Noch 90 Minuten für die Ewigkeit!

Der Piefkecorner erinnert an das deutsche Bundesliga-Finish 2022/23

Nach dem Schlusspfiff in Linz machte sich im Sektor der Auswärtsfans eine (in dieser Saison) ungewohnte Anspannung breit. Das 2:2 gegen den ASK war der erste vergebene Matchball des SK Sturm Graz auf die Meisterschaft 2023/24, das erste Double seit 25 Jahren. Im SturmNetz-Ticker verschafften sich schon kurz vor Spielende mehrere Kommentierer Luft, die polemisch gesagt den Weltuntergang heraufbeschwören wollten und auch unter dem Spielbericht wurde die Unsicherheit ins Netz transportiert. Fakt ist, der Anhang des SK Sturm Graz weiß um das knappe Titelrennen und wägt ebenso die Wahrscheinlichkeiten ab, wie es auch alle Sportredaktionen tun. Die Frage, die bleibt, ist: Wie sehr setzen sich Christian Ilzer und sein Team mit diesen Rahmenbedingungen auseinander? Oder vielmehr: Muss sich das Team überhaupt mit diesem Lärm rund um das letzte Spiel beschäftigen?

Wie war das nochmal in Dortmund 2023?

Als einem in Dortmund lebenden Schwoazen kommt bei der derzeitigen Tabellenkonstellation in Österreich vor allem ein Spiel aus dem Vorjahr wieder in den Kopf. Es war der letzte Spieltag in Deutschland und der Ballsportverein Borussia Dortmund empfing den Mittelständler 1. FSV Mainz im heimischen Westfalenstadion. Der Vorsprung in der Tabelle gegenüber den übermächtigen Bayern betrug zwei Punkte. Die Bayern mussten wiederum 100 Kilometer südlich der größten Stadt des Ruhrgebiets in Köln gewinnen und darauf hoffen, dass „Schwatzgelb“ federn ließ. Eine halbe Million Menschen war laut mehreren Medienberichten am 27. Mai 2023 nach Dortmund gekommen, um in der Innenstadt der 600 000-Einwohner-Metropole den lang ersehnten ersten Meistertitel seit der Ära Klopp zu feiern.

In den Tagen vor dem Spiel war es in der Stadt kein Thema, dass Mainz etwas reißen könnte. Es war die Rede von einem Fußballfest und die einzige Frage, die sich stellte, war, ob man wohl noch ein Fleckchen in der Menge am Borsigplatz ergattern würde, um bei der Meisterfeier des ebenfalls 1909 gegründeten Vereins dabei sein zu können. Der Schuster in meiner Straße hatte die BVB-Fahne draußen hängen, der Bäcker ebenso, die Eisdiele färbte das Eis ein, der REWE verkaufte BVB-Bärchenwurst, die Obdachlosen davor sangen Lieder über den Verein und tranken Brinkhoffs, die Blumenläden verkauften vorrangig gelbe Blumen, der Ballonladen hatte ebenfalls noch mehr als sonst auf Dortmunder Farben gesetzt. Es war nicht auszuhalten wie selbstverständlich dieser Erfolg für die Dortmunder gegen die Mainzer in der Woche vor dem Spiel war – also fuhr ich nach Bologna und sah mir Marko Arnautovićs letztes Heimspiel mit Bologna gegen Napoli an. Sollten sie doch alle nach Dortmund kommen und feiern, ich würde nicht da sein. Ich sah ein spannendes 2:2 gegen den neuen italienischen Meister und eine tolle Aufholjagd in der Emilia-Romagna, außerdem hatte Marko Arnautović ein Baby auf dem Arm, als die Teams einliefen.

Und zeitgleich kam es in Dortmund, wie es kommen musste: Als ich den Stream anmachte lag die Borussia durch ein Onisiwo-Tor 1:2 zurück und drückte verbittert an. Die Stimmung im Stadion war unfassbar, aber auch unfassbar verzweifelt. Die Nachspielzeit brach an und Dortmund schaffte den 2:2-Ausgleich. Doch Jamal Musiala traf gegen Köln in Minute 89 unten ins Eck und damit mitten ins Herz der Dortmunder – wiedermal ein Meistertitel für die Münchner Bayern. Die Dortmunder Innenstadt war mucksmäuschenstill.

Als ich am darauffolgenden Montag heimkam, erwartete mich aber keine Grabesstimmung in Dortmund. Klar, die vergebene Meisterschaft schmerzte und die ausgelassene Chance auf eine Titelfeier war noch Thema, aber der Stolz überwog. Der Stolz, dass ein Trainer aus den eigenen Reihen so eine tolle Truppe geformt hatte. Edin Terzićs Tränen vor der gelben Wand waren überall zu sehen. Die Erzählungen, welcher „echte“ Mann nicht wie heftig geweint hatte, übertrumpften einander in Cafés, an den Büdchen, an der Bahnstation. Dortmund war selber schuld, hatte es gegen Mainz nicht auf den Platz gebracht und eine tolle Saison nicht gekrönt. Die Fans waren trotzdem stolz und hatten wieder etwas, das sie ihren Enkeln noch erzählen würden, erlebt. Nämlich, dass ein Titel mit Demut gewonnen wird und erst sicher ist, wenn er auch rechnerisch nicht mehr verloren gehen kann.

Noch 90 Minuten für die Ewigkeit

Doch was nimmt man sich als Sturm-Fan ein Jahr später mit von diesem Erlebnis? Ganz klar: Die Welt geht nicht unter und steht nicht auf dem Spiel. Trotzdem werden die Knie weich sein, wenn der Anpfiff ertönt, weil es um viel geht. Das Team und die Fans dürfen den Gegner aus Klagenfurt aber keinesfalls unterschätzen. Peter Pacult mag zwar Red Bull Salzburg nicht, aber er verliert auch nicht gerne und wird seine Austria gut auf den SK Sturm Graz einstellen. Christian Ilzer wird sein Team einschwören, heiß und hungrig auf den Platz schicken – ein letztes Mal in dieser Spielzeit – und die Fans MÜSSEN ihre Schwoazen zum Titel tragen. Mit positiver Energie egal bei welchem Spielstand.

Im Gegensatz zu den Dortmundern hat der SK Sturm den Titel am letzten Spieltag schon geholt – 2011 im Wettrennen mit Salzburg in einem Spiel gegen die damals ebenfalls sechstplatzierten Innsbrucker. Der SK Sturm kann das wieder schaffen. Ein Sieg gegen Austria Klagenfurt ist immer möglich, ist womöglich in den Tippspielen dieser Welt auch immer eingeplant, aber er ist nie selbstverständlich. Den Teufel wird die Ilzer-Elf tun, denn Klagenfurt wird sicherlich nicht unterschätzt werden. Egal ob dreckig mit 1:0 in der 90., 2:1 nach einem Rückstand, oder souverän und deutlich – das Runde muss ins Eckige und hinten wird dicht gehalten, ausgeputzt und abgegrätscht. Diese letzten zwölf oder dreizehn Kilometer haben die Jungs noch in den Beinen, dann wird gefeiert. Im Idealfall das Double, im schlechtesten Fall eine grandiose, spektakuläre Saison!

In der Spielzeit 2023/24 wurde niemandem etwas geschenkt, erst recht nicht dem SK Sturm. Diese Meisterschaft lag nicht zum Abholen bereit, dieses Finalspiel hat sich das Team hart erarbeitet. Diese Reise von Schicker, Ilzer und ihren Mannen, endet (für’s Erste) am 19.5. in Liebenau. Den Titel, den hat sich die Stadt verdient und den Titel, den holen wir uns. Der Teller liegt bereit, den geben wir nicht mehr her und wenn 15 000 Schwoaze den Ball ins Tor brüllen müssen, dann werden sie es tun… 

Foto: SturmTifo.com

12 Kommentare

  1. florian sagt:

    Was für ein wunderschöner Artikel, der die verschiedenen Facetten dieser Situation im Auge hat. Die Welt würde nicht untergehen, wenn unsere schwarze Welt untergehen sollte. Aber am Ende wird alles gut, auch wenn alle dafür leiden müssen. Danke Sturmnetz, geil geschrieben!

  2. wama sagt:

    Super Artikel, danke!!!

  3. Sturmmani sagt:

    ein sehr guter Artikel! Ich oute mich hiermit als Fan des Piefkecorners.

  4. Bozo Bakota sagt:

    Danke für diesen wirklich wunderschön geschriebenen Beitrag! – Yannick Steinkellner gibt hier wider, was ich selbst auch schon seit Runden immer wieder bei Gesprächen erwähne. Die Chance ist gross. Aber noch sind wir nicht Meister. Noch haben wir den Meistertitel nicht nach Graz geholt. Es kann immer was passieren. Aber ich bin positiv eingestellt, und guter Dinge, dass es am Pfingstsonntag geliingen wird. – So werde ich, wie schon bei den beiden Spielen zuvor, auch am kommenden Wochenende wieder meine schwarz-weisse Fahne vor das Fenster hängen. Symbolisch für meine Verbundenheit zum Sportklub Sturm Graz. Und es wird mir gelingen, – sollten wir nicht Meister werden – nach einem gewissen Abstand auf eine grossartige Saison 2023/24 zurückzublicken. – Alles Gute der Mannschaft!

  5. Melvinuss sagt:

    Wir holen den Teller heim, dessen bin ich mir sicher. Und das wird auch dem Rest von Fußball Österreich gut tun und hoffentlich der Grundstein für wieder etwas spannendere Meisterschaften in den kommenden Jahren sein. Serienmeister sind auf Dauer nie gut für ein Fußball-Land, diese Serie gehört einfach gebrochen. Und das jetzt (Sonntag)!

    Und unsere Jungs haben es sich verdient und sie werden das auch über die Ziellinie bringen.

    Und falls doch nicht: Ich war fast 20, als Sturm seinen ersten (Cup-) Titel errungen hat, das Leben geht für mich als Sturm-Fan auch nach einer zugegeben ersten kurzen Enttäuschung weiter, wir spielen in jedem Fall eine großartige Saison!! Sturm-Fan bedeutet Emotion, Herzblut, Freude, Trauer, Enttäuschung uvm,
    aber Sturm-Fan ist man ein Leben lang, egal auf welchem Platz in welcher Liga, ob mit oder ohne Titel. Sturm-Fan sein ist eine Lebenseinstellung, wir alle sind eine große schwarz-weisse Familie 😉

    Und jetzt genug von dem Pathos:

    Gemma Schwoaze!!

  6. brent_everett sagt:

    Am Sonntag wird in Liebenau Heavy Metal gespielt, es wird einen Sturmlauf über 90 oder 95 Minuten geben bis Klagenfurt einknickt. Im Stadion erwarte ich eine unfassbare Europacupstimmung, eine schwarze Wand, die unsere Mannschaft fanatisch nach vorne treibt und die alles andere als einen Sieg völlig unmöglich macht.

    • Mikelangelo sagt:

      Dein Wort in Gottes Ohr! GsD sind Stanko und hiffentlich Affengruber wieder dabei, die können sowohl defensiv als auch offensiv (Standards) den UNterschied ausmachen. Weiß wer, wann mit SAkaria wieder zu rechnen ist bzw. ist ein (Kurz-)einsatz raelistisch?

      Für eventuelle Tore sorgen Horvat, Prass, vl Bireth, Affengruber und Stankovic. Böving ist leider kein Goalgetter.

      Prass könnte man anstelle von KIta auf die 10 geben und Lavalee auf die 8, der kann sowieso alles spielen.

    • Exilsteirer sagt:

      @Mikelangelo: lt. Sky war Sarkaria schon vor dem LASK-Spiel einsatzbereit.

    • Mikelangelo sagt:

      Ich weiß. Aber dann frag ich mich, warum er nur auf der Tribüne saß…

  7. Micha Pesseg sagt:

    „Egal ob dreckig mit 1:0 in der 90., 2:1 nach einem Rückstand, oder souverän und deutlich – das Runde muss ins Eckige und hinten wird dicht gehalten, ausgeputzt und abgegrätscht. Diese letzten zwölf oder dreizehn Kilometer haben die Jungs noch in den Beinen, dann wird gefeiert. Im Idealfall das Double, im schlechtesten Fall eine grandiose, spektakuläre Saison!“ – Poet! Der Absatz sagt alles

  8. bianco nero tifoso sagt:

    Der SK Sturm wird neuer Meister!

    Die Nervosität steigt, wir sind bereit, es ist hart, doch wir sind härter, Konfuzius ist unser Gelehrter.

    Wer hart arbeitet, wird am Schluss auch belohnt werden, Erfolg ist kein Ziel, sondern eine Reise. Gib niemals auf!

    Man bekommt leider den Meistertitel nicht geschenkt, jedes Spiel ein Kampf, ein heisser Tanz, nix für schwache Nerven, kämpfen, Sturm Graz, kämpfen, jeder kriegt was er verdient.

    Mitleid bekommst du umsonst, siehe Austria Wien, Neid musst du dir hart verdienen. Cupsieger san ma scho, hommas gschlogn, die Grünen, legendär, unvergessen, wir sind von Sturm besessen.

    Vom Baby bis zum Internet Nerd, der sich im Austrian Soccer Board empört, Sturm Graz ist unser Leben, was kann es Schöneres geben als ein Schwoaza und Meister zu sein.

    Wir sind die Besten, haben den Grössten, no fear, Sturmfans wie wir.

    Sturmfans wie wir, auf zum Meistertitel Nummer vier, der Countdown läuft, 1, 2, 3, 4, i brauchat a Puntigamer Bier, gibt uns die Kraft für die Meisterschaft.

    Tutto Gas nix in Lignano, Tutto Gas im Hexenkessel Liebenau, kommt ins Stadion, wir brauchen jeden Mann und Frau, es wird so geil werden.

    Tutto Gas, holen wir uns den Schas, Meisterteller, paradise, geiler Scheiss.

    Graz, eine Stadt im absoluten Ausnahmezustand, es gibt nur ein Gesprächsthema, Sturm Graz, jeder wünscht sich den Meisterteller, ausser die Roten, die gehn lieber koten, die high society, Grazer Bourgeoisie hat schon wieder die grosse Goschn, euer Alptraum wird wahr, wir sind wieder da, klingt abgedroschn, feste Floschn.

    Wir sind eine große Familie und halten zusammen, reichen uns die Hände und werden alle am Sonntag zur Legende.

    Gemma, gemma, Fussball Gott wir bitten dich erhöre uns, steh uns bei, wir schreiben Geschichte am 19. Mai!

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