Thorsten Röcher: „Es gibt keine Grenzen“

Der Rückkehrer im SturmNetz-Interview

Thorsten Röcher ist zurück beim SK Sturm Graz. Nach einer erfolgreichen Spielzeit 2017/2018 wechselte der gebürtige Neunkirchner im vergangenen Sommer zum FC Ingolstadt. In der zweiten deutschen Bundesliga lief es für den Mittelfeldspieler nicht nach Wunsch, Röcher kam selten zum Einsatz und stieg mit Ingolstadt sogar in die dritte Liga ab. Per Leihe lotsten die Blackys den 28-Jährigen für zumindest ein Jahr zurück an die Mur – doch dabei muss es nicht unbedingt bleiben, erklärt Röcher im exklusiven SturmNetz-Interview.

(c) Martin Hirtenfellner Fotografie

Wie ist es, wieder bei Sturm zu sein?

Sehr schön. Ich habe mich richtig gefreut, als ich wieder hierhergekommen bin und wie mich alle empfangen haben. Es ist ein schönes Gefühl, wieder in die Kabine zu gehen. Ich kenne noch sehr viele Spieler und war immer im Austausch mit den Zeugwarten, mit ein paar Leuten im Büro und mit den Spielern sowieso. Jetzt wieder hier zu sein, macht mich sehr glücklich.

Warum ist die Wahl ausgerechnet auf Sturm gefallen? Gab es andere Optionen?

Es hätte vor allem in Österreich andere Optionen gegeben. Aber ich bin Sturm mit dem Herzen sehr verbunden. Das Jahr, in dem ich hier war, hat mich sehr geprägt. Für mich war klar, wenn ich nach Österreich zurückkommen will, ist es Sturm.

Was waren die anderen Optionen in Österreich?

Darauf will ich jetzt nicht näher eingehen – aber für mich war klar, dass es Sturm werden wird.

Was macht Sturm im Unterschied zu anderen Vereinen aus? 

Ich finde, dass wir vor allem vor zwei Jahren wie eine Familie waren. Es hat viel Spaß gemacht, hier zu spielen. Sturm hat eine super Fangemeinde und Tradition. Ich habe mich vor zwei Jahren auf Anhieb wohlgefühlt und schon im Winter gemerkt, welche Einheit wir waren. Ich habe schon damals gesagt, dass wir irgendeinen Titel holen. Es war dann halt der Cuptitel und nicht die Meisterschaft. Man hat das richtig gespürt. Wir haben dann ein super Frühjahr gespielt und die Saison mit dem Cuptitel abgeschlossen.

Kann man auch in diesem Jahr bereits sagen, dass die Mannschaft wieder so eine Einheit ist? Fühlen Sie, dass ein Titel in dem Team steckt?

Jetzt gleich von einem Titel zu sprechen, wäre zu früh. Ich bin gerade einmal eine Woche hier, aber ich fühle mich einfach wieder sehr wohl – das habe ich gleich gemerkt. Ich brauche hier keine Anlaufzeit. Ob es für einen Titel reicht, wird man sehen. Wir sind in jedem Wettbewerb vertreten und wollen überall so weit kommen wie möglich. Die Ziele werden wir noch definieren – da gibt es noch keine Ansage.

Warum ist es bei Ingolstadt nicht nach Wunsch gelaufen?

Ich bin hingekommen und hatte große Hoffnungen. Der Start war nicht allzu schlecht, ich habe gleich zwei Tore geschossen. Wir sind danach aber nie richtig in die Spur gekommen und haben dann zweimal den Trainer getauscht. Schlussendlich haben wir mit dem Interimscoach dann fünf Trainer gehabt. Das hat mich teilweise sehr mitgenommen. Ich habe bis zum Schluss alles gegeben, war positiv und habe nicht gleich aufgegeben. Ich habe nicht gesagt, dass ich nicht mehr mag, sondern die Herausforderung angenommen – selbst, als ich nicht gespielt habe. Es war dann schon sehr schwierig. Unter Tomas Oral haben wir dann noch ein paar Partien gewonnen, aber schlussendlich ist es leider in die dritte Liga hinuntergegangen.

Wäre es für Sie eine Option gewesen, auch in dieser Spielklasse zu spielen? Oder war es für Sie klar, dass Sie einen anderen Weg einschlagen werden? 

Für mich war relativ rasch klar, dass ich einen anderen Weg suchen werde – auch aus dem Grund, dass ich in Ingolstadt vor allem in der zweiten Hälfte der Saison nicht mehr so viel gespielt habe. Es war für mich klar, dass ich dann eine neue Herausforderung suche und ich bin froh, dass es mit Graz geklappt hat.

Ihr Ziel war es immer, im Ausland tätig zu sein. Ist dieses Kapitel nach der nicht allzu erfolgreichen Zeit bei Ingolstadt jetzt abgeschlossen oder gibt es noch immer den Wunsch, einmal im Ausland zu spielen?

Ich würde das niemals abschreiben. Dass man mit diesem Vorhaben abgeschlossen hat, kann man nie sagen. Ich habe jetzt einmal gesehen, wie es im Ausland ist. Meine Zeit bei Ingolstadt war turbulent und nicht einfach für mich, aber aus schlechten Situationen nimmt man am meisten mit und deshalb sehe ich alles, was passiert ist, letztlich als wertvolle Erfahrung an. Ich würde nicht sagen, dass dieses Kapitel abgeschlossen ist, aber ich bin auch nicht mehr 20 oder 24. Im nächsten Sommer werde ich 29 – man wird sehen, was sich noch tut. 

(c) Martin Hirtenfellner Fotografie

Was sind die größten Unterschiede zwischen dem österreichischen und dem deutschen Klubfußball?

Im deutschen Fußball wird auf Kraft mehr Wert gelegt. Es werden viele lange Bälle gespielt. Das haben wir auch in unserem Spiel gegen Karlsruhe gesehen. Die Spieler sind auch in der zweiten Liga alle sehr stämmig und es wird vielleicht weniger Fußball gespielt – das ist in Österreich definitiv nicht so. Da schaut man mehr auf das Fußballerische. Das sind die größten Unterschiede.

Und was ist mit der Fankultur? In Deutschland sieht man auch in der zweiten und dritten Liga volle Arenen, während in Österreich die Stadien schlechter besucht sind. Sturm ist hierbei vielleicht noch eine Ausnahme …

Sicher gibt es da Unterschiede. Überall, wo du hinkommst, hast du mindestens 10.000 Zuschauer.  Dann gibt es noch Stadien wie in Köln, Hamburg oder Dresden, wo du bis zu 55.000 Fans hast. Da geht es schon wirklich um. Mit Sturm haben wir in Österreich da eh noch Glück. Unsere Fangemeinde ist fantastisch. Dann gibt es wahrscheinlich noch Rapid und dann fällt es eh schon ab – das ist in Deutschland sicher anders.

In Deutschland und den anderen großen Ligen spielt das Geld eine immer wichtigere Rolle. Was halten Sie generell von den Summen, die derzeit im Fußball kursieren? 

Das ist nicht mehr realistisch. Für einen guten Spieler muss man 60 bis 70 Millionen und für einen Top-Spieler 200 bis 300 Millionen ausgeben. Da steigt natürlich bei jedem der Wert. Es hat sich im Laufe der Zeit so entwickelt. Ob das gut ist … Ich glaube, dass alle nachziehen müssen. Man sieht es bei Bayern: Wenn die jetzt keinen großen Transfer tätigen, werden sie um die Champions League nicht mehr mitspielen können. Man wird sehen, wohin das führt. Gut wird es sicher nicht sein, aber momentan lässt sich dieser Trend nicht stoppen.

Gerade bei der Fußballweltmeisterschaft der Frauen war Geld ein großes Thema. Haben Sie die WM verfolgt und wie stehen Sie generell zum Frauenfußball?

Ich habe mir ein paar Partien angeschaut, habe die WM aber nicht intensiv verfolgt. Man merkt, dass das Niveau besser wird. Ich bin aber keiner, der sich jedes Match anschaut und das komplett mitverfolgt. Umso mehr Frauen das machen, umso mehr werden sie auch verdienen. Es ist auf jeden Fall empfehlenswert, sich eine Partie anzusehen.

Wie bewerten Sie die Arbeit der SK Sturm Damen? 

Ich finde das super. Sie haben sich toll entwickelt, was ich so mitbekommen habe. Ich finde super, dass es das gibt und man sieht, dass Frauenfußball voll im Kommen ist. In den nächsten Jahren wird das wahrscheinlich immer populärer werden.

Im Großen und Ganzen sind wir super aufgestellt.

Thorsten Röcher über den Sturm-Kader

Kommen wir noch einmal zurück zu Ihrem Transfer. Wenn man sich in den sozialen Medien umsieht, sind die Erwartungshaltung und die Freude über Ihre Rückkehr bei den Sturm-Fans sehr groß. Wie gehen Sie damit um?

Momentan habe ich eine große Freude, mit den Jungs wieder auf dem Platz zu stehen. Ich mache mir keine großen Gedanken. Ich bin einfach glücklich, dass ich wieder hier bin und mache mir keinen großen Druck. Das habe ich vor zwei Jahren auch nicht getan. Damals bin ich von einem kleineren Verein (Anm.: SV Mattersburg) zu Sturm gekommen und habe das auch super hinbekommen. Das ist jetzt auch mein Ziel. Wir haben viele Spiele und da werde ich zusehen, dass ich das Bestmögliche heraushole. Wenn ich mich wohlfühle, dann kann ich Top-Leistungen bringen.

Sturm hat sich auf dem Transfermarkt bislang zurückgehalten. Auf welchen Positionen sehen Sie nach den Eindrücken im Training und in den Testspielen noch Handlungsbedarf?

Ich glaube, dass wir super aufgestellt sind. Ich denke, dass wir mit dem derzeitigen Kader durchaus in die Saison gehen können. Wir sind überall doppelt, wenn nicht sogar dreifach besetzt. Sicher kann man auf ein bis zwei Positionen noch etwas unternehmen, aber das werden der Trainer und der Sportdirektor entscheiden. Im Großen und Ganzen sind wir super aufgestellt.

Apropos Trainer: Mit Nestor El Maestro hat Sturm auch einen neuen Chefcoach. Wie sind Ihre ersten Eindrücke?

Er arbeitet sehr akribisch. Er ist ein Taktikfuchs und man merkt, dass er ins Detail geht. Wir werden unter ihm alle marschieren, das kann ich schon einmal versprechen. Jetzt kommen dann die Pflichtspiele, das ist wieder etwas Anderes. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass wir Erfolg haben werden.

Gibt es etwas, worauf er besonders Wert legt?

Ich glaube, dass wir alle fit sind, eine gute Taktik haben und alle marschieren werden. Da können nicht nur fünf oder sechs Spieler mitarbeiten, sondern da müssen alle dabei sein – auch die, die nicht in der ersten Elf dabei sind. Es gibt nämlich viele Spiele. Auf das wird in der Vorbereitung sicher am meisten Wert gelegt.

(c) Martin Hirtenfellner Fotografie

Am Freitag steht bereits das erste Match gegen Anif an. Was muss noch verbessert werden oder ist Sturm für das erste Pflichtspiel der Saison bereit?

Wir müssen bereit sein. Verbessern kann man immer etwas. Es wird auch im Laufe der Saison Dinge geben, die man verbessern kann. Wir müssen schon am Freitag bereit sein.

Am Donnerstag darauf geht es in der Europa League los – wahrscheinlich gegen Haugesund in Norwegen. Was sind die Erwartungen für die Europa-League-Saison? In den vergangenen Jahren ist es ja nicht so gut gelaufen.

Ich sage: Es gibt keine Grenzen. Natürlich, es ist Europa League und da ist es schwierig, durchzukommen. Man muss Topleistungen bringen. Es geht nicht, irgendeine Ansage zu machen, dass wir in die Gruppenphase wollen. Man hat vor zwei Jahren gesehen, dass wir knapp dran waren, Fenerbahçe rauszunehmen. Man kann aber natürlich auch ausscheiden. Man wird sehen. Wichtig ist, dass wir jede Partie ernst nehmen. Dann gibt es nach oben keine Grenzen.

Stichwort Europa League: Sturm muss das erste Heimspiel vor fast leeren Rängen bestreiten (Anm.: Unter 14-Jährige dürfen ins Stadion). Was sagen Sie dazu?

Ich finde es schade. Wir wissen, dass wir daheim mit unseren Fans im Rücken Topleistungen bringen können. Da holen wir sicher noch einmal fünf bis zehn Prozent mehr heraus. Wir müssen es so hinnehmen. Es hilft nichts, dass wir dem nachtrauern. Wir hoffen, dass die Bude bei einem Weiterkommen voll ist.

Was halten Sie generell von Kollektivstrafen im Fußball?

Ich weiß es nicht. Das war jetzt ein Einzelfall in Graz. Ich weiß nicht, ob es etwas bringt, wenn keine Leute kommen. Wenn es ein größerer Haufen gewesen wäre, könnte man es vielleicht noch eher verstehen. Wenn einer einen Becher wirft, ist das für den ganzen Verein schade. Natürlich muss man einen Weg finden, das zu bestrafen. Ob diese Lösung Sinn macht, wage ich zu bezweifeln.

Nach der Europa League geht es dann auch mit der Meisterschaft los. Trauen Sie es sich schon zu, das neue Ligaformat zu beurteilen und wenn ja, wie stehen Sie dazu?

Ich finde die Teilung interessant. Ich glaube, dass das für ganz Österreich ein bisschen interessanter war. Dass danach noch einmal der Sechste gegen den Siebenten spielt und der Siebente gegen den Fünften, ist ein bisschen fragwürdig. Die Leute, die dafür verantwortlich sind, werden sich schon etwas dabei gedacht haben. 

Sie haben schon erwähnt, dass Sie noch keine Ziele ausrufen wollen. Dennoch: Was sind die Ambitionen mit dem SK Sturm und von Ihnen persönlich für die kommende Spielzeit?

Ich tue mir immer schwer, am Anfang von Zielen zu reden und die nach zwei bis drei Spielen wieder zurückstecken zu müssen. Ich gehe immer mit der höchsten Erwartung in eine Saison. Ich möchte in jedem Spiel am besten zwei Tore machen und eines auflegen. Aber es geht nicht immer so. Wenn wir als Mannschaft auftreten, können wir viel erreichen. Es beginnt im Cup. Das wird eine schwierige Aufgabe – das hat man auch vor zwei Jahren gesehen. Da haben wir gegen Anif gespielt und sind durch ein Tor in der 93. Minute eigentlich glücklich weitergekommen – zwar schon verdient, aber trotzdem glücklich. Im Endeffekt haben wir dann den Cup gewonnen. Wenn wir da ausgeschieden wären, hätten wir vom Cupsieg gar nicht mehr reden müssen. Deswegen müssen wir jetzt Anif annehmen und dann kommt eh schon der Europapokal. Danach müssen wir schauen, dass wir gut in die Meisterschaft starten. Wenn wir einen guten Start erwischen, können wir in einen Lauf kommen und dann ist alles möglich.

Fanfragen

Via Facebook hatten wir die Sturm-Fans dazu aufgerufen, Thorsten Röcher ihre ganz persönlichen Fragen zu stellen. Die Antworten auf drei der brennendsten Fragen gibt es hier:

Sie sind von Ingolstadt ausgeliehen, aber mit einer Kaufoption ausgestattet. Wie denken Sie über einen längeren Verbleib in Graz?

Das könnte ich mir gut vorstellen, definitiv.

Wie wir wissen, sind in der Mannschaft einige Darts-Fans vertreten. Spielt ihr ab und zu selbst und was unternehmt ihr ansonsten in der Freizeit? Philipp Huspek gilt ja als Ihr bester Freund.

Ich spiele sehr gerne Darts. Bei unserem Zeugwart haben wir eine Dartsscheibe. Ich habe da jetzt schon zweimal gegen Jakob Jantscher gespielt und zweimal gewonnen. Ich bin also bestens gerüstet. Ich verfolge Darts immer wieder im Fernsehen und war vor zwei Jahren auch in Graz beim Darts-Turnier. In der Freizeit mache ich ansonsten viel mit „Hussi“.

Wie bekannt wurde, wollte Deni Alar in diesem Sommer zu Sturm zurück. Was denken Sie darüber und wie stehen Sie zu ihm als Person?

Ich glaube, dass er beim SK Sturm eine riesengroße Zeit gehabt habt. In seiner ersten Saison hat er 16 Tore gemacht, in der zweiten dann 20. Sie sind damals leider nicht zusammengekommen und er hat sich für Rapid Wien entschieden. Ich glaube, dass er sich das gut überlegt hat. Es ist dann halt schwierig, von Rapid wieder zu Sturm zu gehen.

Danke für das Gespräch.

 

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7 Kommentare

  1. Abo420 sagt:

    Obwohl Röcher ein super Typ ist, kann ich mich über seine Rückkehr nicht wirklich freuen:
    Falls er einschlägt, ist er bei der nächsten Gelegenheit sicher wieder weg.

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    • johannesleopold sagt:

      ist das jetzt typisch sturmanhänger oder eh was österreichisches?
      kann mich nicht freuen, weil vielleicht spielt er ja gut…

      wenn die optionen sind:
      -er schlägt ein ein, bringt sportlichen und finanziellen erfolg
      -er spielt solala und wird mittläufer
      -er wird tribünensitzer

      …dann is mir doch ersteres lieber 🙂
      bzw. er spielt gut und bleibt bei sturm, da freu ich mich drauf!

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  2. Erzschwoarza sagt:

    Das denke ich nicht! Wie haben ein kaufrecht!

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  3. realistic sagt:

    Freue mich das er wieder da ist.
    Ich hoffe das er aufblüht und die Kollegen mitreißen kann. Alles Gute #29

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    • RAM6I sagt:

      Früh Morgens, hab i vor lauter lachen schon Pipi in den Augen. 😉

      Lazarett SK Sturm, für Sturm wird er immer fit genug sein! Tja, da haben wir es u. geil noch ein Mittelfeldspieler! (Haben ja fast keine)

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  4. realistic sagt:

    Er hat ja in Salzburg sehr gut verdient Sollte er nur aufgrund Fußball zu spielen zu Sturm kommen, sprich minimales Gehalt – ist es wurscht.
    Kriegt er allerdings einen guten dotierten Vertrag ist das natürlich ein Problem.
    Vielleicht hat er die Erfahrung um Spieler mit zu entwickeln.

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