Volimo te, Ivane!

Der Versuch eines Nachrufs, der seiner würdig ist

(c) Martin Hirtenfellner Fotografie

Ivan Osim wurde am 6. Mai 1941 in Sarajevo geboren. Trotz seiner imposanten Erscheinung, mit der einem in der Regel nicht unbedingt feine Klinge unterstellt wird, brillierte er als technisch versierter Mittelfeldspieler schon von 1959 bis 1968 beim FK Željezničar in seiner Heimatstadt, wo er aufgrund seiner hellen Haare gerne liebevoll „Švabo“ genannt wurde. Sein Feingefühl im Umgang mit dem Ball und die ihm eigene Würdigung des Fußballs bescherten ihm dann aber den bedeutungsvolleren Namen „Strauß“. In Japan wurde er später „Sensei“ genannt, denn als „Lehrer“ geliebt und geachtet wird seiner Person auch im fernen Osten ehrfürchtige Würdigung zuteil. In Graz erstrahlt das Leuchten in den Augen jener, die über die Spiele des SK Sturm unter seiner Ägide sprachen und vor allem derer, die ihn als Mensch kennenlernen durften. Wo auch immer ihn sein Weg hinführte, wird er verehrt.

Sein Neffe, der bosnische Fotograf und Wasserballtrainer Bojan Mustur, erinnert sich gerne an „den Chef“, wie er seinen Onkel nannte. Streng, aber immer fair. Kritisch, wenngleich er an Mustur und dessen Bruder Ognjen nie etwas auszusetzen hatte. In einem Artikel schrieb er über Trainingseinheiten des jugoslawischen Nationalteams, an denen Osim die beiden Brüder im Kindesalter zusammen mit ihren Helden im Belgrader Marakana teilnehmen ließ. Sie durften mit ihren Idolen Spaß haben und dachten wohl auch zum Leidwesen ihres Vaters nie daran, das Feld vor Trainingsende zu verlassen, weshalb ihnen ihr Onkel immer einen Ball zur Verfügung stellte. Sie fühlten sich als Teil des Teams, gingen in den Hotelzimmern der Spieler aus und ein, waren dann aber ob der Tatsache brüskiert, keinen Platz im Flugzeug zur Weltmeisterschaft in Italien zu haben. Aus Protest legte Osim 1992 sein Amt als jugoslawischer Nationaltrainer nieder. Er sah Krieg stets als Barbarei, derer sich die Menschen entledigen müssten.

„Kampf der Kulturen? Normalerweise  kämpfen Kulturen nicht. Deshalb sind sie ja Kulturen. Weil sie keine Kriege führen.“

Er sollte der Letzte sein, der dieses Amt als gesamtjugoslawischer Nationaltrainer innehatte. Dabei hatte er sich mit seinem Team für die Endrunde der Europameisterschaft 1992 qualifiziert und das, nachdem er im Rahmen der Weltmeisterschaften 1990 das Viertelfinale erreicht hatte. Auch wenn seiner Ansicht nach jeder Tag ohne Fußball ein verlorener Tag war, setzte er diesen Schritt, brachte dieses Opfer.

„Ein Rücktritt ist wohl das Endgültigste, das es gibt. Ich werde nicht zur Europameisterschaft fahren. Das ist eine private Geste und Sie können sie deuten, wie Sie wollen. Ich werde sie nicht erklären. Zurücktreten ist das Einzige, was ich für diese Stadt tun kann. Damit Sie sich erinnern, dass ich in Sarajevo geboren worden bin. Sie wissen, was dort geschieht! Ich kann nicht Trainer eines Landes sein, das meine Stadt bombardiert.“ – Ivica Osim am 22. Mai 1992

„Alles, was ich ich in Ex-Jugoslawien erlebt habe, alles, was, geschehen ist in Bosnien und anderswo, bedeutete für mich das Ende des Lebens. Ich kann mich nicht mehr freuen. Ich kann sagen, die Meistertitel waren schön für die Spieler oder so. Ich kann mich aber nicht freuen. Ich bin zwar nicht tot, ich kann spazieren gehen, aber letztendlich bin ich jemand, der nie geglaubt hat, dass so etwas in meiner Heimat passieren kann“, gab er später einmal zu verstehen, als er gefragt wurde, warum er in der Regel sehr zurückhaltend war und nicht so überschwänglich reagierte, wie es andere Trainer im Falle des Erfolgs taten. Tiefe Narben hinterließen die Ereignisse des Jugoslawienkriegs, die Bomben auf seine Heimatstadt Sarajevo.

Osims Respekt vor dem Fußball war vielleicht schon in seiner Zeit als Profispieler unvergleichlich tiefgreifend und allumfassend. Immer wieder verstand er es, die Bedeutung dieses Sports auf tragende gesellschaftliche Aspekte auszuweiten. Er war für ihn nicht nur Spiel, sondern „kleine Religion für sich“.

„Fußball ist etwas ganz anderes und nicht nationalistisch. Ich glaube noch immer, dass die, die mit dem Fußball verbunden sind – egal welche Hautfarbe oder Religion sie haben – anders sind. Ich glaube, dass Fußball für sich selbst eine kleine Religion ist.“ (13. Mai 2008, Interview mit dem Ballesterer, Ausgabe Nr. 8)

Über Belgrad und Athen schließlich fand er den Weg nach Graz – ein Umstand, den wir zu großen Teilen Heinz Schilcher verdanken, der von 1976 bis 1978 zusammen mit Ivica Osim bei Racing Straßburg gespielt hatte. Er lotste den Wundertrainer 1994 an die Mur zum SK Sturm. Der Verein fristete in Österreich ein Mittelständlerdasein. Auch der Glanz der Ära Baric, in der man den ersten Meistertitel nur knapp verpasst hatte, war längst verglüht. Philosoph, Menschenfreund und leidenschaftlicher Fußballtrainer – niemanden sonst brauchten die Grazer in dieser Zeit so dringend, wie ihn.

Eine Mannschaft müsst ihr sein

Im ORF-Interview anlässlich seines 80. Geburtstages erinnerte sich Osim an die wichtigste Aufgabe, die ihn damals erwartet hatte: eine Mannschaft zu formen, in der jeder für den anderen arbeitete. Spielerlegende Mario Haas erzählte uns 2016, dass Osim stets eines von seinen Spielern verlangte: „Wenn ihr ausgeht, dann geht gemeinsam aus!“ Das Teamgefüge war vor seinem Amtsantritt allerdings nur eine der Baustellen des SK Sturm und das merkte der Jahrhunderttrainer bei seiner ersten Hospitation am Trainingsplatz treffsicher und pointiert mit der Frage an, welche Sportart diese Männer denn da ausübten. Zu wenig Spiel, zu viel Arbeit. Osim betrachtete Fußball stets als Spiel und dieses galt es nun einmal zu spielen. Das rückte er in den Mittelpunkt.

„Fußball ist immer noch ein Spiel, auch wenn das viele vergessen. Denn arbeiten kann man auch in einer Miene.“

Die ersten Erfolge seines Wirkens zeigten sich recht schnell: Schon 1994/95 holte sich der SK Sturm den zweiten Tabellenrang, 95/96 dann mit dem Cup den ersten nationalen Titel, 96/97 den dritten Rang in der Meisterschaft sowie den zweiten Cup-Titel und 1997/98 – im damals gerade fertiggestellten Arnold-Schwarzenegger-Stadion – schließlich die erste Meisterschaft. Diese Reihe an beachtlichen Erfolgen war der Beginn, der so erfolgreichen Ära unter Jahrhunderttrainer Ivica Osim, den Goldenen Jahren. Plötzlich kamen nicht mehr nur Rapid Wien, die Austria und der FC Keli Linz nach Graz, sondern Inter Mailand, Real Madrid, Spartak Moskau, Galatasaray Istanbul, Olympique Marseille, die Glasgow Rangers, der AS Monaco, Panathinaikos Athen, Manchester United und der FC Valencia. Sturm erlangte internationales Renommee, zählte zwischenzeitlich zu den besten Klubs Europas und war in Österreich das fußballerische Nonplusultra. 1998/99 holten sich die Schwoazen sogar das Triple – Meisterschaft, Cup und Supercup. 2000/2001 krönte sich der SK Sturm in der ersten von damals noch zwei Champions League-Gruppenphasen zum Gruppensieger.

„Sturm deckt alles was schwarz ist in meinem Leben, alles was weiß ist auch.“

Aus dieser Zeit stammt wohl auch der etwas melancholische Kontrapunkt, der in allen Hochphasen stets mitschwingt und der den gesetzten Sturmfan immer auf dem Boden der Tatsachen bleiben lässt, denn spätestens 2002, als der SK Sturm zuhause mit 1:3 gegen den Aufsteiger FC Kärnten verlor, beendete Ivica Osim selbst seine Zeit beim SK Sturm. Vor laufenden Kameras endete die Goldene Ära.

Was Ivica Osim für den SK Sturm getan hat, wie sehr er sich seinen Platz in den Herzen der Menschen im und rund um den Verein verdient hat, kann niemals wertschätzend genug ausgeführt und benannt werden. Dass er nicht mehr da ist und ab und an im Stadion nach dem Rechten sieht, reißt ein Loch in die schwarz-weiße Seele. Es liegt nun an uns allen, seine Werte, die weit über den Fußball hinaus ins Gesellschaftliche reichen, hoch und sein Erbe, das er uns allen hinterlassen hat, nämlich die Erinnerung an einen großen Menschen, in Ehren zu halten sowie daran zu denken, dass Fußball ein Spiel ist.

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