Ein trauriges Paradebeispiel unserer heutigen Zeit?

Der Fall Otar Kiteishvili

Tech, Social Media, KI: Die Welt dreht sich immer schneller. Entwicklungen, die früher Jahre dauerten, finden heute binnen Monaten statt. Das betrifft nicht nur Wirtschaft und Technologie, sondern auch die Medienlandschaft.

Als Ivica Osim im Juli 1994 als Trainer des SK Sturm präsentiert wurde, gab es davor ein paar Gerüchte in einigen Printmedien. Nach seiner Vorstellung folgten eine Pressekonferenz, Zeitungsartikel, einige Radiomeldungen und vielleicht ein kurzer Beitrag im ORF-Sport.

(c) Martin Hirtenfellner – Fotografie

Als Fabio Ingolitsch Ende 2025 als neuer Übungsleiter präsentiert wurde, war die Situation eine völlig andere. Bereits Wochen davor diskutierten Hunderte Medien, Foren und Social-Media-Kanäle über mögliche Kandidaten. Als die Entscheidung feststand, dauerte es nur Minuten, bis Lebenslauf, Expertise und Personalentscheidung öffentlich seziert wurden.

Diese Entwicklung hat viele positive Seiten. Noch nie war Information so leicht zugänglich. In der heutigen Zeit ist es möglich ein Medium wie Sturmnetz nebenberuflich aufzubauen. Gleichzeitig scheint jedoch auch einiges verloren gegangen zu sein, wie: Geduld, Einordnung und manchmal auch Respekt.

Der Fall Otar Kiteishvili ist dafür ein trauriges Paradebeispiel.

(c) Sturmtifo

Wir sprechen von einem Spieler, der dem SK Sturm seit über acht Jahren die Treue hält. Von einem Spieler mit 272 Einsätzen, 73 Toren, 44 Vorlagen und mehr als 20.000 Einsatzminuten. Von einem zweifachen Meister, zweifachen Cupsieger, Champions-League-Spieler, Bundesliga-Torschützenkönig als Mittelfeldspieler und dreifachen Spieler der Saison.

Kurz gesagt: von einer Sturm-Legende.

Nach seiner Verletzung im Nations-League-Spiel gegen Ungarn dauerte es dennoch nicht lange, bis die ersten Schuldzuweisungen auftauchten. „Kiteishvili muss man hinterfragen“, „Er wird von Sturm bezahlt was macht der beim Team“, „Was denkt der sich überhaupt?“ oder „Scheiß georgischer Nationalstolz“ gehörten dabei noch zu den harmloseren Kommentaren.

Vieles davon basiert weniger auf Fakten als auf Emotionen. Natürlich hatte Kiteishvili in seiner Karriere Verletzungen. Natürlich auch während seiner Zeit beim Nationalteam. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass jede Verletzung im Nationalteam die Folge einer falschen Belastungssteuerung war.

Umso unverständlicher wird die Debatte, wenn zusätzlich vom Übungsleiter öffentlich mangelndes Verantwortungsgefühl unterstellt wird. Gerade von diesem erwarte ich mir, dass er sich vor seine Spieler stellt. Zumal Kiteishvili nicht der einzige Spieler mit Muskelproblemen in den vergangenen Monaten war und es nicht das erste Mal ist, dass die Schuld medienwirksam bei anderen gesucht wird.

Von Fans erwarte ich mir als Verfasser eines Meinungsartikels nichts. Respekt sollte dennoch selbstverständlich sein. Generell, aber ganz besonders gegenüber Spielern, die einen wesentlichen Anteil an einer der erfolgreichsten Phasen der Vereinsgeschichte haben.

Vielleicht wäre es in unserer schnelllebigen Zeit manchmal sinnvoll, kurz innezuhalten. Sich daran zu erinnern, was ein Spieler über Jahre für den Verein geleistet hat, bevor man zur nächsten Social-Media-Hinrichtung ausrückt.

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

(c) Sturmtifo

Zum Abschluss bleibt nur eines: Danke, Otar Kiteishvili. Für mehr als acht magische Jahre beim SK Sturm. Gute Besserung und hoffentlich noch viele weitere Jubelszenen in Schwarz-Weiß und im Trikot Georgiens.

 

 

3 Kommentare

  1. Sturmmani sagt:

    Danke für diesen Artikel!!!
    Und vielen Dank Kite für alles, was bis dato war und hoffentlich noch kommt!!!

  2. Wenn wir hier stehen sagt:

    Jawohl! Genau so, danke!

  3. ...und wir dahinter sagt:

    Danke für den schönen Artikel! Bei Artikeln oder in Foren ist schnell etwas kommentiert, das man sich denkt. Dann geht man tum nächsten Artikel, tum nächsten usw! Das ist die Zeit heute. Leider verkehrt sich die Stimmung bei Vereinslegenden sehr schnell ins Gegenteil (siehe Hierländer oder vor 20 Jahren Neukirchner). Aber so ist unsere Zeit

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