Zum 65. Geburtstag von Marcel Boyron

Ein Nachruf auf den im Vorjahr verstorbenen französischen Spielmacher

Alles begann damit, dass es im südfranzösischen Nimes – wo mit Olympique ein in den 70ern konstanter, französischer Erstligist beheimatet ist – einen Local-Hero als Spielgestalter namens Marcel Boyron gab, der ausländischen „Legionnaires“ half, sich unweit der Cote d`Azur einzugewöhnen. Er war auch derjenige, der Heinz Schilcher zur Seite stand, als der junge Fohnsdorfer – 1971 hatte er Sturm verlassen, um mit Ajax Amsterdam internationale Titel einzufahren – im Winter 1974/75 zum Team von Olympique Nimes dazustieß. Auch für ihn nahm sich Marcel Zeit, sprach langsam und bedächtig und half ihm, eine adäquate Unterkunft für sich und seine Frau zu finden.

Marcel BOYRON Panini Nimes 1975-76

(c) Panini Foot 75

Boyron war zu jener Zeit eine echte Konstante im größten Fußballverein der 150.000-Einwohner-Stadt Nimes, der Hauptstadt des Department Gard, einer Römerstadt unweit des Pont du Gard – dem gewaltigen Aquädukts aus dem 1. Jahrhundert nach Christus. Zudem wurde er mit den „Krokodilen“ – eines ist auch im Klupwappen der Rot-Weißen zu sehen – 1972 Französischer Vizemeister. Doch ab der Saison 1976/77 ist Boyron oft am Knie verletzt, vor allem aber lässt er sich immer wieder viel zu wenig Zeit für notwendige Therapien. 1977/78 absolviert Boyron verletzungsbedingt nur mehr vier Spiele. Der Supertechniker machst sich Sorgen um seine berufliche Zukunft – zwar verlängert Nimes seinen Vertrag trotz seiner Ausfälle immer wieder um ein Jahr – doch der Mittelfeldspieler fragt sich, wie lange sein Knie wohl noch mitmacht.

sturm 79

Postkarte 1979: Marcel Boyron sitzend, ganz rechts.

Als Heinz Schilcher im Sommer 1978 nach Graz zurückkehrt, Sturm aber nicht gerade mit spektakulärem Fußball glänzt, erinnert sich der Fohnsdorfer an seinen alten Freund aus Südfrankreich. Dieser ist in Nimes gerade wieder zum Stammspieler avanciert, trotzdem versucht Schilcher Präsident Franz Gady diesen schmackhaft zu machen. Der als äußerst sparsam geltende Boss sieht durchaus eine Notwendigkeit darin, einen echten Spielmacher für Sturm zu verpflichten, knüpft eine etwaige Verpflichtung allerdings an eine Bedingung: „Wenn die Sturmfans einen Boyron wollen, dann sollen sie für ihn auch bezahlen“, lässt Gady verlautbaren und so wird „Boyron-Schilling“ in Graz salonfähig und beinahe umgangssprachlich. Das Ergebnis zeigt eindeutig, dass die Mehrheit der Sturmknofel für den Spielmacher einiges springen hat lassen.

Das Abenteuer Graz beginnt für den lebensfrohen, stets in Denim-Jeans gekleideten Südfranzosen (Denim leitet sich von „de Nimes – aus Nimes“ ab), allerdings deprimierend: Nach der Unterzeichnung des 2 1/2-Jahres-Vertrags bei Sturm, will er sofort seine neue Heimat kennenlernen, spaziert an einem Sonntag durch die Herrengasse  – und steht überall vor verschlossenen Türen. Von der österreichischen Bürokratie ist er überfordert, wundert sich, wie leise es in österreichischen Restaurants zugeht und ist völlig frustriert, wenn er nach harten Deutsch-Einheiten auf Kollegen wie Peter Huberts trifft und danach das Gefühl hat, noch immer kein Wort (tiefstes Weststeirisch) zu verstehen.

Als er am 5.12.1978 auf der Hohen Warte gegen die Vienna debütiert, zeigt Boyrons Stimmungsbarometer endgültig den Nullpunkt: 432 Zuschauer haben sich in das Weite Rund verirrt, zudem ist das Spielfeld schneebedeckt und es herrschen zweistellige Minustemperaturen. Der Südfranzose kann es gar nicht glauben, als das Spiel dann tatsächlich auch noch angepfiffen wird. Da helfen zahlreiche Beschwichtigungen, dass solche Bedingungen selbst in Österreich und im Dezember mehr als unüblich sind, rein gar nichts. Natürlich endet das Spiel mit einem trostlosen 0:0, die Temperaturen erholen sich in dieser Saison erst wieder gegen März, trotzdem ist Marcel Boyron von Beginn an Stammspieler, kommt in seiner ersten Saison auf 18 Meisterschaftseinsätze und erzielt dabei zwei Treffer.

MARCEL BOYRON - STURM GRAZ - 1981

(c) planetenimesolympique

Mit einer Verlegenheitself gestartet, landet das Team rund um Richter und Teilzeit-Trainer Dr. Günther Paulitsch auf dem hervorragenden vierten Platz. Boyron erweist sich als umsichtiger Spielmacher, zwar fehlt es ihm bereits etwas an der Grundschnelligkeit, beweist aber immer Spielverständnis und agiert sehr oft als Torvorbereiter. Weniger gut verläuft die nächste Saison: Im Jubiläumsjahr 1979 verfolgt Sturm eine hartnäckige Abschlussschwäche: So verliert man beispielsweise gegen den GAK vor insgesamt 39.000 Zusehern zweimal innerhalb von sieben Tagen 0:1. Boyron ist als Regisseur gesetzt, auch noch als im März 1980 mit dem Zagreber Otto Baric ein neuer Trainer in Graz anheuert, um die latente Abstiegsgefahr, in der sich Sturm zu diesem Zeitpunkt befand, abzuwenden. Dem Jugoslawen gelang auch der Klassenerhalt, schlussendlich wird es Platz 9, allerdings mit nur drei Punkten Vorsprung auf den Absteiger Vienna.

Seinen sportlichen Höhepunkt erlebt der Südfranzose im Herbst 1980. Mit der Verpflichtung von Bozo Bakota, setzt Sturm zu einem echten Höhenflug an. Die Kampfmaschine Zvonko Breber aus Marburg und der Edeltechniker Marcel Boyron aus Nimes bedienen immer wieder das Sturmduo Jurtin/Bakota und so reicht es zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte zu einem Herbstmeistertitel. „Otto Maximale“ lobt Boyron in den höchsten Tönen: „Für mich ist er das Herz der Mannschaft. Er hat Ballgefühl, Übersicht und beherrscht den tödlichen Pass.“ Dass es am Ende nichts mit dem Meisterteller wurde, daran war Boyron allerdings nicht mehr beteiligt. In den letzten zehn Runden der Frühjahrssaison zwickt wieder sein Knie und er kommt unter Trainer Baric nur noch einmal zum Einsatz. Sturm verlor bekanntlich die Meisterschaft in der letzten Runde und Boyron wurde somit – wie neun Jahre zuvor in Nimes – wieder „nur“ Vizemeister.

MARCEL BOYRON - STURM GRAZ

(c) planetenimesolympique

In der darauffolgenden Saison wurde Boyrons Vertrag nicht mehr verlängert. Mit Breber, Bakota und Stendal waren die drei Legionärsplätze vergeben. Ein Umstand, der den Franzosen nicht sonderlich traurig stimmte. Zwar hatte er sich mittlerweile doch noch in Graz eingelebt, den südfranzösischen Lebensstil unweit der Riviera vermisste er allerdings ganz offen. Obwohl er sich – damals auf der Hohen Warte – geschworen hatte, in seinem ganzen Leben nie mehr sportliche Aktivitäten auf Schnee zu betreiben, war er mittlerweile ein passabler Skifahrer geworden und Stammgast auf der Planai. Und machte den Grazern zum Abschluss noch ein schönes Kompliment, als er meinte, der Österreicher sei dem Franzosen zumindest näher als der Deutsche.

 

Marcel Boyron geht zurück in sein geliebtes Nimes. Olympique, zehn Jahre zuvor noch Vizemeister und durch einen 7:2-Finalerfolg gegen Girondins Bordeaux Sieger im Coppa delle Alpi, spielt mittlerweile nur mehr in der zweithöchsten Leistungsklasse, ein Jahr darauf steigen die „Crocos“ ein weiteres Mal ab. 1984 beendete Boyron, der allererste Franzose nicht nur bei Sturm, sondern überhaupt in der höchsten österreichischen Liga, seine Karriere. Sein weiteres Einkommen bestritt Boyron als Taxifahrer. Der Legende nach, war es für Kunden immer etwas problematisch an seinem Standort, dem Bahnhof von Nimes, mit dem ehemaligen Fußballprofi Kontakt aufzunehmen, da er ständig alle möglichen französischen Sport-Gazetten nach Neuigkeiten über seinen Herzensverein Olympique Nimes durchforstete.

Am 25. April des Vorjahres ist Marcel Boyron nach langer schwerer Krankheit in seiner Heimat verstorben. Zu Graz gab es schon lange keinerlei Berührungspunkte mehr, dennoch traurig, dass man in Österreich vom Ableben überhaupt erst mit einem halben Jahr Verspätung erfuhr.

 

 

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