Vom Chaosklub zum Vorzeigeverein

Spieler mit hochdotierten Verträgen sitzen auf der Bank, Budgets werden überzogen, der Kader ohnehin viel zu aufgebläht und unausgeglichen, die Außendarstellung, geprägt von Pannen, ist eine Farce, die eher an Nordkorea erinnert, Maulkörbe werden auferlegt, Kritik ist nicht erlaubt. Die Stimmung in Graz könnte kaum mieser sein, an jeglichen Fortschritt ist überhaupt nicht zu denken. Die steirischen Printmedien spielen brav mit, in der Not wird sogar primitivst gegen die Fans gehetzt, um andere aus der Schusslinie zu nehmen. Jedes Mittel scheint recht zu sein, eine Hand wäscht schließlich die andere. Oder, um etwas früher anzusetzen und sich einer anderen Rochade mit Symbolcharakter zu bedienen: Der Co-Trainer ist plötzlich auch der Chef des Trainers. Sturm stolperte von einem verschossenen Elfmeter zum nächsten, Sturm-Neu ist nur noch eine Persiflage seiner selbst – keine Neuigkeit, keine Vertragsverlängerung, kein Transfer, kein Tag ohne mulmigen Gefühl. Das Vertrauen ist längst weg. Warum man vereinsseitig vormals eine derart rigorose Informationsblockade pflegte, weiß man nun. Gut kommt aus vielen Angelegenheiten nämlich kaum jemand weg. Die Bezeichnung „Chaosverein“ ist zwar hart, doch Sturm hat sich nichts Besseres verdient.

@ Steindy / Wikimedia Commons

Heute ist Sturm das, was es unter Sturm-Neu eigentlich gleich hätte werden sollen: ein professionell geführter Verein. Dass es sich schwieriger gestaltet, nette Grafiken umzusetzen und die richtigen Akteure für ein derartiges Vorhaben zu finden, weiß man mittlerweile auch. Notfalls kann man sonst auch im Westen Wiens nachfragen, wie das dort so läuft. All die oben geschilderten Umstände gehören in Graz jedoch glücklicherweise endlich der Vergangenheit an. Zwar hat sich die Rolle der Printmedien keineswegs verändert, doch ist dieser Umstand inzwischen nebensächlich geworden. Als Wachorgan braucht man sie gerade nicht und als man sie als solches dringend gebraucht hätte, haben sie – im Gegensatz zur Kurve, die sich dieser Aufgabe verpflichtet sehen – auf ganzer Linie versagt. Deutlich wird die fehlende Reflexion neuerlich bei der Aufarbeitung des Themas Romano Schmid. Denn in all den Berichten über den Abgang, der in erster Linie aufgrund eines Formalfehlers möglich wurde, findet man den Namen des Verantwortlichen für den ungültigen Vertrag natürlich nicht. Das ist in etwa so überraschend wie eine Schwalbe des Larry K., lässt aber erneut tief blicken. Die steirischen Leitmedien haben, und das sei in aller Deutlichkeit festgehalten, Fehlentwicklungen innerhalb des Vereins maßgeblich mitgetragen. Das sollte zu denken geben, wird es aber nicht.

© Martin Hirtenfellner Fotografie

Allen voran Günter Kreissl hat frischen Wind nach Graz gebracht und aufgeräumt – wie Schwarz und Weiß unterscheidet sich dieser von seinen Vorgängern; man möge gar von radikalen Brüchen sprechen, die sich in Messendorf zugetragen haben. Innerhalb kurzer Zeit hat sich dadurch der Gesamtcharakter des Vereins positiv gewandelt, auf und abseits des Feldes. Und auch das Vertrauen der Fans konnte rasch zurückgewonnen werden. Transparente Kommunikation macht’s möglich. So hat man seit Kreissls Amtsantritt immer das Gefühl, man sei auf einem guten, einem richtigen Weg und würde kontinuierlich Fortschritte machen, obwohl nicht jeder Transfer sonderlich glücklich war. Sämtliche Vorgänge, Planungen oder Probleme werden für jedermann nachvollziehbar geschildert, stets weiß man, woran man ist. Wie an anderer Stelle bereits erwähnt, verlaufen Erfolge wie Mehreinnahmen oder hohe Transfersummen jedoch teilweise im Sand. Altlasten bremsen den Verein nach wie vor, Verfehlungen aus der jüngeren Vergangenheit hängen noch wie ein Schatten über Messendorf. Doch auch damit sollte hoffentlich bald Schluss sein. Mit Thomas Tebbich und Günter Kreissl sind Schlüsselpositionen gut besetzt. Der Weg vom Chaos- zum Vorzeigeverein scheint also geebnet zu sein, man muss ihn nur noch weitergehen.

 

 

19 Kommentare

  1. Sehr, sehr guter Artikel! Das Thema perfekt zusammengefasst und auf den Punkt gebracht.

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  2. jorge72 sagt:

    ich geb euch in allem recht, was ihr über kreissl schreibt. völlig unaufgeregter sachlicher typ, der es schafft man emozonen aber nicht unbedacht zu handeln. aber wir müssen endlich aufhören zu polarisieren, wer mehr anteil am erfolg hat, foda oder kreissl. hier sieht man eigentlich, wie tief noch manche gräben sind. beide haben gewaltigen anteil daran und auch die fans die heuer wirklich total positiv im stadion sind und sicher noch viele andere. der erfolg hat viele väter heißt es so schön…also heißt es diesen schwung mitzunehmen und diese sinnlosen diskussionen endlich zu beenden.

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  3. jorge72 sagt:

    emotionen natürlich – das viele gras *g

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  4. jorge72 sagt:

    ich geh jetzt zumindest mit dem gefühl ins stadion, nicht mit glück die dosen schlagen zu können, sondern ich trau es ihnen zu, das tempo des spiels zu diktieren jeglichen ausgangs und dieses gefühl spürt man im ganzen stadion … einfach genießen….

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  5. Rusty sagt:

    @ Gernot:

    In deinem Artikel findet man den Namen des Verantwortlichen für den ungültigen Vertrag von Romano allerdings auch nicht, sondern nur das Foto. Alle wissen, dass es Goldbrich war, der diesen Vertrag gezeichnet hat. Warum wird das bei Sturmnetz nicht etwas mehr thematisiert? Man sollte Goldbrich oder das Sturm-Management mal über Haftungsthemen bei solchen – aus meiner Sicht grob fahrlässigen Handlungen – befragen. Es ist bei Sturm dadurch ein Millionenschaden entstanden.

     

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    • Rockstar Rockstar sagt:

      Goldbrich hat aber auch gute Kontakte zu den steirischen Printmedien, ist natürlich ärgerlich dass die Nachwirkungen seiner Amtszeit jetzt immer noch zu spüren sind.

      Aber auch Schmid hätte, wenn ihm Sturm am Herzen läge, seinen Vertrag neu ausverhandeln können, so war er ja in einer günstigen Situation, kann mir gut vorstellen dass der schon länger am Radar der Dosen war.

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  6. rio sagt:

    Gewagt und mutig nach gerade 5 Runden und EC-Ausscheiden einen „Vorzeigeklub“ zu installieren. Kreissl ist danach ja der Erlöser und Heilbringer für ein professionelles Fußballteam. Mag ja durchaus sein, aber sollte man nicht erst die gesamte Meisterschaft abwarten? Und vielleicht auch nicht ganz auf die „Transferleichen“ vom Winter vergessen? Aber scheinbar macht im Fußball schon eine Schwalbe den Sommer.

    Ach ja, und natürlich die bösen, bösen Medienleute, die eigentlich Hauptschuldigen. Lustig, dass sich gerade unbezahlte „Journalisten“, die eine Leserschaft von vielleicht 200 haben nimmermüde auf dieses plakative Thema schmeißen. Amüsant!

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    • schlobanmichl sagt:

      Ein Vorzeigeklub zeigt sich aber nicht nur im sportlichen Erflog. Für mich ist auch ein professionelles Auftreten nach außen ganz wichtig. Weiters natürlich auch noch das wirtschaftliche bzw. finanzielle. Und bei diesen Punkten ist es einfach wie Tag und Nacht im Vergleich zur Vergangenheit.
      Und mir persönlich ist es lieber, wenn wir mit intakten Strukturen fünfter werden, als dass wir uns quälend auf den zweiten, oder dritten Rang retten.
      Der sportliche Erflog ist nicht alles und das sollte eigentlich auch jeder Fan dieses Vereins verinnerlichen.

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    • Gernot Hofer Gernot Hofer sagt:

      Der Verein ist derzeit gut strukturiert, unabhängig einer möglichen Tabellenplatzierung am Ende der Saison. Deine Meinung sei dir natürlich unbenommen, eine kleine Ergänzung möchte ich aber hinzufügen: Mit 3,5 Mio Seitenaufrufe alleine im vergangenen Jahr sind wir Sturm-Medium #1; es sind wohl etwas mehr als 200. Achja, auf die von dir geschilderten „Transferleichen“ wird ebenfalls sehr wohl hingewiesen, wenngleich die Wortwahl eine andere ist.

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    • Schworza99 Schworza99 sagt:

      @rio

      Atik war grundsolide, Chabbi wurde ohne Verlust verkauft und Ovenstadt könnte noch aufgehen wie einst Jeggo…

      Und wenn die genannten Medien über nur positives berichten (sogar das Magic Presi vom Erdogan) und so kritisch sind wie die Medien in Nordkorea dann ists halt kein Wunder das man sie kritisiert…die breite Masse schön im Zaum halten ist halt schön und gut, nur so konnte eben eine Amtszeit ala Goldbrich ohne Fragen enden…

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  7. blackfoxx sagt:

    mag ja alles stimmen, ist aber seit Jahren immer das gleiche (langsam fade…) Thema

    – Goldbrich = Satan

    – Kreiss = Messias

    – „Leitmedien“ = phöse, phöse…

    ein Wunder eigentlich, dass Franco Foda nicht mehr in der Kritik steht, trotz der vielen Gegentore die wir bekommen haben…nach ein paar Niederlagen werden dann eigentlich die Siege eh nur Glück gewesen sein bzw. gegen schwache Mannschaften oder Abstiegskandidaten errungen, die Jungen Spieler spielen nur, weil Kreissl das so befohlen hat (FF würde ja lieber absteigen, als junge einzusetzen), die neuen sind nur deshalb so gut, weil sie das Foda System noch nicht verinnerlicht haben (wenn sie länger dabei sind, werden sie auch so schlecht spielen wie die anderen)

    freu mich schon wieder auf die Kommentare dieser Art der „Experten“ 🙂

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  8. B.Bakota B.Bakota sagt:

    Manche, die hier kommentieren verstehen anscheinend nicht den Inhalt. Kritik richtet sich an die Unprofessionalitaet der Klubfuehrung ueber Jahre und die „vergebenen Elfmeter“. Da war ja der Herr Goldbrich nur das Ende einer langen Eskapade. Er ist auch nicht der Boese, sondern war einfach komplett ungeeignet fuer die Taetigkeit, die er ausgefuehrt hat. Und das Schlimme daran ist, dass Sturm darunter noch immer leidet. Mit Kreissl ist nicht alles perfekt, aber als Geschaeftsfuehrer fuehrt er es zumindest professionell (das sollte aber eben eh eine Grundbedingung sein, die bei Herrn Goldbrich aber nicht vorhanden war) und m.M. auch sehr gut.

    Zu Foda: die Kritik der letzten Jahre richtete sich vor allem an a) den Spielstil 4-4-2 Konter-Fussball (oder wenn man so wiel Umschaltspiel) vereinfacht, das sehr starr und unattraktiv war b) dass er keine jungen Spieler eingesetzt hat und c) das Schoenreden in jedem Interview, besonders nach sehr schlechten Spielen seiner Manschaft. Und diese 3 Punkte scheinen mir in dieser Saison geaendert worden zu sein: a) sein System ist variabler und attraktiver b) es werden junge Spieler eingesetz c) Foda ist selbstkritischer.

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  9. Ritter2016 sagt:

    Das „gute“ an den Transferpannen, die im Winter passierten ist, dass man da zumindest nicht so viel Geld liegen ließ. Man wird immer wieder Spieler mit Perspektive holen. Ein paar werden einschlagen, andere nicht.

    Rapid hat um 2 Mille einen Isländer geholt der nicht funktioniert hat. Was hat Oevenstad gekostet? 300.000? Chabbi 50.000? Lück ablösefrei…

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  10. mgbj49 sagt:

    Pressekonferenz:
    Habe gerade die Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Salzburg verfolgt und bin wütend. Wer wird hier eingeladen um Fragen zu stellen, da kann es sich um keine Fachleute handeln. Ich vermute die kommen nur wegen dem Essen und Trinken.
    Zum Vergleich verfolgte ich die PK vom FC Freiburg mit Christian Streich, hörenswert was Fragen und Antworten betrifft.
    Mit dieser peinlichen Fragestellung disqualifizieren sich die steirischen Journalisten von selbst.

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    • graz4ever sagt:

      Der Streich is sowieso Weltklasse bei Interviews mit seim Dialekt und seine selbstironischen Ansagen, aber dabei immer hoch professionell.. 🙂

      Absolut einer meiner Favorit-Hawis aus D..

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  11. Ennstaler sagt:

    Für die gute Stimmung, die derzeit bei Sturm herrscht, spricht auch die Tatsache, dass nun auch die Amateure richtig aufgeigen. Hier hat der Wechsel Schopp-Standfest neuen Elan gebracht.

    Und die Amateure haben soeben auch Gleisdorf auswärts 3:1 geschlagen, siehe:
    http://www.ligaportal.at/regionalliga-mitte/spielberichte/9352-gleisdorf-vs-sturm

     

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