Mein blutend Herz

Matchday. Im viel zu voll beladenen Fahrzeug, das auch schon bessere Tage erlebt hat, geht es voller Vorfreude in Richtung Mozartstadt. Die Fahrt ist trotz einer überdurchschnittlichen Anzahl an Lulu-Pausen, die mit dem Genuss der ein oder anderen Dose des köstlichen Hopfensafts einhergehen, viel zu schnell um. Zu schnell deshalb, weil bei solchen Fahrten mitunter auch der Weg das Ziel ist. Eine Auswärtsfahrt inmitten jener Menschen, die den Fußball und das ganze Drumherum so sehr lieben wie man selbst, ist einfach immer ein freudiges Erlebnis. Ein das Zwerchfell in der Regel stark belastendes noch dazu – vollgepackt mit Geschichten, die eben nur der Fußball schreibt. Oder die besonders häufig, und das natürlich ganz zufällig, jenen verrückten Menschen passieren, die sich solchen Fahrten so gerne hingeben.

Als wir dem Ziel bereits etwas näher gekommen sind, ist es auch schon wieder so weit: Die Blase drückt. Unter dem Vorwand, lediglich dem Tabakkonsum frönen zu wollen, wird erneut angehalten. Dabei treffen wir auf Menschen, die so ganz anders sind als wir. Junge Herren, gestylt, mit Ausnahme des weniger ansprechenden Trikots gut gekleidet, unterhalten sich einen Energy Drink konsumierend leise über die jüngsten Fifa-Erlebnisse auf der Playstation oder über das Instagram-Profil eines Spielers, das Smartphone in der Hand. Sehr fragwürdige Musik dringt ebenfalls leise aus dem geöffneten, offensichtlich frisch geputzten Fahrzeug. Etwas befremdend mutet die ganze Szenerie an. Man ist beinahe dazu geneigt, den Herren ein Bier in die Hand zu drücken und in unser Herumgealbere einzubeziehen. Warum sollen sie schließlich keinen Spaß haben?

Es ist ja immerhin Fußball an der Reihe – der Sport der Massen, der Menschen zusammenbringt. Der Sport der einfachen Leute und gleichermaßen der Akademiker. Ganz egal. Wo sonst liegen sich Schepfer und betuchte Doktoranden gemeinsam in den Armen, schimpfen, fluchen und feiern zusammen? So zumindest hat der Autor den Fußball kennen und lieben gelernt. Doch diese Ansicht wird während des jüngsten Ausflugs einmal mehr auf die Probe gestellt. Wie immer, wenn es nach Salzburg geht. Denn alles, wirklich alles, wird einem hier verdreht. Geht man am Stadion entlang, so sieht man dort keine Menschentrauben, die eifrig über das bevorstehende Spiel lamentieren, ohne dabei Bratwurst und Bier zu vernachlässigen. Vielmehr sitzt man im Red-Bull-Corner und gönnt sich womöglich einen Cocktail. Nur wenig lässt auf ein in Kürze stattfindendes Spitzenspiel schließen. Nichts lässt vor allem auf Fußball schließen. Inmitten der steril wirkenden Umgebung steht ein alter Mann mit Austria-Schal, etwas verloren wirkend. Das Herz des Fußballromantikers blutet.

© Martin Hirtenfellner Fotografie – RB Salzburg : SK Sturm 02.10.2016

Für die Kiddies wird viel geboten. Sofern sie kein falsches Trikot anhaben zumindest, denn dann ist Mitmachen untersagt. Sieht man von diesem fragwürdigen Vorgehen ab, so könnte man sich hier tatsächlich eine Scheibe abschneiden. Ansonsten kann der Autor der Atmosphäre und den Gegebenheiten auch beim allerbesten Willen und trotz der so guten Laune rein gar nichts Positives abgewinnen. Also ab in die Kurve zu seinesgleichen. Innerhalb des wunderschönen Stadions wird schlagartig das ganze Ausmaß konzerngesteuerten Fußballs offensichtlich. Klatschpappen und Fähnchen auf jedem Sitz. Aber keine Seele, wohin man auch blickt. Das tolle Oval hat zudem eine unfassbar geile Akustik. „Wie das wohl klingen würde, spielte hier die Austria?“, frage ich mich wie jedes Mal. Außer einer durchgehenden, aufgezwungenen Dauerbeschallung vor dem Spiel, in der Pause und danach ist nicht viel zu hören. Schon gar nicht von den Gastgebern. Einmal hört man für wenige Sekunden die Klatschpappen im Takt. Ebenfalls ein paar Sekunden dauert der Torjubel. Ansonsten sind es die Gäste, die akustisch den 14.000 anderen Zuschauern den Ton vorgeben.

Alles im Stadion und davor wirkt bis ins kleinste Detail aufgesetzt und künstlich, dazwischen lediglich ein paar hundert verirrte Seelen, die Spaß haben und den Fußball zelebrieren. Nach Schlusspfiff leert sich das Stadion innerhalb weniger Minuten praktisch zur Gänze. Man feiert hier keinen Sieg, warum auch immer, ist man damit ja gerade de facto wieder einmal Meister geworden. Die Blackies verabschieden ihre Mannschaft lauter und viel länger. Gerade wurde hier ein wichtiges Spitzenspiel aus Sicht der Gastgeber gewonnen, doch es scheint niemanden so recht zu interessieren. Schade drum, denke ich mir. Denn andere hätten sich gefreut. Alles, was der Autor mit Fußball assoziiert, wird an diesem Ort ad absurdum geführt. Das Herz des Fußballromantikers blutet.

8 Kommentare

  1. arrai sagt:

    Erinnert mich stark an Stadionbesuche bei den ganz großen Klubs Europas. Bazzelona, Manchester, München und dergleichen. Finde, das hat wenig bis gar nichts mit Fußball-Fantum zu tun, sondern vielmehr mit durchgeplantem, glattem Programm für das zusehende Volk, das genau in dieser Art und Weise in jeder europäischen Stadt stattfinden könnte. So gibt´s im Camp Nou, in Old Trafford etc. leider nur mehr eine verschwindend kleine Anzahl an Menschen,  die ich wirklich als „Fans“ bezeichnen würde während 70, 80, 90.000 Menschen ins Stadion gehen, um Bazzelona, United etc. schauen zu gehen. Das sind dann die, die bei einem etwaigen Tor auf der richtigen Seite des Feldes für 10 Sekunden klatschen und sich dann entspannt zurücklehnen mit dem Gedanken „ahhh, haben sich ausgezahlt die 85 Euro Eintritt“. Und das sind die, die sich bei ausbleibendem Erfolg, d.h. so ungefähr dann, wenn zwei Spiele in Folge nicht gewonnen wurden, überlegen, ihre teuer ergatterte Karte doch wieder weiterzuverkaufen. Weil he, wenn kein Sieg zu erwarten ist, warum sollte man dann ins Stadion gehen?
    FAN sein bedeutet für mich was anderes. Da gehört zuallererst die Verbindung der Menschen mit der Mannschaft die sie anfeuern dazu; ein gespanntes Warten auf den Anpfiff; ein Kribbeln in der Magengrube; ein leichtes Zittern in den Beinen (selbst wenn ich mir ein Spiel wie letzten Sonntag nur zu Hause auf der Couch ansehe); ein Gedanke wie: vielleicht gewinnen wir heute wider Erwarten ja doch?; ein Hoffen auf ein gutes Spiel seiner Mannschaft aber kein Fordern, dass es ein gutes Spiel sein muss; ein Honorieren des Willens der Spieler und nicht ausschließlich des Könnens; Zerreissen die sich da unten, zerreissen wir uns da oben. Ich denke, jedem und jeder werden hier noch weitere Punkte einfallen, die die Liste fortsetzen könnten.
    Ich jedenfalls hab nach ein paar Stadionbesuchen in den großen Ligen Europas für mich beschlossen, dass mir diese ach so tollen Stadion- und Matchday-Erlebnisse in England (Salzburg ;)) und Co. gestohlen bleiben können. Fan-Sein kann ich nur in Graz bzw. dort wo Sturm grad spielt und das macht mich letztlich glücklich, bei aller Jammerei über dies und das, die zwischendurch auch mal sein muss – denn würden wir nicht jammern, wär uns der Verein scheiss egal, und wäre er das, dann könnten wir genau so gut Fanboys und -girls von einem der großen europäischen Klubs sein (oder von Salzburg) ;))

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  2. Schworza99 Schworza99 sagt:

    Was hat Red Bull auch sonst erwartet?

    Ändern ma mal Vereinsfarben und Wappen und baun a Stadion hin…kommen sicher 30k…einen Funken einer Seele sollte halt jeder Verein irgendwo haben…Spätestens das Ablehnen des Meistersterns muss ihren Fans die Augen geöffnet haben das es RBS nur gibt weil RBL (noch) eine B Mannschaft braucht…

    Ich hoff ja das die künftige zweite Liga Vereine wie die Austria S., Vienna, Sportklub Wien usw. wieder näher an die Bundesliga bringt (auch wenns bei 2 der genannten finster ausschaut). Weil Größen aller Grödig brauch ich nicht in der 1. Liga…dann lieber kleine Traditionsvereine…

    Meine Hoffnung ists ja das die Uefa wirklich durchgreift und nur einen RB Verein spielen lässt international…aber dafür hat der Didi zu viel Geld als das die Uefa sich Eier wachsen lässt…

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  3. Jolosin sagt:

    Bin da geteilter Meinung einerseits absolut ja Fußball braucht ne Seele und nein danke zu diesem komplett konzerngesteuerten Stadionerlebnis aller Bayern München, Real, Celtic, Salzburg, dennoch ich finde wir als Sk Sturm Graz die ein rießiges Fanpotential besitzen tun einfach viel zu wenig. Ich finde schon dass man sich einiges von RB abschauen kann. Man kann ja zum Konzern Red Bull stehen wie man will, aber muss man mal zugestehen dass man sportlich egal in welchem Bereich immer Top ist. Beachtlich was aus Leipzig wurde Mateschitz Millionen hin oder her allein schon im Jugendbereich. Was ich damit sagen will Fußball lebt von Kommerz und Kommerz ist per se net schlecht siehe den BVB der es geschaft hat Wirtschaftlichkeit mit dem rießigen Fanerlebnis alla Signal Iduna Park unter einem Hut zu bringen. Ja jetzt haben wir bei Sturm natürlich keine vergleichbaren finanziellen Möglichkeiten dennoch fordere ich mehr vom Verein gerade zum Beispiel was Kinder betrifft und insgesamt eine bessere Vermarktung auch ohne Brauhaus Puntigam!!!

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