Mach et noch mal, Franco!

Just jene Europameisterschaft, die aufgrund so vieler Misstöne abseits des Grünen Rasens so wenig Freude macht wie die aktuelle, könnte aus patriotischer Sicht (nicht bloß ob des ersten vollen Erfolges bei solch einer) historisch werden. Dann nämlich, wenn Österreich am Samstagabend die so stolze und in letzter Zeit auch erfolgsverwöhnte Squada Azzura aus dem Bewerb kicken sollte. Eine Vorstellung, für die man noch vor wenigen Wochen den Rat bekommen hätte, an der Dosis der Medikation zu feilen. Doch in den Köpfen vieler Fußballfans hierzulande erscheint dies gar nicht mehr ganz so utopisch. 61 Jahre ist es jetzt auch schon wieder her, dass Österreich gegen Italien ein Länderspiel gewinnen konnte: Damals in Neapel – bei den Italienern stand Lorenzo Buffon (der Onkel vom Parma-Rückkehrer) im Kasten, bei den Österreichern fiedelte Sturm-Legende Helmuth Senekowitsch – trat unser Team dank der Tore des späteren Teamchefs Erich Hof und Ernst Kaltenbrunner mit 2:1 die Rückreise über den Brenner an. Zwar verlor das Nationalteam danach nie höher als mit einem Treffer Unterschied gegen den Nachbarn, Siege gegen die Italiener blieben aber – auch auf Vereinsebene – absolute Seltenheit.

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Einer jedoch, dem altbekannte Schreibtischtäter, Internethelden und Twitteranten in den letzten Wochen im Dauerfeuer jegliche Fähigkeit absprachen, weiß, wie man ein Team aus unserem Lieblingsurlaubsland besiegen kann. Und nicht nur das. Auch wie man ein Duell gegen den jetzigen Italo-Teamchef, Roberto Mancini, für sich entscheidet. Denn die Trainerwege der beiden Ex-Internationalen (36:2 für die Sampdoria-Legende) haben sich schon mal gekreuzt:

Im Herbst 2002 steckte vielen Sturmfans der unschöne Abgang von Langzeittrainer Ivica Osim in den Knochen. Präsident Hannes Kartnig bestimmte in einer Nacht-und-Nebel-Aktion den damaligen Amateur-Coach Franco Foda zum Interims. Der Rookie führte Sturm im UEFA-Pokal in vier spektakulären Begegnungen zu Erfolgen über den FC Livingston (Gesamtscore 8:6) und Lewski Sofia (8:7 i.E.), als Belohnung wurde für Runde 3 Lazio Rom gelost. Auf Seiten von Sturm freute man sich über das zu erwartende volle Haus (die Italiener stimmten sogar dem Tausch des Heimrechtes zu), Franco Foda jedoch legte vor allem auf das sportliche Erlebnis und die Weiterentwicklung seiner Spieler das Hauptaugenmerk.

Munteres Spielchen im ausverkauften Liebenauer Stadion

Graz durfte sich endlich wieder über den ganz großen Fußball freuen, die 15.000 aufgelegten Karten waren schnell vergriffen und der Schwarzmarkt blühte am Matchtag rund um das Liebenauer Stadion. Da wurden Tickets für dreistellige Beträge feilgeboten und auch verkauft. Und bereits nach 45 Spielminuten wurde auch diesen Zusehern klar, dass es die Sache wert gewesen war. Nach einem Weltklassepass von Alain Masudi auf Imre Szabics, patzte Italiens Teamkeeper Angelo Peruzzi bei der Hereingabe des Ungarn, so dass Charles Amoah den Ball in die Maschen bugsieren konnte. Jener Amoah, der bereits beim Elfmeterkrimi in Sofia zum Hauptdarsteller avancierte. Sturm spielte mit Herz und Leidenschaft und hätte nach einer Peruzzi-Attacke gut und gerne auch einen Elfmeter zugesprochen bekommen können. Allerdings fand auch Simone Inzaghi vier Hochkaräter vor. Als jedoch in Minute 47 Enrico Chiesa (Vater von Federico, dem aktuellen italienischen Teamspieler) nach einer Ecke zum Ausgleich traf, war der Bann auch beim Bruder von Simone gebrochen und er fixierte mit zwei Treffern in Minute 57 und 88 (ein in diesen Tagen üblicher Weber-Patzer) den 3:1-Endstand.

Keine Klassenfahrt in die ewige Stadt

Nur wenige Tage vor dem Rückspiel schäumte Roman Mählich noch immer ob der dummen Eigenfehler im Hinspiel und meinte, eben solche würden in jeder Schülermannschaft mit einem dreiwöchigen Spielverbot sanktioniert. Lazio-Trainer Roberto Mancini stimmte ähnliche Klänge an und sprach davon, dass Sturm zwar offensiv ungeheuer stark sei, defensiv aber so seine Schwächen hätte. Von einem Aufstieg zu träumen, wagte auf Sturm-Seite niemand, als lästige Verpflichtung aber wollte dieses Spiel auch niemand sehen. „Ein Unentschieden wäre für Sturm schon ein Image-Gewinn, das ist auch machbar, wenn jeder alles gibt“, kam es von Foda. Zuvor hatte es für österreichische Vertreter auswärts in Italien bei 27 Anläufen zu keinem einzigen Sieg gereicht.

Auf regennassen Terrain bekamen die nur knapp 4.000 Zuschauer im weiten Rund des Stadio Olimpico zu Rom in Halbzeit eins wenig Höhepunkte zu sehen, zu sicher dirigierten Gerald Strafner und Eddy Bosnar die Sturm-Defensive, vorne fanden die Blackys nur eine Torchance vor, bei der allerdings Alain Masudi eine Schwalbe dem direkten Torschuss vorzog. In der zweiten Halbzeit  wurden die Grazer mutiger und kamen durch György Korsos, Amoah und Szabics zu gleich drei Torchancen. Im Mittelfeld absolvierte ein 18-Jähriger namens Jürgen Säumel (im italienischen Fernsehen firmierte er als „Samuel“) sein Profidebüt und der aktuelle ÖFB-Assistenztrainer durfte dieses gleich mit einem vollen Erfolg beenden: Denn drei Minuten vor Schluss sorgte Imre Szabics nach Vorarbeit von Günther Neukirchner für das Goldtor und für den Premieren-Sieg einer österreichischen Mannschaft in Italien. Foda lobte nach dem Spiel die taktische Ordnung und sprach davon, dass Lazio Sturm schlichtweg unterschätzt hätte und dafür bestraft worden sei. Sein Gegenüber Mancini war auf seine Mannschaft jedoch nicht gut zu sprechen, tröstete sich aber damit, „dass man zumindest eine Runde weiter sei“.

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Die Wahrscheinlichkeit dass das ÖFB-Team am Samstag den heiligen Rasen von Wembley als Sieger verlassen wird, erscheint zwar relativ gering, aber: Bloß mit einer starken Leistung des ÖFB-Teams und den beiden vollen Erfolgen in der Vorrunde in der Hinterhand könnte sich Franco Foda anlässlich des ersten K.-O.-Spiels Österreichs bei einer Fußball-Endrunde seit 1954 auch international einen Namen machen. Der Wahl-Grazer, der nun über 20 Jahre in der steirischen Landeshauptstadt lebt und trotzdem noch keinen Millimeter unseres Dialekts aufgesaugt hat, ist Sturm und darf mit gutem Gewissen als Eigenbau-Trainer betitelt werden. Daher sollte dem ÖFB-Team aus schwarz-weißer Sicht noch mehr die Daumen gedrückt werden. Wer hätte dies am Anfang seiner Trainer-Karriere jemals erwartet? Dazu noch eine Schnurre: In einer seiner ersten Partien als Regionalliga-Trainer wurde ein Jung-Blacky nach einem unübersichtlichen Handgemenge ausgeschlossen. Franco Foda betrat nach dem Match die Kabine der Unparteiischen, bedankte sich artig für die Spielleitung, wollte aber wissen, warum sein Zögling vorzeitig den Platz verlassen musste. Der Schiedsrichter – aus Deutsch-Goritz, dem südöstlichsten Zipfel der Grünen Mark – antwortete im breitesten Mundart-Jargon: „In de Eia hot ern zwickt“. Foda wiederholte verwundert seine Frage und wiederum erhielt er ein für ihn unverständliches „Jo vulli in die Eia“ als Replik. Er bedankte sich nochmals, verließ die Umkleidekabine und weiß wohl bis heute nicht, wofür es damals die Rote gab.

Foda ist keiner der bei jedermann Emotionen erzeugt, kein Showman, kein Philosoph, nicht unbedingt ein „Menschenfänger“. Aber wo er ist, ist der sportliche Erfolg. Zumindest das sollten ihm auch seine schärfsten Kritiker zugestehen. Ein Sieg gegen die Squadra Azzura würde den Trainer mit italienischen Wurzeln (bis zu seinem siebenten Lebensjahr besaß er gar die deutsch-italienische Doppelstaatsbürgerschaft) einen Fixplatz der österreichischen Sportgeschichte einbringen. Aber auch bei einer Niederlage hat er die Sache gut gemacht und seine schwarz-weiße Vergangenheit würdig vertreten. Dort, wo er das Handwerk des Trainers in der Praxis und von der Pike auf erlernt hat.

 

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4 Kommentare

  1. Bozo Bazooka sagt:

    „Vulli in die Eia!“ Wie geil!

  2. Ennstaler sagt:

    Hümmivoda, hüf dem Foda!

  3. Siro sagt:

    ganz starke leistung des teams, ein sieg wäre nicht unverdient gewesen
    wohl das beste spiel eines nationalteams in den 2000er-Jahren
    respekt dem team und franco foda!

  4. Ennstaler sagt:

    Da Hümmivoda woar gnädig, da VAR unbarmherzig!

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