Tischtennis in Liebenau

Sturms ehemaliger Tormann Benedikt Pliquett steht mittlerweile im Tor eines spanischen Drittligisten. Über die Geschehnisse bei den Schwarz-Weißen ist er nach wie vor im Bilde. SturmNetz gibt er Einblick in seinen „deutschen“ Verein und hat auch eine Sicht der Dinge zum aktuellen Streit zwischen Nordkurve und Vereinsführung.

Kürzlich hat er seinen ersten Titel geholt. Sturms Ex-Tormann Benedikt Pliquett durfte sich mit seinen Kollegen von Drittligist Atletico Baleares über den Triumph eines Unterklasse-Bewerbs freuen. Der Bewerb heißt Copa Federacion, wer siegt darf in der Copa del Rey mitspielen, ähnlich wie wenn man in Österreichs Regionalliga dank eines guten Saison-Endrangs am ÖFB-Pokal teilnimmt. „Der größte Erfolg des Vereins!“, weiß Pliquett. Mit dem anvisierten Aufstieg in die Segunda Division hatten die Blau-Weißen von Atletico diese Saison hingegen nichts zu tun. „Wir waren viel zu inkonstant, haben zu oft Remis gespielt. Dazu kam immer wieder Verletzungspech.“ Nächste Saison soll es besser laufen für den kleinen Drittligisten von der Sonneninsel, die für viele von Benes Landsleuten als das 17. deutsche Bundesland gilt.

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(c) Benedikt Pliquett

Und auch der Verein habe eine deutsche Prägung, heißt es auf Mallorca. Mäzen ist Ingo Volckmann, ein Unternehmer, der sein Geld mit Hotels – sieben davon sind auf Mallorca – verdient. 2014 bewahrte Volckmann Atletico vor dem finanziellen Crash. „Seit er hier ist, ist alles anders. Es wird gerade ein neues Trainingsgelände gebaut, ein richtiger Campus. Und wir bekommen ein neues Stadion. Volckmann legt alles auf Nachhaltigkeit aus, will hier echt was aufbauen und dafür sorgen, dass die Jugend nicht ausschließlich zum großen RCD (aktuell Zweitligist, Anm.) geht“, erklärt Pliquett, der „das Deutsche“ an seinem Club auch am verlässlichen Gehaltsgebahren beziehungsweise den klar aufgeteilten Strukturen im Verein festmacht.

Kultkeeper in Graz

Der Hamburger, der in Graz dank Stangen-Schleck-Aktion, „Kuller-Tor“ gegen RB Salzburg oder „Such’s Balli“-Verarsche gegen Rapids, nicht eben groß gewachsenen, Steffen Hofmann zum Publikumsliebling (bei manchen aber auch zum Reibebaum aufgrund teilweiser Unsicherheiten) wurde, erzählt auch von der Fanszene Atleticos: „Bei den Heimspielen kommen meist so um die 300 Zuseher, die Zahl sagt aber nichts aus. Die Leute sind echt mit vollem Herzblut dabei, stehen auf dieses Underdog-Image, machen Choreos und singen 90 Minuten durch.“ Vergleiche mit der Fanszene St. Paulis – Pliquetts Heimatverein – zieht er auch. „Totenkopf-Pullis siehst du hier oft und die Fans machen viel Sozialarbeit.“ Den Verein vom Kiez hat er, wie er sagt, immer am Radar, aber nicht nur diesen.

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Pliquett noch im Dress von Sturm in Salzburg (c) Wikimedia Commons/Werner100359

Wirtschaftsunternehmen: Ja, aber……

„Was bei Sturm passiert, ist für mich immer spannend, klar! Ich bin stets am Laufenden.“ Und Kontakte in die Steiermark werden nach wie vor entsprechend gepflegt:„Mit Martin Ehrenreich telefoniere ich oft, mit Michi Madl steh‘ ich sowieso immer in Kontakt. Dass der Junge bei Fulham eingeschlagen hat, freut mich total. Hat er sich verdient.“ Auch Andreas Gruber zählt zu jenen Ex-Kollegen mit denen sich Pliquett austauscht.

Der Name Gruber war zuletzt auch in Fankreisen ein viel diskutiertes Thema. Stichwort Finger-auf-den-Lippen-Richtung-Fanblock. Die Sache mit der schweigenden Kurve hat sich auch bis zu Pliquetts sonniger Insel durchgesprochen. Er, der in Sachen Fan-„Politik“ immer als Aktivposten bei St. Pauli galt und sich auch in Graz immer für die Stimmung „unter den Leuten“ interessierte, hat auch zum aktuell in Graz aufgekommenen Konflikt Verein – Fanszene eine Meinung. „Ich maße mir nicht an ins Detail zu gehen. Aber ich bin informiert, um was es geht.“
Pliquett kritisiert, was viele Zuschauer in Liebenau so formulieren: „Die aktiven Fanclubs nehmen sich in Graz viel zu wichtig, wollen sich in Vereinsbelange einmischen, von denen sie zu wenig verstehen. Fußballvereine, das sind ja Wirtschaftsunternehmen.“
Sowas kann der Hamburger nicht hören. Laut Pliquett mag der Wirtschaftsunternehmens-Standpunkt von den Finanzsummen, die im modernen Fußballbusiness bewegt werden, stimmen, ankommen würde es aber immer noch auf die Emotionen der Fans, damit diese Unternehmen auch florieren. „Die Herrschaften sollen doch mal probieren eine Tischtennisplatte in den Mittelkreis zu stellen und dann schauen, ob die Leute dann auch so abgehen oder ob sie überhaupt noch ins Stadion kommen.“

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(c) Benedikt Pliquett

Um was es geht, so Pliquett konkretisierend, ist der Begriff Leidenschaft: „Das Wort kommt von Leiden! Und die Leute in der Kurve sind ja wirklich die Treuesten der Treuen, das ist keine Floskel. Und die leiden mit Sturm, wenn sich kein Erfolg einstellt oder aus ihrer Sicht zu wenig zukunftsorientiert gearbeitet wird.“ Wie sich Nordkurve und Vereinsführung näher kommen können, kann auch Bene nicht beantworten. „Dafür bin ich nicht tief genug in der Materie drin“, sagt er. Wovor er warnt, ist eine Spaltung der Fanszene, sprich Kurve versus Längsseite, die sich in den letzten Heimspielen in Ansätzen schon anschickte, in Liebenau Einzug zu halten. Vielleicht helfen die Ergebnisse, die, abgesehen von der Partie letzten Sonntag gegen Rapid, zuletzt passten.

Kernöl-Pipeline

Pliquett selbst will Graz wieder beehren. Als Besucher. Sollte sich ein Sturm-Spiel ausgehen, ist anzunehmen, dass er sich nicht auf einem Sitzplatz niederlässt. Dass die Kurve bis dahin wieder singt, hofft der Hamburger, der sich auf Mallorca übrigens ein zweites Standbein als Immobilien-Makler aufgebaut hat: „Der Markt auf der Insel boomt total und der Job macht mir Spaß“. Was beim Steiermark-Besuch auch nicht fehlen wird, ist ein Abstecher in die Südsteiermark. „So ’ne Brettljause bei ‚Erika’s Buschenschank‘ vermiss‘ ich hier schon! Dank meiner Nachbarn hab ich mir aber quasi ’ne Pipeline in die Steiermark legen lassen, über die ich regelmäßig Kernöl beziehe.“

Das „Schwarze Gold“ darf eben auch auf Mallorca nicht fehlen. Und schwarz, so merkt, man im persönlichen Gespräch mit ihm, schlägt auch Benedikt Pliquetts Herz.

 

6 Kommentare

  1. Neukirchner sagt:

    Sehr schöner Artikel. Bene war so ein Typ, wie man sie in Graz derzeit schmerzlich vermisst. Einer der wirklich was verkörperte, für was einstand. Sturm war immer bekannt für gute Typen, Bene war bislang der letzte dieser Art.

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  2. Arch Stanton sagt:

    Er war zwar nicht DER Einsergoalie, aber unbestritten immer mit dem Herzen dabei – da kann man das eine oder andere Ei schon verzeihen, zumindest im nachhinein.

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  3. sflany sagt:

    Aloha!
    Hab gestern von einem guten Freund erfahren – sein Dad ist ganz eng mit Sturm verbunden – dass die Gespräche mit einem Stürmer schon sehr weit fortgeschritten sind. Der Spieler kickt aktuell in der MLS, hat großes Potential, stagniert zZ aber leistungstechnisch ein bisschen. Sollte er kommen, wäre er glaube ich tatsächlich eine Verstärkung im Team.

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  4. Nock-74 sagt:

    Stimmungsboykott aufgehoben, liebes Sturmnetz Team!

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