Where is the love?

Die Sache mit der Liebe

„What’s wrong with the world, Mama?“ – Wenn an einem Sonntag um 16:30 Uhr zum „Topspiel der Runde“ SK Sturm gegen Austria Wien nur rund 2.000 Besucher mehr erscheinen, als eine Klasse tiefer an einem Freitag um 20:30 Uhr, wenn St. Pölten auf Wacker Innsbruck trifft. Spricht das für die Erste Liga oder gegen die Bundesliga? Warum erscheinen zum Schlager des Spieltages gerade einmal 7.000 Fans, wenn der Verein SK Sturm erst vor kurzer Zeit den 100.000. Facebook-Like feierte? Wird der Klub überhaupt richtig geliebt?

Wo ist die Liebe, wenn die Fanclubs ihre in den Verein investierte Zeit lieber damit verbringen, kritische Plakate en masse zu entwerfen, anstatt sich eine tolle Choreografie einfallen zu lassen? Vielleicht ist sie an der Kritikresistenz der Vereinsverantwortlichen erstickt? Wo ist die Liebe, wenn sich die Anzahl der Besucher im Familiensektor mit der Zahl der vom Verein erzielten Tore in der Frühjahrssaison vergleichen lassen? Vielleicht auf den eiskalten Metallsitzen erfroren?

Wo ist die Liebe, wenn in Sektor 16, der „schätzomativ“ aus 70% Über-60-Jährigen besteht, die Treuesten der Treuen mit dem Gedanken spielen, in der nächsten Saison ihr Abonnement abzugeben, weil sie den gleichen „Schweinskick in der Landesliga billiger bekommen können“? Vielleicht vom Frust gefressen? Wo ist die Liebe, wenn sich in einer steirischen Schule mit gut 300 Schülerinnen und Schülern, von denen mit Sicherheit mehr als die Hälfte der Burschen als fußballaffin zu bezeichnen ist, sich nur drei Personen befinden, die dem Liebenauer Stadion regelmäßig einen Besuch abstatten?

© Martin Hirtenfellner Fotografie

© Martin Hirtenfellner Fotografie

Während man in der Bundeshauptstadt als Fußballfreund entweder grün oder violett ist, außer man gehört zu den Randgruppen der anderen Hauptstadtvereine, gibt man sich in der Steiermark lieber als Fan englischer, deutscher oder spanischer Vereine aus, als den größten regionalen Fußballverein zu supporten. Dem SK Sturm kommt immer weniger Liebe entgegen, ganz einfach deshalb, weil das Produkt, welches einem geboten wird, an Unattraktivität kaum zu überbieten ist.

Momentan fühlt es sich so an, als hätte man sich am Anfang der Saison kein Abo für Fußballspiele geholt, sondern für Folter im Zweiwochentakt ein paar hundert Euro hingeblättert. Im letzten Heimspiel gegen die Wiener Austria bin ich zum allerersten Mal in meinem Leben nicht aufgesprungen, als Bright Edomwonyi zum Ausgleich einschob. Aber nicht aus Absicht, es ging einfach nicht dieser Ruck durch den Körper, der mir bis jetzt mein ganzes Leben lang die Glücksmomente in Graz-Liebenau versüßte, auch wenn es nur einen Ehrentreffer zu bejubeln gab, der das Ergebnis beschönigte. Vielleicht auch einfach deshalb, weil ich nicht glauben konnte, dass der SK Sturm ins gegnerische Tor getroffen hatte. Auf jeden Fall konnte ich mich einfach nicht über das Tor meines geliebten Vereins freuen.

Trotzdem werde ich auch gegen die Admira in der Südstadt dabei sein. Mit der Hoffnung, dass dieses Gefühl irgendwann einmal wieder zurückkommt. Denn ich bin Eins mit den Farben, mein Blut wäre, könnte ich es mir aussuchen, sicher schwarz-weiß anstelle dieses hässlichen Rotes. Ja, ich liebe Sturm Graz. Ich liebe aber weder die Geschäftsführung, noch den Trainer, noch die Spieler, denn ich kann mich mit ihnen einfach nicht identifizieren – so wie vermutlich ein Großteil der Fangruppen, Familien, Pensionisten und Schüler. Ich liebe nur den Verein und den Verein ganz allein.

Auch wenn der Frust über die ungenügende Chancenverwertung, das Schöngerede des Cheftrainers oder über die Tatsache, dass Sanitäreinrichtungen mit einer grässlich gelben Wandfarbe und mit Pissoirs in Mini-Größe errichtet wurden und das Budget anscheinend nicht einmal für einen Papierkorb reichte, überwiegt, darf nicht damit aufgehört werden, den Sportklub Sturm zu unterstützen. Das Stadion muss weiterhin befüllt werden, auch, wenn man sich lieber einer Darmspiegelung unterziehen würde. Der Fußball lebt von den Fans und somit auch der SK Sturm. Mit der Hoffnung auf bessere Zeiten.

We’ve only got one Sturm Graz!

 

11 Kommentare

  1. Rockstar Rockstar sagt:

    Die Wiener haben aber mit den gleichen Problemen zu kämpfen. Gegen Real Madrid oder PSG kommt halt auch Rapid nicht an. Der Vorteil ist einfach dass der Markt dort größer ist, und einfach potentiell mehr Leute zu den Spielen kommen. Die Austria hat doch nach wie vor einen geringeren Zuschauerschnitt als Sturm oder?

    Spricht mir durchaus aus meiner ebenfalls leidgeprüften Seele, dieser Artikel, bin nur nicht ganz so frustriert weil ich unser Spiel nicht ganz so schlecht finde wie es oft dargestellt wird.

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    • mahoni sagt:

      Ja, Sturm hat noch immer mehr Zuseher als die Wiener. Aber sollten wir uns an denen orientieren? Wir sollten jedes Spiel ausverkauft haben und den höchsten Zuseherschnitt haben. Das Potential hätte Sturm locker!

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    • lollo sagt:

      Es hat mal Zeiten gegeben als sich in Graz 23.000 Zuseher ins Stadion verirrt haben, der Großteil entfiel auf Sturm – der Rest auf den ehemaligen Lokalrivalen. Es hat sich halt insofern geändert, als das sich eine gewisse Klientel den Stadionbesuch nicht mehr leisten kann, eine andere Gruppe möchte es sich nicht mehr leisten und die Jugend wächst heutzutage statt mit der Kombination aus Sturm und Barca/Bayern/Real nur mehr mit der internationalen Truppe auf. Die Sache ist einfach die, damals musste man nicht großartig viel tun und die Leute kamen einfach, heute müsste man deutlich mehr bieten können, hängt gefühlt aber noch in der 90er-Schleife fest.

       

      Mit der Zeit senkt man eben seine Erwartungen, dann ist es nicht mehr so schlimm wenn Sturm ein Match lang keine Torchance erspielt und gegen einen Abstiegskandidaten sogar ein Xerl holt. Gerade die Anpassung würde es auch so leicht machen Euphorie aufzubauen, weil es aktuell nicht viel brauchen würde damit jeder in Jubelstürme ausbrechen würde.

       

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  2. mahoni sagt:

    Danke. Besser hätte man es nicht schreiben können. Top!

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  3. Neukirchner sagt:

    Sehr fein. Ich denke genauso geht’s vielen. Interessant zu wissen wäre, wieviel Trikots mit Namensbeflockung in dieser Saison bislang verkauft wurden. Beim Verkauf der Saison Karten wird es im Sommer aber einen massiven Rückgang geben, insoferne man nicht endlich die Weichen in eine komplett andere Richtung stellt.

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  4. Lupo sagt:

    Danke Christian, für den-meiner Meinung nach-überaus treffenden Artikel, der mir aus der Seele spricht. Auch mich, als jahrzehntelanges Sturmmitglied, hat es beim Ausgleich nicht von den Sitzen gerissen. Nicht weil ich es Edi nicht vergönnt hätte. Mir tut der Junge irgendwie leid, aber weil derzeit der Funke einfach nicht überspringen mag. Aber, als grenzenloser Sturmoptimist hoffe ich halt wieder mal auf die nächste Partie und bin überzeugt, wir holen aus der Südstadt 3 Punkte ab.

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  5. brent_everett sagt:

    Kein Sturmfan kann sich mit dieser Spielweise identifizieren. Das sind Kicker mit Sturmdressen an, aber es fühlt sich nicht an wie Sturm. Mit welchen von diesen Kickern kann man sich identifizieren? Mit Donis (bald weg) u Bruno. Und der Rest? Ich bin auch schon heilfroh, wenn die Saison vorbei ist u ich mich nicht mehr ärgern muss. Man ist Platzhirsch in der Steiermark, kein GAK, kein DSV, kein KSV. Aber anstatt mehr und neue Fans anzulocken, schafft es die aktuelle Sturmführung die bestehenden Fans zu vergraulen. Da greift sich jeder an den Kopf!

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  6. Großartig geschrieben, spricht mir/uns aus der Seele! Bin seit 40 Jahren Sturmfan, aber noch nie war es so unlustig ins Stadion zu gehen. Am Sonntag musste ich mich zum ersten Mal echt aufraffen. Lg aus dem Sektor 13

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  7. Spricht mir zu 100% aus der Seele. Bin seit 35 Jahren Sturmfan, seit beinahe 20 Jahren Abo Besitzer. Mittlerweile ist auch schon meine 4 jährige Tochter stolze Abo Besitzerin aber wie lange noch? Sturmfan wird man immer bleiben aber bei diesem drittklassigem Legionärshaufen blutet einem nur noch das Herz und man nimmt die Tore wie zum Ausgleich gegen die Austria am Wochenende mur noch emotionslos an.

    Generell sehe ich die aktuelle Situation unter folgendem Gesichtspunkt: „Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken“. Vielleicht sollte mal das Management geurteilt werden bevor Spieler und Trainer verurteilt werden.

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  8. Thomas Lang sagt:

    Habe noch nie einen Kommentar abgegeben, war und bin Sturmfan mit Leib und Seele, seit ich denken kann. Aber dieser Beitrag ist es wert, mit meinen Gewohnheiten zu brechen: absolut richtiges Statement, da stimmt jeder Buchstabe!

    Habe seit über 19 Jahren ein Abo gehabt, letztens im Familiensektor. Aber diese Saison habe ich es erstmals NICHT geholt, und ich muss leider sagen, dass ich es in keiner Weise bereue.

    Wo man auch immer über Sturm spricht, egal ob mit langjährigen Fans oder Wochenendfans, es ist jedem ziemlich egal. Sturm erzeugt nur noch Gleichgültigkeit, und das ist das allerschlimmste, was passieren kann!

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