Johnny Ertl: „Für Bournemouth ist es ein Feiertag, erstmalig vor heimischer Kulisse im Europapokal zu spielen“
Ab seinem dreizehnten Lebensjahr durchlief Johannes „Johnny“ Ertl alle Nachwuchsabteilungen des SK Sturm bis er schließlich unter Mischa Petrovic am 26. 09. 2004 in der Kampfmannschaft debütieren durfte. 68 Spiele sollten im Sturmdress folgen. 2008 ging es schließlich von Austria Wien nach England zu Crystal Palace. Im Mutterland des Fußballs sollte er auch bis zu seinem Karriereende 2015 bleiben. Über 200 Spiele absolvierte er im englischen Profifußball bei seiner letzten Station beim FC Portsmouth genießt er heute noch Kultstatus. Nicht nur weil er die Pompey in seiner aktiven Zeit als Kapitän aufs Feld führte, sondern auch weil er danach half den Verein vor dem Konkurs zu retten. Heute bietet er nicht nur gemeinsam mit seiner Frau Selma gemeinsam Football English Coachings an, sondern arbeitet auch schon seit vielen Jahren als Experte bei Fußballübertragungen im TV. Vor dem Europa League Spiel von Sturm gegen den AFC Bournemouth habe ich mit ihm ein Interview führen dürfen.
Starten wir mit einem kurzen Blick in die Vergangenheit – du hattest deine Englandkarriere 2008 mit einem Wechsel von der Austria zu Crystal Palace in die Championship gestartet. Obwohl es sich um die zweite englische Liga handelt, ist sie heute eine der stärksten Ligen der Welt. Wie hast du diesen Schritt damals erlebt – sportlich, aber auch abseits des Platzes?
Es war für mich der wichtigste persönliche Entwicklungsschritt in meinem Leben. Ein neues Land, eine neue Kultur, neue Menschen, eine neue Sprache. Durch das Engagement eröffnete sich ein neuer sportlicher und kultureller Horizont für mich. Anfangs tat ich mir schwer, die englische Seele zu verstehen und mich einer neuen Kultur gänzlich zu öffnen. Die Intensität des Spiels und der Konkurrenzkampf waren um ein Vielfaches höher als in Österreich. Ich konnte in den ersten sechs Monaten kaum Fuß fassen im Team. Meine ersten beiden Chancen vermasselte ich, die dritte auch. Ich war kurz davor entweder leihweise nach Norwegen zu gehen oder zurück nach Österreich.
Ich entschied mich an mir zu arbeiten, visualisiere Spiele, mit geschlossenen Augen stellte ich mir vor im Selhurst Park jubelnd die Runde zu drehen, analysiere das gegnerische Team im Selbststudium akribisch. Ich machte mir ein English Vokalbuch und schrieb dort sämtliche Fußballballvokabel rein, Vokabel von meinen gelesene englischen Harry Potter Büchern und ein paar artgerechte Schimpfwörter, um es auch abzurunden. Mit dieser Arbeit entwickelte ich mich stetig weiter und war schlussendlich von meinem Manager und Trainern in der Startaufstellung nicht mehr wegzudenken. Es war der Startschuss für acht Jahre im Mutterland des Fußballes. Ich liebte es. Ich bin dort wirklich angekommen, wohin ich wollte, und passte mit meiner Persönlichkeit perfekt auf die Insel.
Wenn man heute den Fratton Park besucht und sich vor einem Spiel mit Zuschauern unterhält und sagt, dass man ein Fan deines Jugendvereins ist, kennen aus meiner Erfahrung immer noch mehr Leute Johnny Ertl als den SK Sturm. Auch wenn die größten Rivalen für beide andere sind, ist zwischen Bournemouth und Portsmouth aufgrund der geographischen Nähe eine gewisse Rivalität gegeben. Einmal durftest du Portsmouth 2013 als Kapitän in der League One im Vitality Stadium aufs Spielfeld führen. Hast du spezielle Erinnerungen an dieses Spiel, an dieses Stadion?
Die größte Rivalität im Süden ist zwischen Portsmouth und Southampton, beide historische Hafenstädte, wo nach der Geschichte Southampton den gemeinsamen Streik für Schiffswaren früher beendete als Portsmouth, was der Stadt und den Menschen gar nicht schmeckte. So entstand die Geschichte des „South Coast Derbys“. Bournemouth spielt dabei eine untergeordnete Rolle, da der Verein erst in der jüngsten Vergangenheit erfolgreich wurde.
Ich spielte öfters im Vitaly Stadion. Damals war der Verein im Aufbruch. Jeder sprach von diesem jungen außergewöhnlichen Trainer Eddie Howe, die Spielweise die er pflegt, dem neuen russischen Eigentümer Maxim Denim und von Real Madrid. Wieso Real Madrid? Tatsächlich spielte in dieser Saison Real Madrid in der verschlafenen Stadt Bournemouth mit allen Superstars wie Ronaldo, Kaka und Carlo Ancelotti auf. Das war damals vergleichsweise so, als wären die Königlichen in Tillmitsch oder Traiskirchen zu Gast.
Ich erinnerte mich, dass wir den Ball 80% der gesamten Spielzeit hinterhergelaufen sind. Bournemouth war damals seiner fußballerischen Zeit voraus. Sie pflegten unter Eddie Howe einen unglaublichen dominanten Ballbesitzfußball, der die Gegner müde machte. Mit dieser Qualität konnten wir nicht mithalten. Das Stadion wurde damals teilweise modernisiert, jedoch hat der damalige Eigentümer nie wirklich große Ambitionen in Bournemouth ein ultraneues Stadion hinzubauen. Braucht es auch nicht. Es ist ein sehr netter und friedlicher Verein mit herrlichem Zugang zum Meer.
Am Ende der Saison 2012/13 folgte für Bournemouth unter Eddie Howe der Aufstieg in die Championship. Howe sollte dann in seiner zweiten Zeit bei Bournemouth fast acht Jahre lang Trainer bleiben. Bevor wir auf die jüngere Vergangenheit zu sprechen kommen: Hast du die Entwicklung von Bournemouth seit der damaligen Zeit verfolgt? Natürlich gab es mit Maxim Denim und auch danach finanzstarke Eigentümer. Trotzdem sprechen wir über einen für englische Verhältnisse kleinen Verein. Wie ist da deine Einschätzung der Entwicklung?
Bournemouth stand vor 20 Jahren vor dem Abgrund zum Absturz in den Amateurfußball. Der Trainingsplatz war ein desolates Schulgelände ohne warmen Wasser. Damals hätte keiner jemals davon geträumt in der höchsten Liga, der Premier League, zu spielen oder ein Spiel im Europapokal zu sehen. Vor eineinhalb Jahren ist man in ein hochmodernes Trainingszentrum eingezogen. Klar ist, dass man in England so eine „Fairytale“ Geschichte nur mit einem finanzstarken Investor schreiben kann. Die Klubführung hat es verstanden auf den wichtigsten strategischen Positionen des Vereins immer top Leute zu besetzen. Der ehemalige Sportdirektor Richard Hughes verstand sein Handwerk hervorragend aus den infrastrukturellen Möglichkeiten, das Maximum herauszuholen. Sein Gespür für Spieler, die in Bournemouth das Sprungbrett für ihre ganz große Karriere sahen, war hervorragend. Und Eddie Howe machte als Trainer den Verein groß. Für mich einer der besten englischen Coaches. Ich verwende ihn oft in meinen „Football English“ Coachings mit deutschsprachigen Trainern, da er eloquent und klar Fußball analysiert. Mit Andoni Iraola holte man dann 2023 den ersten nicht englisch sprachigen Head Coach an die Südküste. Mit seinem baskischen Temperament und seinen starkem Kollektiv Gedanken passte er perfekt zum Verein und der Umgebung und hob die Cherries auf ein neues Niveau.
Die erfolgreichste Zeit erlebte Bournemouth unter dem von dir angesprochenen Andoni Iraola, nach einem Start, bei dem er bei anderen Vereinen wohl schon rausgeflogen wäre. Seine Ära endete letzte Saison mit der historisch besten Platzierung und der erstmaligen Europa-League-Qualifikation. Nun hat mit Marco Rose ein „Red-Bull-Schüler“ übernommen. Dementsprechend wird auch heute noch gepresst, aber hast du in den bisherigen wenigen Spielen schon Unterschiede zum Vorgänger ausmachen können?
Beide Trainer stehen für intensiven, aggressiven Pressing-Fußball, aber sie unterscheiden sich darin, wie sie den Ball gewinnen, Angriffe aufbauen und Torchancen kreieren. Statistisch gesehen hat Bournmouth unter Rose die meisten Hochgeschwindigkeitsläufen in der Premier League und bleibt bei direkten Angriffen, Kontern und Abschlüssen nach hohen Ballgewinnen weit vorne. Diese Spielweise passt perfekt zu ihrem Stadion. Der Platz ist eng und klein – perfekt für Pressing Elemente. Für „größere“ Verein in England kann das oft unangenehm sein und man unterschätzt Bournemouth, wenn man den Platz betritt. Derzeit hinkt der Verein den Erwartungen hinterher. Defensiv sind sie verwundbar und kassierten bislang die meisten Gegentore in der Premier League.
Wechseln wir zum SK Sturm, bei dem in den letzten Jahren ja auch fast kein Stein auf dem anderen geblieben ist. Wie beurteilst du die Entwicklung in der „Nach-Schicker-Ilzer-Ära“ im Verein und natürlich am Spielfeld?
Nationale und internationale Erfolge wecken das Interesse an Spielern. Demnach war es vorauszusehen, dass Leistungsträger nach höherem Streben und den Weg ins Ausland suchen. Mit dem Abgang von Christian Ilzer und dem gleichzeitig fast gesamten Betreuerstab wurde damals die sportliche Pulsschlagader des Vereins plötzlich getrennt. Ich kann nur Jürgen Säumel und Michael Madl gratulieren, dass sie in diesem Jahr mit ihrem Verständnis, ihrer Herangehensweise und Erfahrung die Mannschaft auf Zug halten konnten. Keineswegs eine leichte Aufgabe, die mit dem zweiten Meistertitel in Folge gekrönt wurde. Das letzte Jahr war bestimmt für einen größeren Umbruch, der nun wirklich in dieser Transferperiode von Michael Parensen eingeleitet wurde. Sturm Graz besitzt eine spannende Mannschaft mit einem guten Mix aus jugendlicher Unbekümmertheit, vertikaler Geschwindigkeit und für nationale Verhältnisse gutem Ballbesitz. Das Potential der Mannschaft ist groß, es liegt an Trainer Fabio Ingolitsch dies in Resultaten widerzuspiegeln.
Der aktuelle Kader wird von vielen als der stärkste gesehen, den Michael Parensen zusammengestellt hat. Wo würdest du die Stärken und Schwächen im aktuellen Kader sehen, und wie passt diese Mannschaft deiner Meinung nach zum Trainer?
Die Offensive ist sehr stark besetzt, wenn alle fit sind. Kiteishvili, Rozga, Hödl können allen Partien Unterschiedsspieler sein. Ganz vorne hatte Sturm nach dem Abgang von Biereth lange Zeit Handlungsbedarf. Malone war ein Fremdkörper im Spiel nach vorne, Jatta hat alle Anlagen einzuschlagen, bringt es aber nie ganz über die Linie. Gerade zu Beginn dieser Saison dachte ich mir, er zündet jetzt seinen Motor, dann kam leider seine Verletzung. Mit Diakite verpflichtete man einen top Stürmer, der die fehlende Wucht und Entschlossenheit mitbringen soll, er ist für jeden Verteidiger in der Bundesliga unangenehm. Für so eine Sturm-Offensive ist die Ausbeute von 10 Toren aus acht Spielen jedoch ausbaufähig.
Soglo überzeugte mich zu Beginn der Saison, sein Ausfall war auf der linken Seite nicht zu kompensieren. Malic stößt auf der linken Seite an seine Grenzen, mit 3er Kette kann man das Problem jedoch auffangen.
Was erwartet den SK Sturm deiner Meinung nach in Bournemouth, und wie würdest du die Grazer einstellen, um dort bestmöglich bestehen zu können?
Für Bournemouth ist es ein Feiertag, erstmalig vor heimischer Kulisse im Europapokal zu spielen. Die 1:5-Niederlage gegen Chelsea wird noch ein wenig in den Köpfen stecken, demnach ist Marco Rose bedacht einen überzeugenden Sieg zuhause einzufahren. Bournemouth ist auf jeder Position stärker besetzt. Eine Unentschieden wäre ein voller Erfolg. Sturm wird sicherlich von den Spielern von Bournemouth unterschätzt und gerade da liegt die Chance für die Grazer. Im Kollektiv geordnet zu verteidigen, kompakt stehen und im Umkehrschluss die gegnerische letzte Kette beschäftigen. Die letzten 15 Minuten gegen Stade Rennes gaben Mut und Selbstvertrauen. Der Sieg gegen die Austria war am Samstag Pflicht, um nicht den Anschluss in der Bundesliga zu verlieren und das 0:3 gegen Salzburg aus den Köpfen zu bekommen,
Darf ich dich zum Abschluss um deinen Tipp für das Ergebnis des Spiels bitten?
Ich glaube, dass sich Bournemouth durchsetzen wird mit 3:1.
Vielen Dank für das Interview und für deine Zeit



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