Ludescher: „Für einige Fans zählte nur ein Sieg über den GAK“

SturmNetz-Interview mit Professor Walter Ludescher

Er wechselte bereits mit 19 zu Rapid Wien, war Nationalteamspieler, einer der Helden von Wembley, Schüler am Max Reinhardt Seminar, fast Nationalteamtrainer, war AHS-Direktor und ihm wurde vom Bundespräsidenten der Titel „Hofrat“ verliehen. In Graz läutete er Mitte der 80er-Jahre höchst erfolgreich einen Umbruch ein und führte den Sportklub Sturm als erst zweiter Trainer in die Top 3 der Bundesliga. Als der Klub jedoch den Weg, vorwiegend mit jungen, hungrigen Spielern zu arbeiten, verließ, um in etliche teure Neuverpflichtungen zu investieren, endeten die hochgesteckten Erwartungshaltungen beinahe mit einem Fall ins Bodenlose und führten letztendlich auch zu einem unrühmlichen Abgang des sympatischen Kärntners. Walter Ludescher, Sturm-Trainer zwischen 1986 und 1988, feiert heute seinen 75. Geburtstag.

 

(c) Johann Dietrich

Herr Professor Ludescher, betrachtet man die Sturm-Trainer-Historie, fällt auf, dass Ihre Nachfolger auf der Betreuerbank – Starek, Jurkemik, Djuricic und Osim – schon längst in Fußballrente sind, während Sie im vergangenen Sommer eine neue Mission in Angriff genommen haben, und zwar den SV St. Jakob in die Kärntner Liga zu führen.

Nachdem ich vor zwei Jahren mit dem TSV Grafenstein aufgestiegen war, wollte ich es eigentlich bleiben lassen. Doch im letzten Sommer sind die Verantwortlichen von St. Jakob an mich herangetreten und haben mich eine Woche vor Saisonstart gebeten, den Verein als Trainer zu übernehmen. Ich habe mich überzeugen lassen und tatsächlich hat der Klub erstmals in der Vereinsgeschichte den Aufstieg in die Kärntner Liga geschafft. Allerdings bin ich kurz vor Saisonende zurückgetreten, da Funktionäre versucht haben, sich in rein sportliche Belange, vor allem in meine Aufstellung, einzumischen. Das hat mir gar nicht gefallen und daher habe ich die Reißleine gezogen. Nichtsdestotrotz wurde das vor dem Saisonstart ausgegebene sportliche Ziel erreicht. 

Wird man Sie noch einmal überreden können?

Nein. Jetzt ist es endgültig genug. 

Sie sind ja angeblich der einzige Trainer, dem in Österreich in jeder Leistungsstufe zumindest einmal der Aufstieg gelungen ist.

Das ist richtig, ich hatte ja auch genügend Zeit dafür (lacht). Dadurch, dass ich die meiste Zeit meinem Beruf als AHS-Direktor nachgegangen bin, war ich beispielsweise nie im Ausland als Trainer tätig. 

Als Spieler sind Sie mit 19 vom KAC zu Rapid gewechselt, danach zu Wacker Innsbruck und haben es bis zum Nationalteamspieler gebracht.

Richtungsweisend dafür war zuallererst eine Einberufung in das damalige UEFA-Team. Ich war zu diesem Zeitpunkt erst 18 Jahre alt und überhaupt der erste Kärntner, dem diese Ehre zuteil wurde. Das hat mir gezeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Mein Wechsel nach Wien allerdings verlief nicht so wie ich es mir gewünscht habe. Im Endeffekt wurde ich dort gar nicht gebraucht. Rapid hatte eine eingespielte Mannschaft und als Provinzler war es damals in der Hauptstadt auch nicht immer einfach. Nach drei Jahren in Hütteldorf wurde ich nach Innsbruck transferiert. Wacker war gerade aufgestiegen und das erste Tiroler Team im Oberhaus. Bereits im ersten Heimspiel trafen wir auf meinen ehemaligen Klub. Rapid war zwar amtierender Meister, aber ich wollte den damaligen Vereinsverantwortlichen, Bimbo Binder und Robert Körner, unbedingt beweisen, dass es ein Fehler war, mich gehen zu lassen. Ich bin als linker Verteidiger nach vorne marschiert, habe den Gerhard Hanappi und den Paul Halla stehen lassen und die Vorarbeit zum an diesem Tag einzigen Treffer geleistet. Das war schon eine irrsinnige Genugtuung. Fünf weitere Einsätze für Wacker haben dann gereicht und ich wurde in das Nationalteam berufen.

Und Sie standen auch in jener legendären Elf, die 1965 in Wembley England vor 65.000 Zusehern mit 3:2 besiegt hat.

Wir hatten ein paar Tage zuvor gegen Deutschland in Stuttgart mit 1:4 verloren. Es war kein schlechtes Spiel von uns, zur Pause stand es immerhin noch 1:1. Gegen England gab uns aber niemand eine Chance. Dort hatten in 100 Jahren zuvor erst zwei Mannschaften gewonnen. Die Ungarn 1953 und das schwedische Nationalteam 1958. In den Reihen der Engländer standen beispielsweise Bobby Moore, Nobby Stiles oder Jacky Charlton. Toni Fritsch hat in der letzten Viertelstunde zwei Treffer erzielt, wir gingen als Sieger vom Platz, wurden über Nacht zu Nationalhelden und sind auf Wolke Sieben geschwebt. Man muss sich vorstellen, England wurde ein halbes Jahr später in genau jenem Stadion Fußballweltmeister. 

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Trotz dieses aufsehenerrengenden Erfolges war Ihre Ära als Teamspieler nach nur sieben Einsätzen rasch beendet. Wie kam es dazu?

Im Sommer 1966 zog ich mir in Innsbruck bei einem unglücklichen Zusammenstoß mit unserem Torhüter, dem Jugoslawen Gordan Irovic, eine irreparable Knieverletzung zu und musste bereits im Alter von 24 Jahren meine aktive Karriere leider Gottes beenden.

Sie haben zu dieser Zeit ja Ihr Lehramtsstudium absolviert. Galt man damals als Akademiker innerhalb der Fußballerzunft als echter Exot?

Viele hat es tatsächlich nicht gegeben. Es war auch nicht immer leicht zu vereinbaren. Meine ursprünglichen Pläne waren sogar ganz andere: In meinem ersten Jahr in Wien besuchte ich das Max Reinhardt Seminar. Ich habe in mir das Talent entdeckt, mich auf Bühnen sehr wohlzufühlen und bekam auch einige Hauptrollen. Spieler bei Rapid Wien und Student an der berühmtesten österreichischen Schauspielschule ist wohl eine einzigartige Mixtur. Leider haben sich Bühnenprobe und Fußballtraining zeitlich zu oft überschnitten und irgendwann habe ich mich für eine Leidenschaft entscheiden müssen. Mit dem Geld, das ich als Fußballer verdient habe, habe ich mir letztendlich mein Studium finanziert.  

Trotzdem sind Sie dem runden Leder immer treu geblieben.

Wacker Innsbruck hat mir die Möglichkeit gegeben, Nachwuchstrainer zu werden. Ich bin mit Spielern wie zum Beispiel Dietmar Constantini sowohl in der Jugend als auch bei den Junioren österreichischer Meister geworden. Man muss wissen: Vor dieser Ära war Tirol in Bezug auf Nachwuchsarbeit im Niemandsland. Irgendwann wollte ich dann aber wieder zurück in meine Heimat und habe 1971 den SV St. Veit auf dem letzten Platz in der Kärntner Liga übernommen. Die Spieler waren dort fast alle in meinem Alter und trotzdem habe ich alles über den Haufen geworfen. Beispielsweise habe ich sie davon überzeugt, unter der Woche kein Bier mehr zu trinken. Der SV St. Veit ist relativ bald in die Regionalliga aufgestiegen, dann zweimal knapp am Aufstieg in die 2. Division gescheitert, 1974 hat es aber geklappt. Zudem konnten wir uns zweimal für das Halbfinale im ÖFB-Cup qualifizieren, 1977 haben wir dabei ja auch den SK Sturm aus dem Pokal geworfen. Das war eine echt tolle Zeit. 

Damals spielten ja zeitweise sogar zwei Vereine aus der Herzogstadt in der Zweiten Bundesliga. Zwei Klubs aus einer Stadt mit nur etwa 13.000 Einwohnern.

Ja. Die zweite Mannschaft war der SCA St. Veit, der sich auch fünf Jahre in der Zweiten Liga gehalten hat. Beide Teams hatten einen Sponsor aus der holzverarbeitenden Industrie und riesen Talente in ihren Reihen, die später österreichweit für Furore sorgen sollten. SV hatte einen Franz Wohlfahrt, einen Franz Zore, der SCA zum Beispiel Walter Knaller. 

1980 hat Sie dann die Austria aus Klagenfurt abgeworben. Und auch mit den Veilchen gelang Ihnen erneut ein Aufstieg, dieses Mal in die Bundesliga.

Das stimmt, wir sind 1982 aufgestiegen und konnten immer souverän die Klasse halten. Wir sind in der damaligen 16er-Liga nie schlechter als Achter geworden. 

All diese Erfolge sollen ja sogar noch sehr viel größere Begehrlichkeiten an Ihrer Person geweckt haben. Stimmt das?

Das war so: Im Jänner 1985 war der Teamchefposten vakant und der damalige ÖFB-Präsident Beppo Mauhart hatte zwei Kandidaten in seiner engeren Wahl. Den Slowenen Dr. Branko Elsner und mich. Mauhart hat sich dann aber letztendlich für Elsner entschieden.

(c) Johann Dietrich

Immerhin hat es dann ein Jahr später mit einem Engagement bei Sturm Graz geklappt. Wie kam es dazu?

Immer mehr konnte ich mich für den Plan begeistern, mich irgendwann einmal zu hundert Prozent auf den Fußball zu konzentrieren, sprich mich als AHS-Lehrer karenzieren zu lassen. Schon nach meinem ersten Gespräch mit dem damaligen Sturm-Präsident Alois Paul war mir klar, dass die Zeit für diesen Schritt nun endgültig reif ist.

War es in jenen Zeiten überhaupt finanziell ein Plus, auf das Lehrergehalt zu verzichten und stattdessen „nur“ noch den Sold eines Bundesliga- bzw. Sturm-Trainers zu lukrieren?

Genau diese Überlegung spielte natürlich auch eine Rolle. Man muss wissen, das waren diesbezüglich noch ganz andere Zeiten. Mit heute nicht mehr zu vergleichen. Aber ich habe nichtsdestotrotz sofort zugesagt.

Bereits in Ihrem erstem Jahr bei Sturm wurde ein radikaler Schnitt vollzogen. Hochverdiente, langjährige Spieler wie Andy Pichler, Walter Saria oder Gernot Jurtin mehr oder weniger aussortiert. Wohl ein notwendiger Schritt. Vermutlich haben Sie sich damit in Graz allerdings nicht nur Freunde gemacht.

Ganz klar. Aber als Trainer hast du zwei Möglichkeiten. Entweder man geht den bequemen Weg, arrangiert sich mit den routinierten Spielern und hat dadurch ein leichteres Leben. Oder man orientiert sich nur an der Leistung und der Weiterentwicklung. Ich habe die Verpflichtung gegenüber dem Verein gespürt, nachhaltig zu arbeiten und junge Spieler zu formen. Bei den von Ihnen genannten Spielern war für mich gar nicht so sehr das Alter der entscheidende Punkt, sondern schlicht und einfach die Leistung. Dabei sollte erwähnt werden, dass mich Präsident Paul bei diesem Vorhaben immer unterstützt und mir das volle Vertrauen geschenkt hat.

Wie hat beispielsweise ein Gernot Jurtin, fast ein Jahrzehnt lang das Sturm-Idol schlechthin, auf diese Entscheidung reagiert?

Gernot hat sich sehr korrekt verhalten. Er war sowieso ein ganz ganz feiner Bursch. Jurtin war zu diesem Zeitpunkt ja erst 31 Jahre alt. Aber sein Körper hat nicht mehr so hundertprozentig mitgemacht. Später hab ich mich oft gefragt, ob das nicht schon erste Anzeichen seiner späteren Krankheit waren. Er war einfach nicht mehr so spritzig und daher musste ich diese Entscheidung treffen. Aber wie gesagt, Gernot hat das eingesehen und es gab nie ein Problem zwischen uns.

In der ersten Ludescher-Saison konnte Sturm sich nur knapp für das Meister-Play-off qualifizieren, aber bereits im zweiten Jahr, hat man bis zum Schluss sogar um den Titel mitgespielt und den dritten Platz erreicht. Warum ging es so schnell bergauf?

Das Problem im ersten Jahr war, dass sich unser designierter Goalgetter Dido Teskeredzic schon nach drei Spielen schwer verletzt hat. (Anm: Teskeredzic hielt nach drei Runden bereits bei drei Treffern). Er brauchte dann lange, um wieder fit zu werden und wurde zudem nie mehr ganz der Alte. In der zweiten Saison hatten sich die von mir eingebauten Jungen – etwa ein Kurt Temm, ein Walter Kogler oder ein Harald Holzer – schon arriviert und mit Harry Krämer kam ein Spieler dazu, der mit Günther Koschak hervorragend harmoniert hat. Das war ein Bombensturm. Sturm war die beste Frühjahrsmannschaft und wir haben uns für den UEFA-Cup qualifiziert.

Trotzdem gab es zu jener Zeit einige Brandherde. Vor allem das Torhüterduell zwischen Konrad und Paal entzweite die Sturm-Fans. Auch die Medien haben sich auf Sie eingeschossen. Die Kleine Zeitung etwa – heutzutage beinahe undenkbar – hat nicht mit Kritik am Trainer gespart und schrieb: „Der Sturm-Trainer löst das Tormannproblem allemal nur so: Lass ich den Otto spielen, oder spielt doch der Konrad?“

Das war natürlich nicht einfach für mich. Ich habe Konrads Qualitäten schon gesehen, als er sich noch mit Walter Saria duellierte. Mir war klar, der Bursche gehört gefördert. Michi Paal wurde als zweiter Torhüter verpflichtet und hat nach einer Verletzung Konrads seine Sache recht gut gemacht. Als Konrad wieder fit wurde, stand für mich fest, dass Otto trotzdem mein Einser-Goalie bleibt. Als persönlich Betroffener ist so eine Entscheidung nicht immer leicht nachzuvollziehen. Natürlich hat mir Paal leid getan, aber ich bin immer zu diesem Entschluss gestanden. 

Betrachtet man die weitere Karriere des Otto Konrad, kann man sagen, alles richtig gemacht, oder?

Sagen wir so: Paal war einfach ein bisschen weniger gut als Konrad.

Auffallend ist, dass Michi Paal Sie trotzdem noch heute als seinen Lieblingstrainer bezeichnet. Sie dürften damals bei den jungen Spielern sehr beliebt gewesen sein.

Das zu hören, freut mich sehr. Ist ja nicht gerade selbstverständlich. Aber ich hatte als Trainer immer einen sehr guten Draht zu jungen Leuten. Selbst jetzt noch bei St. Jakob. Ich denke, ich konnte sie immer davon überzeugen, dass sie – vorausgesetzt sie zeigen den notwendigen Ehrgeiz – von mir eine Chance bekommen. Bei mir war es nie so, dass automatisch der Arrivierte spielt, sondern derjenige, der mehr Leistung bringt. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich als Lehrer immer mit jungen Menschen zu tun hatte.

(c) Johann Dietrich

Während Ihrer Tätigkeit für Sturm trug der Klub wieder alle Heimspiele in der Gruabn aus. Wie haben Sie diese kultige Sportstätte in Erinnerung?

In der Gruabn waren die Fans hautnah am Geschehen dran. Die Atmosphäre hat sich oftmals von den Rängen auf die Spieler übertragen. Und umgekehrt. Prinzipiell kannte ich solche engen Plätze. In St. Veit war es ähnlich, auch auf der Pfarrwiese in Hütteldorf. Aber die Gruabn war trotzdem einzigartig. Wenn sie so richtig voll war, hat das jeden Einzelnen beflügelt.

Bei einer Niederlage hat man sich allerdings als Spieler, aber auch als Trainer so einiges anhören dürfen.

Na bitte. Das war klar. Auch Bierduschen hat es gegeben. Das war halt so. Wobei ich im Rückblick auch sagen muss: Wie es bei den Derbys zugegangen ist, war fast schon zu viel. Dieses Duell ist dermaßen hochgespielt geworden. Einigen Fans war es völlig egal, was in den restlichen Partien passiert, die hätten wir ruhig verlieren dürfen, aber gegen den GAK war ein Sieg Pflicht. Nach einer Niederlage gegen die Roten war das Leben eines Sturm-Trainers kein wirklich gutes.

Zum Glück war ihre persönliche Derby-Bilanz positiv.

Gott sei Dank. Ja.

Nach Platz 3 in Ihrem zweiten Sturm-Jahr wollte der Klub noch höher hinaus. Der erste Titel in der Vereinsgeschichte sollte her. Georg Zellhofer, Jürgen Werner und Walter Schachner wurden verpflichtet, Sturm in den Medien als Millionen-Elf tituliert. Und dann ging so ziemlich alles schief.

Rückblickend kann ich sagen, dass ich mir in diesem Sommer erstmals untreu wurde. Ich habe zu wenig auf meinen Wünschen hinsichtlich der Kaderplanung beharrt. Ich wollte Spirk und Dihanich vom GAK zu Sturm lotsen, zudem auch den Rapidler Andreas Heraf. Diese drei Spieler hätten meiner Ansicht nach die bestehende Mannschaft perfekt ergänzt. Wir führten mit allen drei schon Gespräche und sie wären auch gerne zu uns gekommen. Aber das Umfeld konnte sich mit diesen möglichen Neuzugängen nicht anfreunden. „Bitte keine Roten“ bekam ich zu hören. Leider habe ich mich dadurch von meinen Vorhaben abbringen lassen. Auch weil ich mir gedacht habe: „Wir sind ohnehin so stark, da kann kommen wer will.“ Letztendlich haben sie einfach nicht gepasst. Wir haben zwar anfangs nicht schlecht gespielt, aber halt nie die entscheidenden Tore gemacht. 

Bis dahin galt Sturm ja stets als Kämpfer- bzw. Kontertruppe. Mit den teuren Neuverpflichtungen wollte man nun radikal das spielerische Element in den Vordergrund rücken. War auch diese Umstellung unter anderem schuld, dass es anfangs der Saison so gar nicht lief?

Völlig richtig. Diese Entwicklung wurde vollzogen. Auch weil Zellhofer und Werner genau solche Typen waren. Zudem hat uns auch die Verletzung von Harry Krämer schwer zu schaffen gemacht.

Im Hintergrund agierte in diesen Tagen ja schon ein gewisser Hannes Kartnig. Dieser war es ja auch, der Walter Schachner aus Italien nach Österreich zurückgeholt hat. Wie haben Sie den späteren Präsidenten damals wahrgenommen?

Kartnig hatte schon damals ein wenig den Fuß in der Tür. Ich hatte sehr losen Kontakt zu ihm, bin aber gut mit ihm ausgekommen. Die Verpflichtung von Schachner erwies sich allerdings deswegen als problematisch, weil er erst ganz knapp vor dem Start der Meisterschaft zu uns kam und zweieinhalb Monate kein Mannschaftstraining mehr bestritten hatte. Die Serie-A hatte aufgrund der Europameisterschaft 1988 schon sehr früh geendet. Logischerweise hatte Schachner daher konditionell einiges an Rückstand. 

Das Arbeitsgewand des SK Sturm im Frühjahr 1988, für viele das schönste Dress aller Zeiten (c) Sturm-Archiv

Am 14. September 1988 sah es lange Zeit nach dem ersten Sturm-Saison-Heimsieg aus. Zehn Minuten vor Schluss führte man gegen den LASK mit 2:1 und ging dann trotzdem noch unter. In der Chronik „100 Jahre Sturm“ heißt es, Sie hätten nach dieser bitteren Niederlage freiwillig das Handtuch geworfen. War dem wirklich so?

Ganz so war es nicht. Ich erinnere mich noch gut an diese Niederlage. Ewald Türmer hatte beim Spielstand von 2:1 eine riesen Chance, stand alleine vor dem gegnerischen Torhüter, schoss aber daneben. Anschließend haben wir noch zwei Gegentreffer bekommen und in der Gruabn war dementsprechend der Teufel los. Ich bekam nach Abpfiff sogar Polizeischutz. Bei der notwendig gewordenen Unterredung mit dem Präsidenten teilte mir Paul mit, „dass es nimmer geht und wir das beidseitig nicht mehr aushalten“. Ich habe das so akzeptiert. Aber ich war nie der Typ, der das Handtuch schmeißt. Vielleicht hat der Klub das damals fairerweise so kommuniziert. Allerdings war mir auch klar, dass es unter diesen Umständen nicht weitergeht.

Überwiegen bei Ihnen trotz dieses bitteren Abgangs dennoch die positiven Erinnerungen an Sturm Graz?

Auf alle Fälle. Es war eine herrliche Zeit. Das gesamte Frühjahr 1988 war einfach wunderbar. Wir haben in dieser Phase den Fans einen wirklich tollen Fußball geboten.

Ein Jahrzehnt später wurde Sturm, wie wir wissen, dann endlich zum ersten Mal Meister und hat auch sogar europaweit für Furore gesorgt. Hätten Sie dem Klub diesen immensen Erfolg damals schon jemals zugetraut?

Durchaus. Schon 1988 hat gar nicht so viel gefehlt. Und als Hannes Kartnig gekommen ist und vor allem Trainer Osim, war das für mich schon im Bereich des Vorstellbaren.

Sie persönlich sind nach Ihrer Sturm-Ära ja nie mehr in der höchsten Spielklasse tätig gewesen. Woran lag das?

Im Sommer 1989 wurde ich Trainer beim SV Spital. Wir haben uns für das Mittlere-Play-Off qualifiziert und – wie schon zuvor mit St. Veit – Sturm, noch dazu auswärts, aus dem Cup geworfen. Ein Jahr später fand an meiner Schule ein Hearing für den freigewordenen Direktor-Posten statt. Ich bin es geworden und daher habe ich eine weitere Profi-Trainerkarriere sowieso ad acta gelegt. 

Ludescher wird offiziell Sturm-Legende (c) SturmNetz

Inwiefern sind Sie auch heute noch dem SK Sturm verbunden?

Mit Alois Paul, Manfred Steiner und Dr. Herbert Troger besteht nach wie vor ein herzlicher Kontakt. Ich verfolge immer, wie es bei Sturm läuft. Seit ich im Mai ganz offiziell auch Aufnahme in den Legendenklub gefunden habe, umso mehr. Am 15. Oktober werde ich beim Heimspiel gegen die Wiener Austria im Stadion sein.

Wie werden Sie Ihren 75. Geburtstag begehen?

In kleinem Rahmen und in Dankbarkeit, dass es mir gut geht und ich dieses Alter erreicht habe. Aber grundsätzlich ist das gar nicht so eine große Sache für mich.

Herr Professor, unser ganzes Team wünscht Ihnen alles Gute und weiterhin viel Gesundheit.

Vielen Dank. Ich wünsch‘ euch allen auch nur das Beste und viel Glück.

Das Interview führte Günter Kolb.

 

 

 

3 Kommentare

  1. blackfoxx sagt:

    Tolles Interview!

    ich hab ihm als Sturmtrainer noch lange nachgetrauert, bis Osim war kein besserer am Werk, meiner Meinung nach. Leider ist der Sprung von den „jungen Wilden“ zur potenziellen Meistermannschaft damals einfach zu sehr erzwungen worden und somit zu schnell gegangen. Trotzdem erinnere ich mich noch sehr gerne an die Spiele und an die Entwicklung unter seiner Leitung zurück, es war eine meiner schönsten Zeiten in der Gruabn 🙂

    alles Gute!!

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  2. Marchanno Diaz Rabihou sagt:

    alles gute „LU“ – geile zeit damals in der gruabn

     

    und danke hr. dr. kolb

    4+

  3. Reinhold sagt:

    Danke für dieses toll Interview!

    Walter Ludescher ist mir als absoluter Sir auf der Trainerbank und auch abseits davon in Erinnerung. Für mich einer der am meist sympathischen Trainer, die ich erlebt habe.
    Er hatte durch die Aussortierung von Sturm-Denkmälern auch bei den Fans nicht immer einen leichten Stand, schaffte es aber, dass die Mannschaft mit attraktiven Fußball die Fans wieder in die Gruabn brachte.
    Unvergessen das Saisonfinale 1986/87, wo in der letzten Runde die Austria zu Gast war und Sturm durch ein 2:2 letztlich Otto Baric mit Rapid zum Meister machte. Nach einer Sturmführung wähnte sich die Austria, wie damals leider zu oft gerechtfertigter Weise, durch Tore von Nyilasy und Polster auf der Siegerstraße. Teskeredzic konnte für Sturm nochmals ausgleichen und dann herrschte unglaubliche Hektik am Spielfeld. Nyilasy erzielte knapp vor Schluss den vermeindlichen Siegestreffer für die Austria, aber der Treffer wurde wegen Abseits nicht gegeben. Wüste Diskussionen und Rempeleien war die Folge und führte auch zu einem Ausschluss von Steiger (Austria). Sturm brachte das 2:2 über die Runden und feierte den Punkt wie einen Sieg. Nach dem Spiel kam es dann noch zu Handgreiflichkeiten zwischen Toni Polster und dem legendären, unvergessenen Zeugwart, Basti Reingruber.

    Das Frühjahr 1988 war dann nicht nur wegen dem G’wand eines der schönsten, Sturm spielte tollen Fußball und konnte nur von der Austria geschlagen werden. Unvergessen das 5:2 im Derby gegen Adi Pinter’s GAK. Jener Adi Pinter, der sich einige Jahre später selbst als Sturm-Trainer ins Spiel bringen sollte.

    Der Abgang von Walte Ludescher war wie bei leider so vielen sehr unrühmlich. Ich bin mir sicher, dass er den turnarround im Frühjahr 1989 im Mittleren Playoff geschafft hätte, als bei Walter Schachner endlich der Knopf aufging, auch weil er die volle Wintervorbereitung mitmachen konnte.

    Alles Gute Walter Ludescher zum 75er.

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