Quo vadis, Daniel Beichler?

(c) GEPA pictures/ tipp3

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3.Mai 2015, 70. Minute in der UPC Arena: Nach wunderbarem Kombinationsspiel über zehn Stationen bedient Thorsten Schick den eben erst eingewechselten Daniel Beichler, der den Ball staubtrocken zum 2:2 Endstand gegen Rapid Wien einschießt. Das zumindest vorläufig letzte seiner 45 Pflichtspieltore für jenen Klub, dem sich Beichler bereits mit acht Jahren angeschlossen hat.

RÜCKBLENDE INS JAHR 2007

Mit nur zwei Kurzeinsätzen in der österreichischen Bundesliga in den Beinen, wechselte der damals 19-Jährige zu Reggina Calcio. Ausschlaggebend hierfür waren weniger die acht Tore im Herbst 2006 bei den Sturm Amateuren, sondern ein Vierländerturnier mit der U19-Nationalmannschaft. Beichler erzielte dabei beim 3:3 gegen England einen Doppelpack und traf auch beim 2:2 gegen Spanien. Die Wahl zum besten Turnierspieler und der Kontakt mit Reggina waren der Lohn dafür.

Die Amarantos war zu diesem Zeitpunkt auf einem Abstiegsplatz in der Serie A klassiert, allerdings nur, da dem Klub wegen eines Manipulationsskandals elf Punkte abgezogen wurden. Beichler galt als Zukunftshoffnung für den Verein aus Reggio Calabria, über die zweite Mannschaft sollte der Grambacher langsam an das große Profigeschäft in Italien herangeführt würden. Klar war Berater Max Hagmayer zufrieden, bei Sturm war man dies weniger, wollte man Beichler doch aufgrund seiner guten Leistungen bei den Amateuren einen Jungprofivertrag anbieten.

Später sollte Daniel diesen Wechsel als Fehler bezeichnen, sich aber auf seinen Übermut berufen und erklären, dass ihm solche spontanen Entscheidungen im jugendlichen Leichtsinn in Zukunft nicht mehr unterlaufen werden.

Beichler, der in Italien einen halbjährigen Leihvertrag bekommen hatte, wurde bereits im Sommer 2007 wieder zurück nach Graz geholt. Reggina verzichtete dankend auf die im Vertrag inkludierte Kaufoption. Die Serie A hat er nie kennengelernt.

DER ERSTE MAGIC MOMENT

Seine erste Heldentat in schwarz/weiß gelang Beichler knapp nach seiner Rückkehr im Trikot der Amateure. Am 9.8.2007 gastierte die zweite Mannschaft von Sturm erstmals bei der ersten vom GAK in der Regionalliga. Der Offensivspieler erzielte vor fast 6.000 Zusehern aus einem Freistoß das Goldtor und Mario Haas sang mit den Anhängern im Sturmfanblock "Die Nummer zwei in Graz sind wir".

Drei Monate sollten vergehen, bis es wieder zu einem Kurzeinsatz in der höchsten Spielklasse reicht. Beim Heimsieg gegen Altach kam Beichler in Minute 86 für Mario Haas ins Spiel. Und schon zwei Minuten später gelang ihm auch sein erstes Ligator zum 6:1 Endstand. Am Ende standen unspektakuläre 228 Minuten Bundesligaluft auf der Habenseite.

Das sollte sich in der nächsten Saison schlagartig ändern. In der Saison 2008/2009 hält Beichler nach 28 Runden bei 27 Einsätzen, erzielt dabei 9 Treffer und markiert 4 Torvorlagen. Nach einem Pressball mit Samir Muratovic im Abschlusstraining für das Auswärtsspiel in Mattersburg, erleidet er einen Mittelfußknochenbruch und die Saison ist für ihn gelaufen.

DIE ZWILLINGE ROCKEN DIE LIGA

Doch schon in der zweiten Runde der Saison 2009/2010 kehrt Beichler in die Mannschaft zurück und erzielt dabei beim 3:0 gegen Wiener Neustadt zwei Treffer. Und bald darauf der nächste Magic Moment in der Karriere des Grambachers: Nachdem Sturm den bosnischen Vertreter Siroki Brijeg und den montenegrinischen Verein OFK Petrovac souverän aus der Europa-League-Qualifikation wirft, wartet in der vierten Runde der hoch favorisierte Gegner Metalist Charkiw aus der Ukraine. Beim 1:1 zu Hause erzielt Beichler bereits den Führungstreffer, im Rückspiel vor 25.000 Zusehern gelingt ihm in der 32. Minute sogar das Goldtor. Nur drei Jahre nach dem Konkurs ist Sturm in Europa wieder existent. Für viele der in die Ukraine mitgereisten Fans war dieser Sieg einer der schönsten der Vereinsgeschichte, selten stand der Anhang so geschlossen hinter der Mannschaft und die Bilder, als sich die Spieler nach Schlusspfiff zum Auswärtssektor durchkämpfen um dort mit den Anhängern frenetisch zu feiern, sind heute noch jedem, der dabei sein durfte, in Erinnerung.

Auch für Beichler scheint alles gut zu sein, gestört wird die Harmonie zu dieser Zeit nur durch die Tatsache, dass sein umtriebiger Manager Hagmayer den Offensivspieler schon wieder bei beinahe jedem europäischen Spitzenklub im Gespräch sieht.

Der einzige reale Interessent ist jedoch Rapid Wien, doch ein Wechsel innerhalb von Österreich ist für Beichler kein Thema. Und so erfüllt er seinen bis 2010 laufenden Vertrag, erzielt gegen die Färöer Inseln sein erstes Länderspieltor und in Graz entsteht der Begriff der Sturm-Zwillinge: Zusammen mit seinem Freund Jakob Jantscher bildet Beichler ein immens gefährliches Duo. Die beiden prägen das Spiel der Grazer und die Saison endet mit dem legendären Pokalsieg in Klagenfurt gegen Wiener Neustadt. Der Grambacher ist jetzt am sportlichen Höhepunkt.

DER LEIDENSWEG BEGINNT

Als die Hertha bei Hagmayer anklopft, in Beichler den richtigen Mann für das Projekt Wiederaufstieg sieht, scheint er jetzt endlich auch im ganz großen Fußball angekommen zu sein. Er sammelt Pluspunkte als er den Journalisten von seiner Oma Herta, die aus Berlin stammt, erzählt und unterschreibt einen Vier-Jahres-Vertrag in der deutschen Hauptstadt. Doch anstatt groß durchzustarten beginnt für ihn jetzt eine schier endlose Odysee: Zu Beginn der Saison quälen ihn Leistenprobleme, als er wieder fit wird, kommt es zum Zwist mit Trainer Babbel, er beklagt dass dieser ihm kaum Beachtung schenkt und so ist Beichler schon im Oktober am Abstellgleis. Letztendlich hat er vier Spiele für Hertha BSC absolviert, allerdings alle bei der zweiten Mannschaft in der Regionalliga Nord.

Im Frühjahr wechselt er gezwungenermaßen leihweise in die Raiffeisen Super League zu St. Gallen. Dort ist mit Heinz Peischl ein Landsmann als Trainer im Amt, zudem mit Daniel Dunst und Manuel Sutter auch zwei weitere Österreicher im Kader. Anfangs scheint dieser Plan auch aufzugehen, gleich im ersten Vorbereitungsspiel für St. Gallen erzielt er gegen Wacker Innsbruck das Goldtor. Beichler erweckt den Anschein für den Abstiegskampf in der Schweiz bestens gerüstet zu sein, mit Klemen Lavric geht in letzter Minute auch ein alter Bekannter und Cupsieger aus Sturm-Zeiten mit an Board der St. Gallener. Doch erneut bekommt Beichler gesundheitliche Probleme und scheitert letztendlich auch bei den Eidgenossen. Der Klub steigt ab, der Steirer stand nur dreimal in der Startelf.

Unterdessen ist Markus Babbel mit Hertha BSC wieder in die Bundesliga aufgestiegen. Hatte der Europameister von 1996 in der zweiten Bundesliga keinen Bedarf für Beichler, wird er auch nicht für die Erste Bundesliga benötigt und für ein Jahr an den MSV Duisburg verliehen. An der Wedau bekommt Beichler sofort Einsatzminuten in der zweiten Liga, fühlt sich auch wohl, doch aufgrund privater Umstände will er nach nur einem Monat wieder zurück nach Österreich. Mit Ende der Transferfrist holt ihn die SV Ried. Insgeheim hat er auf einen Wechsel zu Sturm gehofft, doch zu diesem Zeitpunkt ist noch kein Verantwortlicher in Messendorf an ihm interessiert.

In Ried kommt Beichler wieder langsam in die Spur. Er absolviert für die Innviertler 26 von 29 möglichen Bundesligapartien und erzielt dabei vier Treffer.

ZURÜCK AN DIE SPREE

Aber Beichler gehört noch immer der Hertha und so wird er nach dem neuerlichen Abstieg der Berliner zurückgeholt. Markus Babbel ist bei der Hertha Geschichte, mittlerweile sitzt in Charlottenburg der Holländer Jos Luhukay auf der Trainerbank. Beichler trifft in der Vorbereitung nach Belieben und steht er in der ersten Runde in der Startelf. Gegen den SC Paderborn wird er beim Spielstand von 0:1 nach 57 Minuten ausgewechselt, die Partie endet 2:2. Es sollte der erste und zugleich letzte Auftritt des Steirers in der ersten Mannschaft von Hertha BSC sein. Denn kurz danach erfährt Beichler von der Erkrankung seiner Mutter, beantragt Sonderurlaub, um in die Steiermark fahren zu können. Daniel Beichler darf heim, Manager Michael Preetz ist über dieses Verhalten nicht erfreut, zudem erleidet der Steirer gleich nach seiner Rückkehr nach Deutschland einen Kahnbeinbruch. Im November spielt er noch zweimal für die zweite Mannschaft der Berliner. Und in der Winterpause wird er abermals verliehen.

VON DER HAUPTSTADT IN DIE PROVINZ

Diesmal nach Sandhausen, einer Gemeinde mit knapp 15.000 Einwohnern in Baden-Württemberg. Der SV Sandhausen spielt seine erste Zweitligasaison und der einzige gemeinsame Nenner mit seinem Stammklub sind die Vereinsfarben, die ebenfalls in schwarz/weiß gehalten sind. Aber auch in der Provinz kann Beichler sich nicht durchsetzen, steht in der Frühjahrssaison nur zweimal in der Startelf. Der SV Sandhausen beendet die Saison auf dem vorletzten Platz, der rein sportlich den sofortigen Wiederabstieg in die dritte Liga bedeutet. Da aber der MSV Duisburg keine Lizenz bekommt und der Drittletzte Dynamo Dresden in der Relegation gegen den VFL Osnabrück die Oberhand behält, bleiben die Sandhausener zweitklassig. Beichler beendet die Saison mit null Toren und null Torvorlagen. Da sowohl der Spieler als auch der Verein kein Interesse an einer Weiterführung des Leihvertrages haben, ist auch dieses Kapitel für Daniel Beichler beendet.

HEIMKEHR ZU STURM

Nach drei Jahren kehrt Beichler wieder nach Graz zurück. Hertha BSC, bei dem der Steirer noch unter Vertrag steht, verzichtet auf eine Ablösesumme. Lediglich eine prozentuelle Beteiligung bei einem eventuellen Weiterverkauf wird mit Sturm vereinbart. Er erhält einen Zwei-Jahres-Vertrag mit vereinsseitiger Option. Der neue Trainer Darko Milanic will ihn unbedingt, Gerhard Goldbrich spricht von einem Urgestein und Beichler selbst träumt davon, mit Sturm Meister zu werden. Das geflügelte Wort "Stallgeruch" ist in Graz wieder allgegenwärtig. Aber auch in der Heimat kann er die Seuche zuerst nicht abschütteln. So wird Beichler bei der desaströsen 0:1-Heimniederlage gegen die isländische Amateurtruppe aus Breidablik beim Spielstand von 0:0 in der Pause eingewechselt. Danach erkrankt er zudem noch an einer Gehirnhautentzündung. Auch die Veränderungen in Graz machen dem sensiblen Spieler am Anfang schwer zu schaffen. Als er Sturm 2010 als frischgebackener Pokalsieger verlassen hatte, war in Graz noch alles eitel Sonnenschein. 2013 hat man soeben das Hyballa/Schopp Jahr hinter sich gebracht und die Gräben zwischen der Mannschaft und den Fans sind so tief wie schon lange nicht mehr. Selbst der Anhang ist in sich gespalten. Beichler erkennt seinen eigenen Verein nicht mehr.

Der neue Trainer Darko Milanic soll Sturm wieder neues Leben einhauchen. Doch der Slowene erweist sich als großes Missverständnis. Trotzdem scheint Daniel Beichler sich langsam zu konsolidieren. Anfangs noch meist als Wechselspieler im Einsatz, etabliert er sich ab Runde acht zum Stammspieler und bleibt vor allem erstmals seit langer Zeit wieder über einen längeren Zeitraum verletzungsfrei.

Die nackten Zahlen sprechen eindeutig für Beichler. Er absolviert 33 Bundesligaspiele, erzielt 10 Treffer und wird gemeinsam mit Robert Beric Vereinstorschützenkönig. Doch im doch sehr repräsentativen und aussagekräftigen Sturm12-Leserzeugnis belegt er mit der Durchschnittsnote von 3,14 einen der hinteren Ränge. Das was in seiner ersten Sturm-Ära noch als jugendlicher Leichtsinn gerne einmal vergeben wurde, wird vom Anhang mittlerweile als divenhaft kritisiert.

DIE LETZTE SAISON

Sturm geht trotz einer enttäuschenden Saison wieder mit Darko Milanic auf der Betreuerbank in das Spieljahr 2014/2015 und Daniel Beichler ist weiterhin Stammspieler. Er passt sich nun nicht nur der Gesamtleistung der Mannschaft an, vielmehr ist er immer öfter einer der schwächsten Spieler am Platz. Oft wirkt er lustlos, seine Dribblings misslingen zumeist, sein direkter Zug zum Tor scheint verloren gegangen zu sein und unter den Anhängern und auch in diversen Internetforen muss Beichler immer öfter als Sündenbock herhalten. Als unter Franco Foda endlich wieder der sportliche Erfolg zurückkehrt und der Mainzer augenscheinlich fast alle Spieler leistungstechnisch zu verbessern vermag, schlittert Beichler in eine erneute Formkrise. Zudem hindert ihn eine Magen-Darm-Grippe und eine Bänderverletzung ab Runde 17 an weiteren Bewährungschancen. Beim finalen Sturm12-Leserzeugnis landet er mit der Note 4,32 abgeschlagen auf dem letzten Platz. Im Frühjahr 2015 kommt er gar nur mehr auf 140 Einsatzminuten. Sein anfangs geschildertes Tor gegen Rapid Wien bleibt das einzige Highlight.

Aus dem unbeschwerten Fußballer ist mittlerweile ein ernsthafter junger Mann geworden, der die Härte des knallharten Profigeschäftes mittlerweile zur Genüge kennengelernt hat. Die Reaktion von Preetz nach der Erkrankung seiner Mutter sei hier nur exemplarisch angeführt. War Beichler 2009 noch der Liebling der Massen, ist genau dieser "Beichiboy" zum negativen Synonym für einen gut bezahlten Fußballer geworden, der offenkundig immer für alles und überall eine Ausrede findet. Doch da macht man es sich zu einfach: Die lange Liste seiner Verletzungen und Erkrankungen, der oft negative Einfluss seines Beraters und auch diverse persönliche Schicksalsschläge, darf man in diesem Kontext nicht außen vor lassen.

Daniel Beichlers Weg bei Sturm Graz wird nach dieser Saison ein Ende finden – er wird bereits unter den "Abgängen" auf der Vereinshomepage aufgelistet. Wohin seine persönliche Reise führt, ist im Moment noch ungewiss. Auf Nachfrage von SturmNetz.at bat er um Verständnis, dass er sich zu seiner Zukunft zurzeit überhaupt nicht äußern will. Er wird im Oktober "erst" 27 Jahre alt, ein Alter in dem ein gewisser Wolfgang Feiersinger überhaupt erst Fußballprofi wurde. Und Beichler ist noch immer einer jener Fußballer, die das gewisse Etwas haben, einer von jenen, die im Alleingang ein Spiel entscheiden können, weil er in der Lage ist, Dinge zu machen, die niemand erwartet. Leider wurden speziell in der letzten Saison diese Momente immer seltener.

2 Kommentare

  1. LM sagt:

    wie kommt ihr darauf, dass wolfgang feiersinger erst mit 27 fußballprofi wurde?

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  2. Günter Kolb Günter Ko sagt:

    Weil er bis dahin noch als Gendarm nebenher gearbeitet hat (Posten Saalfelden, wenn ich mich nicht irre)

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