Soll man diese Saison wirklich fertig spielen?

Fanszenen legen den Finger in eine Wunde, die der Öffentlichkeit egal zu sein scheint.

Die österreichische Fußball-Bundesliga und die DFL planen die Wiederaufnahme der Ligabetriebe. In Österreich gibt es bereits grünes Licht aus der Politik und auch in Deutschland kokettiert die DFL, die bereit ist, loszulegen, mit der Politik, obwohl es ein Verbot von Großveranstaltungen gibt. Während in Deutschland bereits lebhaft über Für und Wider diskutiert wird, fehlt in Österreich jede Spur von einem öffentlichen Diskurs über die Wiederaufnahme des Spielbetriebs. Der scheint hierzulande einfach in Stein gemeißelt, obwohl es (abgesehen vom Beschluss, weiterzuspielen) noch viele offene Fragen gibt. Doch nun, ENDLICH, haben es einige österreichische Fanszenen geschafft, ein gemeinsames, kritisches Statement zu veröffentlichen, das sich gewaschen hat. Doch beginnen wir diesen Piefkecorner dort, wo der Stein ins Rollen kam: In Deutschland.

Das Bündnis „Fanszenen Deutschlands“ veröffentlichte bereits vor geraumer Zeit ein Statement, in dem es unter anderem zu Protokoll gab: „Geisterspiele sind keine Lösung. Der Profifußball ist längst krank genug und gehört weiterhin in Quarantäne.“ Faszination Fankurve dokumentiert die Statements aus den Fanszenen auf ihrer Homepage sowie auf deren Social Media-Kanälen. Eine öffentliche Diskussion, die abseits des Boulevards losgetreten wurde, nimmt nun in Deutschland seit etwa zwei Wochen ihren Lauf. Auch die Interessensgemeinschaft „Unsere Kurve“, der größte Zusammenschluss der deutschen Fanszenen, widmete der Thematik der Wiederaufnahme einen kritischen Blogpost in dem sie den modernen Profi-Fußball als „krank“ bezeichnete und eine Bekämpfung der Ursachen forderte. Anstatt eines Weitermachens wie bisher, fordern die Fanszenen einen „neuen“ Fußball.

Ebenfalls öffentlich geäußert hat sich mit Sig Zelt der Sprecher von ProFans, einer Interessensvertretung von Fußballfans, und Mitglied bei „Eiserner Virus“ – einer Gruppierung von Union Berlin. In einem Interview in der taz sagte Zelt, dass er für eine Fortsetzung des Ligabetriebs vor leeren Rängen ist, auch, weil er die Hoffnung auf eine Läuterung des Profifußballs durch Corona aufgegeben hat. Zwar ist er wie die anderen FanvertreterInnen der Meinung, dass „der Fußball keine Sonderbehandlung bekommen sollte“ und hielte das für ein „fatales Zeichen“, dennoch nehme er die Haltung besagter Fanszenen gegenüber Geisterspielen „nicht als Mehrheitsmeinung wahr“. Trotz der Annahme, dass es wohl kaum jemanden gäbe, der sich „wirklich darauf freut“, glaubt er, dass viele AnhängerInnen bereit wären, „diese Kröte zu schlucken“ (Anm. die „Kröte“ Geisterspiele). Die Organisation ProFans hätte sich entschlossen, keine Empfehlung abzugeben, da sie nicht mehr mit DFB und DLF im Fandialog stehe.

Dass eine Meinung in dieser Thematik nicht einfach nur schwarz oder weiß, ganz oder gar nicht beinhalten kann, beweist die bunte und differenzierte öffentliche Debatte in Deutschland abseits von BILD und Co jedenfalls. Das sonst von den PolitikerInnen viel beachtete Robert-Koch-Institut ist von den Privilegien, die dem Fußball eingeräumt werden sollen, nicht begeistert. Besonders die Anwendung von Corona-Tests an Orten, wo sie nicht medizinisch notwendig sind, stößt vielen Beteiligten bitter auf. PolitikerInnen wagen sich derweil öffentlich nicht daran, König Fußball in die Schranken zu weisen. Wie verblendet viele Fußball-Fans unter den Journalisten jedenfalls sein dürften, zeigten die Berichte vom 23. April, die über einen „leicht positiv“ auf Corona getesteten Mattersburger Spieler schrieben (Anm. d. A. Es war damals sehr überraschend für meine Familie, dass ich nur neun Monate nachdem meine Mutter „ein bisschen schwanger“ war, auf die Welt kam.). Scheinbar sind viele Menschen sehr ausgehungert und sehen deshalb über Hindernisse hinweg, nur um wieder ein bisschen Fußball schauen zu können. 

Ein gemeinsames Statement der österreichischen Fanszenen | Screenshot: kollektiv1909.at

Das Kollektiv 1909 hat nun ebenfalls eine Haltung zur aktuellen Debatte eingenommen und sich zum Vorhaben der österreichischen Bundesliga geäußert. Gemeinsam mit dem Block West und anderen Gruppierungen der organisierten Fanszene in Österreich hat man eine Aussendung verfasst, die in eine ähnliche Kerbe schlägt, wie jene der deutschen Fanszenen. Das eingangs erwähnte Statement „Die Geister(spiele), die ich rief“ ist der letzte Versuch eines Weckrufs für den heimischen Profifußball. „Es ist höchste Zeit, um über die generelle Entwicklung des Fußballs nachzudenken“, geben die VertreterInnen mehrerer Kurven zu Protokoll und sollten mit dieser Aussage nicht ungehört bleiben.

Bleibt zu hoffen, dass in Österreich nun ebenfalls nicht nur darüber berichtet wird, was der Bundesliga-Vorstand zu sagen hat und wie viele Klubs das Training wieder aufgenommen haben, sondern auch darüber, ob es tatsächlich im Interesse einer breiten Öffentlichkeit ist, dass der Fußball eine Sonderbehandlung bekommt. Eine Sportart, deren Klubs es zum größten Teil nicht schaffen, verantwortungsvolle und krisensichere Budgets zu planen. So ist man von TV-Geldern abhängig, die noch nicht ausbezahlt sind, diskutiert aber nicht das eigene wirtschaftliche Unvermögen. Immer wieder wird die Debatte von allen Seiten auf die Tribünen verschleppt – sind Geisterspiele in Ordnung oder ist das nicht mehr der „echte“ Fußball?
Diese Scheinproblematik ist ein Symptom einer ständig zu platzen drohenden Blase. Nur eine rigide Sportart, die sich in ihrem opportunistischen Marketing wirtschaftlich dermaßen hoffnungslos von den eigenen (zahlenden) Fans abgekoppelt hat, kann sich mit der Debatte von unattraktiven Geisterspielen zufriedengeben. Natürlich lechzen alle Fans nach Fußball – egal in welcher Form – weil er von der Langeweile im Corona-Alltag ablenken würde. Ob das bisschen Unterhaltung allerdings wirklich die Selbstaufgabe der Mitgestaltung des Live-Events wert ist? Und ob Stadien mit Fans aus Pappmaché oder Apps für Fans zur Stimmungsmache eine seriöse Alternative für mehr als ein, zwei Spieltage darstellen sollen?
Fußball findet am Platz statt und nicht auf der Mattscheibe. Das war einst die Regel, die heute mehr als nur angezweifelt werden darf und muss. Wenn die Geister(spiele) tatsächlich gerufen werden sollten, dann, so fordern die Kurven, sollte man zumindest dem Versprechen nachkommen, den Liga und Staat für den Fußball ständig predigen: „Fußball ist für alle da.“ Wenn es Geisterspiele gibt, müssen sie frei empfangbar sein – zumindest für Saisonkartenbesitzer – fordern die Fangruppen als kleinstmöglichen Kompromiss.

Und dennoch werden vor allem folgende Fragen, die alle Beteiligten (außer den Fanklubs) zunehmend aus den Augen verlieren, dank der Ultras wieder ins Scheinwerferlicht gerückt. Dürfen moderne Fußballklubs ihr Wirtschaften von zukünftigen (TV- & Transfer-)Geldern abhängig machen? Oder sollten sie stattdessen nachhaltig und verantwortungsvoll haushalten, um in Krisenzeiten trotz ständig steigender Einnahmen nicht nach nur zwei Monaten in ihrer Existenz bedroht zu sein?
Dann würde sich eine Scheindebatte um die Relevanz des Sports und seiner Geisterspiele womöglich schneller erschöpfen, als jemand „Kommerzkritik“ sagen könnte.

 

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8 Kommentare

  1. Arch Stanton sagt:

    Geh bitte! Keine Geisterspiele! Es gibt eh schon alkoholfreies Bier und Volksrock’n’roll..
    Da üb‘ ich mich lieber in Verzicht.

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  2. Schworza99 Schworza99 sagt:

    Man muss auch das sportliche bedenken…schenken wir dem Lask den Meistertitel? Muss jemand fix absteigen? Wer steigt auf? Spielt man nicht fertig haben wir in Zukunft jahrelange Rechtsstreits.

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    • Ivaneijew sagt:

      Schenken würd ich hier nicht sagen.
      Österreich ist als eines der wenigen Länder in Europa, welches bei Abbruch der Meisterschaft einen fairen Stand hätte!
      Es wurde eine komplette Hin- und Rückrunde gespielt, also hatten alle die gleichen Chancen und es war ein fairer Wettbewerb.
      Ich wäre pro Abbruch, wo man den aktuellen Stand als Endstand herausnimmt.

      1+
  3. Schworza99 Schworza99 sagt:

    Wir haben Mal in der Rückrunde 12 Punkte Vorsprung verspielt…10 Spiele sind ein Haufen. Da kann noch so extrem viel passieren. Sky wird zudem Geld für diese 10 Partien nicht zahlen oder auch zurückverlangen.. aus Liga 2 wollen 2 rauf…Ried ist ohnehin fast am Ruin.

    Das Argument mit den hohen Gehältern zieht in Ö nicht…da zahlt RB viel und Wien und da Rest eh schon meh.

    Btw was machen wir wenn eine zweite, dritte Welle kommt? Nie mehr spielen?

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  4. Marchanno Diaz Rabihou sagt:

    Geisterspiele sind die Höchststrafe (auch bei Fifa und Uefa Urteilen). Warum sollen wir uns jetzt freiwillig bestrafen? Damit das bisschen schmutzige TV Geld fliesst? Spielen wir doch im Juni, Juli, August – dann wenn es wieder vertretbar ist. Vertretbar für Spieler UND Fans. was ist da so schwer dran?

    Gegenfrage? Warum gibts überhaupt noch Spiele mit Zuschauern? Die Nörgler können das zu hause vorm TV auch, die Besserwisser gehen zum Admiral schauen und streiten. Wer braucht überhaupt Stadien, Fans und solche unnötigen Laster????? Echte Fans machen nur Probleme und Müll – wenn das unterm Strich rauskommt, dann gute Nacht.
    FUSSBALL IST MEHR ALS TV UND ONLINE FANSHOP

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  5. RAM6I sagt:

    Keine Ahnung mehr was ich von der ganzen Thematik COVID-19 halten soll.

    Ich glaube fast dass wir uns in einem gesellschaftlichen Wandel befinden, entweder wird es nach Corona eine Zeit der Offenbarungen und des Miteinander oder es wird eine Zeit der totalen Überwachung und Vorschreibungen und öffentliche Veranstaltungen werden in einem reduzierten Maß stattfinden (Damit alles und jeder überwachbar bleibt) Anzeichen dafür sind die Rote Kreuz App, die Falschaussagen eines BK bezüglich Besuche bei Freunden etc. Denn es war von Anfang an nie verboten Freunde zu treffen nur nicht an öffentlichen Plätzen. Doch der Öffentlichkeit wurde etwas anderes suggeriert und die Medien folgten ohne Zucken dem Messias.

    Muss zugeben die Zeit mit weniger Autoverkehr in der Stadt, war wie Balsam auf der Seele. (bin somit nun noch mehr für eine City-Maut)

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  6. flo1909 sagt:

    Ich waere so neugirig, ob die leute die staendig gegen den modernen Fussball wettern dann wirklich bereit waeren mit dem un-modernen Sk Sturm in der Oberliga zu spielen? Ob die wirklich so konzequent sind kein Dazn oder Sky Apo haben, nie Championsleague schauen, sondern nur am un-modernen unterklassigen Dorfplatz daheim sind. Die zuschauerzahlen halt halt ein sehr eindeutiges Bild – den meisten Leuten gefaellt der moderne Fussball sehr gut.

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  7. rio sagt:

    Sportlich ist letztendlich diese Meisterschaft völlig egal! Es geht ausschließlich um die Wirtschaftlichkeit: Bekommen die Vereine durch TV-Anstalten die benötigten Gelder, sodass sich Geisterspiele „rechnen“. Scheinbar, sonst wäre wohl die Mehrheit nicht dafür.
    Die wohl wesentlicher Frage wird sein, kann mit September wieder eine ordentliche Meisterschaft (mit Fans) beginnen, ansonsten war es das wohl mit den Profiteams und die Träume von „old school“ werden erfüllt.

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