Was wurde aus Haris Bukva?

In unserer Serie „Was wurde aus… ?“ beleuchten wir ehemalige Sturm-Spieler – alte Helden aber auch Fußballer, die für so manchen schon in Vergessenheit geraten sind – und wollen herausfinden, wohin sie ihr Weg nach ihrer Karriere bei den Schwarz-Weißen führte.

13.8.2011, Stadion Graz-Liebenau: 13.931 Zuschauer erleben die Nachspielzeit der bisher torlos gebliebenen Spitzenpartie zwischen Sturm Graz und Rapid Wien. Ein gewisser Haris Bukva wurde soeben von Trainer Franco Foda zu mehr Defensivarbeit motiviert, schnappt sich aber den Ball, schüttelt Steffen Hofmann ab, lässt vier weitere Spieler stehen und schließt mit rechts eiskalt in das linke Torwarteck von Rapid-Schlussmann Helge Payer ab. Liebenau bebt – genaugenommen das erste Mal seit der Überreichung der Meisterschale knapp drei Monate zuvor. „Ich habe die Lücke gesehen und einfach draufgehalten“, soll der Goldtorschütze später zu Protokoll geben. Jener Spieler, in den zwei Jahre zuvor ganz große Hoffnungen gesetzt wurden, aber auch genau der Spieler, der noch im Frühjahr an den LASK verliehen wurde und mit dem Linzer Traditionsverein aus der Ersten Liga abstieg.
 

2009: Eine „Zukunftsaktie“ unterschreibt in Graz

Über den LASK, den FC Pasching und Eintracht Wels landet der in Foca, im heutigen Bosnien und Herzegovina, geborene Haris Bukva in Kärnten. Als Kooperationsspieler von FC Kärnten und Austria Klagenfurt erkämpft sich der Nachwuchs-Nationalteamspieler gegen Ende der Saison ein Stammleiberl in der Bundesliga. Im April 2008 erzielt er schon in seinem zweiten Bundesliga-Spiel seinen ersten Treffer in der höchsten Spielklasse. Gegner damals war Sturm Graz. Patrick Wolf leistet die Vorarbeit und der Doppelstaatsbürger erzielt mit einem satten Rechtsschuss den zwischenzeitlichen Anschlusstreffer. In der darauffolgenden Saison mausert er sich zum Stammspieler, absolviert bis März 2009 24 Spiele für den FC Kärnten, doch in den letzten zehn Spielen fehlt er. Sturm ist schon lange hinter ihm her. Und Bukva will auch nach Graz. So sehr, dass er die Abfahrt in ein Trainingscamp mit dem FC Kärnten „versäumt“ und zwei Tage später beim Sportklub Sturm einen Vierjahresvertrag unterschreibt. Sein Trainer in Kärnten, Frenkie Schinkels, ist von Bukva menschlich schwer enttäuscht, immerhin hat er alles dafür getan, ihm einen neuen Zweijahresvertrag schmackhaft zu machen. Der Österreicher mit holländischen Wurzeln ist dermaßen sauer, dass er den Mittelfeldspieler den Rest der Saison nicht mehr zum Einsatz kommen lässt. Heute kann Haris Bukva über diesen Vertragspoker nur mehr schmunzeln. „Wenn ein Verein wie Sturm dich haben will, dann wechselst du dorthin. Ganz einfach„, sagt er lapidar. „Er ist eine Zukunftsaktie“, erklärt Sportdirektor Oliver Kreuzer bei Bukvas Präsentation in Graz. Für einen knapp 21-Jährigen kann das eine ziemliche Bürde sein. „Natürlich ist das ein gewisser Druck. Aber es sind letztendlich viele Faktoren mitentscheidend, wie sich die Karriere eines Fußballers entwickelt„, erklärt Bukva retrospektiv. Der gebürtige Bosnier startet mustergültig in seine erste Saison in Schwarz-Weiß. Er wird schon im Herbst in der Gruppenphase der Europaleague in allen sechs Spielen eingesetzt. Schnell erkennt man, dass er ein Spieler sein kann, der den Unterschied ausmacht. Er will ständig den Ball haben, geht immer wieder in Eins-gegen-Eins Situationen. Legt sich notfalls auch mit drei, vier Gegenspielern gleichzeitig an und gibt das Spielgerät nur ungern wieder ab. Und wenn er es nicht am Fuß hat, wirkt er unzufrieden. Bukva sieht man an, dass ihm die Angst mit dem Ball Fehler zu machen völlig fremd ist. Aber auch, dass er sich schon mal hängen lässt, wenn er nicht ständig am Ball sein darf. Im Frühjahr 2010 hingegen reicht es nur noch zu sieben Einsätzen, gar nur einen davon über die volle Distanz. „Generell war mein Problem, dass ich nie konstant über eine ganze Saison gute Leistungen abrufen konnte.“ In der darauffogenden Saison dasselbe Bild: Haris Bukva ist bis Oktober Stammspieler, eine Adduktorenverletzung wirft ihn zurück und danach findet er sich den restlichen Herbst auf der Tribüne wieder.

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(c) Wikimedia Commons/Steindy

2011: Leihe nach Linz

Noch im Winter-Trainingslager sucht er mit den Verantwortlichen bei Sturm den Dialog und will weg. Man einigt sich auf eine Leihgeschäft bis Saisonende. Beim LASK kommt er im Frühjahr 2011 zwar zu Einsätzen, doch der Linzer Traditionsverein muss am Ende der Saison den bitteren Gang in die Zweitklassigkeit antreten. Sowohl 2010, als Bukva im ÖFB-Cupfinale gegen Wiener Neustadt nicht im Kader aufscheint, als auch 2011, als Sturm im Frühjahr einen echten Siegeslauf startet und überraschend österreichischer Fußballmeister wird, holt er einen Titel mit gewissem Makel, einen in gewisser Weise unvollendeten. „Ich fühle mich aber wie ein zweifacher Titelträger. Ich hatte ja sehr wohl Anteile am Cupsieg, ebenso wie am Meistertitel. Aber wie gesagt nur Anteile. Es fühlte sich damals bestimmt nicht so an wie für einen Manuel Weber oder Gordon Schildenfeld, die über die gesamte Saison Stammspieler waren.“ Während den Feierlichkeiten anlässlich des dritten Meistertitels von Sturm kehrt Haris Bukva still und leise wieder retour nach Graz. Wieder schafft er rasch den Sprung zum Stammspieler im Herbst, doch nach dem Rückspiel in der Champions-League-Qualifikation gegen BATE Borisov kippt die Stimmung. „Borisov tut mir heute noch weh. Der Verein, die Fans, aber auch alle Spieler hätten es sich verdient gehabt, nach so langer Zeit wieder die Königsklasse zu erreichen. Wie so ein Rückspiel wie gegen die Weißrussen zustande kommen konnte, kann ich mir bis heute nicht erklären.“ Borisov wird der Anfang vom Ende der erfolgreichen Ära Foda II. Von der Entlassung Franco Fodas im April 2012 erfährt Bukva kurz vor einem Training. Beinahe traditionell verringern sich seine Einsätze im Frühjahr wieder merklich. Diesmal allerdings aufgrund einer Verletzung. Gegen Ende der Saison gelingt ihm unter Interimstrainer Thomas Kristl noch einmal der Sprung in die Startelf.

 

2012: Liebkind des Trainers – ab auf die Tribüne

Mit Peter Hyballa soll nun eine neue Zeitrechnung eingeleitet werden. Bukva ist anfangs von dessen Training begeistert. Es wird viel mehr mit dem Ball trainiert. Der deutsche Trainer schwärmt von „Buki“, und auch Haris fühlt sich anfangs pudelwohl. „Nach dem ersten Drittel der Meisterschaft wollten Hyballa und Ayhan Tunami mir einen neuen Zweijahresvertrag schmackhaft machen. Ich hab aber doch ein wenig auf ein Auslandsengagement spekuliert und ließ mir Zeit. Aus heutiger Sicht zu viel Zeit. Durch mein Zögern hab ich mich schnell auf der Bank oder auf der Tribüne wiedergefunden. So läuft es nun mal im Fußball.“ Die Stimmung innerhalb der Mannschaft verschlechtert sich zusehends, auch starke Leistungen werden vor allem im Frühjahr immer rarer. „Hyballa hatte die Mannschaft zu diesem Zeitpunkt bereits verloren. Er war in der Theorie top, in der Praxis jedoch ein Flop. Das hat den Unterschied zu Franco Foda ausgemacht. Foda war theoretisch auch ein Fachmann, vor allem aber sprachen die Erfolge für ihn. Foda ist ein akribischer Arbeiter, der absolut nichts dem Zufall überlässt.“ Trotzdem kommt er in seiner bislang letzten Saison bei Sturm noch zu 22 Einsätzen, bleibt zwar ohne Torerfolg, bereitet aber sieben Treffer vor. Und wie etwa auch Darko Bodul oder Manuel Weber wird er vom einstigen Liebkind des Trainers zum Tribünenhocker degradiert. „Hyballa hat sich sehr unprofessionell verhalten, ich hab meinen Stammplatz verloren, nur weil ich eine vorzeitige Unterzeichnung eines neuen Vertrages abgelehnt habe. Schade, denn ich bin überzeugt davon, dass der Kader zu jener Zeit deutlich stärker war als noch im Meisterjahr.“ Zudem sorgt er für Aufsehen, als er vermeintlichen Fans, die sich in so manchen Kommentaren auf diversen Sturmforen beleidigend gegenüber Sturm-Spielern äußern, unterstellt, sie hätten nie kurze Hosen getragen, da sie ja turnbefreit waren. Damals ein echter Aufreger. Auch heute noch hat sich diesbezüglich nicht viel an seiner Grundeinstellung geändert: „Ich war sauer weil sich eine Sturmplattform in eine Richtung entwickelt hat, in der es vielen Usern nur noch darum ging, Spieler oder andere Vereinsangehörige zu beleidigen. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass diese Leute selbst nie gute Fußballer waren. Ich bleibe dabei: Wenn man eigentlich ein Leben lang turnbefreit war, sollte man besser seine Klappe halten.“

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(c) Wikimedia Commons/Steindy

2013: Ausland einmal anders

Als sein Vertrag bei Sturm ausgelaufen ist, spekuliert Bukva mit einem Wechsel zum Karlsruher SC. Dort ist gerade sein ehemaliger Mentor Oliver Kreuzer am Werk. Doch der wechselt zum HSV und der Mittelfeldspieler ist in Baden-Württemberg kein Thema mehr. Er geht jetzt einen anderen Weg. Der kroatische Traditionsklub Hajduk Split wollte ihn schon im Sommer. Da aus dem Fußball-Schlaraffenland Deutschland nichts wird, begeht Bukva nun eben den etwas unorthodoxen Weg nach Kroatien und erlebt in der pittoresken Hafenstadt kalt-warm. Bereits in seinem ersten Spiel gegen Dinamo Zagreb bereitet er zwei Treffer vor. Er ist begeistert von den Emotionen im kroatischen Fußball, der mit 25 Jahren zweitälteste Spieler im gesamten Kader der Kroaten wird schnell frenetisch gefeiert. Als das Rückspiel in der Hauptstadt allerdings mit 0:5 verloren geht, trauen sich die Spieler aus Sicherheitsgründen tagelang nicht auf die Straße. Schnell schlägt die Zuneigung in Abneigung um. Letztendlich bleiben elf Einsätze in der 1.NHL auf der Habenseite. Heute bezeichnet Bukva den Transfer zu Hajduk als den mit Abstand größten Fehler seines Lebens. Der Vertrag wird bereits im März aufgelöst. Zu unregelmäßig, wenn überhaupt, kann Bukva auf seinem Gehaltskonto Eingänge feststellen. Zu oft bleiben die Zahlungen vollends aus. Trotzdem trennt man sich im Guten, denn Bukva will nicht wie andere vor Gericht um den ihm vertraglich zugesicherten Lohn streiten. Stattdessen lässt er medial aufhorchen. „Für Sturm„, so wird er zitiert, „würde ich sogar gratis spielen.“ Nur ein halbes Jahr nach der Trennung bekennt er sich überraschend zu seinem ehemaligen Arbeitgeber. Heute beschreibt er seine Gefühlslage von damals folgendermaßen: „Ich hatte ja Sturm einiges zu verdanken und auch meine größten Erfolge im Dress der Schwarz-Weißen gefeiert. Gerhard Goldbrich hat mich damals danach sogar kontaktiert und mich gefragt, ob ich mir eine Rückkehr vorstellen könne.“ Letztendlich findet er zusammen mit seinem Berater einen anderen Weg.
 

2014: Ein originaler Thüringer

Alfred Hörtnagl, ehemaliger Sturm-Spieler und nun Sportvorstand beim Drittligisten Rot-Weiß Erfurt holt den Mittelfeldspieler nach Thüringen. Und auch im Osten Deutschlands findet Bukva schnell in die Spur. Er ist von Beginn an Stammspieler. Erfurt knabbert phasenweise sogar an einem Aufstiegsplatz, als man im März allerdings auf den zehnten Rang zurückfällt, ist die Zeit für einen weiteren ehemaligen Sturmspieler abgelaufen: Trainer Walter Kogler wird entlassen. Bukva erinnert sich: „Erfurt war wirklich eine tolle Erfahrung. Unter Kogler war ich Stammspieler, doch mit seiner Entlassung kam der große Knacks. Der Verein orientierte sich neu, auch da zu diesem Zeitpunkt der Aufstieg in weite Ferne gerückt war. Neo-Trainer Christian Preußler hat mir unter vier Augen mitgeteilt, dass nur mehr Spieler zum Einsatz kämen, die auch in der nächsten Saison bei Rot-Weiß bleiben.“ Zurück zum Start. Bukva bleibt auch tatsächlich im April und Mai ohne eine einzige Einsatzminute. Sein auslaufender Vertrag, mit vereinsseitiger Option auf ein weiteres Jahr, wird nicht verlängert.
 

2015: Rückkehr nach Österreich

Im Juni 2015 hat Bukva schon wieder einen neuen Arbeitgeber gefunden und freut sich auf seine neue Aufgabe. Stolz verkündet er, dass er den beeindruckenden Weg der Salzburger Austria genau mitverfolgt hat und jetzt alles daran setzen wird, diesem Traditonsklub zu helfen, an alte Erfolge anknüpfen zu können. Doch daraus wird vorerst noch nichts. Nachwehen einer Knie-Operation, noch aus Erfurter Zeiten, treten wieder auf und Bukva kann der Austria vorerst nicht helfen, mit guten Leistungen in der Zweiten Liga zu reüssieren. Erst am 18.9.2015 wird er gegen St. Pölten beim Spielstand von 0:5 erstmals bei seinem neuen Verein eingewechselt, in der nächsten Runde ist er schon in der Startelf, foult jedoch in der 81. Minute im Spiel gegen Austria Klagenfurt seinen Gegenspieler Rajko Rep, wird wegen rohen Spiels ausgeschlossen und vom Strafsenat mit einer Pflichtspielsperre von drei Spielen belangt. In den bislang letzten beiden Partien der Salzburger Austria gegen den FC Wacker und Austria Lustenau stand er allerdings wieder in der Anfangsformation.

Der 27-jährige Bukva befindet sich im besten Fußballeralter. Leider konnte er bislang sein Potential viel zu selten ausschöpfen. Bei der U19-Europameisterschaft 2007 spielte er noch Seite an Seite mit Julian Baumgartlinger, Marko Arnautovic oder Rubin Okotie. Spieler, die mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit Österreich im nächsten Sommer bei der Europameisterschafts-Endrunde in Frankreich vertreten werden. Davon ist er im Moment so weit weg, wie die Salzburger Austria von einem erneuten Einzug in ein Europapokal-Finale. Eine Rückkehr zu Sturm aber will er noch nicht vollends auschließen: „Im Fußball muss viel zusammenpassen, um ganz oben bestehen zu können. Ich fühle mich jetzt aber sehr gut und bin prinzipiell für jede Aufgabe bereit. Meine Grazer Wohnung habe ich ja auch noch!“

 

 

 

3 Kommentare

  1. Moe sagt:

    Wirklich schade um ihn, der Mann hätte noch viel Potenzial gehabt! Aber ob er tatsächlich nochmal wiederkommt möchte ich jetz mal bezweifeln… Aber gut bei dem Verein weiß ma wirklich nie 😛

    4+

  2. tommygraz sagt:

    Hat sein Potential eigentlich selten bis gar nicht ausgeschöpft!……..

     

    http://www.torrausch.net

     

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