Tränen machen wach

Ein Kommentar über die Enttäuschung im modernen Fußball

„Und wo ist nur dein Leben?“

Fußball ist ein weltweites Phänomen, es gibt wohl nicht einmal ansatzweise vergleichbare Sportarten, er lebt von Emotionen wie keine andere. Über Jahrzehnte hinweg wurden einfache Sportler zu Ikonen und deren Geschichten erzählte man sich von Generation zu Generation weiter. Statuen wurden für sie errichtet, Lieder gedichtet und ihre glorreichen Taten führten ganze Städte zusammen, oftmals sogar ein ganzes Land. Der Prolet und der Akademiker waren gleichfalls verzückt von dem schönen Treiben dort unten am grünen Rasen. Der Geruch von Bier und fettigem Essen blieb beiden gleichfalls im Gedächtnis und gab ihnen ein Gefühl von Sicherheit. Es ist ein wohltuendes Gefühl, es ist das Wissen angekommen zu sein, dort wo man am liebsten jeden Tag sein möchte – zu Hause. Ein Zuhause, das zumeist aus grauen Betonmauern besteht, doch inmitten ein grünes Feld, ein Feld, auf dem magische Dinge passieren können. Ein Zuhause muss nicht schön eingerichtet sein, es reicht, wenn man sich dort geborgen fühlt, bei seinen Liebsten. Ins Stadion zu gehen ist für viele Menschen auf diesem Globus wie Heimkommen. Das Stadion ist so etwas wie ein Paralleluniversum, ein Ort, an dem ganz eigene Regeln und Gesetze gelten. Zwar gibt es auch dort Gesetzeshüter, die gerne einmal ein wenig über die Stränge schlagen, doch im Endeffekt meinen sie es nur gut. Egal welcher Unglücksfall in Form von Spielerabgängen oder finanziellen Schwierigkeiten über einen Verein hereinbricht, er bleibt für seine wahren Anhänger auf ewig bestehen. Dies gilt speziell für Graz, denn wie wir alle wissen, ist Sturm größer als jeder Spieler. Auch den noch so verhassten Stadtrivalen haben Muskelspiele der Vereinsoberen zwar arg beuteln, aber niemals ganz beseitigen können. Die obigen Zeilen sollen einleitend für das Verständnis dienen und verdeutlichen, was den Fußball für weite Teile seiner Anhängerschaft speziell in seiner ursprünglichen Form ausgemacht hat. Denn spätestens die Geschehnisse der letzten Tage stehen stellvertretend für das ekelhafte Konstrukt, zu welchem dieser einst so wunderbare Sport mittlerweile verkommen ist.

(c) Martin Hirtenfellner Fotografie

„Sternenschein im Mai“

Doch springen wir ein paar Wochen zurück. Der schwarz-weiße Underdog besiegt im österreichischen Cupfinale sensationell das übermächtig scheinende Brauseprodukt. Noch dazu in einer solch überzeugenden Manier, wie es wohl kaum einer für möglich gehalten hätte. Wohlgemerkt wurde hier eines der besten Teams in Europa quasi in Grund und Boden gespielt und war ohne den Hauch einer Chance. Wenige Tage später die nächste Sensation: In einem nicht minder wichtigen Spiel bezwingt der Sportklub Sturm stark aufspielende Linzer und steht somit in der Qualifikation für die Champions League-Saison 2018/19. Pure Ekstase auf den Rängen auch eine Woche später, bei der Cupsiegerfeier im Liebenauer Oval. Einer Brandrede des Präsidenten Christian Jauk folgt das für schier unmöglich Gehaltene: Der sportliche Geschäftsführer des SK Sturm, GÜNTER KREISSL, verkündet live im Stadion, dass DARIO MARESIC seinen Vertrag, trotz einer Vielzahl an höchst lukrativen Angeboten verlängert. Nachdem der Held des Cup-Epos STEFAN HIERLÄNDER überraschend auf die hoch dotierten Verträge aus der Hauptstadt verzichtete, folgte mit der Bekanntgabe des Maresic-Deals die nächste überraschende Wende in der Kaderplanung 2018/19. Die schwarz-weiße Welt schien unerschütterlich, alles war in den vergangenen Wochen möglich geworden. Jeder noch so surreale Wunsch wurde den Sturmfans erfüllt, wer sollte uns nun aufhalten? Meilenweiter Vorsprung auf sportlicher Ebene vor den Dauerrivalen aus Wien wurde geortet und selbst gegen die Übermacht aus der Mozartstadt konnte man ein deutliches Ausrufezeichen setzen. Immerhin schnappte der SK Sturm den „sympathischen“ Akteuren rund um Valon Berisha, Munas Dabbur und Hannes Wolf zum ersten Mal seit 2013 auf nationaler Ebene einen Titel weg.

„Schwunder“

Doch eines war so klar, wie dass eine Ivica Osim-Straße in Graz längst schon errichtet sein müsste: Die Schmach der vergangenen Saison wird die Konkurrenz nicht auf sich sitzen lassen. Dass speziell die Wiener Violetten aber auf die primitivste und unkreativste Taktik zurückgreifen werden, kam dann doch etwas überraschend. Es spricht nichts dagegen, sich kreativen Imput bei anderen zu holen und diesen dann neu zu interpretieren. Aber getreu dem Motto „Wenn wir nicht so gut sein können wie sie, dann kaufen wir sie einfach“ zu handeln, erscheint dann doch mehr als ideenlos. Was aber viel erschreckender anmutet, ist, dass diese Taktik wohl fürs Erste sogar aufzugehen vermag und das schwarz-weiße Wunder so langsam zu schwinden scheint. Willkommen zurück in der Realität, einer Realität, in der für viele Menschen nur noch das liebe Geld zählt. Dies gehört zu jener dunklen Stunde ganz einfach einmal gesagt. Ist Geld heutzutage wirklich das einzige Motiv eines Fußballers? Wenn schon jegliche moralischen Vorstellungen über Bord geworfen werden, dann „habe doch wenigstens Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, aber dazu abschließend mehr. Wahrhaftige Legenden wie einen Mario Haas, Günther Neukirchner oder Ivica Osim gibt es im modernen Fußball fast nicht mehr. Einige Akteure der derzeitigen Sturmmannschaft machen sich auf den Weg zu solchen zu werden. Einigen, die diese Reise nicht antreten wollten, sei der letzte Absatz gewidmet. Mit schwarz-weißen Grüßen.

(c) Flickr/Maik Meid

„Graz bei Nacht“

An die sehr geehrten Herren Uros („man sollte seinen Verein nicht jedes halbe Jahr wechseln“) MaticJames („ich glaube, ein Transfer innerhalb Österreichs ist nichts für mich“) Jeggo, Michael („ich bin so froh, dass ich zu meinem Verein zurückkehren kann“) Madl, Christian („ich mache jedes zweite Spiel einen exorbitanten Abwehrfehler und stelle dann völlig überzogene Gehaltsforderungen an den Klub, der mich zum Bundesligaspieler gemacht hat“) Schoissengeyr und sonstige Granden, die vorhaben, künftige Europacupabende vor dem Fernseher zu verbringen. Euch sei dabei wirklich nur das Beste vergönnt und es ist nachvollziehbar, dass einige eine Familie ernähren müssen und das liebe Geld durchaus seinen Reiz hat. Ein Wechsel zum grünen Stadtrivalen wäre ja irgendwo noch halbwegs verständlich gewesen, denn auch dort hat man die Chance, sich international zu präsentieren, und ein tolles Umfeld. Auch in Hütteldorf sind die eingangs erwähnten Emotionen, die den Fußball auszeichnen, immer noch spürbar. Wenn ihr wirklich schon jegliche Moralvorstellungen verwerfen wollt, dann steht dazu und macht das von Anfang an klar. Aber bitte versucht nicht, die treuen Fans, die zu einem nicht gerade geringen Teil auch eure Gehälter mitfinanzieren, für blöd zu verkaufen. Es sind jene unerschütterlichen Fans, die Woche für Woche keine Kosten und Mühen für euch scheuen, bei jedem Spiel dabei sind, unzählige Euros ausgeben, um euch zu unterstützen. Es sind ganz einfach jene Fans, die den Fußball eben zu dieser besonderen Sportart machen und ohne die er niemals so groß geworden wäre. Man wünsche euch viel Spaß vor dem Fernseher, während 5000 verrückte Sturm-Aficionados in Amsterdam oder Basel die Mannschaft nach vorne treiben, in ihrer unvergleichbaren Manier. Wir wünschen euch viel Spaß, dabei zuzusehen, wie die Schwarz-Weißen einmal mehr in die Champions League einziehen und Fabian Koch dort in Roman-Mählich-Manier einem gewissen Cristiano Ronaldo vielleicht sogar seine Grenzen aufzeigt. Wir wünschen euch viel Spaß, dabei zuzusehen, wie in Graz nächste Saison ein ums andere Mal ein Fußballfest gefeiert wird und unzählige Schwoaze vom Hauptplatz bis nach Europa maschieren, während eure stimmungstechnischen Saisonhighlights aus bitterbösen Pfeifkonzerten in eurem alten Stadion bestehen werden. Hoffentlich können die übriggebliebenen Violetten euch glücklich machen, viele sind es ja nicht mehr. Oder doch? Liegt wohl wahrscheinlich im Auge des Betrachters.

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13 Kommentare

  1. schmitz sagt:

    Einfach Nur ein Geiler Artikel und wahre Worte. Danke dafür

    7+
    • graz4ever sagt:

      Einer der schönsten Artikel, die ich hier je lesen durfte!

      Jedes Wort geschriebene Leidenschaft..einfach nur wundervoll!

      7+
  2. Schworza99 Schworza99 sagt:

    Off Topic:

    @SturmNetz

    Macht ihr einen Artikel zur Stadionsituation, denn laut heutigem Kleine Interview mit Jauk hätten wir wegen dem roten Sigi fast keine Lizenz bekommen…musst dir mal vorstellen, in Wien baut die Stadt jedem a Stadion, bei uns wollens das wir absteigen…WTF

    6+
    • schmitz sagt:

      das Traurige ist , die Linzer ziehen nach mit ein Stadion neu Bau

      2+
    • Arch Stanton sagt:

      Die Herren der hohen Stadtpolitik bemerken ihre Liebe zu Sturm immer kurz vor Wahlen oder wenn wir einen Titel holen. Und selbst dann reicht es nur für ein Foto.  Das Geld schieben sie lieber dem ehemaligen Rivalen zu, deren Expräsident auch noch immer auf freiem Fuß ist.

      Die Roten sind ja der einzige Verein, bei dem der Masseverwalter einen Hattrick gemacht hat und kein Kicker..

       

      10+
  3. jorge72 sagt:

    also ich finde den artikel ziemlich weinerlich und aufgrund der hohen emotionalität auch unsachlich. vielmehr sollten sich vereine in der größenordnung von sturm die frage stellen, wie man trotz dieser trends im modernen fußball bestehen und eine eigene identität aufbauen kann. das fängt an bei der infrastruktur, der nachwuchsarbeit, der spieler- und fanbetreuung usw. – die marke sturm muss was besonderes darstellen, mit einem hohen grad der identifikation seitens politik, bevölkerung, fans, funktionäre, spieler… – innovation ist gefragt und nicht das nachweinen längst vergangener zeiten…

    1+
    • Duddy sagt:

      is auch ne Meinung, keine Nachrichtenstory.

      Mussts ja nicht lesen.

      2+
    • HW sagt:

      Kann ich dir nur zustimmen: Innovation und Investoren sind gefragt und dafür gibt es den Vorstand und der braucht Visionen und keine Brandreden

      2+
    • Arch Stanton sagt:

      Geehrter HW!

      Investoren und Innovation. Genau. Die machen den Sportklub Sturm Graz dann zu einer Marke mit viel hohlem Blabla und verkaufen, wenn es etwas bringt auch gleich noch die Identität. Und vieles, das dann neu ist, ist einfach nur neu, aber meist nicht besser.

      Und eine ehrliche Brandrede ist mir lieber, als so manche Vision, von denen man die meisten ohnehin behandeln sollte.

      Finde den Artikel im übrigen sehr gut, gespickt mit Nino Zitaten..

      11+
  4. another sagt:

    mobil.derstandard.at/2000080504120/Siebenhandl-Kritik-an-Jeggo-Wechsel-zur-Austria

    Auch interessant wenn eigene Mitspieler sowas kritisieren

    0
    • Ennstaler sagt:

      Die Aussage von Siebenhandl sehe ich nicht so sehr als Kritik an Jeggo, als einen Seitenhieb auf das derzeit schwache Niveau der Austria. Man sollte aber damit vorsichtig sein, im Sommer/Herbst beginnen alle wieder bei Null; eine gute Leistung in der Vorsaison garantiert keinen Spitzenplatz in der folgenden Saison. Da halte ich es ganz mit Röcher: demütig bleiben, durchaus im Bewusstsein, dass sich Kampf und Einsatz früher oder später lohnen.

       

      0
  5. Sturm-Echo sagt:

    Ich sehe das eher so wie untreue Liebespartner…jemand der solche von anderen übernimmt wird auch selbst betrogen werden…viel Glück Austria Wien mit diesen Schlampen…der nächste der mit am fuffi wachelt steht scho am Strich…

    0
  6. bianco nero tifoso bianco nero tifoso sagt:

    Se la vie, anyway, ich bin noch ein Fussballromantiker der alten Garde.

    11 junge, hungrige Sturmbuam, die für a Gulasch und a Bier, für unseren SK Sturm aufgeigen in der EL, viel mehr verdient man monetär bei Sturm eh nicht, aber sie verdienen es das schwarz-weiße Trikot zu tragen, aber bitte mit den Wappen küssen aufhören, Sturm ein Leben lang? Mitnichten.

    Da Kreissl Gü hat jetzt 3 Wochen Zeit an seinem Kader für die nächste Saison zu basteln, eh nix neues für ihn: the same procedure as every year

    Sisyphusarbeit, frage nicht, hat dieser Mensch auch mal Urlaub mit seiner Familie?

    Seine akribische Arbeit ist so umfangreich, kompliziert und schwierig jedes Jahr, dass sie niemals erledigt sein wird – und bei der man immer wieder von vorne anfangen muss.

    Oida, wo nimmt der bitte diese Energie her, ein Verein wie Sturm kann schon mühsam sein, wenn man nie das nötige Geld hat, im heutigen, modernen Football.

    Optimismus ist angesagt, Kampfmodus ist on, so ist er halt der Kreissl Bua, er kann gar nicht anders aus seiner Haut.

    Ein Kämpfer, der aus einfachsten Verhältnissen, sich alles hat hart erarbeiten müssen im Leben, ein Alpha Typ mit menschlichen Anglitz.

    Als Goalie war der Gü oft zu nervös, intellektuell, zu viel Hirn ist oft nicht gut für eine  Fussball Vita, man denke da nur an einen Wohlfahrt Franz, herausragende Fußballkarriere, eine Austria Legende, vielleicht nicht so ein Denker, Dichter wie Kreissl, aber für Austria Wien Verhältnisse, durch seine Hawara Partie, ein super SD, Glückwunsch an Schneckerl, Ogris, Polster und Co.

    Grund für meine Motivation etwas zu Schreiben, war der sehr gute Artikel vom Pucher Jürgen, ein analytischer Mensch, Sturm Fan der alten Schule.

    Sportdirektor ist für Schlaue

    Der sportliche Leiter eines professionellen Fußballklubs rückt mehr und mehr in den Mittelpunkt des Interesses. Interpretiert wird die Rolle aber äußerst unterschiedlich. Von Schmierenkomödiant bis nachhaltig arbeitender Stratege ist alles dabei.

    https://www.90minuten.at/de/red/meinung/12meter/2018/q2/sportdirektor-ist-fuer-schlaue/

    Und nochmals für dich, Peter Linden, die Krone Legende, ganz langsam zum Mitschreiben und Lesen:

    Der Kreissl bleibt in Graz!

    Aus, basta schutta, capisce?

    Hörst schon schlecht, gell?

    Kukident – zeig dem Leben ein Lächeln, nimmst doch mit Humor, dass der Franzl bei der Austria ist und net der Günter.

     

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