VAR: schlimmer als befürchtet

Frust, Unverständnis, verminderter Spielfluss, verstummter Jubel und ein Sport, der dadurch keinen Deut fairer wurde: Der Video Assistant Referee in seiner jetzigen Form ist bestenfalls ein Brocken Aktionismus, der dem Fußball insgesamt mehr schadet als hilft. Denn während die Idee zumindest nachvollziehbar ist, erscheint die Umsetzung geradezu als Idiotie.

VAR vs. Emotion

Der Fußball lebt von Fehlentscheidungen – sagen zumindest die einen. Und tatsächlich: Viele Spiele haben sich nicht wegen der hohen Qualität oder des packenden Spielverlaufs in das kollektive Fan-Gedächtnis gebrannt. Vielmehr zeichneten dafür oftmals jene Herren verantwortlich, die gar nicht im Fokus stehen sollten. Man denke an Fritz Stuchlik, Thomas Einwaller oder gar an Romualdas Yuschka. Eine – freilich oftmals lediglich subjektiv empfundene – systematische Benachteiligung ist passend zur Identität des bodenständigen, armen Davids längst Bestandteil der schwarz-weißen DNA. Kaum etwas sorgte in der Vergangenheit für mehr Hexenkessel-Atmosphäre in Liebenau als der eine oder andere strittige Pfiff. Die Vorstellung, der VAR würde dem Fan nicht nur in Graz solcher Ereignisse berauben, sorgte im Vorfeld erwartungsgemäß für viel Skepsis und Unbehagen – nicht ganz zu Unrecht. Denn in einer (Fußball-)Welt der hemmungs- und anstandslosen Kommerzialisierung wurde die Emotion ohnehin bereits viel zu häufig aus den Stadien verbannt.

© Martin Hirtenfellner Fotografie

Unbegreiflich dämlich

Es bedürfe ob des immer schneller werdenden Sports technischer Hilfsmittel, die den Unparteiischen unterstützend zur Seite stünden und um Fairness zu garantieren – sagen die anderen. Am Beispiel der relativ raschen Abseitsentscheidungen mithilfe der vielzitierten, kalibrierten Linie zeigt sich auch, wie technische Neuerungen sinnvoll angewandt werden könnten. Ein kurzer Funkspruch in das Ohr des Schiris und die korrekte Entscheidung steht – keine Fehlerquote, kein Jammern und keine unerträglichen Proteste, die sowieso noch nie etwas brachten. Es ist dies jedoch das einzig positiv hervorzuhebende Beispiel. In allen anderen Bereichen versagt der VAR auf ganzer Linie. Und dieses Versagen ist hausgemacht. Denn das Beschränken des Video-Schiris auf „spielentscheidende“ Szenen – sprich: auf Tore und Elfmeter – einerseits und die unbegreiflich dämliche Bestimmung, dieser habe nur bei „klaren Fehlentscheidungen“ einzugreifen, führt die bloße Existenz des VAR ad absurdum.

Nur ein bisschen falsch?

Eine Schiedsrichter-Entscheidung ist entweder richtig oder sie ist falsch. Selbstredend gibt es Fehlpfiffe, die deutlicher sind und somit mehr Grund zur Aufregung liefern, während es bei anderen eines genaueren Blickes bedarf. Eines haben sie jedoch gemeinsam: sie sind falsch, egal ob klar oder nicht. Eine Fehlentscheidung wird nicht richtig, weil sie weniger deutlich ist. Die Notwendigkeit der Erfüllung einer bestimmten Marke in einer herbeifantasierten Falschheits-Skala ist blanker Schwachsinn. Zudem gibt es freilich keine Definition, was nun eine „klare Fehlentscheidung“ sei. Somit liegt es erst wieder im alleinigen, individuellen Ermessen des Schiedsrichters, wie entschieden wird bzw. am VAR, ob dieser einen Eingriff als zwingend notwendig erachtet. Eine schwammige Formulierung, die eine stark differenzierende Regelauslegung begünstigt, ist genau das, was es nicht braucht. Warum man sich dennoch dafür entschied, entbehrt jedweder Logik, spricht immerhin nichts für eine solche Handhabe. Ebenfalls bedenklich stimmt der offensichtliche Umstand, dass sich Spiele nicht auf Torszenen beschränken. Jede gelbe Karte, jeder Foulpfiff und jeder Eckball vermag im weiteren Sinne „spielentscheidend“ zu sein und eine Partie zu beeinflussen oder gar in eine bestimmte Richtung zu kippen. Das Nicht-Eingreifen des VAR in fast allen bedeutenden Szenen – inklusive beispielsweise gelb-roter Karten – schließt eine Verbesserung der Fairness durch den Video-Assistenten bereits in der Theorie kategorisch aus. Ein VAR, der sich nur in den seltensten Fällen einschaltet, ist völlig wertlos. Das Credo müsste demnach lauten: entweder ganz oder gar nicht. 

Mittlerweile ein gewohntes Bild: minutenlange Unterbrechungen © Martin Hirtenfellner Fotografie

Verpasste Chance

Dabei hätte die Technik durchaus das Zeug, den Fußball von allseits verachteten Unsportlichkeiten weitgehend zu befreien. Der VAR könnte der überhandnehmenden Theatralik und Schinderei sowie den unnötigen Protesten, die mittlerweile alle halbwegs relevanten Aktionen begleiten, langfristig einen Riegel vorschieben. Zur Gänze ließe sich alles Unsportliche natürlich nicht verhindern, zumindest aber ein lückenloses Ahnden von Schwalben wäre beispielsweise bereits ein langersehnter Meilenstein. Dafür wäre, wie in den allermeisten Szenen eines Spiels, lediglich ein kurzer Funkspruch nötig, der Schiedsrichter wird informiert und ein Spiel liefe ohne unnötig in die Länge gezogene Unterbrechungen flüssig weiter. Da keine Laien vor den Bildschirmen sitzen, dürfte es zudem gar nicht nötig sein, solche Funk-Anweisungen infrage zu stellen oder überprüfen zu müssen und dadurch den Spielfluss zu hemmen. Ein im Hintergrund agierender und dirigierender VAR, der alle Szenen überwacht, würde der eigentlichen Intention eines solchen auch gerecht werden.

Während man so allerdings die Nachteile in voller Bandbreite und darüber hinaus abbekommt, sind die prophezeiten Vorteile nicht einmal existent. Dieser halbherzige und in aktueller Form unbrauchbare Video Assistent Referee erweist sich folglich sogar noch als weitaus schlimmer, als von Kritikern befürchtet wurde. Viel mehr als ein bisschen Aktionismus, der einem vermeintliche Gerechtigkeit vorgaukelt, ist es am Ende nämlich nicht. Daran ändert auch das eine oder andere ab- oder anerkannte Tor nichts. 

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10 Kommentare

  1. fid82 sagt:

    Das Problem ist ja meiner Meinung nach:
    Eine Entscheidung ist eben nicht immer richtig oder falsch!
    Es gibt viele Szenen, die 50:50 sind.
    Da kann nicht jedes Mal der VAR intervenieren.

    Wo er sich einschalten könnte: bei Eckballentscheidungen und krassen Fehlentscheidungen bei Freistößen in der gefährlichen Zone bzw. in der gegnerischen Hälfte.

    • Melvinuss sagt:

      Völlig richtiger Kommentar. Aber trotzdem gibt es und gab es krasse Situationen, die trotz VAR nicht richtig beurteilt werden und wurden. Wenn ich an das Spiel BVB gegen Bayern denke, dann darf es nicht in der einen Situation keinen Elfer geben und in der anderen schon. Reus wurde klar gestoßen. Mit einem Elfer wäre Dortmund in Führung gegangen und der Spielverlauf hätte sich ebenso geändert. So wurde trotz VAR Einfluss auf das Ergebnis genommen. Denn auch wenn Hummels mit dem Ellbogen raus ist, er hatte den Kopf unten, einen Arm des Gegners im Gesicht und wurde zudem auch leicht gedrückt. Man kann nicht da einen Elfer geben und bei der anderen Situation nicht.

      Unterm Strich wurde der Fußball sicher gerechter, keine Frage. Vor allem klare Abseitstore können damit vermieden werden. Was ich dann aber schon wieder bedenklich finde, ist, wenn nach einem Tor noch Situationen von 1 Minute vor dem Tor angesehen werden und das Tor aufgrunddessen dann aberkannt wird. Das hat meiner Meinung nach mit dem Gedanken des VAR nichts mehr zu tun.

    • black_aficionado sagt:

      Ich bin bei euch beiden! Ja, auch mit VAR werden Fehler gemacht werden bzw. es Schnittsituationen geben in welchen immer diskutiert werden wird – klar, Fußball ist keine Naturwissenschaft und es gibt einfach Interpretationsspielraum! Ich kann dem Einwurf daher in Wahrheit genau gar nichts abgewinnen, insbesondere auch wegen des fast schon naiv-dümmlich anmutenden Versuchs zum Schluss des ersten Absatzes sich als subversives Element, als Revoluzzer gegen den „kommerziellen“ Mainstream, zu gerieren und versuchen zu negieren, dass auch bei uns trotz aller Kleinklub-Strukturen einfach viel zu viele Existenzen daran hängen und daher ALLES unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten abgewogen gehört.
      Und als ob die Emotionen des Sports durch den VAR per se genommen werden würden?! Also wenn die aufgeheizten Chants gegen die „Wiener Mafia“ vieles bis alles ist was in Liebenau Emotion bietet, dann sollte man meiner Meinung nach sein Stadion-Verständnis etwas hinterfragen…

      Denn bei aller zT auch berechtigten Kritik am VAR: Objektiv betrachtet sind dadurch bis jetzt schon so dermaßen viele Fehler korrigiert geworden, da ist es mir einfach brutal wurscht wenn diese Emotionen der gefühlten Benachteiligung, David gg Goliath oder wie auch immer, 2-3 Saisonen darunter leiden bis sich das alles eingespielt hat!

      Auch wie du sagst @Melvinuss, es ist natürlich nicht gut, wenn das Spiel länger weiterläuft und auf der Gegenseite gar etwas Entscheidendes passiert…Aber Hand aufs Herz, wie oft ist das wirklich schon passiert? Die paar Mal müssen wohl dafür in Kauf genommen werden, dass die teilweise blinden Pfeifen an die Kandare genommen werden und nicht mehr in ihrer Selbstgefälligkeit und fußballerischen Ahnungslosigkeit Spiele entscheiden…
      Dass solche Kandidaten wie ein Lechner oder Schüttengruber das Spiel durch i-Tüpfelreiten immer zerpfeifen werden wird dadurch nicht verhindert, aber wenigstens bleibts für beide Mannschaften gleich fair (schlecht) und das sollte meiner bescheidenen Meinung nach auch im Sport über Allem stehen!

    • Melvinuss sagt:

      Guter Kommentar, Black Aficionado!

    • 1909 sagt:

      @black_aficiondo: Also ich bin absolut der Meinung, dass der VAR Emotionen nimmt. Strittige Pfiffe, die man als Fan natürlich als absolut falsch wahrnimmt, verlieren an Brisanz. Der Torjubel ist auch nicht mehr dasselbe, wenn man weiß, das tor könnte aus hundert Gründen noch aberkannt werden … das lässt sich nicht leugnen.

    • black_aficionado sagt:

      @1909: no worries, ich behaupte nicht, dass sich durch den VAR nichts geändert hat – es stimmt schon, dass man bei Toren wenn es knapp gewesen ist zuvorderst einmal verhaltener jubelt und eher abwartet als früher wo meist der Blick raus zum Wachelmann zur Ekstase genügt hat. Aber das trifft auch nicht auf jede Situation zu und ich denk mir persönlich meist auch nicht „na hoffentlich wird es nicht noch zurückgenommen…“.
      Ich bleibe für mich dabei, die möglichen paar Sekunden der Unsicherheit wiegen die ellenlange Liste der korrigierten Fehlentscheidungen allemal auf. Zumindest geht es mir so, dass ich mich dennoch freue sobald der Ball im Netz zappelt. Z.T. auch überschwänglich wie eh und je, wenn es eindeutig war. D.h. nach wie vor ist es für mich nicht so, dass ich von den Emotionen her das Gefühl habe Partien im sterilen Umfeld beizuwohnen. Freude, Ärger und Leid sind aufgrund der Vielseitigkeit und Dynamik im Spiel nach wie vor wesentliche Bestandteile, auch deshalb weil eben nicht jede einzelne Aktion zerpflückt wird und mehr als genug „Schnittentscheidungen“ zum diskutieren oder anders interpretieren dabei sind.

      Aber es wäre wirklich mal interessant zu wissen, wie viele Tore seit Einführung VAR aufgrund von diversen weit vorangegangenen oder „off-play“ Aktionen insgesamt zurückgenommen wurden, quasi also der zitierte Emotionskiller sind. Ich glaube nämlich, dass das in Wahrheit gar nicht so viele waren, die paar die es gegeben hat, sich aber nachhaltig in die Fan-Seele eingebrannt haben…

    • black_aficionado sagt:

      Kurzer Nachsatz (auch wenn der vorangegangene Roman lang genug war 😉 ): Wenn es durch den VAR gelingt diese unsäglichen Schauspieleinlagen, die außer peinlich nur mehr lächerlich sind, zurückzudrängen, dann ist dem Sport noch mehr gedient. Das Gehabe und diese Unsportlichkeit sich bei jeder Berührung wie vom Blitz getroffen zu geben ist einfach nur eine Schande und absolut unwürdig. Auch jene Spieler auf welche die Schwerkraft stärker wirken zu scheint und die eine ausgeprägte Fallsucht mitbringen werden dadurch eventuell animiert es sich 2x zu überlegen ob sie sich der Lächerlichkeit preisgeben.

    • 1909 sagt:

      stark argumentiert und kommt man schwer dagegen an, ehrlich. trotzdem: der VAR fühlt sich für mich trotzdem falsch an.

  2. XeweX sagt:

    Ja ja stimmt ja alles, und es könnte besser laufen. Ich glaube aber doch, das vor allem bei den Toren eine riesige Verbesserung eingetreten ist. Gefühlt wurden Rapid die meisten Tore durch VAR aberkannt, do früher die Schiris alles durchgehen ließen. Mir gefällt sehr gut, dass jeder Treffer überprüft wird, und die Entscheidung ist zu 99 % richtig.

  3. Marchanno Diaz Rabihou sagt:

    es gibt kein argument für den VAR – ist zu 100% unnötig und grausam.
    bevor der blödsinn abgeschafft wird, gibts sicher 2 aufpasser für die aufpasser der aufpasser (und eventuell ein paar neue Kanzler)

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