„Kollegialität und Freundschaft waren bei Sturm die treibenden Kräfte für den Erfolg“

Alles Gute zum Geburtstag, Walter Saria!

Walter Saria war über zehn Jahre lang der Sturmtorhüter schlechthin und einer der Helden der erfolgreichsten Sturmära vor der Zeitrechnung nach Osim. Als er 1975 aus Feldbach nach Graz kam, hieß das Torhüterpaar Muftic/Benko, das er allerdings relativ schnell ablöste, sich nicht mehr verdrängen ließ und dadurch zu einem Stück Vereinsgeschichte wurde. Saria war in dieser Periode unbestritten einer der besten Torhüter Österreichs, und er war auch einer der Besten, die jemals im Sturmtor standen. Gestern feierte der schwarz-weiße Kultgoalie seinen 61. Geburtstag, daher wollen wir ein Interview, welches unser Redakteur Günter Kolb vor einiger Zeit – noch im Dienst von sksturm.at – mit ihm führte, nicht vorenthalten.

Herr Saria, woran erkennt man in Ihrem Haus, dass Sie mit fast 400 Pflichtspielen der Spieler waren, der sich am öftesten den Sturm-Torwartpullover überstreifen durfte?
In unserem Haus gibt es keine wirklichen schwarz-weißen Spuren. Ich selbst bin diesbezüglich kein nostalgischer Typ, lebe eher in der Gegenwart und für die Zukunft. Natürlich erinnere ich mich gerne an die damalige Zeit, brauche aber dafür keine bildlichen „Gedächtnisstützen“. Trikots und Leiberl befinden sich demnach in einer Tasche, ebenso Pokale, Teller und Wimpel in einem großen Korb , beides in meiner Werkstatt. Fotos und Erinnerungsalben habe ich schon gesammelt, aber nicht sichtbar in einem Kasten aufbewahrt.

Am 10.9.1975 spielten Sie auswärts gegen Wacker Innsbruck zum ersten Mal für Sturm. Welche Erinnerungen haben Sie an dieses Spiel und war in irgendeiner Weise damals abzusehen, dass noch so viele Spiele folgen sollten?
An mein erstes Spiel in Innsbruck erinnere ich mich noch genau: Trainer Schlechta stellte mich auf, nachdem Muftic im Spiel zuvor gegen GAK beim 4:4 gepatzt hatte. Das Spiel ging zwar 0:3 verloren, ich habe aber trotzdem eine gute Partie abgeliefert und bekam beste Zeitungskritiken. Innsbruck war damals mit Koncilia, Pezzey, Kriess und so weiter eine echte Spitzenmannschaft. Ich bestritt daraufhin auch noch einige Meisterschaftspartien und das Europacupheimspiel gegen Slavia Sofia [3:1-Sieg Anm.] und wurde erst beim Rückspiel in Sofia wieder von Routinier Muftic abgelöst. Es war daher für mich schon absehbar, dass ich spätestens nach Muftic’s Karriereende Stammtormann werden könnte und so kam es dann auch.

Feldbach war zu dieser Zeit anscheinend ein Nährboden für zukünftige Bundesligaspieler. Man denke nur an Toni Haas, Leo Weiß, Peter Gölles, Walter Hörmann, Josef Stocker usw. War das Zufall oder gab es dafür einen speziellen Grund?
Feldbach hatte zuvor ausgezeichnete Jugendarbeit verrichtet und daher mehrere Spieler für die Bundesliga herausgebracht. Die damalige Landesliga war aber insgesamt Talentelieferant für die Spitzenklubs, man denke da nur an Kulmer, Pichler oder Gruber aus Weiz.

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(c) Privat

Über ein Jahrzehnt gab es an Saria im Sturmtor keinen Weg vorbei. Wie haben Sie es geschafft, über so einen langen Zeitraum eine derartige Beständigkeit an den Tag zu legen?
Ein Grund meiner Beständigkeit war einerseits sicherlich meine körperliche Konstitution. Ich widmete mich nicht nur dem Fußball, auch Turnen, Leichtathletik, Schwimmen, usw. stand regelmäßig auf dem Plan. Immerhin habe ich ja parallel dazu das Sportstudium auf der Uni absolviert. Andererseits ist dafür auch ein großes Maß an Ehrgeiz und Zielstrebigkeit verantwortlich, aber vor allem, dass ich glücklicherweise von schwereren Verletzungen verschont geblieben bin.

Gerne erinnert man sich an legendäre Europacupschlachten in Ihrer Ära. Wie war es Ihrer Meinung nach möglich, dass zu dieser Zeit eine österreichische Clubmannschaft imstande war, den designierten italienischen Meister Hellas Verona aus dem Bewerb zu werfen? War die Kluft zwischen Arm und Reich damals wirklich kleiner?
Das grundsätzliche Verhältnis hat sich, glaube ich, nicht besonders verändert, aber wie in allen Sportarten hat sich inzwischen aus finanziellen und kommerziellen Gründen eine abgehobene Spitze gebildet. Im Fußball wäre das zum Beispiel die Championsleague, aber auch in anderen Sportarten wie der Formel 1 oder dem Ski-Weltcup. Ein Durchschnittssportler oder Verein kann da nicht mehr hinkommen.

Die turbulentesten Jahre waren die Saisonen 79/80 und – gleich darauf – 80/81. Zuerst der Beinahe-Abstieg und dann der Beinahe-Meistertitel. Lässt sich diese Wandlung allein an dem „Umstand“ Otto Baric festmachen?
Trainer Otto Baric war sicherlich ein Hauptfaktor dafür, da er einerseits zwar persönlich und charakterlich schwer über einen längeren Zeitraum auszuhalten war, andererseits war er aber ein außergewöhnlicher Fußballexperte, wie ich vorher und nachher bei Sturm keinen anderen auch nur annähernd kennenlernen durfte.

Trotz jahrelanger Topleistungen war Ihnen in Ihrer Karriere kein A-Länderspiel gegönnt. Friedl Koncilia von der Austria und Funki Feurer von Rapid waren mehr oder weniger gesetzt. Damals galt es als echte Sensation wenn ein „Gscherter“ den Sprung ins Nationalteam geschafft hat. Wären Sie auf die heutige Zeit umgemünzt mehrfacher Nationalspieler?
Das glaube ich auf jeden Fall. Einerseits war damals wirklich eine Spitzentormannschwemme, zu denen auch Baumgartner, Fuchsbichler und noch andere gehörten, außerdem war die Wienlastigkeit noch fast unüberwindbar – insbesondere für einen G’scherten hinter dem Semmering. Ich glaube, dass ich bei einem Vereinswechsel auch im Team längere Zeit spielen hätte können, das war mir aber die Sache nicht Wert.

Mit Otto Konrad wuchs Mitte der 80er Jahre erstmals echte Konkurrenz für Sie heran. Haben Sie von Anfang an gewusst, dass dieser junge Bursche irgendwann für Sie „gefährlich“ werden könnte bzw. wie war dieser Kampf ums Einser-Leiberl? Otto Konrad beschrieb Sie einmal als sehr angenehmen Mitspieler, der trotz all dem Konkurrenzdenken immer wieder mit Tipps beiseite stand.
Tut mir leid, hier muss ich Dir einmal widersprechen. Konrad war sportlich nie eine Konkurrenz für mich. Gefährlich wurde mir nur die charakterliche Konstitution der damals handelnden Personen Präsident Paul und Trainer Ludescher. Als ich bemerkte und in von mir eingeforderten Aussprachen erfuhr, dass Sportlichkeit, Kollegialität und Fairness dem SK Sturm abhanden gekommen waren und mir selbst ein offenes ehrliches Gespräch unter Erwachsenen nicht mehr möglich war, habe ich zum für mich genau richtigen Zeitpunkt den Schlussstrich bei Sturm beziehungsweise der Bundesliga gezogen. Ich habe dann von der Droge Fußball einen langsamen Entzug vorgenommen, spielte danach noch zweieinhalb Jahre bei Feldbach in der Landesliga und zwei Jahre in der Unterliga bei Allerheiligen und Wildon. Mit 37 Jahren war dann endgültig Schluss.

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Eisenfuß Manfred Steiner erfreut sich an einer Glanzparade von Walter Saria (c) Foto Fischer

Bei dem vielen Geld, dass im heutigen Profifußball bezahlt wird, glauben Sie auch dass der Spaß und vor allem Freundschaften innerhalb einer Mannschaft auf der Strecke bleiben bzw. wo sehen Sie die Unterschiede zum heutigen Fußballprofi?
Du hast mit dieser Fragestellung auch schon den Nagel auf den Kopf getroffen und damit die Hauptunterschiede skizziert. Überhaupt aber gab es zu meiner Zeit ja noch keinen Profifußball in der Steiermark. Außer den drei Ausländern waren alle einheimischen Spieler daneben ja noch beruflich tätig. Freundschaften, Kollegialität und Vereinszugehörigkeit waren damals zumindest bei Sturm die treibenden Kräfte für sportliche Leistungen und Erfolge.

Mäzene, Oligarchen und Scheichs basteln sich immer öfter neue Spielwiesen in dem sie Traditionsvereine kaufen, das Geld spielt eine immer größere Rolle. Gibt es Entwicklungen im modernen Fußball, bei denen Ihnen mulmig wird bzw. können Sie Fans verstehen, die mit dem Modell Red Bull nichts anfangen können?
Die finanzielle Entwicklung im Spitzensport überhaupt – Fußball ist da keine Ausnahme – bereitet mir große Sorgen und ich verstehe alle Fans, die damit nichts anfangen können. Die „Ware Mensch“ wird hier für mich gewissermaßen ausgebeutet und mit Geld geködert. Ich freue mich zum Besipiel bei meinen eigenen Kindern über jede sportliche Aktivität die sie zeigen. Vereinsleben ist eine wunderbare Lebensschule, eine sportliche Profikarriere hätte ich ihnen zwar nicht verboten – geht ja auch gar nicht – aber ist bei der derzeitigen Entwicklung von mir nicht besonders gern gesehen.

Herr Saria, was machen Sie heute? Ich weiß dass Sie Landesbediensteter sind, begeisterter Tennisspieler und Windsurfer, wie verbringen Sie heute Ihre Freizeit und gibts noch Verbindungen zu „Ihrem“ Verein und sieht man Sie auch manchmal in der UPC-Arena?
Neben dem Beruf bin ich begeisterter Familienmensch und liebe die Natur. Ich bin verheiratet, habe zwei Kinder, zudem einen Hund, zwei Katzen, vier Hasen, sechs Schildkröten, ein Haus mit 2.500 qm Grund im Grünen und Wohnwagen ganzjährig fix auf dem Salzstiegl. Sport im Allgemeinen aber auch Vereins-/Gemeinschaftsleben sind heute noch ein wesentlicher Faktor in meinem Leben.  Mit Sturm verbindet mich noch die Freude, dass die falsche Entwicklung zur Kartnig-Zeit danach korrigiert wurde und der zwangsweise eingeschlagene „österreichische Weg“ – und das auch noch sehr erfolgreich – wieder bestritten wurde. Mit einigen ehemaligen Kollegen habe ich noch manchmal losen Kontakt. Auf den Fußballplatz gehe ich aber kaum noch, ich bin eher Aktivsportler als Zuseher.

Gab es jemals Gespräche Sie auch nach Ihrer Karriere in irgendwelcher Form Sturm verbunden zu bleiben?
Nach meinem Karriereende bei Sturm hätte ich mir eventuell vorstellen können, Nachwuchstorleute bei Sturm zu trainieren, in der damaligen Situation gab es aber keine Gespräche. Daraus wurde nie was, die Zeit im Sport ist ja so schnelllebig.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute auf Ihrem weiteren Lebensweg!

 

 

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