Lokaljournalimus: Zwischen Halbwahrheiten und Wahlwerbung

Kürzliche erschienene Lobeshymnen über die Grazer Stadtpolitik lassen lokale Medien hinterfragen.

Die Stadion-Debatte begleitet den SK Sturm und die Stadt Graz schon seit vielen Jahren – eine annehmbare Lösung für den größten steirischen Fußballverein konnte jedoch bis heute noch nicht gefunden werden.

(C) Martin Hirtenfellner Fotografie

Im Mai letzten Jahres – pünktlich zum 110-jährigen Jubiläum des Vereins – startete die Faninitiative „Sturm braucht eine Heimat“ mit dem Ziel, die schon lange aufgeschobene Stadionfrage endlich adäquat und sachlich zu behandeln. Schnell griffen auch erste Medien die Thematik auf. Die zunehmende öffentliche Resonanz rund um das Thema blieb auch bei den Verantwortlichen des SK Sturm nicht unbemerkt. Im August 2019 kam es in Graz schließlich zum großen „Stadiongipfel“, in dem sich Präsident Jauk mit Bürgermeister Nagl traf, um Sturms Konzepte für ein eigenes Stadion zu präsentieren. Trotz einer ausgereiften Idee und stichhaltiger Argumente stieß man beim Bürgermeister und seinen Mitarbeitern auf taube Ohren. So entschloss sich der SK Sturm, die Faninitiative „Sturm braucht eine Heimat” voll und ganz zu unterstützen, um geschlossen mit den Fans für eine Zwei-Stadien-Lösung in Graz aufzutreten. Vor allem die organisierte Fanszene erhöhte mit Spruchbändern und Sprechchören den Druck auf Nagl. Das war dem Bürgermeister klarerweise ein Dorn im Auge – zumal 2022 die nächste Gemeinderatswahl bevorsteht. Als die Polizei in den folgenden Heimspielen vermehrt Präsenz im Fanblock zeigte und Vorsänger-Podeste, die jahrelang jeder Begehung standgehalten hatten, auf einmal aus Sicherheitsgründen demontiert werden mussten, gewann man den Eindruck, dass die Stadt mit gezielter Repression die Fanszene des SK Sturms unterdrücken wollte.

Dieser offensichtlich politisch motivierte Racheakt wurde – wer hätte es sich gedacht – vom Rathaus vehement abgestritten. Als dann jedoch das Thema bei einer Fragestunde im Zuge einer Gemeinderat-Sitzung auf das Tapet gebracht und der zuständige Stadtrat Kurt Hohensinner direkt damit konfrontiert wurde, war nur noch von einem großen Missverständnis die Rede. In Wahrheit aber wurde da selbst der Bürgermeisterpartei bewusst, dass man dieses Mal in ihrem schon so offensichtlich gefahrenen Anti-Sturm-Kurs selbst für ihre Verhältnisse über das Ziel hinausgeschossen hat, der Druck zu groß wurde und so wurden die Podeste wieder klammheimlich angebracht.

© Martin Hirtenfellner Fotografie

Aktuell ist es ruhig geworden um die Stadiondebatte – was wohl vor allem mit der derzeitigen Situation rund um die Corona-Pandemie zusammenhängt. Anfang der Woche wurde diese Ruhe durch in Zeitungen erschienene Lobeshymnen über die Grazer Stadtpolitik jedoch unterbrochen. Die Tatsache, dass gewisse lokale Medien politisch gefärbt berichten, ist nicht erst seit kurzem bekannt. Doch diesmal erreichte das Ganze einen neuen Tiefpunkt. Ein lokales Gratisblatt titelte am Montag plakativ: „Neuer VIP-Club für Sturm gratis“. Im Artikel ist zu lesen, dass die Stadt Kosten in Höhe von 3,5 Millionen Euro für den Bau des VIP-Klubs übernehme. Dem Leser wird dabei suggeriert, dass Sturm den VIP-Bereich unbedingt ausbauen möchte und die Kosten dafür gnädigerweise von der Stadt übernommen werden, um den Verein in der aktuell angespannten Wirtschaftslage finanziell zu entlasten. Halt, stopp! Ein gnädiges Entgegenkommen der Stadt wäre eigentlich gar nicht nötig. Denn warum sollte Sturm überhaupt selbst für die Kosten der VIP-Klub-Erweiterung aufkommen? Man ist aktuell nur Mieter des Stadions und nicht Eigentümer. Daher muss man für keine Baukosten am Stadion aufkommen. Die Stadtregierung wollte hier wie immer als großer Gönner des SK Sturm auftreten. In Wahrheit ist das Gegenteil der Fall: Der Verein bekommt nichts geschenkt und muss um jede Unterstützung hart kämpfen. So gibt es – Stand jetzt – nicht einmal die Bestätigung seitens der Stadt, dass Sturm mögliche Strafzahlungen in Höhe von 50.000 Euro erlassen werden, sollte man die fälligen Ligaspiele bis Ende Mai nicht in Liebenau austragen können. Grund dafür ist eine Klausel im Mietvertrag, die den Klub verpflichtet, eine festgelegte Anzahl von Spielen im Stadion Liebenau auszutragen. Für jedes nicht absolvierte Spiel wird eine beachtliche Strafzahlung von 10.000 Euro eingefordert.

In einer anderen Zeitung war zu lesen, dass die Stadt Graz dem SK Sturm Mieten im Stadion für die nächsten drei Monate in sechsstelliger Höhe erlassen werde. Wieder einmal könnte man von einer gönnerhaften Tat der Stadtregierung sprechen. Die Betonung liegt auf „könnte“, denn Sturm wurden bloß Mieten in Höhe von 90 Euro pro Monat erlassen. Mit etwas an mathematischem Verstand sollte man erkennen, dass man hier nie auf eine sechsstellige Summe kommt. Wieso wird jedoch dann von solch einer berichtet? Man machte es sich hier ganz einfach: Der Mieterlass für das Liebenauer Stadion, für Weinzödl und für das Eisstadion wurden zusammengezählt. Sturm wurde nach dem GAK und den 99ers am wenigsten Miete erlassen – jedoch wird man als größter Nutznießer angeführt.

Jeder Leser kann und sollte sich natürlich selbst ein Bild über die Berichterstattungen der lokalen Medien hinsichtlich der Stadiondebatte machen. Dennoch es ist wichtig, die ganze Thematik immer reflektiert und bedacht zu betrachten. Wahlwerbung, inhaltlich falsche Aussagen und dilettantischer Journalismus machen auch in Corona-Zeiten keine Pause.

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4 Kommentare

  1. Schworza99 Schworza99 sagt:

    Was in diesem Käseblatt geschrieben wird sollte uns egal sein…jeder mit ein bisschen Verstand weiß bevor Sturm was ausbauen kann trocknet die Miur aus. Journalismus ist im Bezug auf uns oftmals nicht vorhanden.

    Die gezielte Provokation über die Polizei ist aber Machtmissbrauch und es wird der Schaden von Personen ohne Not riskiert. Hier würde ich mir einen Präsidenten wünschen der klar Stellung bezieht und nicht zu irgendwelchen Gipfeln mit dieser Gestalt geht, wo jeder weiß was rauskommt. Es braucht mehr Kante.

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  2. Ritter2016 sagt:

    Also entschuldige. Das die Stadtpolitik mit der Polizei die dem Bund untersteht in Zusammenhang gebracht wird, das ist sehr weit hergeholt und hat ungefähr das Niveau des angeführten Käseblattes. Sonst: Natürlich kennt man die Herren und deren Affinität zu Rot! Was die in Weinzödl investiert haben (Förderung, Kauf, erneute Förderung…), Sturm bekommt einen 1-Jahres-Vertrag für das Stadion, der GAK für 5 usw … im Gegensatz dazu wurde zb, um klein zu bleiben, die GSV Wacker ersatzlos aus Schönau vertrieben, ohne Diskussionsbeitrag. Es zählt halt nur Rot,

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  3. Marchanno Diaz Rabihou sagt:

    die Stadtpolitik soll mit ihrem Stadion machen was sie will, es wird niemals Frieden geben und auch immer zum (finanziellen) Nachteil für Sturm sein.
    Sturm braucht eine EIGENE Heimat
    Alternativlos
    je früher desto besser (+günstiger)

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    • Ritter2016 sagt:

      Leider sind wir hier ja nicht in Wien, wo beide Vereine ziemlich gleich behandelt werden. In der Steiermark bekommt man keine Förderung der Stadt/vom Land, während Wien beiden Vereinen Millionen gab. In Linz werden auch beide Vereine unterstütze und die Gugl zum 10ten Mal umgebaut.

      Und selber kann Sturm das nicht zahlen. Auch nicht mit Investoren. Die wollen das Geld ja wieder haben…

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