Über das Einfache im Jahr 2011- als Hütteldorf Schwarz-Weiß trug

Zusätzlich zu der jährlich einkehrenden November-Depression drückt die magere Punkteausbeute aus den letzten Partien auf das Gemüt vieler Sturm-Aficionados. Die Gedanken kreisen nun um das kommende Spitzenspiel gegen Rapid, das mit großer Spannung erwartet wird. Eines steht unweigerlich fest: Nichts ist so schön wie ein Sieg gegen Rapid – außer ein Auswärtssieg bei Rapid! Diesem laufen die Schwarz-Weißen schon seit geraumer Zeit hinterher und das schmerzt den Sturmliebhaber ungemein. Um ein bisschen aus diesem Dilemma und der November-Tristesse auszubrechen, blicken wir heute auf den letzten Auswärtsdreier bei den Grünen zurück.

Dieser datiert aus dem Jahr 2011, aus einer Zeit, in der sich jener Aufstieg der jungen Wilden in Graz sich langsam seinem Höhepunkt, sowie dem gleichbedeutenden Ende zuneigt und später im Meistertitel enden sollte. Zwar ist vom spielerischen Glanz vergangener Tage nur mehr wenig in Liebenau übrig, aber auch der ergebnisorientierte Fußball Franco Fodas trägt seine Früchte. In einem kompakten 4-4-2, dirigiert von Gordon Schildenfeld, ringt Sturm seine Gegner Woche für Woche nieder und marschiert ganz still und heimlich zur Tabellenführung. So richtig möchte aber niemand an den Meistertitel glauben, dies sollte sich nach einem Doppel gegen Rapid schlagartig ändern. Diese beiden Partien stellen zweifellos die Schlüsselspiele in der Saison 2010/11 dar.

Nachdem Patrick Wolf in Graz Sturm früh in Führung bringt, stellen die Wiener nach katastrophalen Abwehrfehlern auf Seiten der Schwarz-Weißen auf 3:1. Ernüchterung kehrt ein. Niemand hätte auch nur annähernd geglaubt, dass die Schwoazen wieder zurück in die Spur finden. Aber sie taten es – und wie. Die sich in Topform befindenden Imre Szabics und Roman Kienast egalisieren das Ergebnis (3:3) und Liebenau befindet sich in Ekstase. Von einem Meistertitel ist in Graz dennoch nicht einmal annähernd die Rede, man freut sich einfach über das gelungene Comeback und erkennt, dass es möglich ist, sich aus unangenehmen Situationen zu befreien. Wie wichtig diese Erfahrung für den restlichen Saisonverlauf sein sollte, durfte man später in Wiener Neustadt bestaunen.

© SturmNetz

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Eine Woche später begleitet eine Schar von Sturmaficionados die Schwarz-Weißen nach Hütteldorf, dort angekommen macht sich selbige auch lautstark bemerkbar. Von den Rapidfans ist zumindest im Auswärtssektor nahezu kein Ton zu vernehmen, irgendwie liegt ein besonderer Nachmittag in der Luft. An diesem Tag ist eine bestimmte Lockerheit spürbar, die nahezu an die oben erwähnten jungen Wilden rund um Christoph Leitgeb und Sebastian Prödl erinnert. Manuel Weber steckt für Szabics durch, dieser leitet zu Kienast weiter, der Ball wird von Mario Sonnleitner noch abgefälscht – Tor, 1:0. Alles sieht so einfach aus. Manchmal kann auch das Einfache ungeahnte Emotionen auslösen und die Menschen glücklich machen, so wie in diesem Fall. In der 40. Minute hebt Roman Kienast den Ball über die hoch stehende und behäbig wirkende Rapid-Verteidigung, Szabics überlupft in der Folge Raimund Hedl. Das hatte nichts mehr mit etwas Einfachem zu tun, dieses Tor glich einem Kunstwerk. Ich fühle mich nahezu beschämt, es mit so etwas Alltäglichen wie mit Worten zu beschreiben. In der Folge springen die beiden Protagonisten auf die Werbebande und lassen sich von den mitgereisten Fans völlig verdient feiern. Das sind sie die Emotionen, von denen der Fußball lebt, ohne die er nicht Fußball wäre. Wer bei einem solchen Ereignis nicht dabei war, der kann auf keinen Fall nachvollziehen, was sich in so einem Moment abspielt.

Diese erste Halbzeit stellte ohne Zweifel die Beste der gesamten Saison dar und daraus resultierten heftige Pacult-raus-Rufe auf Seiten der Rapidfans, die aber nur als Randnotiz zu vernehmen sind. Denn Hütteldorf ist an diesem Tag klar von Schwarz-Weiß geprägt, die Sturm-Aficionados diktieren und die Grünen lauschen dem späteren Meister aufmerksam. Die Partie endete mit einem völlig ungefährdeten 2:0 Auswärtssieg, so stellt man sich einen perfekten Fußballabend vor. Was diese beiden Spiele auf Seiten der Grazer bewirkten, ließ sich damals nicht annähernd erahnen: Plötzlich gab es eine realistische Chance auch am Ende der Saison ganz vorne zu stehen. Alles schien auf einmal ganz einfach und greifbar zu sein, auch der Weg zum Meistertitel …

 

 

3 Kommentare

  1. arrai sagt:

    War wohl die geilste Auswärtsfahrt auf der ich jemals dabei war. Schön war auch, dass man bei der Zusammenfassung des Spiels vom ORF irgendeinen Mundl „jo san de deppat“ reinschreien gehört hat. Weiß bis heute nicht, ob er die Mannschaft von Sturm, die gerade den SCR zerlegt hatte, oder die „zündelnden“ Sturm-Fans gemeint hat. Denke aber eher letzteres oder eine Kombi von beidem

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