Verdiente Niederlage, aber ein Aufstiegschancerl bleibt
Einen unangenehmen Gegner bekam der SK Sturm Graz nach dem Aufstieg gegen Heart of Midlothian zugelost: Fenerbahce SK aus Istanbul. Die Türken, die in den letzten Jahren von Jose Mourinho und Domenico Tedesco gecoacht wurden, befanden sich nach erneutem Trainerwechsel noch mitten im Kaderumbruch während des Transferfensters. Dennoch hatte auch der türkische Vize-Meister bereits eine Quali-Runde überstanden und in diesem Sommer bereits einige türkische Lira in den Kader gebuttert. Sowohl Jahresbudget als auch Kadermarktwert lagen deutlich über jenen des SK Sturm. Dementsprechend ging Fener als deutlicher Favorit in das Spiel im Şükrü Saracoğlu Stadion.
Deutliche Unterlegenheit und Fehlstart
Der SK Sturm ging mit schwarzen Leibchen ohne Puntigamer-Aufdruck und der gleichen Startelf wie gegen Heart ins Spiel. Doch die Defensive, die sich Jatta, Wlodarczyk, Hödl und Seidl diesmal entgegenstellte, hörte auf klingende Namen wie Škriniar, Aké, Guendouzi oder N’golo Kanté. Während sich vorne geballte Klasse mit internationaler Erfahrung gegen die Schwoazen aufbäumte, hatten hinten Vallci, Mitchell, Stanković und Weinhandl mit Asensio, Aktürkoğlu, Talisca und Greenwood alle Hände voll zu tun. Kurz: an einem normalen Arbeitstag, gab es für Sturm im Istanbuler Stadtteil Kadıköy wenig bis nichts zu holen.

In Kadıköy prallte Sturm in Hälfte eins am starken Gegner ab. (c) Sturmtifo
Dass die Vorzeichen statistisch nicht gut standen, unterstrich ein früher Gegentreffer von Talisca in der 9. Minute. Aktürkoğlu hatte davor gegen Vallci Stehvermögen bewiesen und das Auge für den Torschützen gehabt, der sich das Leder auf engstem Raum für den strammen Schuss zurechtrichten konnte. Ein äußerst ereignisloses Spiel war die Folge. Fenerbahce war vor allem an Spielkontrolle interessiert und erarbeitete sich rund 80% Ballbesitz, während der SK Sturm nur mühsam in die Partie und an den Ball kam. Fener strahlte Gefahr ohne große Chancen aus, Sturm blieb auf der Hut. In der 21. Minute stieg Stanković Guendouzi nach dessen Drehung unglücklich auf den Fuß und sah zurecht die gelbe Karte. Kurz danach konnte Oosterwolde nicht weitermachen und wurde durch Brown ersetzt.
In weiterer Folge ließ Fenerbahce Sturm etwas mehr Luft zum Atmen, mehr als Halbchancen vermochten sich die Blackys aber nicht zu erspielen. Seedy Jatta ging nach einem Zweikampf im gegnerischen Strafraum zu Boden. Mit schwarz-weißer Brille ein VAR-Elfmeter und die Chance auf einen Wechsel des Momentums, in der Realität aber sehr vertretbar, dass ein Pfiff ausblieb und nicht beanstandet wurde. Stattdessen münzte Fenerbahce einen Eckball in der 45. Minute zur Vorentscheidung um. Flache Ecke auf Greenwood, zwanzig Meter vor dem Tor – Volleyabnahme – 2:0. Khudyakov hätte in der kurzen Ecke womöglich halten können, wäre da nicht so viel Verkehr vor ihm gewesen… Hätti und Wari diskutierten noch, da pfiff der souveräne Schiedsrichter Kavanagh schon zur Pause.

Einiges zu besprechen nach der ersten Hälfte für die Grazer Defensive. (c) Sturmtifo
Leider keine Änderungen nach der Pause
Die drückende Überlegenheit Fenerbahces ließ in der Pause leider wenig Grund zur Hoffnung zu. Dass Fabio Ingolitsch einen Plan ausgetüftelt hatte, das Ruder herumzureißen, war eher unwahrscheinlich. Positiv hervorzuheben ist der ORF-Kommentator, der in der Live-Übertragung kurz vor dem Anpfiff der zweiten Hälfte die Causa Mason Greenwood mitsamt der Vergewaltigungs-, Gewalt- und Morddrohungsvorwürfe und einer Einordnung darlegte. Auch im Sportbereich ist es die Aufgabe von Medien, über unangenehme und negative Themen zu berichten. „Mason Greenwood ist jedenfalls sicher kein Opfer, sondern viel eher das Gegenteil“, um Daniel Warmuth zu zitieren. So eine Klarheit geschieht medial – gerade in der Fußballberichterstattung – viel zu selten und muss deshalb positiv hervorgehoben werden. Umso bitterer, dass ausgerechnet dieser Spieler gegen Sturm seinen ersten Treffer im Fenerbahce-Trikot erzielen konnte.
Jedenfalls war zur zweiten Hälfte Kayombo für Wlodarczyk gekommen. Das war jedoch die einzige Änderung am Spiel. Sturm hatte weiterhin nur um die 20% Ballbesitz und verlor auch in den zweiten 45 Minuten gut zwei Drittel der Zweikämpfe. Trotzdem geschah in der 53. Minute etwas Unglaubliches: Jürgen Heil eroberte den Ball. Der gelangte zu Jatta und Jatta tanzte zwischen drei Gegnern in den Fünfer, war aber um einen Schritt zu langsam für den Abschluss – da war das laute Stadion für wenige Sekunden verstummt. Die darauffolgende Ecke flog gefährlich durch den Strafraum an die zweite Stange. Leider fehlte der richtige Hax’n, um den Ball über die Linie zu stochern.

Die türkischen Innenverteidiger Aké und Škriniar spielten leider eine starke Partie. (c) Sturmtifo
Sturm probiert mehr, erfolglos
Das Druckphaserl von Sturm wurde jäh beendet durch eine Großchance Greenwoods und danach von Aktürkoğlu, der allerdings im Abseits stand. Roman Mählich verlor sich in der Folge abermals in Lobeshymnen über das technische Vermögen des türkischen Teams, dessen Ballbehandlung und stellte die beschränkten Mittel des SK Sturm gegenüber. Man könne den Grazern keinen Vorwurf machen, sie gäben alles, aber es reiche eben nicht. Ingolitsch reagierte auf Mählich mit einem Dreifachtausch: Fosso, Mamageishvili und Weiper kamen für Weinhandl, Seidl und Jatta, der bis dahin der auffälligste Sturm-Akteur gewesen war.
Die Wechsel bedeuteten etwas mehr Risiko und größere Räume für Fenerbahce. Besagte Räume sorgten für zwei Riesenchancen für Talisca, der zwei Mal am fantastisch parierenden Khudyakov scheiterte. Das 2:0 war mittlerweile glücklich aus Grazer Sicht. Doch bei jeder kleinen Sturm-Chance – Weiper verfehlte mit einem schlecht getroffenen Fallrückzieher in der 71. Minute knapp – flammte die Hoffnung auf ein knapperes Ergebnis für das Rückspiel auf. Sturm agierte weiterhin mit einem Plan und kam in aussichtsreiche Positionen, verlor aber wiederholt durch Ungenauigkeiten bei Ballannahme und im Passspiel den Ball.

Wie immer wurde der SK Sturm von treuen Fans auch auswärts vertreten. (c) Sturmtifo
Gegen Ende der Partie konnte man erkennen, dass Sturm bereits besser in der Saison angekommen war und dank Cup und Meisterschaft mehr Spiele in den Beinen hatte. Die Schwoazen gewannen mehr Duelle und wirkten in der Schlussphase fitter. Die Wechsel von İsmail Kartal hatten nicht den gewünschten Effekt, da wirkten die Bankspieler von Sturm besser ins Spiel eingewoben. Kayombo dribbelte sich zur Grundlinie durch, die Hereingabe antizipierte Weiper leider falsch (84. Minute). Die restlichen Minuten spielte Fenerbahce von der Uhr, ohne gegen die agileren Grazer zittern zu müssen. In der 91. Minute schmiss sich Stanković in höchster Not in einen Schuss um die kleine Chance, das Aufstiegschancerl von Sturm, für das Rückspiel in Liebenau am Leben zu halten…
Der Glaube muss nächste Woche da sein. Das Stadion auch. Und das Glück. Dann kann das ein großer Abend werden. Schwer wird es allemal…



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