„Es macht richtig Spaß, etwas zu entwickeln“
Zum Saison-Auftakt der SK Sturm Frauen gönnen wir uns und euch wieder ein Riesen-Interview mit dem sportlichen Leiter der Frauen. Michael Erlitz stand Rede und Antwort. Genießt diesen Longread. Danach seid ihr für alle Eventualitäten der schwarz-weißen Frauenfußball-Saison gewappnet.

SturmNetz-Interview mit dem sportlichen Leiter der Sturm Graz Frauen Michael Erlitz, Postplatz Graz, 12.08.2026. (c) Sturmtifo, Neugebauer
Mitte August in Graz. Kurz vor einer lang ersehnten meteorologischen Abkühlung treffen ein SturmNetzler, ein Sturmtifo-Fotograf und der sportliche Leiter der SK Sturm-Frauen am Postplatz im Süden von Graz aufeinander. Kein Witz, alles echt. Nach langer Pause ist es ein schönes Wiedersehen an einem Ort, der 2024 ziemlich trist aussah. An diesem Mittwoch gibt der Lokalaugenschein ein besseres Bild ab. Auf dem Platz trainiert die Zweier der Männer mit Co-Trainer Stefan Hierländer, die derzeit etwa die Hälfte ihrer Einheiten zwischen Messendorf und Postplatz aufteilt. „Nicht ideal“, wie Michael Erlitz, der Chef im Frauenbereich, bei der Begrüßung zu verstehen gibt. „Aber alles auf einem viel besseren Niveau als noch vor zwei Jahren.“
Der Postplatz hat sich gemausert. Unter Michael Parensen wurde mehr Geld in die Infrastruktur der Frauen gepumpt. Der Platz wurde saniert, für mehrere Jahre gepachtet und die triste Kabinen- und Container-Situation wurde deutlich verbessert. Noch immer nicht ideal, aber von den peinlichen Zuständen, die man als Außenstehender vor zwei Jahren ohne Weiteres attestieren konnte, ist heute keine Rede mehr. Im Herbst steht der Umzug in das Trainingszentrum Puntigam vor der Tür, trotzdem bot sich noch einmal ein letztes Interview am Postplatz an – ein Ort, der die Frauenabteilung des SK Sturm Graz seit langen Jahren begleitet.

Kapitänin Sophie Maierhofer ist seit Jahren Herz & Lunge des Teams im Mittelfeld. (c) Foto Sturmtifo, Neugebauer
Zuhause, Umzug und personelle Änderungen
SturmNetz: Michael Erlitz, bald gibt es für den SK Sturm Graz ein neues Zuhause. Das Trainingszentrum Puntigam ruft. Werdet ihr den Postplatz vermissen?
Michael Erlitz: Nein. Das liegt aber vor allem daran, dass wir auch mit dem neuen Trainingszentrum dennoch weiterhin auch den Postplatz nutzen werden. In Puntigam wird es einen Rasenplatz geben und zwei Kunstrasenfelder. Der Kunstrasen wird allerdings nicht die Bundesliga-Maße haben. Insgesamt ist das dann zwar mit Messendorf vergleichbar, manchmal wird aber am Rasen auch die Jugend trainieren. Daher wird dann unter der Woche der Postplatz unser Trainingsplatz bleiben und auf Sicht die Spielabschlusstrainings und Matches in Puntigam durchgeführt werden.
SturmNetz: Ihr verlagert im Herbst alles nach Puntigam. Was passiert mit der Infrastruktur am Postplatz?
ME: Die Büros wandern nach Puntigam, was auch sehr toll ist. Aber dadurch, dass wir auch den Postplatz weiter nutzen werden, werden die Räume als Besprechungs- und Analyseräume erhalten. Gerade auch der Physioraum ist vor den Trainings oft ein beliebter Treffpunkt für die Spielerinnen. Wenn die Physios werkeln, rennt oft der Schmäh schon bevor der Tag losgeht. Dennoch: Der Hauptarbeitsplatz wird für mich und uns dann Puntigam werden.

Der Kraft- und Physioraum am Postplatz. Das gab es vor 2 Jahren noch nicht. (c) Sturmtifo, Neugebauer
SN: Mit welchem Datum rechnest du jetzt? Wann wird es das Eröffnungsspiel geben?
ME: Wir wurden jetzt auf den November vorbereitet. Dort wird gesiedelt. Das letzte Heimspiel vor der Winterpause in der Frauen-Bundesliga soll dann das Eröffnungsspiel sein. (Anm. 15.11. um 14:00 Uhr gegen die Vienna).
SN: Dürfen dort auch die Profis von den Männern spielen?
ME: Nein, es werden keine Spiele der Profis bzw von Sturm II in Puntigam stattfinden.
SN: Grundsätzlich gut, wenn die Frauen wo die Chefinnen sein dürfen, oder?
ME: Ich will ehrlich sein: Wir merken seit etwa einem Jahr, dass wir es schon etwas leichter haben als die Zweier. Sie trainieren zwar derzeit auch manchmal auf unserem Trainingsplatz, müssen aber ständig herumfahren. Das ist für sie nicht ideal. Da möchte ich schon betonen, dass wir auch wegen Michael Parensen deutlich einfachere und klarere Verhältnisse haben. Michael Parensen steht beim Frauenbereich schon sehr dahinter.
SN: Ist Michael Parensen da anders als Andi Schicker es war?
ME: Das würde ich nicht sagen. Es ist schwer zu vergleichen, weil die Zeiten andere sind. Andi Schicker hat mir sehr geholfen. Seine Arbeit war anders. Aber ohne seine Arbeit hätte der Verein die finanziellen Mittel gar nicht, mit denen Michael Parensen nun für die Frauen mehr möglich gemacht hat. Schicker war für mich immer als Ansprechperson da, zeigte Verständnis. Aber er hatte seine Priorität halt ausschließlich bei den Männern. Trotzdem – das Budget, das wir jetzt haben, haben wir nur, weil unter Andi Schicker der sportliche Erfolg in positive wirtschaftliche Ergebnisse umgemünzt wurde. Man kann die Frauen finanziell nicht von den Männern entkoppeln.

Immer auch das Frauenteam im Blick: Vorstandsmitglied Susanne Gorny und Michael Parensen. (c) Sturmtifo, Neugebauer
SN: Schwer zu entkopplen kann man derzeit auch den SK Sturm Graz vom LUV Graz, wenn es um den Frauenfußball geht. Ihr habt hier seit einiger Zeit eine sehr enge Kooperation. Im Vorjahr stand der LUV in der zweiten Liga abstiegsgefährdet in der Wintertabelle da. Mit der Kooperation konnte im Frühjahr der Turnaround geschafft werden. Es gibt mit Sturm und der Austria (Anm. Landhaus) nur zwei Bundesliga-Teams, die eine Regelungslücke des ÖFB ausnutzen und mit Teams der zweiten Liga kooperieren. Stößt das nicht auch auf Kritik?
ME: Unser Austausch mit dem LUV Graz ist wirklich sehr gut. Mit René Gaar (Anm. sportlicher Leiter) sprechen wir uns wöchentlich ab. Für uns ist es wichtig zu wissen, was für ein Bedarf beim LUV besteht und welchen Akademie-Spielerinnen wir dort auf gutem Niveau zu Spielzeit verhelfen können. Das hat bereits oft hervorragend funktioniert. Die Regelung, die du ansprichst, ist aktuell aber auf U22-Spielerinnen begrenzt. Wir haben wegen der Akademie natürlich viele junge Spielerinnen, aber bei Linda Popofsits (Anm. Stürmerin, Ü22) bedeutet das beispielsweise, dass wir sie verleihen mussten. Sie kann bis zur nächsten Transferphase nicht für uns zum Einsatz kommen.
SN: Und von den anderen Teams, die so etwas nicht haben, gibt es dann blöde Kommentare bei den Liga-Sitzungen?
ME: Nein, so ist das jetzt auch wieder nicht. Diese „Nicht-Regelung“ ist ja für alle gleich, jedes Team dürfte das machen. Im Moment sind das eben nur die Austria und wir. Man hört bei den Sitzungen aber schon immer wieder auch Stimmen, die sich wünschen, dass es da eine Regelung wie bei den Männern gibt, dass man das auf drei bis fünf Spielerinnen begrenzt.
SN: Das heißt, das wird bis auf Weiteres auch ausgenutzt.
ME: Ja, weil wir viele gute Nachwuchsspielerinnen haben. Die Austria macht das wie gesagt auch. Letztes Jahr gab es dort eine Spielerin, die in fünf oder sechs Bewerben eingesetzt wurde. Das kommt dann eben vor. Wir haben derzeit, glaube ich, zwölf Spielerinnen auf der Liste, die für Sturm und LUV einsetzbar sind.
SN: Wie ist das mit dem Trainer der LUV-Frauen?
ME: Leo Paulitsch (Anm. LUV-Trainer Frauenteam) war unser Akademietrainer und wir haben im Austausch mit dem LUV gesagt, dass es sinnvoll wäre, ihn zum Frauentrainer dort zu machen. Und eben, dass ein Großteil seines Teams dann auch dorthin wechselt.
SN: Wie viel entscheidet ihr beim LUV Graz?
ME: Wir entscheiden alles gemeinsam.
SN: Also die Obfrau sitzt dann bei dir im Postplatz-Container und ihr redet alles durch?
ME: Die Obfrau ist nicht so oft da, weil sie sich nicht in die sportliche Belange einmischen möchte. Aber mit dem sportlichen Leiter wird eigentlich alles abgesprochen.
SN: Wer zahlt den Trainer?
ME: Der LUV in jedem Fall.
SN: Und wie viel Geld vom SK Sturm steckt im LUV?
ME: Null. Das ist ein komplett eigenes Projekt.

Die Postplatz-Kabine wird bald seltener frequentiert. (c) Sturmtifo, Neugebauer
SN: Geld und Personal sind auch gute Themen gegen Ende der Transferperiode. Ihr habt fantastische neue Spielerinnen geholt, aber auch abgegeben. Kristin Krammer ist als Torfrau Anfang August nach Malmö gewechselt und Valentina Forobosko, ein großes ÖFB-Nachwuchstalent, wechselte ins Südburgenland. Zudem stehen auch Wechsel von Mia Richter und Mia Gavrić an. Warum?
ME: Kristin Krammer war im Frühjahr eine tolle Lösung für uns vom 1. FC Nürnberg. Sie hatte dort keine Spielzeit mehr und brauchte dringend Minuten nach einer langwierigen Verletzung. Wir selbst hatten keine fitte Torhüterin außer Mia Richter, die noch etwas zu jung war. Im Sommer haben wir aber mit Sarah-Lisa Dübel die Wunschkandidatin unseres Trainerstabs verpflichten können. Zudem kehrt Vanessa Gritzner aus einer Verletzung zurück. Da war klar, dass wir Kristin Krammer einen Wechsel ermöglichen wollen.
SN: Und wieso wechseln gleich drei junge Spielerinnen weg? Das sind ja sehr talentierte Kickerinnen…
ME: Mia Richter hatte ein Angebot aus Nürnberg. Sie ist noch jung und hätte bei uns nur über den LUV Minuten sammeln können. Wir legen unseren Talenten keine Steine in den Weg, wenn sie es probieren wollen und wünschen ihr deshalb für Nürnberg alles Gute. Es ist toll, dass wir nach Mariella El Sherif eine weitere Eigenbau-Torfrau auf ein internationales Niveau bringen konnten – das spricht für die Trainer. Bei Mia Gavrić ist es so, dass sie Spielzeit benötigt, die sie bei ZNK Međimurje Cakovec bekommen wird. Sollte die Entwicklung für beide Seiten passen, können wir sie auch wieder zurückholen. Wir waren mit ihr bei uns eigentlich sehr zufrieden. Valentina Forobosko wollte ebenfalls mehr Spielzeit, die sie vermutlich nur beim LUV in der zweiten Liga bekommen hätte. Wir haben ihrem Wunsch entsprochen und eine Leihe mit Südburgenland ausgehandelt. Mit dem FC Südburgenland ist das Verhältnis eigentlich auch sehr gut, daher fanden wir diese Lösung am sinnvollsten.

Ein Kommen und Gehen bei den jungen Spielerinnen. (c) Sturmtifo, Neugebauer
Ungeduld, Finanzen und Öffentlichkeitswirksamkeit
SN: Ist diese Ungeduld bei den jungen Spielerinnen eine Sache, die von ihnen selbst kommt, oder vermutest du da Druck von außen? Spielerberater, Eltern…?
ME: Ich denke, des ist eine Mischung aus vielen Faktoren. Alle sehen, dass im Frauenfußball etwas weitergeht. Alle wollen sich durchsetzen, Spielzeit, sich präsentieren. Ich kann es zwar verstehen, aber bei manchen Wechseln würde ich anders entscheiden. Wir hatten Spielerinnen, die wegen der großen Klubnamen dann nach Deutschland in eine U19 wechseln, vielleicht manchmal bei den Profis mittrainieren dürfen, aber eigentlich wenig Aussicht auf einen schnellen Aufstieg haben… Da frage ich mich schon, ob es nicht schlauer wäre, einen Schritt nach dem anderen zu machen und nicht Schritte zu überspringen.
SN: Schaut ihr da nach wie vor durch die Finger, wenn Jugendspielerinnen ins Ausland wechseln?
ME: Ja. Leider gibt es international noch immer keine Regelung im Frauenfußball für Ausbildungsentschädigungen. Das System ist für mich veraltet. Der Frauenfußball ist jetzt weiter. Früher war es im Sinne der Spielerinnen von kleineren Ländern, dass sie leichter wechseln konnten. Jetzt haben große Ligen und Klubs mehr Geld, dadurch geht das zulasten der kleinen Vereine und kleineren Ligen. Wir bilden ständig Spielerinnen aus, für die wir dann keinen Cent sehen. Das muss sich ändern.
SN: Ihr selbst seid ja aber auch kein ganz unerfahrener Verein mehr. Du bist nun auch schon länger dabei und hast einen besseren Überblick. Nützt euch dieses System nicht auch, wenn ihr zum Beispiel Spielerinnen aus dem Süden holt?
ME: Ich bin jetzt seit fünf Jahren dabei, aber noch immer der komplett gleichen Meinung. Der ÖFB kann da nichts dafür, das muss die FIFA ändern. Wir haben eine super Akademiearbeit. Und was bei mir schon auch klare Handschrift ist: Wir holen in der Regel nur arrivierte Spielerinnen dazu. Die jungen bilden wir uns selbst aus.
SN: Würdest du sagen, dass der Kader 2026/27 der erste Kader ist, bei dem du so richtig alles umsetzen konntest, was dir vorschwebte?
ME: Das kann man so sagen, ja. Ein paar Sachen haben diesmal vom Timing her auch einfach gepasst. Brigitta Pulins (Anm. Leihe aus Zürich) hatten wir schon länger am Schirm, aber erst jetzt war es möglich. Finanziell wäre sie für uns nicht zu stemmen, aber durch den Trainerinnenwechsel in der Schweiz, wollte der Klub ihr Spielzeit verschaffen. Lilla Sipos (Anm. aus Südburgenland) war ohne Vertrag. Da war für mich klar, dass ich die Chance nutzen musste. Manchmal müssen wir natürlich auch Ablösen bezahlen, aber ich bleibe dabei, dass wir uns vor allem Ablösen verdient hätten, wenn gute junge Spielerinnen ins Ausland wechseln.

Brigitta Pulins wirbelt zumindest für diese Saison beim SK Sturm. (c) Sturmtifo, Neugebauer
SN: Sipos und Pulins haben bereits richtig eingeschlagen in der Offensive. Wie sehen da die Pläne aus? Sind beide über die Saison hinaus zu halten?
ME: Mein Wunsch wäre es einerseits, Sipos bis zu ihrem Karriereende zu halten. Sie ist einfach ein Wahnsinn auch als Vorbild im Training für die Jugend. Und bei Brigitta Pulins müssen wir schauen. Selbst wenn sie nächstes Jahr billiger zu haben wäre, weil ihr Vertrag bald ausläuft, reden wir bei Zürich noch immer von Schweizer Dimensionen.
SN: Dennoch hast du es für dieses Jahr geschafft, am Transfermarkt Erfahrung in ein sehr junges Team zu holen.
ME: Genau. Ich denke, dass die neuen Spielerinnen einer sehr jungen Mannschaft nun Stabilität verleihen. Und natürlich muss man auch sagen: da sind einige junge auch schon länger dabei mittlerweile. Marie Spieß, Lena Breznik, Julia Keutz und viele andere werden ja auch älter. Logischerweise bringt uns auch deren Erfahrung weiter.
SN: Schlechter werden sie nicht.
ME: Schlechter werden sie nicht und ich glaube wirklich, dass dieses Team auf dem Weg ist, eine richtig gestandene Mannschaft zu werden, wenn wir sie zusammenhalten können.
SN: Apropos zusammenhalten. Wie langfristig kannst du budgetär planen? Bestimmt laufen dir bei so vielen jungen Spielerinnen ständig Verträge aus…
ME: Das sind jedes Jahr anstrengende Verhandlungen. Wir wissen immer erst sehr spät, wie genau unser Budget aussehen wird. Da sind wir komplett abhängig von den Männern.
SN: Ihr bräuchtet also als Frauen eigentlich mehr große und eigene Sponsoren?
ME: Ja, genau. Das ist definitiv ein wichtiges Thema und ein großer Punkt in meiner Arbeit aktuell. Wir versuchen in vielen Gesprächen auch die Vorteile aufzuzeigen. Den Frauenfußball dezidiert und exklusiv zu fördern kann ja auch ein gutes Branding bedeuten. Aber solange wir von den Männern so sehr abhängig sind, wird sich da leider nicht viel ändern. Und das heißt, dass auch die Verhandlungen mit den Spielerinnen schwierig bleiben.
SN: Kannst du dann überhaupt langfristige Verträge schließen?
ME: Eigentlich nicht, nein.
SN: Das bedeutet, wegen der kurzfristigen budgetären Planungszeit des Vereins kannst du eigentlich nie weiter als ein, zwei Jahre im Voraus planen?
ME: So ist es. Wir machen leider keine Verträge die länger sind, weil das wirtschaftlich nicht seriös wäre.
SN: Wie offen ist der Verein dafür, bei den Frauen exklusiven Sponsoren viel Platz auf Trikots und am Merch einzuräumen?
ME: Der Verein ist sehr offen dafür. Alle wollen, dass die Frauen finanziell möglichst unabhängig und erfolgreich funktionieren können. Leider ist die Rückmeldung der Sponsoren und Unternehmen oft, dass für Leistungen bei den Frauen dann aber VIP-Tickets oder Meet & Greets bei den Herren gewünscht wären und das ist natürlich schwer machbar, wenn es sich um eine andere Abteilung handelt. Saisonkarten, Werbeschilder, Trikotsponsoring bei uns ist für viele leider noch nicht so attraktiv wie es sein sollte.
SN: Trotzdem verändert sich die Öffentlichkeitsarbeit nicht nur bei Sturm, sondern auch in der Liga. Neben ÖFB.TV und ORF Sport Plus überträgt nun auch Laola1 Bundesliga-Spiele. Ein Fortschritt, oder?
ME: Das ist noch zu kurzfristig zu bewerten. Aber natürlich – der ORF im Vorjahr, jetzt ein Spiel pro Spieltag bei Laola1 – erhöhte Sichtbarkeit und immer mehr Medienberichte, wie auch vom Kicker oder vom Kurier, helfen bei der Suche nach Geldgebern.
SN: Bist du da als Funktionär im Frauenbereich in einer ähnlichen Ungeduldsschleife gefangen, wie die jungen Spielerinnen, die ihren Durchbruch wollen?
ME: Definitiv. Wir alle träumen von Sphären wie beim Männerfußball. Natürlich wollen wir da so schnell wie möglich hinkommen. Aber ich bleibe dabei: nichts überstürzen und ein Schritt nach dem anderen. Wir investieren für unsere Verhältnisse in diesem Bereich wirklich viel und ein langsamer Aufbau, der nachhaltig ist, macht Sinn. Ich bin, wie gesagt, jetzt das fünfte Jahr beim SK Sturm und erlebe selbst, was alles weitergeht, seit ich hierhergekommen bin. Es macht mir Spaß, etwas zu entwickeln.

Ein paar mehr Sponsoren nur für die Frauen würden auch Coach Djaković nicht schaden. (c) Sturmtifo, Neugebauer
Liga-Entwicklung, Lizenz und sportliche Aussichten
SN: Ist es dennoch manchmal auch hart, wenn man nach Wien zur Austria oder zu Rapid schaut, wo viel Aufmerksamkeit hingeht und die Sprünge in kurzer Zeit sehr groß wirken?
ME: Bei der Austria bin ich nicht involviert genug. Die Frage ist, wie lange sie das finanziell halten können. Ohne Einzug in die Champions League könnte das vielleicht schwierig werden. Es sieht von außen so aus, als wollte der Verein einfach schnell einen Titel haben. Wenn sie in die Champions League reinkommen, dann kommt schon nochmal Geld in die Abteilung und es könnte auch länger gut funktionieren. Wenn nicht, bin ich gespannt, wie es in den nächsten Jahren so aussieht.
SN: Und bei Rapid? Neulengbach hat ja das Lizenzierungsverfahren nicht überstanden und ist insolvent gegangen. Viele Spielerinnen sind dann nach Hütteldorf. Warum eigentlich nicht zu Sturm?
ME: Wirtschaftlich war das Lizenzierungsverfahren ja nicht die Ursache. Der Verein war offensichtlich wirtschaftlich stark in den roten Zahlen. Da gehörte ja auch die Männerabteilung dazu. Wenn man kein finanzstarkes Männerteam hat, wird es im Frauenfußball immer schwerer, das Niveau zu halten. Was die Spielerinnen angeht, hat das einen sportlichen Hintergrund. Da war keine, die in unser Spielsystem gepasst hätte und uns verstärken hätte können. Für einen Aufsteiger wie Rapid ist das etwas Anderes. Die wollen oben bleiben, sich etablieren, da passt das auch gut. Rapid macht es, was die Öffentlichkeitsarbeit im Frauenbereich angeht, sehr gut.
SN: Die Wildcats Krottendorf wären übrigens eigentlich aufstiegsberechtigt gewesen, hätten sie nicht die Lizenz versemmelt. So war die Rapid Nutznießerin. Zufall?
ME: Dass Rapid dadurch begünstigt war, war Zufall, ja. Das lag einfach daran, dass Krottendorf keine Jugendmannschaft nachweisen konnte. Das bräuchte es dem Regularium nach und hätte man auch bei den seit drei Jahren angebotenen Probe-Prüfverfahren rausfinden können. Ich glaube auch, dass es den Leuten in Krottendorf bewusst war, sie aber nicht rechtzeitig dazu gekommen sind. Einfach dumm gelaufen. Jetzt haben sie eine Spielgemeinschaft angemeldet, dementsprechend dürfte es ihnen nicht nochmal passieren.

Lilla Sipos ist hoffentlich gekommen um zu bleiben. (c) Sturmtifo, Neugebauer
SN: Die Liga läuft und ihr konntet bislang jedes Spiel gewinnen. Euer Budget ist erneut das dritthöchste – ist der logische Schluss, dass ihr dann auch Platz drei bzw. einen internationalen Startplatz als Ziel ausgebt?
ME: Genau. Wir haben keine andere Zielsetzung, auch wenn der Kader nominell etwas stärker sein dürfte als in den Vorjahren.
SN: Weil die Gegnerinnen auch stärker geworden sind…?
ME: Man muss auf jeden Fall dranbleiben. Altach, Salzburg, der LASK – das sind alles Teams, die gut arbeiten. Die Austria hat sich verstärkt. St. Pölten ist zumindest nicht schlechter geworden. Das bedeutet, wenn wir da mithalten wollen, müssen wir eben auch was machen. Wir können immer sagen, wir wollen Meister werden – klar. Aber realistisch ist erstmal auf das obere Playoff zu schauen…
SN: …und den Abstand auf St. Pölten verringern?
ME: Wir wollen den Abstand zur Austria verringern. Wir wollen den Abstand zu St. Pölten verringern. Wir wollen den Abstand nach hinten vergrößern. Wir wollen international spielen. Das sind alles Punkte, die wir uns wünschen, aber nicht fordern können.
SN: Aber ihr habt das dritthöchste Budget…
ME: Das Budget ist auch nicht immer alles. Wenn der LASK einen guten Lauf hat, oder Salzburg einen bekommt… Gerade in Salzburg braucht es meiner Meinung nach auch nicht so viel Geld wie anderswo. Die haben eine fantastische Infrastruktur, sehr gut ausgebildeten Staff mit tollen Jugendspielerinnen. Vielleicht haben die nur zwei Drittel von unserem Budget, aber wenn die am Ende vor uns sind, darf man sich bei deren Bedingungen auch nicht wundern. Die anderen leisten auch sehr gute Arbeit und das liegt nicht nur am Geld.

Der Kader ist gut besetzt in diesem Jahr, zeigt Michael Erlitz. (c) Sturmtifo, Neugebauer
SN: Eine andere Komponente ist auch die Schiedsrichterkomponente. Im letzten Cupfinale waren Teile des SchiedsrichterInnen-Teams nur berechtigt für die Oberliga der Herren und dann pfeifen die eines der wichtigsten Spiele im Frauenfußball. Wie geht sowas?
ME: Das Argument, dass die größten Spiele auch von Frauen geleitet werden sollten – auch für die Bilder – ist für uns nicht ideal. Es ist der Wunsch von allen Vereinen bei der letzten Sitzung gewesen, dass die wichtigsten Spiele von den qualitativ besten gepfiffen werden sollten. Wenn das ein Mann ist, dann ist es eben ein Mann. Wir allen wollen im Frauenbereich lieber eine Frau, aber derzeit ist da in Österreich keine. Das Problem haben wir auch im Funktionärsbereich, im Trainerstab… Wenn ich keine Frau in dem Bereich habe, dann kann ich machen, was ich will. Dann muss ich einen Mann hingeben, der die Qualität hat. Nur, weil eine Oberliga-Schiedsrichterin das will, kann ich sie nicht das Cupfinale pfeifen lassen.
SN: Gleichzeitig muss man schon auch die Rahmenbedingungen sehen. Auch die finanziellen, die zeitlichen, die Zukunftsperspektive…
ME: Ich gebe dir vollkommen recht. Man kann niemanden zwingen und das sind eben Jobs, die verdammt viel Zeit brauchen und viele Opfer erfordern. Aber im Frauenbereich bewegen wir uns auf einem niedrigen Niveau für alle. Ich traue mich zu sagen: Bei Sturm Graz am Postplatz im Trainerteam, macht es finanziell keinen Unterschied ob da eine Frau oder ein Mann sitzt. Es muss die Entscheidung kommen: Ich will da jetzt sitzen und ich mache nur das. Ich pfeife auf Freunde, Familie und schenke meine ganze Zeit dem Verein. Ich hab das als Mann entschieden. Aber genauso kann das eine Frau tun.
SN: Was ist mit den Frauen passiert, die ihr über den Nachwuchsbereich aufbauen wolltet?
ME: Wir haben es probiert sie zu forcieren und anzuschieben. Sie haben sich trotzdem gegen den Fußballbereich entschieden. Nachgekommen sind nur Männer. Die Bedingungen wären die gleichen. Sowohl beim Landesverband, beim LUV als auch bei uns. Wir wollen qualifizierte Frauen und wir würden sie auch fördern.

Vorstands-Mitglied Susanne Gorny hält sich im Hintergrund und ist doch ganz nah am Frauenteam. (c) Sturmtifo, Neugebauer
Europa, Fankultur und Trikots
SN: Wechseln wir zum UEFA Europa Cup. Ihr steigt in Qualifikations-Runde 1 gegen die litauischen Serienmeisterinnen vom FC Gintra ein. Sturm spielte mal gegen ein lettisches Team und kam weiter. Ist das vergleichbar?
ME: Es ist schwierig einzuordnen, weil wir keinen wirklichen sportlichen Vergleich haben. Das Trainerteam hat sich drei Partien von ihnen angesehen. Wir wollen da nichts runterreden. Ich denke, die sind sportlich auf einem vergleichbaren Level wie wir. Aber es ist etwas Anderes als Ajax im Vorjahr. Wir fahren da schon hin, um etwas zu holen.
SN: In der zweiten Quali-Runde würde vermutlich ein gesetztes, stärkeres Team aus der CL-Quali warten. Es ist unwahrscheinlich, dass die Hürde dann noch machbar ist. Der Wettbewerb bestünde (inklusive der zwei Quali-Runden) nur aus sechs K.O.-Runden. Lohnt sich das überhaupt finanziell?
ME: Finanziell bekommt man in der ersten Quali-Runde einen höheren fünfstelligen Betrag und dieser Betrag ist dann jede Runde um etwa 5.000€ höher. Diese Beträge sind für Hin- und Rückspiele zusammen zu rechnen. Wenn deine Gegner geografisch weiter weg sind, wird es eng, dass es sich rechnet. Wenn die Auslosung günstiger ist, dann bleibt was übrig.
SN: Da gibt es also auch keinen großen Sprung von Quali-Runde 2 auf das Achtelfinale?
ME: Das müsste ich mir im Detail anschauen, aber man wird im Europa Cup nicht reich. Man agiert da hauptsächlich kostendeckend. Jetzt mit Litauen könnte es sich gut ausgehen, aber man muss eben alle Kosten einrechnen (Anm. Flug, Hotel, Spesen…).
SN: Wie oft muss der SK Sturm noch die erste Quali-Runde überstehen und dann ausscheiden, um irgendwann gesetzt zu sein und bessere Aussichten zu haben?
ME: Wir haben derzeit 4.000 Punkte und das erste gesetzte Team hat 7.400 Punkte. In diese Setzliste fällt aber auch die Qualität aller Starterinnen aus Österreich rein. Also es ist auch wichtig, wie die Austria und St. Pölten sich anstellen. Die Länderpunkte sind wichtig, wir müssen alle Gas geben.
SN: Mit dem Verein Schwarze Katze gibt es erstmals einen Fanclub, der sich dezidiert feministisch deklariert. Alle dürfen Mitglieder werden, aber Männer sind nicht stimmberechtigt. Der Fanclub supportet sowohl die Männer als auch die Frauen. Kennst du den Fanclub? Seid ihr in Kontakt?
ME: Ja, ich finde die Initiative toll und hatte bereits Kontakt mit den Verantwortlichen. Sie setzen sich sehr ein rund um Spieltagsorganisation und bringen Ideen an uns heran. Stimmung zu machen ist natürlich schwierig, weil sie noch nicht so viele Leute sind. Aber es ist schön, dass sich etwas tut. Ich finde es auch gut, dass der Fanclub Frauen und Männer unterstützt – wir sind ja auch ein Verein. Der Wunsch wäre trotzdem natürlich ein kleines Stadion-Feeling bei den Frauen zu etablieren. Wenn einer der Fanclubs der Männer auch mal zu den Frauen käme, wäre ich jetzt auch nicht bös‘.

Nach fünf Jahren im Amt bestens vernetzt: Michael Erlitz (mit Susanne Gorny). (c) Sturmtifo, Neugebauer
SN: Das ist natürlich viel verlangt von den Fanclubs in der Nordkurve bei dem dichten Kalender der Männer. Mit Choreo-Vorbereitungen, Absprachen, Treffen, Auswärtsfahrten, Europa League usw. wird es wohl kaum noch Kapazitäten für die Frauen geben…
ME: Ich verstehe das voll, kann das nachvollziehen. Trotzdem: Bei der Austria wird gesungen, Rapid schafft das recht gut und bei Red Bull Salzburg hatten wir zuletzt sogar Trommeln, Transparente, Pyro und Gesang über 90 Minuten. Das war etwas überraschend und unerwartet von Red Bull Salzburg, aber wirklich die beste Stimmung, die wir bei einem Frauenmatch in Österreich je hatten. Schade einfach, dass wir das bei Sturm noch nicht geschafft haben.
SN: Wie wird das beim TZ in Puntigam sein? Gibt es da die Möglichkeit eines Fanblocks?
ME: Hinter dem Tor gibt es keine Tribüne, aber grundsätzlich ist die Längsseite gut geeignet und es wäre schön wenn sich da was organisiert.
SN: Wie hat sich das bei den Spielerinnen entwickelt? Gibt es viel Kontakt mit Fans, Schulen, Kindern…?
ME: Es hat sich seit einigen Jahren etabliert, dass bei den Schulbesuchen Frauen und Männer kommen. Auch bei Sommercamps werden immer auch Frauen gefragt. Unsere Spielerinnen sind total offen dafür und machen da auch gerne mit.
SN: Apropos Sichtbarkeit. Wie sieht es beim Merchandising aus?
ME: Seit letzter Saison kann man sich die Sturm-Trikots der Frauen auch im Sturmshop kaufen. Mit unserem Trikotsponsor und Rückennummer, Namen. Wer ein Trikot wie unsere Spielerinnen haben will, kann sich das gerne holen. Unsere Frau im Vorstand, Susanne Gorny, war da wirklich dahinter, dass das passiert. Wir ziehen da an einem Strang.
Vielen Dank für das Gespräch.

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