Von Sturm zum besten Verein in Europa

Was wurde aus Kjeld Seneca?

1971 versuchte man es bei Sturm mit einem Trainer aus dem Norden Deutschlands. Adolf Remy hieß der gute Mann – später sollte er ein großer Mentor und Wegbegleiter in der Ausbildung eines Fußballlehrers namens Peter Hyballa werden – und dieser hatte, bedingt durch seinen Wohnort in Nordrhein-Westfalen, beste Kontakte zum dänischen Verband. Wie auch in Österreich üblich, hatte der Fußballsport in Dänemark zu dieser Zeit absoluten Amateurcharakter, doch der damals noch junge Präsident Hans Gert – der zudem zu jener Zeit als Reifen-Großhändler viel im Norden unterwegs war – zeigte sich beeindruckt von den Talenten dieses Landes und so wurde 1971 der fünffache Nationalteamspieler Kurt Stendal nach Graz gelotst. Der Beginn echter Dänen-Power in Schwarz-Weiß, denn bereits ein Jahr später sollten mit Iver Shriver und Kjeld Seneca zwei weitere Spieler aus dem nordischen Königreich folgen. 

Iver Shriver, ein pfeilschneller Stürmer, der allerdings zu oft vor dem Tor scheiterte, blieb bis 1974 in Graz und wurde nach einem überragenden Testspiel für Beerschot Antwerpen um damals sensationelle 2 Millionen Schilling von den Belgiern erworben. Kurt Stendal, der bis heute noch jedes Jahr zwei Wochen Urlaub in der Steiermark verbringt, verweilte – abgesehen von zwei kleinen Intermezzi in seiner Heimat bei Hvidovre IF – gar bis 1982, Kjeld Seneca hingegen ist der Steiermark bis heute treu geblieben, obwohl gerade er einst für einen der wohl spektakulärsten Transfers in der schwarz-weißen Klubhistorie sorgte.

(c) Foto-Fischer-Graz

Der 1972 von Aarhus GF verpflichtete Mittelfeldspieler konnte sich in Graz schnell etablieren, absolvierte in drei Jahren bei Sturm 97 Erstligaspiele, in denen er immerhin 15 Treffer erzielen konnte und wurde nach der Saison 1974/75 zum drittbesten Legionär im österreichischen Profifußball gewählt. Was dann folgte, kann man aber dennoch als echte Sensation bezeichnen. Max Merkel, österreichische Trainerlegende, immer dem schmalen Grat zwischen Zuckerbrot und Peitsche folgend, unter anderem mit 1860 München, Athletico Madrid und dem 1. FC Nürnberg zu nationalen Titelehren gekommen, war drauf und dran, bei den in der Meisterschaft schwächelnden Bayern den Posten auf der Trainerbank zu übernehmen. Gleichzeitig fand er Gefallen am Spieler mit dem Namen eines römischen Philosophen und fädelte einen Deal – der damalige Bayern-Manager Robert Schwan führte in Graz die Verhandlungen – zwischen Maiffredy-Gasse und Säbener-Straße ein. Zwar beendeten die Roten aus München die Saison nur auf dem zehnten Tabellenplatz, das Endspiel im Meisterpokal (der heutigen Champions League) wurde allerdings gegen Leeds United mit 2:0 gewonnen. Aufgrund dieses internationalen Erfolges wurde der Vertrag mit Trainer Dettmar Cramer dann doch verlängert. Max Merkel kam nur eine Klasse tiefer, beim FC Augsburg, zu einem Engagement. Nichtsdestotrotz wechselte Kljeld Seneca für verhältnismäßig kleines Geld nach Deutschland, der Vereinskasse von Sturm tat dieser Transfer trotzdem gut. In den Vertragsmodalitäten wurde nämlich ein Ablösespiel vereinbart, welches am Nationalfeiertag des Jahres 1976 im alten Liebenauer-Stadion ausgetragen wurde. Sturm behielt in einem spektakulären Match gegen die in fast stärkster Formation angetretenen Bayern vor 23.000 Zuschauern mit 6:5 dabei sogar die Oberhand.

Bayern München war auch damals schon ein großer Name, Max Merkel ebenfalls. Bei diesem Angebot musste ich nicht lange überlegen. Durch den Sieg im Europapokal wurde aber nicht jener Mann Trainer, der mich eigentlich nach Deutschland geholt hatte. Zudem durften nur zwei Legionäre am Spielbericht stehen, das waren zumeist die beiden Schweden Andersson und Thorstensson, beide zudem – wie ich – Mittelfeldspieler, beide spielten gut, beide waren nie verletzt. Das machte es für mich sehr schwierig. Zu allem Überfluss habe ich mich dann auch noch verletzt. Das alles zog mich natürlich ein bisschen nach unten.

So dauerte es bis zum letzten Spieltag, als Kjeld Senca in der Bundesliga sein Debüt feiern durfte. Gegen Hertha BSC wurde er beim Spielstand von 6:1 für die Bayern in der 78. Minute eingewechselt. 

Ich wurde für Franz Beckenbauer eingewechselt und nahm auch seine Position als Libero ein. Eigentlich arbeiteten alle Bayernspieler weiterhin nur nach vorne und so fingen wir uns noch drei Gegentore ein. Das Spiel endete 7:4, nichtsdestotrotz war das für mich ein traumhaftes Erlebnis.

In seinem zweiten Bayern-Jahr reichte es immerhin dann zu fünf Kurzeinsätzen, bei einem Sieg im DFB-Pokal gegen Unterboilingen konnte Seneca sogar einen Treffer beim 10:1-Sieg beisteuern. Da er in der ersten Runde im Meisterpokal beim Auswärtsspiel gegen Köge Boldklub, also in seiner dänischen Heimat, auch einen Kurzeinsatz absolvieren durfte, konnte der Blondschopf auch am internationalen Parkett Erfahrung sammeln. Doch nach zwei Jahren in Deutschland wechselte Seneca wieder zurück zu Sturm, mimte in Graz erst einen echten, wenn auch für österreichische Verhältnisse, völlig unorthodoxen Zehner, nach dem Rücktritt von Heinz Russ im Dezember den Libero, verpasste wegen einer Gelb-Sperre nur eine einzige Partie und spielte er in jedem anderen Match über 90 Minuten durch. Doch bereits nach dieser Saison musste der Däne, erst 28-Jährig, seine Karriere beenden.

Ich war im besten Alter. Doch schon in Deutschland zwang mich eine Operation zu einer langen Verletzungspause. Nach einem Jahr in Österreich verletzte ich mich erneut am selben Bein  und ich habe einen Knorpelschaden erlitten. Noch heute habe ich damit zu kämpfen.

Nach seiner aktiven Karriere ging er zurück nach Dänemark, studierte dort Religion und Sport und unterrichtete in seiner Heimat an einer AHS. Er trainierte den Zweitligisten Nørresundby Boldklub, ehe es 1988 zu einer überraschenden Rückkehr nach Graz kam.

Sturm Graz hat mich angerufen, sie waren auf der Suche nach einem Manager, einem sportlichen Leiter. Ich hatte nur gute Erinnerungen an diesen Verein und hatte mich dort immer sehr wohl gefühlt. Daher hab ich dieses Angebot sehr gerne angenommen.

Seine Ära als sportlicher Leiter bei Sturm war eine sehr turbulente, dauerte drei Jahre, danach nahm er allerdings einen Job bei der Raiffeisen Landesbank an und trainierte nur noch kleinere Vereine im Amateurfußball. Der mittlerweile 66-jährige lebt heute in der Weststeiermark und genießt die Zeit mit seiner Familie. Der Fußball darf jedoch nie zu kurz kommen. Gerne schaut sich Seneca Spiele aus diversen Ligen an. Auf die Frage, welchen Platz Sturm Graz am Ende der Saison belegen wird, lächelt er:

Ich gebe die Hoffnung für Sturm nie auf. Die Mannschaft hatte im Herbst einen guten Lauf, auch etwas Glück. Dieses Glück ist ihnen momentan ein wenig abhanden gekommen. Am Ende der Saison wird Sturm auf den Plätzen zwei bis vier zu finden sein. Wenn alles klappt, geht sich der zweite Platz sicher aus. Wie gesagt: Ich gebe die Hoffnung nicht auf.

Kapitän Heinz Thonhofer verabschiedet den langjährigen Spieler Peter Huberts vor einem Spiel in der Gruabn, dahinter der damalige Sportliche Leiter Kjeld Seneca (c) Foto-Fischer-Graz

2 Kommentare

  1. rio sagt:

    Iver Shriver, ein quirliger Außenbahnspieler, aber absoluter „Chancentod“ durfte ein Trainingsspiel bei einem belgischen Klub absolvieren und erzielte dabei zur Überraschung aller einen Hattrick. Die Belgier kauften daraufhin Shriver sofort und Sturm machte letztendlich ein weitaus besseres Geschäft mit dem „Fehlkauf“, als mit dem absoluten Spitzenspieler Seneca, dem es einfach schön war bei der Arbeit zuzusehen. Was eleganteres hatte Sturm vorher und auch nachher nicht mehr zu bieten!

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  2. wama sagt:

    mein lieblingsdäne damals war kurt stendal, ein richtig guter knipser. shriver wieselte am flügel und kjeld seneca dirigierte im mittelfeld wie ein majestro. war eine schöne zeit mir den dänen. übrigens: das senecaablösespiel gegen die bayern( transfersumme damals 3,5 mio schilling!!!), bei dem ich auch live dabei war, das wir gegen damals alle stars der bayern (sepp maier, gerd müller, franz beckenbauer, karl heinz rumenigge und co) so unglaublich es scheinen mag, 6-5 gewannen, lockte 15.000 besucher an, nicht 23.000. bei uns kickten neben den dänen ein gernot jurtin, ein heri weber, ein andi pichler,…trainer war sir karl schlechta.

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