Sympathischer Gruppenfavorit mit vergleichbarer Geschichte

Gegnervorstellung Real Sociedad

Die Schwoazen in Europa! Nach einer gefühlten Ewigkeit hat es der SK Sturm Graz wieder in eine europäische Gruppenphase geschafft. Als Draufgabe dürfen die Schwarz-Weißen in der aufpolierten Europa League ihr Können gegen ein paar der besten Teams des Kontinents unter Beweis stellen. Denn den Grazern wurde eine absolute Hammergruppe zugelost, in der jeder Punktgewinn als Erfolg gewertet werden darf. Diese europäischen Spitzenteams sollen der SturmNetz-Leserschaft nähergebracht werden. Diesmal beschäftigen wir uns mit der königlichen Fußballgesellschaft aus San Sebastian, die Rede ist natürlich von Real Sociedad.

(c) Real Sociedad.ES

Allgemeines

Die Basken, auch Erreala oder Reala genannt, spielen in weiß-blau (txuri-urdin) und tragen ihre Heimspiele im Estadio Anoeta aus. Dieses wurde 2019 neu eröffnet und ist das Nachfolgestadion des Estadio de Atoxta. Dort empfing Real Sociedad 75 Jahre lang ihre Gäste, bevor es im Jahre 1993 abgerissen und ersetzt wurde. Die heutige Kapazität beläuft sich auf 39.500 Plätze und wenn man es nicht besser wissen würde, könnte man meinen, dass sich der Architekt des Anoeta, beim Grazer Kunsthaus bedient hätte. Insgesamt konnte man zwei Mal die spanische Meisterschaft und drei Mal die Copa del Rey gewinnen. Für einen internationalen Titel reichte es bisher noch nicht, auch wenn man immer wieder eine schlagkräftige Mannschaft stellen konnte.

Die Anfänge

Ebenso wie der SK Sturm Graz wurde Real Sociedad im Jahre 1909 gegründet. Aus England zurückkehrende Arbeiter brachten den Fußballsport mit nach Spanien. Aus dem selben Jahr datiert im übrigen der erste Pokalsieg der Basken. Am 10.Februar 1910 wurde dem Verein der Titel Real (königlich) verliehen, da sich die damalige Sommerresidenz des spanischen Königs in San Sebastian befand. 1928 zählte man zu den Gründungsmitgliedern der Primera Division, doch standen schwierige Zeiten für den Klub bevor. Denn mit der Ausrufung der Zweiten Republik (1931), mussten die Basken alle Namenbestandteile, die an die Monarchie erinnerten, entfernen.  

Eine klassische Fahrstuhlmannschaft

Die 1930er Jahre gestalteten sich sowohl sportlich, als auch finanziell, als schwierige Zeit für den Klub und so musste Real Sociedad 1935 erstmals absteigen. Man etablierte sich als klassische Fahrstuhlmannschaft und auch die Wiedererlangung des Klubnamens (da die antirepublikanische Seite von General Franco den Bürgerkrieg für sich entschied), änderte an diesem Status nichts. Erst in der Folge gelang es sich halbwegs zu stabilisieren und im Jahr 1951 konnte man sogar das Pokalfinale gegen den FC Barcelona erreichen, welches jedoch verloren ging.

Europacupluft  

In den 70er Jahren gelingt es der Mannschaft erstmals sich für den UEFA Cup zu qualifizieren. Dort wird man aber von Banik Ostrau mit einem Gesamtscore von 5:0 deklassiert. Ein Jahr später, in der Saison 75/76, übersteht man immerhin die erste Runde gegen die Grasshoppers Zürich, bevor man vom großen FC Liverpool ein Lehrspiel bekommt (die Engländer setzten sich mit 9:1 durch). Von diesem Schock erholen sich die Basken nur schwer und es dauert drei Jahre bis man sich wieder für den UEFA Cup qualifizieren kann. Bei der Mannschaft setzt ein Lerneffekt ein, doch auch ein respektabler 2:0-Heimsieg genügt nicht, um Inter Mailand auszuschalten, im Rückspiel verliert man im Giuseppe Meazza mit 0:3.

Auf zu neuen Höhen

Nachdem sich der Verein kontinuierlich steigern und im Spitzenfeld der spanischen Liga festsetzten konnte, war es in der Saison 1980/81 endlich soweit und es gelang der ganz große Wurf. Erstmals krönte man sich zum spanischen Meister, nachdem man ein Jahr zuvor schon knapp gescheitert war. Eine Mannschaft ohne große Stars, die von einem starken Kollektiv lebte, lachte von der Tabellenspitze und wiederholte dieses Kunststück in der Folgesaison. Zum Leidwesen des Erzrivalen und der Großklubs. Ebenso wie bei Athletic Bilbao, spielten bei Real Sociedad ausschließlich Akteure aus dem Baskenland (erst im Jahr 1989 wurde diese Tradition mit der Verpflichtung des Iren John Aldridge gebrochen), somit gilt es diese Leistung umso höher einzustufen.

Das Meisterteam 1981 um Wundertorhüter und Eigenbauspieler Luis Arconada (598 Spiele für Real, 68 Länderspiele für Spanien) (c) Real Sociedad.ES

Champions League-Luft im Baskenland

Nachdem man in der ersten Saison im Europapokal der Landesmeister 1981/82 noch in Runde Eins gegen den bulgarischen Meister CSKA Sofia ausgeschieden war, lief es im zweiten Anlauf um einiges besser. Dort eliminierte man Vikingur Reykjavik, Celtic Glasgow und Sporting Lissabon. Im Halbfinale wartete dann der HSV, trainiert von niemand Geringerem als Ernst Happel. Zu Hause spielte man Unentschieden und in Hamburg verlor man knapp mit 2:1, was letztendlich das Ausscheiden bedeutete. Diese Saison gilt als die erfolgreichste in der Vereinsgeschichte, denn soweit sollte man in der Meisterliga nicht mehr vorstoßen. Auch im UEFA Cup blieb das Viertelfinale in der Spielzeit 1988/89 das höchste der Gefühle. Abermals war gegen einen deutschen Vertreter, nämlich den VFB Stuttgart, Schluss.

Ein letztes Aufflackern

In der Saison 2002/2003 gelang es den Basken einmal mehr im Konzert der Großen mitzuspielen, was vor allem an der überragenden Angriffsreihe lag. Nihat Kahveci und Darko Kovacevic erzielten gemeinsam 43 Tore, was erheblich zur Vizemeisterschaft beitrug. Auch Xabi Alonso und Taifun Korkut waren wichtige Säulen der Mannschaft und ein junger Xabi Prieto, der heutzutage eine wahre Vereinslegende ist, setzte gerade seine ersten Schritte im Profifußball. In der Folgesaison ließ die Mannschaft von Raynald Denoueix in der Champions League, Galatasaray Istanbul und Olympiacos Piräus hinter sich und zog somit ins Achtelfinale ein, wo man gegen Olympique Lyon das Nachsehen hatte. Es war dies das letzte große Ausrufezeichen von Erreala für eine lange Zeit.

Konkurs

Nach den Abgängen der beiden Starstürmer konnten die Basken nicht mehr an die starken Leistungen anschließen und fanden sich im Abstiegskampf wieder. Nach einem 3:3 am letzten Spieltag der Saison 2006/2007 gegen den FC Valencia, konnte der Abstieg nicht abgewandt werden und auch der Wiederaufstieg ein Jahr später gelang nicht. Im Juli 2008 konnte der Verein seine Spielergehälter nicht mehr zahlen und meldete Konkurs an. An diesem Werdegang kann man erkennen, dass durchaus einige Parallelen zum SK Sturm Graz existieren, auch hier folgte nach der großen Champions League-Zeit der Absturz.

Aufstieg und Stabilisation

Erst in der Spielzeit 2010/2011 agierte man wieder erstklassig und feierte die Rückkehr in die höchste spanische Spielklasse. Nur drei Jahre später gelang der erneute Einzug in die Champions League, wo man im Playoff, Olympique Lyon deutlich mit einem Gesamtscore von 4:0 ausschalten konnte. Griezmann, Vela, Seferovic, Bravo und Prieto, bildeten einen Mannschaftskern, der sich auf europäischer Bühne schon sehen lassen konnte. Die Gruppe beendete man dann doch recht überraschend auf dem letzten Tabellenplatz hinter Manchester United, Bayer Leverkusen und Shakhtar Donetsk. Seitdem konnte man sich weitgehend stabilisieren und zählt regelmäßig zum Spitzenfeld der spanischen Liga. Regelmäßige Auftritte in der Europa League gehören zur Tagesordnung, auch wenn man dort maximal in die Runde der letzten 32 vorpreschen konnte. Dort war unter anderem gegen Red Bull Salzburg und Manchester United Endstation.

Griezmann im Trikot von Real Sociedad. Zwischen 2006 und 2014 kickte der Franzose im Baskenland. (c) WC/Estatue

Aktuelle Situation

Letzte Saison krönte man sich zum spanischen Cupsieger der Saison 2019/2020 (das Finale wurde aufgrund der Corona-Pandemie erst im April 2021 ausgetragen).  Der Spieltermin wurde immer wieder verschoben, da man hoffte, dass das Endspiel vor Zuschauern stattfinden könne. Schließlich ging es im Finale gegen den Erzrivalen Athletic Bilbao. Diese Begegnung hatte es bisher noch nie in einem Copa Del Rey-Finale gegeben. Wie viel der Triumph in diesem historischen Spiel dem Trainer Real Sociedads, Imanol Alguacil bedeutete, kann man in nachfolgendem Video sehen.

 

Die Trainer

Bleiben wir kurz beim Erfolgstrainer der Basken: Alguacil war selbst Spieler bei Real Sociedad und ist eng mit dem Verein verwurzelt. Vor seiner Amtsübernahme im Jahr 2018 arbeitete er bereits vier Jahre lang im Nachwuchs des Klubs, beziehungsweise in der zweiten Mannschaft. Ein Großteil des aktuellen Kaders sind Eigengewächse, die Alguacil jahrelang mitentwickelt hat. Diese Spieler wissen genau, was sich ihr Cheftrainer vorstellt und welche Philosophie er verfolgt. Schon in den letzten Jahren war man fulminant in die Meisterschaft gestartet und lachte von der Tabellenspitze, doch mit Fortdauer der Saison, gelang es nicht, das hohe Niveau zu halten. Wie lange Alguacil noch zu halten sein wird, ist fraglich, denn er verrichtet bislang hervorragende Arbeit, doch im schlimmsten Fall steht sein Nachfolger schon parat. Xabi Alonso ist seit 2019 Betreuer der zweiten Mannschaft und geht den gleichen Weg wie der Cheftrainer der Basken. Dieses Konzept ist absolut erfolgsversprechend und sympathisch, hier könnten sich einige europäische Vereine etwas abschauen.

Die Abwehr

Kommen wir nun also zum aktuellen Kader der Weiß-Blauen: Im Tor duellieren sich Alex Remiro und die Neuverpflichtung Mathew Ryan, letzterer ist von Premier League Klub Brighton gekommen, kommt aber nicht am Stammtorwart der Basken vorbei. In der Innenverteidigung sind der Franzose Robin Le Normand und Aritz Elustondo gesetzt. Die beiden verfügen gemeinsam über einen Marktwert von 42 Millionen Euro, ein Indiz welches aufzeigt, wie groß die Qualität auf dieser Position ist. Der Routinier Nacho Monreal beackert in der Regel die Linksverteidigerposition, ist aber verletzt, ebenso wie der von Bournemouth neu gekommene Diego Rico. Somit bleibt mit Aihen Munoz nur mehr ein nomineller Linksverteidiger, welcher wohl auch die Schwachstelle im kompakten Defensivkonstrukt sein könnte. Auf der Rechtsverteidigerposition matchen sich Gorosabel und Zaldua, wobei hier Letzterer wohl den Vorzug erhalten wird. Allgemein kann man sagen, dass die Basken in der Defensive sehr stark besetzt sind, was auch an ihrer 4-2-3-1 Grundordnung und ihrem Spielstil liegt. Real Sociedad ist eine klassische Ballbesitzmannschaft, die über technisch sehr visierte Spieler verfügt und stark in der Balleroberung ist.

Das Mittelfeld

Ein weiterer Faktor für die defensive Kompaktheit ist Mikel Merino, der 25-Jährige ist der absolute Chef im Mittelfeld und zählt zu den stärksten Sechsern der Liga. Sein Marktwert von 40 Millionen Euro verdeutlicht dies nur allzu gut. Im Normalfall ist sein Pendant der Kapitän und ehemalige Real Madrid Akteur: Asier Illaramendi. Doch auch dieser fällt verletzungsbedingt aus. Mit Zubeldia und Zubimendi verfügt man jedoch über hochkarätige Ersatzspieler, die übrigens jeweils einen Marktwert von 20 Millionen Euro haben. Die Breite und die Qualität im Kader, des derzeitigen, spanischen Tabellenführers, ist unbestritten, wie auch diese Tatsache zeigt.  Womöglich bekommt auch Ander Guevara seine Chance, doch dieser wurde beim Last-Minute-Sieg am Wochenende gegen Mallorca zur Halbzeit ausgewechselt. Spannend dürfte außerdem sein, wer den angeschlagenen Weltstar David Silva ersetzten wird. Am Wochenende bekam das junge Eigengewächs Roberto Navarro das Vertrauen von Cheftrainer Alguacil.

Der Star

Auch wenn man das auf den ersten Blick schwer glauben kann, doch in der Offensive verfügen die Basken über noch mehr Qualität, als in den anderen Mannschaftsteilen. Der absolute Star ist Eigengewächs Mikel Oyarzabal. Dieser zählt zum regelmäßigen Aufgebot der Furia Roja, wird in jeder Transferperiode mit einem Wechsel zu einem absoluten Topklub in Verbindung gebracht und verfügt über einen Marktwert von 70 Millionen Euro. Seine Spielweise würde aktuell wohl am besten zu Manchester City passen, da er auf jeden Fall die technische Qualität, das Tempo und die nötige Passsicherheit mitbringt. In der Regel agiert er auf der linken Außenbahn.

(c) EA Sports

Der Angriff

Rechts kommt es zum Duell des ehemaligen Jahrhunderttalents bei Manchester United Adnan Januzaj und dem pfeilschnellen Christian Portu. Letzterer bringt mehr Tempo mit und sucht auch gerne das Eins gegen Eins, der Belgier ist wohl der passstärkere und kreativere Spieler. Aufmerksamen Zusehern der Europameisterschaft wird wohl nicht entgangen sein, dass die Schweden über einen Stürmer verfügen, der dem europäischen Fußball in den nächsten Jahren seinen Stempel aufdrücken wird. Sein Name ist Alexander Isak und nicht umsonst gilt er in Dortmund schon als designierter Haaland-Nachfolger. Der 22-Jährige bringt alle Anlagen mit, die ein Angreifer braucht und ist mit Romelu Lukaku vergleichbar, da er eine unglaubliche Körperlichkeit, gepaart mit technischer Qualität, mitbringt. In dieser Saison hapert es jedoch noch am Torabschluss und somit wäre es möglich, dass Leipzig-Leihgabe Alexander Sörloth oder Julen Lobete eine Chance bekommen.

Fazit

Vergleicht man die Geschichte der beiden Arbeitervereine, so lassen sich durchaus einige Gemeinsamkeiten feststellen. Und damit ist keineswegs ein gewisser Marcus Pürk gemeint, der 1996 aus dem Baskenland zu den Blackys gewechselt ist und bei Sturm wie auch schon zuvor in San Sebastian nur eine Saison (kurioserweise für beide Klubs jeweils 5 Tore in 30 Pflichtspielen) Halt machte. Wirft man einen genauen Blick auf die beiden aktuellen Kader der Klubs, so dürfte der SK Sturm Graz im Normalfall nicht einmal annähernd eine Chance haben und das obwohl bei den Basken wichtige Stammspieler fehlen werden. Real Sociedad wird über weite Strecken des Spieles den Ball haben und die Grazer werden versuchen schnell umzuschalten. Die spanische Verteidigung ist zwar nicht die schnellste, aber da die Mannschaft (speziell Merino), so stark in der Ballzurückeroberung ist, wird es ganz schwer hinter die Abwehrkette zu kommen. Der SK Sturm Graz besitzt die Qualität, um jeder Mannschaft wehzutun, zudem werden die Spanier einen solchen Hexenkessel wie in Graz, nicht gewohnt sein. Gelingt es, den auf den Tribünen erzeugten Druck auch auf das Feld zu übertragen, so werden es auch die Basken in der steirischen Landeshauptstadt schwer haben. Nüchtern betrachtet ist Real Sociedad der klare Favorit und in der derzeitigen Verfassung, selbiger auf den Gruppensieg, insofern nicht noch mehr gröbere Verletzungen hinzukommen. Trotzdem darf man sich einmal mehr auf ein Spiel mit Gänsehautgarantie in Graz-Liebenau und einen unvergesslichen Europacup-Abend einstellen.

 

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