Über Schuld und Solidarität

Nach meinem äußerst provokant geschriebenen Kommentar „Über Chuzpe und Anstand“, den ich nach dem Spiel des SK Sturm gegen die Austria aus Wien zur Diskussion gestellt habe, wurde relativ schnell deutlich, dass zumindest in den Weiten des Internets doch gravierende Meinungsverschiedenheiten darüber herrschen, ob ein Schuldverhältnis zwischen dem Verein, der Mannschaft und dem Anhang besteht und wenn ja, welches. Während eine Seite die Meinung vertritt, die Mannschaft sei den Fans des Vereins verpflichtet, ein Mindestmaß an „G’hert‘ si“ (Anm. Dialektausdruck für „Benehmen“, abgeleitet von „es gehört sich“) an den Tag zu legen und dabei auch die eigenen Ansichten hintanzustellen, kontert die Gegenseite mit dem Recht des Teams darauf, Stellung zu beziehen und, ebenso wie die Kurve, Zeichen zu setzen.

Provokant und (mehr oder weniger) bewusst grantig drängte ich die Mannschaft, auch aus eigener Intention (ja, ich habe mich wirklich geärgert), als solche in die Schuld ihrer Fans, die nicht nur viele Kilometer im Jahr zurücklegen, sondern auch viel Zeit und Geld für die Leidenschaft für ihren Verein opfern. Der Anlass zum Kommentar schließlich war die verweigerte Verabschiedung von der Nordkurve am vergangenen Samstag, gewürzt mit einer deutlichen Geste des Schützen zum 1:0, Andreas Gruber, der sich danach gezwungen sah, eine Rechtfertigung auf Facebook zu veröffentlichen. Ich stellte sogar die Charakterfrage in den Raum und warf der Mannschaft mangelnden Anstand vor.

Die Kritik der Fanklubs, der durch den Supportboykott und einige Transparente Stimme verliehen wurde, ist fundiert und zeugt von Interesse an langfristig erfolgreichem Handeln im Verein. Die stärkere Förderung der eigenen Jugend, professionelle Strukturen und Dekonzentration der Machtverhältnisse im Verein werden gefordert. Dass dabei Persönlichkeiten wie Präsident Christian Jauk, General Manager Gerhard Goldbrich und auch Trainer Franco Foda direkt angesprochen werden, erklärt sich von selbst, ist es doch dieses Triumvirat, das die Geschicke des SK Sturm derzeit lenkt.

Über Foda, der schon während seiner zweiten Amtszeit vor und nach dem Meistertitel 2011 immer wieder von einem Teil der Fans heftig kritisiert wurde, scheiden sich auch im dritten Akt seines Trainerdaseins die Geister. Über die Gründe dafür wurde schon hinlänglich diskutiert. Besonders deutlich wurde die Kritik an ihm anhand einiger Transparente der Nordkurve, die Foda auch relativ direkt angriffen. Beleuchtet man den Aktionismus der Mannschaft vor diesem Hintergrund, so ist ihr Handeln wohl auch für Außenstehende nachvollziehbar. Immer wieder wurde in Kommentaren auf meinen Artikel hin darauf hingewiesen, dass man der Mannschaft auch eingestehen müsse, in einer solchen Situation hinter ihrem Trainer zu stehen und Partei für ihn zu ergreifen. Auch, wenn ich immer noch der Meinung bin, dass der verweigerte Abschied ein falscher Ansatz war, muss man dem wohl zustimmen. Wahrscheinlich kann man diese Solidarität, die die Mannschaft ihrem Trainer gegenüber gezeigt hat, im Nachhinein betrachtet sogar als gutes Zeichen interpretieren, denn auch, wenn innerhalb des Teams vielleicht (noch) nicht alles rund laufen mag, der Wille ist offensichtlich da, das Mannschaftsgefüge zu stärken und nach außen hin als intakt zu präsentieren. Das ist dann doch anständig.

Die Frage danach, was die Mannschaft den Fans des Vereins schuldet, wird wohl heiß diskutiert bleiben, denn auch da treffen zwei recht deutlich abgrenzbare Meinungsfronten aufeinander. Wer viel Geld und Zeit in sein Fandasein investiert, erwartet sich dafür zweifelsohne eine Gegenleistung, die im besten oder schlechtesten Fall (dies beurteile ich nun nicht) beinhaltet, seine Mannschaft unterstützen zu dürfen. Vielen wird das zu wenig sein, denn läuft es sportlich schlecht, lichten sich die Tribünen gerne und auch der ein oder andere Abonnent bleibt dann zuhause.

Ich als Fan des SK Sturm erwarte dieses „Danke und auf Wiedersehen“, den letzten Kontakt, der es mir entweder erlaubt, gute Leistungen, wie am Samstag oder auch gestern in der Cup-Partie gegen Seekirchen, mittels Abschiedsapplaus zu honorieren oder der Mannschaft die Chance gibt, zu sagen: „Sorry, das war heute nichts, aber danke, dass ihr da wart!“ Das hat bisher immer gut funktioniert und das wird, da bin ich mir sicher, auch in Zukunft funktionieren. Der „verbohrte“ Fan in mir wird indes lernen müssen, manchmal über etwas hinwegzusehen und sich in Geduld zu üben.

(c) SturmNetz.at

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2 Kommentare

  1. wama sagt:

    Hallo Bernhard! Herzerfrischende Offenheit und Trendwende, vor der ich meinen Hut ziehe.
    Und ja, das war natürlich ein Statement zum Trainer, so ungeliebt er auch bei manchen ist.
    Dass derselbe beim Mediabriefing wie eine beleidigte Leberwurst auftrat, ziemlich angeschlagen wirkte nach der zum Teil völlig berechtigten Kritik, ist übrigens auch menschlich verständlich, wenn man in Betracht zieht, dass er sich sonst nahezu immer vor die Mannschaft stellte, sie also schützte, selbst wenn sie den größten Dreck gespielt hat und sich nun wohl als alleinigen Sündenbock für alles und jeden konfrontiert sah.
    Gruber wollte wohl sagen, lasst uns einfach in Ruhe arbeiten, wir stehen zu unserem Trainer, wollen nicht wieder zusätzliche Unruhe von außen, also von Fans, Medien,…dazu bekommen, sind uns der eigenen Unzulänglichkeiten bewusst, kriegen das wieder geregelt,…er wollte mit Sicherheit seine Fans nicht maßregeln oder beleidigen,…
    Fazit: Danke nochmals, Bernhard, für deinen Schwenk und ab sofort darf von uns Fans und Kommentatoren munter weiterkritisiert werden, aber eventuell mit a bisserl mehr Niveau und nicht immer nur aus der Hüfte geschossen, denn was von außen in den Verein gepushte Unruhe bedeutet und für Folgen hatte, durften wir alle ja noch bis vor Foda erleben, ob man den nun in seiner derzeitigen amtsperiode mag oder nicht.

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  2. Rene90 sagt:

    Gratuliere dir zu diesem Top – Top – Top Kommentar !!! einfach objektiv auf den Punkt gebracht , da es bei diesem Thema immer 2 Gesichts- Ansichtspunkte geben wird

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