Sturm, begnadet für das Schöne

Spielbericht: SKN St. Pölten vs. SK Sturm Graz 0:4 (0:0)

„Lumu besiegelt die Niederlage für Sturm – um 19:09 Uhr! 5:4“. Exakt vor drei Jahren waren dies einige der letzten Worte eines Spielberichts, geschrieben an einem Nationalfeiertag an der Bimbo-Binder-Promenade vom selben Autor dieser Zeilen. Gute Erinnerungen an dieses Cup-Achtelfinale gibt es keine. In einem lauwarmen „Nudelsuppenkick“ konnte Sturm einen 0:1-Rückstand trotz numerischer Überlegenheit ab Minute 49 nur mehr ausgleichen, im Elfmeterschießen versagten schließlich Uros Matic die Nerven. Klassisch ein Spiel für’n Bimbo. Damals wie heute war der SKN St. Pölten ein Gegner, den man eigentlich schlagen müsste. Im Herbst 2016 kamen die Grazer gar als souveräner Tabellenführer der Bundesliga nach Niederösterreich, während die Blau-Gelben als Vorletzte nur sieben Zähler am Konto hatten. So auch vor dem heutigen Spiel, diesmal sogar mit der roten Laterne in der Hand.

Nachdem man den scheinbar übermächtigen Salzburgern mit einer taktisch brillanten Leistung am vergangenen Wochenende ein 1:1 abknöpfen konnte, muss Nestor El Maestro einmal mehr zeigen, dass er seine Mannschaft auch gegen das am Papier schwächere Team gut einstellen kann. Einmal mehr deshalb, weil der SK Sturm in der laufenden Saison gegen die letzten Vier der Liga das Punktemaximum geholt hat. Spiele gegen Gegner, die den Grazern in vergangenen Spielzeiten des Öfteren wichtige Punkte gekostet haben. Gegenüber der Partie gegen den Serienmeister vertraut NEM auf eine nahezu identische Startelf, einzig Kiril Despodov rückt für Ivan Ljubic, den Torschützen der letzten Runde, in die Anfangsformation. Otar Kiteishvili rückt dafür um eine Position zurück, ein Indiz dafür, dass man heute doch etwas initiativer agieren möchte und wahrscheinlich auch muss. Bei den Gastgebern startet neben Ex-Blacky Luan auch der nordkoreanische Stürmer Kwang-ryong Pak, der nach seinem Wadenbeinbruch im April ohne das Wissen des SKN in der Länderspielpause im „Korea-Derby“ erstmals wieder zum Einsatz kam. Am letzten Wochenende stürmte Pak auch wieder für St. Pölten und erzielte gegen die Wiener Austria prompt einen Treffer.

Heiß umfehdet, wild umstritten

So lautet der erste Vers der zweiten Strophe der Österreichischen Bundeshymne. Ähnlich gestaltet sich auch der erste Durchgang in der hölzernen NV Arena – wenngleich es an Hitze und Wildheit durchaus mangelt. Sturm beginnt das Spiel wie erwartet dominant mit viel Ballbesitz, jedoch mit einigen unnötigen Abspielfehlern und ohne Torchance. Die erste hat Husein Balic nach zehn Minuten für die Heimmannschaft. Pak bringt von rechts eine gute Flanke an den Fünfer, doch Jörg Siebenhandl ist beim Kopfball aus kurzer Distanz wachsam. Nur drei Minuten später ist es Pak selbst, der aus ähnlicher Position zum Ball kommt, von der Hereingabe aber so überrascht ist, dass er die Kugel nur unkontrolliert über die Latte bugsieren kann. Vorausgegangen war der Aktion ein weiterer sehr vermeidbarer Ballverlust.

(c) Martin Hirtenfellner Fotografie

Die erste Annäherung an das Tor von Christoph Riegler ereignet sich erst nach einer halben Stunde. Bekim Balaj wird an der Strafraumgrenze umgeschubst, Despodov hebt den ruhenden Ball über das Gehäuse. Die erste wirklich schön herausgespielte Szene folgt dann quasi direkt im Anschluss: Der Bulgare spielt einen Zucker-Doppelpass und dann den Stangler zur Mitte. George Davies kann in allerhöchster Not vor Thorsten Röcher zur Ecke klären. Viel mehr gibt es zur ersten Halbzeit auch nicht mehr zu schreiben, Erinnerungen an den 26. Oktober 2016 kommen hoch. Ein schwarzer Fiat Multipla fährt mit einem gelben um die Wette und beide hoffen, dass ihr Motor nicht vor der Ziellinie abstirbt. Will Nestor El Maestro, den man bisher an der Seitenlinie zumeist so gesehen hat,

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noch die drei Punkte mit nach Hause nehmen, muss er am Getriebe seiner Mannschaft in der Kabine noch einiges an Tuning vornehmen.

Einem starken Herzen gleich

Bundeshymne, 2. Strophe, 3. Vers. Im zweiten Durchgang zeigt Sturm das starke Herz, was es zuvor vermissen hat lassen. Und NEM hat anscheinend eine Mechaniker-Ausbildung, von der wir alle nichts wissen. Nur wenige Minuten nach Wiederanpfiff fährt Sturm einen Konter. Balaj, der wohl aus Abseitsposition gestartet ist, macht das klug und bleibt dem Ball fern. So kann Despodov durchstarten und zu seinem ersten Tor im Sturm-Dress an Riegler vorbei zur Führung einschieben. Doch der Flügelflitzer gibt sich damit nicht zufrieden. Zehn Minuten später marschiert Röcher, der mit Despodov immer wieder die Seiten tauscht, über rechts im Trainingsmodus an der St. Pöltner Abwehr vorbei und bringt die scharfe Hereingabe zur Mitte, die der Bulgare nur mehr über die Linie drücken muss. Und plötzlich ist hier alles chillimarilli.

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Mutig in die neuen Zeiten,
frei und gläubig sieh uns schreiten,
arbeitsfroh und hoffnungsreich.

Österreichische Bundeshymne, 3. Strophe, Verse 1-3

Während der Multipla von SKN-Coach Alexander Schmidt nun tatsächlich in den Sand gefahren ist, fahren NEM und sein Team nun ihre Ehrenrunden. Kiteishvili steckt wunderbar durch auf Röcher, der verhaspelt sich im Sechzehner an einem gegnerischen Bein und Schiedsrichter Julian Weinberger zeigt auf den Elfmeterpunkt. Bekim Balaj wuchtet die Haut unter die Querlatte und zum 0:3.

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Apropos Querlatte: Wenig später übernimmt Daniel Luxbacher im Strafraum einen Ball volley und knallt den Ball ans Gebälk. Glück also für die Grazer, die aber sogleich wieder selbst zuschlagen. Der eingewechselte Ljubic findet mit seinem Befreiungsschlag aus der eigenen Hälfte Despodov, der startet durch und ist an diesem Spätnachmittag schlicht nicht aufzuhalten.

(c) Martin Hirtenfellner Fotografie

Vielgerühmter SK Sturm

Es bleibt schlussendlich bei diesem Kantersieg. Betrachtet man dabei die Tabellensituation, war dies ein enorm wichtiger. Durch die zeitgleiche 2:3-Niederlage der Austria gegen Angstgegner WSG Tirol beträgt der Vorsprung auf Rang sieben nun bereits acht Zähler. Sturm und sein Trainer haben nach einer äußerst mageren ersten Hälfte richtig reagiert und dem Tabellenletzten in den zweiten 45 Minuten so richtig eingeschenkt. Nächste Woche wartet im Sturmstadion Graz-Liebenau das Heimspiel gegen den WAC und damit die Möglichkeit, sich in der Topgruppe festzusetzen. Gibt man den Zündschlüssel des Multipla des ersten Durchgangs ab, ein durchaus realistisches Vorhaben.

Achja, Sturm hat jetzt einen Giphy-Account. Finden wir ziemlich geil.

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Spieldaten

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9 Kommentare

  1. Thomas sagt:

    DER SK STURM IST WIEDER DA!!!!

    Scheint als hätten wir mit dem 5–3–2 unser System nun gefunden!

    0
  2. black_aficionado sagt:

    Saubere 2. Halbzeit! Erste noch von Kampf und etwas Krampf geprägt, aber mit dem ersten Tor in der zweiten Hz hat das Werkl zu funktionieren begonnen!

    Despo heute saustark! Vor ein paar Wochen habe ich an anderer Stelle geschrieben, dass Potenzial zu sehen ist aber noch keine Qualität. Wenn er künftig auch nur halb so präsent spielt wie heute, dann wird er auch bei Cagliari eine Rolle einnehmen können!
    Absolut positiv überrascht mich der Donkor, der räumt da hinten alles weg und hat dazu noch unfassbar viel Speed, stark!

    Aber eigentlich ist es nicht fair heute außer dem Despo jemanden hervorzuheben, zweite Hz waren alle wach und giftig. So soll es immer sein!

    SWG

    1+
    • Fanatiker sagt:

      Bin absolut deiner Meinung. Erste Hz. eher mau …

      Auch mir hat Donkor sehr gut gefallen, trotz früher gelber Karte hat er souverän weitergespielt.
      Top!

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    • fuchsrob sagt:

      Extrem irritiert hat mich gestern wieder mal der ORF-Kommentator bei der Fussball-Kurzzusammenfassung. Bei drei von vier Sturm Toren fand er ein Haar in der Suppe. Eine Sauerei eigentlich.

      0
  3. Rene90 sagt:

    wer zweifelt noch am nicht erreichen des OBEREN PLAYOFFS :-))))))))))))))

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    • black_aficionado sagt:

      Du weißt genau, dass das immer nur der lustige schmitzi geschrieben hat und der lässt sich nach Erfolgen hier mit Sicherheit nicht blicken!

      Wie schon mehrmals geschrieben, es ist fast denk unmöglich nicht unter die ersten 6 zu kommen, bei der Perfomance die die untere Tabellenhälfte da Woche für Woche auf den Platz bringt… Es gibt keine 6 Teams die momentan stärker als wir wären

      0
    • Bozo Bazooka sagt:

      Ich zweifle am Nichterreichen des oberen Playoffs. Aber ich zweifle nicht am Erreichen desselben. 😉

      0
  4. bianco nero tifoso bianco nero tifoso sagt:

    Der Sk Sturm is wida da, wie mas worn als Cupsiega!

    Leistung gegen Red Bull war sensationell, weil wir sind traditionell, a Kämpfertruppn, Fussball wie es früher war, Hip hip hooray, kämpft wie da Cassius Clay.

    Und dann kommt St. Pölten, die größte Orschmannschaft seit Jahrzehnten, Klassiker hinten reinstellen, wenn man ehrlich ist, als Heimmannschaft in der 1. Bundesliga, schleichst eich bitte in die 2. Liga.

    Despodow, not bad, gratuliere, Ostblocksturm mitn Balaj!

    Da kommt Freude auf, danke Gü!

    Es geht immer weiter, wir sind die Sturm Graz Fighter, Kapfenberg, KSV?

    The black white army is going to Kapfenberg, the road to Klogenfurt, Cupfinal 2020.

    Wir sind Sturm, la famiglia untern Grazer Uhrturm.

    Euphorie, Aufbruchsstimmung is wida da, GAK Orschlecha, bitte absteigen und das Stadion gehört uns, keine Minderheiten, keine Roten in unseren Stadion, sorry aber, 2000 Schnitt, GAK ist ein Minderheitenprogramm, Sigi, sog wos, 10 Jahre habt ihr den GAK in Stich gelassen, bitte Sigi sog wos, i wü dei Goschn hern zum GAK und frog deine Freunde von der Wirtschaftskammer, die Roth Brüder, danke.

    2+
  5. mario no sagt:

    Bei einem 4:0 Auswärtssieg, wenn auch gegen den aktuell Tabellen-Letzten, bleibt normaler Weise kaum etwas, was man bekritteln kann.
    Dennoch sah es gestern lange Zeit nicht nach einem derart komfortablen Sieg aus. In Halbzeit 1 außer viel Ballbesitz viel zu zaghafte und behäbige Offensivaktionen. Hätte St. Pölten die eine oder andere Möglichkeit genutzt, wäre es wohl ein ungemütlicher Nachmittag geworden.
    Für mich immer noch ein großes Rätsel, wie schwer sich die Mannschaft tut, in so ein Spiel reinzukommen. Dass dann das 1:0 der Schlüssel war, St. Pölten viel mehr Räume hergegeben hat und Sturm dann wirklich beeindruckend diese Räume auch genutzt hat, zeigt das vorhandene Potential auf, dass aber viel zu selten, wie letztens gegen Salzburg, über einen längeren Zeitraum abgerufen werden kann.

    Apropos: 4:0 in St. Pölten!
    Da war doch was?
    Ist schon unglaubliche 30 Jahre her als Sturm damals unter Gustl Starek im September 1989 auf dem Voith-Platz gegen den VSE St. Pölten mit diesem Ergebnis gewonnen hat.
    Eine kurze Anekdote dazu:
    Ich kann mich noch einigermaßen gut an eine mehr als umständliche Zuganreise und an das grausliche Egger-Bier erinnern. Aber das war es allemal Wert, wollten wir damals doch unbedingt den Giorgi (Jorge Diaz) im Gaucho-Duell gegen Mario Kempes sehen.
    Da war auch der ca. 3 km lange Fußmarsch vom Bahnhof in den Stadtteil Spratzern zum Voith-Platz egal.
    Ausgerüstet wie damals bei Sturmspielen immer mit einem alten Raika Trikot, das mir Anfang der 80er Jahre Hubert Kulmer unvergesslicher Weise nach einem Training in der Gruabn überlassen hatte, einer ärmellosen Jeans-Jacke, vollgepflastert mit Aufnäher, Sticker (Buttons) und Aufschriften, die wir damals selbst angebracht hatten, Schals um beide Handgelenke gebunden, den schwarz-weißen Stoffhut mit grüner Aufschrift auf unseren Häuptern, und wenn wir es gewusst hätten, sicher auch mit mehreren Dosen steirischem Bier in unseren Händen.
    Vor Ort haben wir auch den Hannes Kartnig getroffen und ihn gefragt, ob Diaz länger in Graz bleibt. Er hat in seiner unverkennbar bescheidenen Art und Weise damals gemeint, wenn er Sturmpräsident ist, bleibt Diaz und er würde Kempes auch gleich nach Graz holen. Aber bekanntlich kam es dann ja anders.

    An diesem September-Samstag stahl der junge Argentinier nicht nur seinem berühmten Landsmann die Show, sondern war der überragende Akteur auf dem Spielfeld. Das 0:1 durch eine Millimeter genaue Flanke auf Koschak, der nur noch einköpfen brauchte und weitere unzählige Chancen vorbereitet und dann natürlich sein Traumtor zum 0:4. Ich weiß nicht mehr wie oft, aber Diaz gabelte im 16er den Ball auf und schoss dann Volley unhaltbar für Ex-Sturm-Goalie Michael Paal ein. Da hörte man ein Raunen von den Rängen und für dieses Tor gab es sogar vom heimischen Publikum Applaus. So etwas hatte ich bis dahin noch nicht erlebt.
    Und Mario Kempes? An diesem Nachmittag total abgemeldet und völlig im Schatten von Giorgi.

    Zu all der Freude und Begeisterung auf dem Rasen wurde uns auch noch eine Mitfahrgelegenheit nach Graz angeboten, womit dieser September-Samstag 1989 noch lange in guter Erinnerung bleiben sollte.

    4+

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