestimmt schon viele Spieler an einer größeren Karriere gescheitert, die diesen Kampf nicht annehmen wollten. Wie siehst du das?
Glieder: In der modernen Ausbildungsschiene ist es natürlich sehr verlockend, dass du mit deinem Toiletttäschchen zum Training gehst, das machst, was die Trainer dir sagen. Dann packst du wieder alles zusammen, gehst duschen und fährst wieder heim. Das war es dann für dich. Aber das ist zu wenig. Wenn du wirklich besser sein willst, als der Durchschnitt, dann musst du mehr machen. Da musst du dann findig sein. Dann musst du suchen, was du in deinen Fähigkeiten noch brauchst, um weiterzukommen. Wenn du dazu nicht bereit bist, dann bist du eben irgendwo im Durchschnitt.

(c) Privatarchiv Edi Glieder
SturmNetz: Du hast in deiner Karriere so viel erreicht. Welcher Karrieremoment bedeutet dir am meisten?
Glieder: Definitiv der Torschützenkönig. Das war für mich immer schon ein Kindheitstraum, in der Österreichischen Bundesliga Torschützenkönig zu werden und für das Nationalteam zu spielen. Es war ein ganz großes Erlebnis für mich, als ich den Torschützenpokal im alten Lehener Stadion überreicht bekommen habe. Ich ging dann eine Ehrenrunde im Stadion und die Fans gaben mir Standing Ovations. Das ist einfach eine der tollsten Erinnerungen, die ich habe.
SturmNetz: Später in deiner Karriere begann dann ein Kapitel, das so eigentlich überhaupt nicht geplant war. Du bist mit 34 Jahren in die deutsche Bundesliga zum FC Schalke 04 gegangen. Wie lief das damals ab?
Glieder: Zunächst war da der Konkurs vom FC Tirol, weshalb viele Spieler praktisch auf der Straße standen und wussten nicht, wohin die Reise geht. Ich habe auch bei Tirol nicht so gut performt, wie ich es mir gewünscht hätte und habe nicht die für mich passende Torquote erreicht. Gleichzeitig stieg dann der FC Pasching auf, woraufhin sich Georg Zellhofer bei mir meldete und ich schlussendlich bei den Oberösterreichern einen Vertrag unterschrieb. Als Aufsteiger spielten wir dann eine sensationell gute Saison und waren von Anfang an mit der dank Frank Stronach finanzstarken Wiener Austria an der Spitze dabei. Gegen Saisonende brachen wir leider etwas ein und wurden schließlich nur Fünfter, qualifizierten uns aber zumindest für den UI-Cup. Am Anfang war mir das etwas unangenehm, da wir dadurch sehr viele Spiele mit einem kleinen Kader hatten, was natürlich an die Substanz geht und die Meisterschaft darunter leiden kann. Wir kamen aber über alle vier Runden drüber und trafen im Halbfinale auf Werder Bremen. Und das war dann der Schlüssel in die deutsche Bundesliga. Ich spielte gegen den Bremer Verteidiger Valérien Ismaël und habe den da wirklich zwei mal wund gespielt, sodass wir daheim mit 4:0 gewinnen konnten und mit einem 1:1 auswärts in das Finale einzogen, wo Schalke auf uns wartete. Gleich darauf rief Schalke-Manager Rudi Assauer an und meinte, dass er an mir Interesse hätte. Ich dachte mir aber, dass das eher auf das Finale hin eine Beeinflussung gewesen wäre. Der meinte das aber wirklich ernst. Nach dem Finale (0:0 auswärts und 0:2 daheim) wurde mir direkt ein Vertrag geschickt. Da wurde nicht einmal verhandelt. Und da war ich echt perplex, dass ich mit 34 Jahren die Chance bekommen hatte, zu diesem Kultverein zu wechseln.

(c) Privatarchiv Edi Glieder
SturmNetz: Wie wurde der Wechsel damals wahrgenommen?
Glieder: In Deutschland war die Erwartungshaltung an Fernando Morientes geklammert (dessen Wechsel aufgrund zu hoher Gehaltsforderungen platzte) und weiteren Top-Namen, die in den Medien herumschwirrten. Und dann ist es aber der „Ösi“ Edi Glieder geworden, was teils etwas belächelt wurde. Auch in Österreich war man etwas überrascht über den Wechsel. Ich wählte für mich die Variante des arbeitenden und nicht des lauernden Stürmers zu Paschinger Zeiten. Ich wollte für die Mannschaft arbeiten, dass es besser zum Vereinsimage passte. Und das haben die Fans honoriert. Ich habe zwar nur zwei Tore geschossen, habe dort aber einen guten Eindruck hinterlassen und es war einfach eine wunderschöne Zeit.
SturmNetz: Was war Auf Schalke besonders beeindruckend für dich?
Glieder: Damals gab es die 100-Jahre-Feier des FC Schalke 04. An diesem Wochenende waren täglich 120.000 Leute am Gelände. Ich bin dann mit Trainer Jupp Heynckes und Rudi Assauer von Tribüne zu Tribüne gegangen, wo die mich dann präsentiert haben. Dieser Auflauf, diese Menschenmenge war einfach beeindruckend. Ein riesiges Areal, viele Trainingsplätze, das damals noch fast neue Stadion, das war für mich alles schon sehr beeindruckend.
SturmNetz: Wie ist dein Status bei Schalke? Bist du manchmal noch in Gelsenkirchen? Wirst du noch immer erkannt?
Glieder: Ich schaue, dass ich mich einmal pro Jahr blicken lasse und werde teilweise noch erkannt. Jetzt habe ich mir aber einen relativ langen Bart wachsen lassen und jetzt wird’s wahrscheinlich etwas schwieriger. Komischerweise haben die mich dort ins Herz geschlossen, obwohl ich nur ein Jahr dort war. Es ist einfach schön, an diese Zeit zurückzudenken.

(c) Privatarchiv Edi Glieder
SturmNetz: Nach deiner aktiven Karriere warst du zwar noch einige Zeit im Trainer- bzw. Managementsektor aktiv, hast deinen Fokus dann aber auf Soccergolf gelegt. Wie kam es dazu?
Glieder: Nach meiner aktiven Zeit war ich ein paar Jahre relativ erfolgreich als Cheftrainer tätig, danach hat mich Adi Hütter als Co-Trainer in Grödig geholt. Als er dann ein Angebot von Red Bull erhielt, durfte er keine Co-Trainer mitnehmen. Danach wechselte ich für knapp zehn Jahre ins Fußballmanagement. In dieser Zeit, in der ich in Salzburg gelebt habe, habe ich den dortigen Soccerpark als Freizeitaktivität kennengelernt. Mich hat dann dieser Sport aber so begeistert, dass ich mir dachte „meine Tochter jammert immer, dass ich wieder heimkommen soll.“ Dann haben wir ein bisschen gebastelt und schlussendlich in Gleisdorf den größten Soccerpark Österreichs mit drei unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden errichtet. Mir geht es darum, mit meinem Fußball, meinem Lieblingsgerät weiter Spaß zu haben, jedoch ohne Zweikämpfe oder Verletzungen. Und das, was ich aus meiner aktiven Karriere am meisten vermisst habe, waren die Wettkämpfe. Auch wenn es z.B. nur um ein Getränk geht. Gewinnen, verlieren – das macht einfach im Kopf etwas mit mir. Das macht mir Spaß. Dann haben wir die Anlage gebaut und das genieße ich jetzt.

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SturmNetz: Was konntest du aus deiner Zeit als Co-Trainer von Adi Hütter mitnehmen?
Glieder: Adi Hütter ist ein sehr akribischer, genauer Trainer, der nichts dem Zufall überlässt. Er hat auch wirklich Geld in sich selbst investiert, wie Medientraining oder Krisenmanagement. Er ist ein absoluter Menschenfänger. Er kann Spieler gut abholen, nimmt sich die Zeit für Einzelgespräche, bis er weiß, wie oft der jeweilige Spieler die Unterhosen wechselt – überspitzt formuliert. Das ist eine seiner Stärken. Seine zweite große Stärke ist, am Platz, im täglichen Training einzugreifen, wenn etwas nicht so funktioniert, wie er sich das vorstellt. Und er erklärt das auch, bis auf Punkt und Komma und Millimeter und zeigt es auch vor. Und deshalb ist er für mich auch ein richtig guter Trainer, der zu Recht jetzt im Ausland arbeitet. ich habe auch weiterhin Kontakt mit ihm. Er hat hier im Park auch zwei Bahnen gesponsert.
SturmNetz: Gibt es etwas, was du als Spieler nicht verstanden hast, dir aber erst als Trainer klar wurden?
Glieder: Ein Trainer muss strategische Entscheidungen treffen und über den Tellerrand hinausschauen. Als Spieler denkst du nur an das nächste Spiel und willst immer spielen. Es gab natürlich Trainer, die es gewagt haben, mich auf die Ersatzbank zu setzen. Man muss aber lernen, dass dich der Trainer damit eventuell schonen möchte, damit du dann wieder erste Wahl bist. Das habe ich erst dann als Trainer verstanden.
SturmNetz: Wäre ein heutiger Trainer Edi Glieder mit dem damaligen Spieler Edi Glieder zufrieden gewesen?
Glieder: Vielleicht gar nicht so einfach. Mittlerweile bin ich ein sehr kommunikativer Mensch geworden, der gerne Dinge bespricht, bevor er sich entscheidet. In jungen Jahren habe ich noch aus tiefster Überzeugung sofort Entschlüsse getroffen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich als Trainer mit mir als Spieler gut zurechtkommen würde.
SturmNetz: Ist Soccergolf eher näher am Golf oder näher am Fußball?
Glieder: Ich würde sagen, dass es näher am Fußball liegt. Du spielst mit einem Fußball. Es geht um ein gutes Gefühl, um eine gute Strategie und du musst in der Lage sein, Bälle auf 15, 20, 25 oder mehr Meter zu spielen, damit sie dort liegen bleiben, um gute Spielfortsetzungen zu haben. Dann brauchst du Schüsse, die gedreht sein müssen, dann musst du wieder lupfen… Das ist eigentlich nur Technik in Verbindung mit einer guten Strategie.
SturmNetz: Gibt es noch weitere bekannte Namen, die diesen Sport auf hohem Niveau ausüben?
Glieder: Ich fahre zum Beispiel mit Zlatko Junuzović zur Staatsmeisterschaft. Deutschland und Dänemark haben die besten Spieler in der Menge. Da gibt es viele, die davor Fußball gespielt haben. Meist aber nicht ganz so hoch oben. Der Däne Anders Bollerup war lange Zeit Nummer 1 der Weltrangliste. Er musste seine aktive Karriere mit 28 Jahren aufgrund eines Kreuzbandrisses und Knieproblemen beenden. Für diesen Sport reicht es allerdings aus.
SturmNetz: Wenn du deine Karriere auf einen einzigen Moment reduzieren müsstest: Welcher wäre es dann?
Glieder: Dann würde ich den Torschützenkönig wählen. Das war schon der Moment, der mich richtig glücklich gemacht hat.
SturmNetz: Welches Match würdest du gerne noch einmal spielen – mit genau denselben Spielern, demselben Stadion und derselben Atmosphäre?
Glieder: Das wäre Pasching gegen Werder Bremen. Werder hatte damals als Meister eine Top-Mannschaft. Die waren gespickt mit Namen wie Ailton oder Micoud. Und wir haben die echt hergespielt mit einer Truppe, die gesamt so viel wert war, wie ein einziger Bremer.

(c) Privatarchiv Edi Glieder
SturmNetz: Mit welchem ehemaligen Mitspieler hast du am liebsten zusammengespielt?
Glieder: Ich habe irrsinnig gerne mit Ebbe Sand gespielt. Ebbe hat mich zu seinem Abschiedsspiel eingeladen. Da waren 62.000 Fans im Stadion. Er war auch ein ähnlicher Spieler, der auch viel gearbeitet hat. Mit dem würde ich echt gerne noch einmal spielen.
SturmNetz: Gibt es einen Spieler, gegen den du einmal gerne gespielt hättest, jedoch nie die Möglichkeit dazu hattest?
Glieder: Vielleicht Desailly! Der französische Innenverteidiger – Diese „Kantn!“ Gegen solche Spieler ist es schon cool zu spielen.
SturmNetz: Was wäre dein Wunsch für die Zukunft des Profifußballs in Österreich und international? Und welche Punkte siehst du kritisch?
Glieder: Der Fußballmarkt in Österreich ist wirtschaftlich sehr schwierig. Es ist die zweite Liga eine tote Geschichte, die wirtschaftlich kaum zu stemmen ist. Es ist einfach katastrophal, mit wie wenig Geld diese Zweitligavereine haushalten müssen. In Deutschland verdienen die Spieler in der fünften Liga wahrscheinlich das, was sie hier in der zweiten Liga bekommen. Und dieselben Probleme gibt es auch oben in der Bundesliga. Man hat nicht die wirtschaftlichen Möglichkeiten, dass man Spieler länger halten kann. Jeder, der ein Jahr oder ein halbes Jahr gute Spiele macht, hat bereits die Möglichkeit, ins Ausland zu gehen. Das wird sich auch nicht ändern. Somit würde ich weiterhin empfehlen, auf Ausbildung zu setzen, in die Ausbildung von Trainer zu investieren und in Trainingsbedingungen zu investieren, um den Spielern ein gutes Umfeld zu bieten. Aber ich denke, dass man gute Spieler einfach nicht auf Dauer in Österreich halten kann. Das wird einfach nicht funktionieren. Die sollten auch ins Ausland gehen. Man hat ja als Profi nur ein kurzes Zeitfenster im Alter von etwa 20 bis 35, in welchem man sich für die Zukunft nach der aktiven Karriere etwas erschaffen kann. Danach muss man eventuell wieder wo anfangen, wo andere bereits eine 15-jährige Berufserfahrung haben. Österreich kann meiner Meinung nach nur als Sprungbrett für das Ausland dienen. Natürlich sind wir auch immer abhängig von Spielern, die dauerhaft in Österreich spielen, da sie den Sprung nicht schaffen oder nicht die Möglichkeit bekommen. Österreich sollte sich aber darauf fokussieren, Ausbildungsland zu sein, um Spieler gut entwickeln zu können.

(c) Privatarchiv Edi Glieder
SturmNetz: Wie siehst du den Zugang von Sturm, Spieler schnell zu entwickeln, um sie dann gewinnbringend verkaufen zu können?
Glieder: Sturm hat das sehr gut gemacht bisher. Auch Red Bull ist diesen Weg schon früh gegangen. Die haben Spieler aus dem Ausland geholt und diese dann auf „Teufel komm raus“ spielen gelassen. Die haben so lange gepusht, bis sie die Spieler dann weiterverkaufen konnten. Unter Christoph Freund ist diese Taktik wie am Schnürchen gelaufen. Mittlerweile ist das dort etwas ins Stocken geraten. Auf Spielerentwicklung durch gutes Scouting und Vertrauen in die Entwicklung zu setzen, ist ein Geschäftsmodell, welches Sinn macht. Denn mit diesem Geld kann man dann Investitionen tätigen, wie in etwa das neue Trainingszentrum.
SturmNetz: Was war früher im Fußball besser als heute?
Glieder: Es war früher einfach anders. Ich hatte damals Milan Miklavic als ersten Trainer. Der hat uns von der Manndeckung zur Raumdeckung gebracht und was von Abständen erzählt. Das, was wir vorher noch nie gehört haben. Die kürzeste Besprechung hatte ich unter Savo Ekmečić. „Aufstellung: Aufstellung steht auf Tafel. Gemma raus, spiel‘ ma Fußball, samma besser – samma besser. Verlier‘ ma – gemma ham.“ Das war die Spielerbesprechung. Heutzutage wird sowas ja zelebriert. Da wird jeder Spieler in die Pflicht genommen und Details besprochen. Ich glaube, die entscheidenden Unterschiede zu früher sind Handlungsschnelligkeit und das Finden von Lösungen auf engem Raum bei wenig Zeit. Da hatten wir damals einfach länger Zeit. Aber damit hat sich natürlich der Fußball auch weiterentwickelt und verbessert.
SturmNetz: Danke für deine Zeit und die Einblicke in eine wirklich beachtenswerte Karriere!


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