Kernöl in the Wind – Elton John und Sebastian Prödl

Der FC Watford

Es gibt sicher nicht sonderlich viele Fußballklubs, deren Honoratiorenliste einen veritablen Popstar als zeitweiligen Eigentümer und Oberchef enthält. Sir (!) Elton Hercules John war von 1976 bis 1987 und von 1997 bis 2002 Vereinspräsident des FC Watford. Er hält nach wie vor einen erheblichen Anteil am Klub und wurde logischerweise zum lebenslangen Ehrenpräsidenten ernannt. Seit Dezember 2014 gibt’s im altehrwürdigen Stadion an der Vicarage Road auch noch eine Elton John Tribüne. Bumm, Lady Di wäre ordentlich stolz auf ihn.

Watford - Elton John Stand (c) www.mirror.co.uk

Watford – Elton John Stand
(c) www.mirror.co.uk

Watford – wo liegt das jetzt eigentlich genau? Die Stadt mit knapp 100.000 Einwohnern liegt nordwestlich von London, quasi gleich hinter der Gemeindegrenze. Wenn man so will, ist Watford das Gratkorn von London. Der Herr John ist als Reginald Kenneth Dwight übrigens gleich auf der anderen Seite der Grenze aufgewachsen, also umgerechnet in Gösting. In seinen jungen Jahren war der angehende Musiker ein unauffälliger, aber stets willkommener Stammgast bei den Heimspielen der Hornets. Es ehrt ihn sehr, dass er diese Jugendliebe nach seinem erfolgreichen Aufstieg nicht nur nicht vergessen, sondern mit viel Geld und Herzblut unterstützt hat.

Ich kann das Gönnertum des Weltstars übrigens gut nachvollziehen. Wer von uns würde nicht gerne dem SK Sturm ein paar Milliönchen Pfund spendieren, wenn das Sparkassen-Konto solide neunstellig im Plus wäre?

Aktueller Haupteigentümer des FC Watford ist aber die Industriellenfamilie Pozzo aus Udine. Watford und gleich auch den FC Granada aus Spanien hat sich der Herr Pozzo quasi als Zweit- und Drittspielzeug zugelegt, weil ihm Udinese Calcio alleine dann doch zu langweilig geworden ist. Wer kennt das nicht? Wer gibt sich schon mit EINER Barbie oder EINEM Plastik-Superhelden zufrieden?

Giampaolo Pozzo (c) tuttosport.com

Giampaolo Pozzo
(c) tuttosport.com

Was uns als Österreicher erstaunen dürfte: Bereits 1897 wurden in Watford die ersten professionellen Fußballer beschäftigt. Weniger erstaunlich ist übrigens, dass die Herkunft der Spieler in England keine Rolle spielt (siehe „Inländertopf“). In der aktuellen 39-köpfigen Kaderliste der Profis findet man unter Fußballern aus beeindruckenden 22 (!) Nationen gerade mal 8 Engländer. Es sind übrigens erheblich mehr Steirer vertreten als beispielsweise Wiener. Kernöl statt Burenhäutl, weiss-grün statt grün-weiss. Gut so, weiter so!

Da wären wir dann auch schon beim leicht verwirrenden Thema mit den Klubfarben des Elton-John-Klubs. Bis in die späten Sechzigerjahre war das ein wechselndes Durcheinander von Blau, Grün, Rot, Gelb und Schwarz. Dann hat man sich zwecks Identitätsfindung endlich zusammengerissen und auf die Vereinsfarben Schwarz-Gelb samt passendem Nickname „Hornets“ geeinigt. Der Nick hat tatsächlich bis heute Bestand, obwohl man bereits 1978 die schüchterne Hornisse im Logo durch einen wuchtigen knallroten Hirschen ersetzt hat.

Watford Logo

Watford Logo

Die Idee dahinter ist nicht ganz absurd. Aus nachvollziehbaren wirtschaftlichen Gründen wollte man die Fanbasis in der Umgebung verbreitern. Gewiefte Geografie-Experten des Vereins haben nach eingehendem Studium des englischen Schulatlas erkannt, dass Watford der grösste – und neben Stevenage einzige – Profi-Verein der Grafschaft Hertfordshire ist. „Hert“ kommt von „Hirsch“, ergo hat man den Hirschen von Hertfordshire zum neuen Klubsymbol befördert. Manch ein zusätzliches grafschaftliches Lokalpatriotenherz hat der FC Watford damit wohl erobert. Dem Grossteil der Anhänger war’s aber herzlich wurscht und so sind und bleiben Basti Prödl und Konsorten eben Insekten statt Rotwild.

Man sollte die Idee der Fanbasis-Verbreiterung eventuell mal den Verantwortlichen vom SV Grödig vorlegen. Schaut man sich als Grazer den FC Gratkorn an? Ziemlich sicher nicht! Gut – außer, man ist irgendwie in Gösting daheim und will ein international gefeierter Popstar werden, aber das ist dann eine ganz andere Geschichte…. Ebenso wenig fahren Anifer, Halleiner, Pucher oder Salzburger zum SV Grödig. Tauft’s den Klub doch auf Internazionale Salzburg oder FC Bayern Untersberg um! Oder von mir aus auch auf SK Sturm Flach- und Tennengau – die Hütte wäre jedesmal voll!

Sebastian Prödl kann sich ob des finanziellen Engagements aus Italien durchaus berechtigte Hoffnungen machen, mit seinem neuen Verein auch im nächsten Jahr in der Premier League vertreten zu sein. Im englischen Oberhaus tauchte der FC Watford übrigens zum ersten Mal im Jahr 1981 auf, exakt 100 Jahre nach seiner Gründung. Ich bin mal gespannt, ob die knallroten Hirsche im Norden von Graz diese Marke von 100 Jahren bis zur Bundesliga unterbieten. Ein bissl Zeit bleibt ja noch – 97 Jahre, wenn ich mich nicht verrechnet habe.

Unterm Strich ist der FC Watford ein recht sympathischer Underdog aus der Premier League. Und dank des steirischen Beitrags zum diesjährigen Abwehrbollwerk werden wir seine Entwicklung natürlich mit Wohlwollen verfolgen. Wer weiß, vielleicht gelingt eine Überraschung und der FC Watford darf nächstes Jahr zum zweiten Mal nach 1983 in einem europäischen Bewerb antreten. Im möglichen Drittrunden-Duell zur Europa-League Quali wünschen wir Prödl und Friends dann ein ehrenwertes Ausscheiden gegen den international doch sehr viel erfahreneren SK Sturm aus Graz.

Zur Einstimmung auf dieses Spiel kann man sich noch die folgende Probeaufnahme des Ehrenpräsidenten zu Gemüte führen: KERNÖL IN THE WIND, gewidmet dem neuen Watforder Publikumsliebling aus Kirchberg an der Raab. (wenn’s nicht gleich ‚klick‘ macht: Einfach mitsingen…“…you lived your life like a Kernöl in the wind…“). Naja, ok..:-)

 

 

3 Kommentare

  1. ultrasneverdie ultrasneverdie sagt:

    genialer vergleich mit gratkorn und gösting, ultralustig!

    die beste kolumne im netz

    5+

  2. Neukirchner sagt:

    Sturmnetz entwickelt sich immer mehr zur ersten Wahl. Objektive Berichterstattung fernab vom Kleine/Krone Einheitsbrei. Solche Artikel als Bonus sind das Sahnehäubchen.

    7+

  3. zilkowicht sagt:

    „Im möglichen Drittrunden-Duell zur Europa-League Quali wünschen wir Prödl und Friends dann ein ehrenwertes Ausscheiden gegen den international doch sehr viel erfahrenen SK Sturm aus Graz.“

    Meineswissens heißt es ‚erfahreneren‘!
    Ansonsten wirklich eine sehr dufte Kolumne und immer wieder wunderschön anzusehen wenn sich bekennende Homosexuelle so im Sport engagieren!

    Weiter so Elton John und Sturmnetz!

    1+

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