Was wurde aus Johannes Focher?

In unserer Serie „Was wurde aus… ?“ beleuchten wir ehemalige Sturm-Spieler – alte Helden aber auch Fußballer, die für so manchen schon in Vergessenheit geraten sind – und wollen herausfinden, wohin sie ihr Weg nach ihrer Karriere bei den Schwarz-Weißen führte.

Von der großen Fußballwelt in die Provinz

Im Sommer 2012 verpflichtet Sturm einen 22-jährigen Torhüter um die Lücke, die nach dem Abgang von Silvije Cavlina entstanden ist, zu schließen. Johannes Focher, Torhüter mit dem Gardemaß von 197 Zentimeter, soll aber auch Stammgoalie Christian Gratzei den Platz streitig machen und ihn so zu besseren Leistungen animieren.

Focher spielte zuvor acht Jahre bei Borussia Dortmund und pendelte dort zwischen Ersatztorhüter der zweiten Mannschaft und dritter Torhüter beim Bundesligateam hin und her. Unter Jürgen Klopp sieht der in Hamm geborene Goalie allerdings keine Chance, sich langfristig zu etablieren und entscheidet sich, den Verein zu wechseln. Zu reizvoll ist für ihn die Aussicht, in einer höchsten Spielklasse Nummer-1-Torhüter zu werden. Gegenüber Sturm12 schränkt Focher jedoch ein, „er sei nur zu Sturm gekommen, weil dies ein echter Traditionsverein sei“. „Zu Mattersburg beispielsweise“, so Focher, „wäre er nie und nimmer gegangen“.

In Graz ist zudem seit kurzer Zeit ein Mann am Ruder, der dem Torhüter noch aus seiner Zeit als Nachwuchstrainer in Dortmund bestens vertraut ist. Peter Hyballa. Die beiden wurden einst gemeinsam immerhin deutscher Junioren-Vizemeister. Focher beschreibt sich selbst als einen modernen Goalie, einen der in der Lage ist mitzuspielen und ein Spiel lesen zu können.

Doch der Start geht gehörig in die Hose. Beim Saisonvorbereitungsspiel gegen Partizan Belgrad wird Focher zum ersten Mal den Fans im Liebenauer Stadion präsentiert. Der Torhüter wird in der Pause beim Spielstand von 2:0 für Sturm für Christian Gratzei eingewechselt. Sturm verliert das Spiel noch mit 2:3. Auch weil Focher bei zwei Gegentoren überhaupt nicht gut aussieht. In weiteren Testspielen zeigt er zwar gelegentlich gute Ansätze, trotzdem ist er noch zu fehleranfällig. Daher steht auch Christian Gratzei zu Beginn der Meisterschaft 2012/2013 im Tor von Sturm. Zehn Runden lang schenkt Hyballa Gratzei das Vertrauen, obwohl sich der Leobener gerade in einem hartnäckigen Formtief befindet. Doch als Gratzei in Salzburg erneut patzt, sieht Hyballa die Zeit für seinen ehemaligen Zögling gekommen.

Ab Runde 11 die Nummer 1 bei Sturm

Und die Rochade funktioniert anfangs besser als gedacht. Neun Runden lang bleibt Sturm mit Focher im Tor ungeschlagen. Doch auch der Deutsche wird von Spieltag zu Spieltag fehleranfälliger. Und mit jedem dieser Patzer steigt spürbar seine Nervosität. Zudem rufen Teile der Anhängerschaft noch immer Gratzeis Namen, wenn der Deutsche mit dem Torwartpullover auf das Spielfeld läuft.

In der darauffolgenden Frühjahrssaison gewinnt Sturm unter Trainer Hyballa nur noch zwei von zwölf Bundesliga-Spielen. Und Fochers Abwehrverhalten hat das ein oder andere Mal beinahe Slapstick-Charakter. Der höhnische Beifall, der etwa bei gelungen Abschlägen des jungen Torhüters von den Tribünen hallt, ist zudem alles andere als förderlich für sein ohnehin schon angeschlagenes Nervenkostüm. Vor allem gilt er aber auch für viele Fans als Stellvertreter am Feld für den immer unbeliebter werdenden Hyballa.

(c) Steindy/Wikimedia Commons

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Im April 2013 ist der deutsche Trainer bei Sturm Geschichte und Markus Schopp übernimmt interimistisch. Doch zur Überraschung vieler, hält auch der Neo-Trainer an Focher fest. Als dieser jedoch in den ersten beiden Partien gegen den WAC und gegen Rapid erneut daneben greift, ist die Zeit für den Deutschen in Graz abgelaufen. Ab der 33. Runde steht wieder Christian Gratzei im Tor. Und patzt ebenso. So wie der Trainer die Fans in zwei Lager spaltete – entweder war man für oder gegen Hyballa – war auch die Torhüterfrage zu jener Zeit eine heiß diskutierte. Aus heutiger Sicht allerdings ohne Notwentigkeit. Im Grunde war es egal, welcher der beiden gespielt hat. Im Grunde war es ein Duell auf Augenhöhe – Not gegen Elend, könnte man auch sagen.

Im Sommer 2013 herrscht jedoch wieder Aufbruchsstimmung: Mit Darko Milanic übernimmt der Wunschkandidat vieler Sturm-Fans das Traineramt in Graz. Und die Torhüterdiskussion tritt jetzt wieder in den Hintergrund. Focher fühlt sich allerdings unter Milanic nicht wohl und versteht überhaupt nicht, warum er unter dem Slowenen keine Chance mehr erhält.

Rückkehr nach Deutschland

Doch im Spätsommer geht für den Westfalen unerwartet eine Tür auf. Der Stammtorhüter der zweiten Mannschaft von Borussia Dortmund – Hendrik Bonmann – verletzt sich schwer und Dortmund muss kurz vor Transferschluss nochmals aktiv werden. Focher entscheidet sich ohne zu zögern für eine Rückkehr in den Ruhrpott. Er geht sportlich einen Schritt zurück, sieht Dortmund aber nur als Übergangsjahr für bevorstehende, größere Aufgaben. Als Ersatztorhüter in Österreich sei er ohnehin im sportlichen Niemandsland.

Doch sein Plan scheitert: Im Herbst kommt er zwar zu drei Einsätzen bei der zweiten Mannschaft des BVB, aber kassiert in 270 Minuten 8 Gegentore. Von Oktober 2013 bis April 2014 bleibt er ohne eine einzige Einsatzminute. Gegen Ende der Regionalliga-Saison darf er beim 0:0 gegen Wacker Burghausen noch einmal ran. Ein letztes Mal.

Am 30.6.2014 läuft sein befristeter Vertrag in Dortmund aus und die Westfalen haben kein Interesse an einer weiteren Verpflichtung des ehemaligen Sturmtorhüters. Da auch sonst keinerlei Angebote für Focher eintreffen, beendet er im Alter von nur 24 Jahren seine, einst erfolgsversprechende, Karriere.

Focher zieht nach München und beginnt an der dortigen Universität das Studium der Betriebswirtschaftslehre. Heute ist er an der Isar bei einer Immobilienfirma angestellt.

 

Insgesamt bestritt Johannes Focher 22 Bundesligaspiele und 2 Cuppartien für Sturm Graz. Bei den Amateuren wurde er viermal eingesetzt. Mit der zweiten Mannschaft von Borussia Dortmund absolvierte er neun Drittliga-Partien und 62 Spiele in der Regionalliga.

 

3 Kommentare

  1. black_aficionado sagt:

    Mir läufts noch immer kalt den Rücken runter, wenn ich an das Mobbing (nichts anderes war das) von vielen „Fans“ damals zurückdenke…
    Einen 22 Jährigen fertig machen, ganz großes Kino war das!

    Es steht eh richtig da, beide Torhüter waren in der Saison völlig unbrauchbar.
    Und grad als Goalie ist es wirklich blöd wenn das Selbstvertrauen fehlt, in aller Regel wird jeder Fehler mit einem Tor bestraft…

    Sei es drum, wenn der Esser so drauf bleibt, dann haben wir mal für 2, 3 Saisonen auf der Position keinen großen Handlungsbedarf

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  2. brent_everett sagt:

    Ist dem SK Sturm f d Deal nicht ein Freundschaftsspiel mit Dortmund zugesichert worden? Ein Freundschaftsspiel, welches letztes Jahr angeblich aufgrund der WM nicht stattgefunden hat – fällt das jetzt unter den Tisch?

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