Jugendtrainings – Die neue Improvisationskunst

Zwei Nachwuchscoaches erzählen aus der Zoom-Erlebniswelt.

Seit 2017 ist Jürgen Schautzer im Nachwuchs des SK Sturm Graz tätig. Obwohl sich der Trainer der schwoazen U13 im Besitz einer UEFA B-Lizenz und einem Junioren B-Diplom befindet, bereitet einen diese Qualifikationen nicht auf eine Ausnahmesituation wie Nachwuchstrainings während einer Pandemie vor.

Während die Trainings bis Anfang März noch in normalen Bahnen und auf echten Fußballfeldern stattfanden, hat sich bei den Junioren österreichweit das Training verlagert. Sowohl beim SK Sturm als auch beim ewigen Lokalrivalen, dem GAK, müssen die Nachwuchstrainer nun über das Internet coachen. Am häufigsten kommt dabei Zoom zum Zug, bestätigt neben Jürgen Schautzer auch Philipp Albrecht, seit 2018 bei den roten Rivalen aus dem Grazer Norden tätig und mittlerweile Nachwuchskoordinator bis U10 sowie Betreuer der U9, der früher auch Kinder in Gratwein-Straßengel trainierte. Wann das nächste „echte“ Training stattfinden wird, können beide Coaches nicht beantworten, Albrecht ergänzt jedoch „Dienstag, 21.4.2020 15:00 – Videotraining U9“. Der Humor darf in dieser Zeit einem Fußballtrainer eben nicht abhanden kommen, auch wenn er öfter schwarz serviert wird.

„Challenges entwerfen, die Spaß machen und den Einzelnen helfen, sich weiterzuentwickeln“, zählt U13-Coach Schautzer zu seinen Hauptaufgaben, der seinen Schützlingen immer Wochenpläne für Einzeltrainings erstellt. „Wir trainieren 2 bis 3 Mal pro Woche über Zoom“, sagt Albrecht. Es gilt, auf die unterschiedlichen Begebenheiten bei den Kids einzugehen, weshalb er ergänzt: „Benötigt werden nur 2×2 Meter Platz. Die Schwerpunkte sind individuelle Technik (Ballschule) und Bewegungsaufgaben.“ Beide Trainer heben unabhängig voneinander hervor, dass es wichtig ist, die sozialen Kontakte aufrechtzuerhalten und zu pflegen. „Telefon, Whatsapp, Zoom… mit den Möglichkeiten der heutigen Zeit funktioniert das eigentlich ganz gut“, so Schautzer. Es gebe Whatsapp-Gruppen, in denen die Eltern Videos teilen können und es wird im Team eben nicht nur über das Internet trainiert, „sondern es werden auch Witze erzählt, schöne Tore auf YouTube angesehen und analysiert…“, wie Albrecht schildert. Die Wochenpläne sollen die jungen Spielerinnen und Spieler auch motivieren, neue Tricks an den Eltern auszuprobieren und Videos davon zu schicken. Der Zusammenhalt im Dreieck zwischen Kindern, Eltern und Trainer wird dadurch gestärkt, auch weil die Eltern nun viel unmittelbarer am Training ihrer Kinder beteiligt sind.

© Martin Hirtenfellner Fotografie

Allzu positiv sollte man diese Situation dennoch nicht sehen. Zwar trauen sich weder Jürgen Schautzer, noch Philipp Albrecht zu, die finanzielle Lage in anderen Grazer Nachwuchsvereinen einzuschätzen, dass die derzeitige Situation zu überstehen kein leichtes Unterfangen darstellt, darin sind sie sich jedoch einig. „[Ich] hoffe natürlich, dass es möglichst allen Vereinen gelingt, auch nach der Krise weiterzuarbeiten, denn sie sind ein extrem wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft und verrichten teils richtig gute Arbeit und das sehr oft ehrenamtlich“, betont der U13-Trainer des SK Sturm Graz. „Dies betrifft nicht nur Fußballvereine, sondern alle Vereine, die sich für Kinder- und Jugendarbeit einsetzen. Ich glaube, dass Vereine mit einem guten Unterbau (Nachwuchs), die Krise überstehen werden.“ Und Philipp Albrecht ergänzt: „Meine Hoffnung ist es, dass Vereine, die über ihren finanziellen Mitteln gelebt haben, aus ihren Fehlern lernen.“ Nicht zuletzt die Grazer Vereine mussten diese Lektion (wenn auch aus anderen Gründen) vor etwas mehr als zehn Jahren lernen.

Die derzeitige Situation scheinen die beiden größten Grazer Fußballvereine also ganz gut zu meistern. Auch viele Wünsche bleiben den beiden Nachwuchstrainern nicht übrig. Man hat in dieser Krise gelernt, demütig zu sein. Jürgen Schautzer wünscht sich, dass sich alle wieder mehr auf „ein gutes Miteinander“ besinnen und die Förderungen im Nachwuchsbereich erhöht werden, Philipp Albrecht würde sich bessere und verbindlichere Angaben bei zeitlichen Anhaltspunkten wünschen, damit man nicht nur von einer Woche in die nächste Planen muss.

Während Albrecht die Prüfung für die UEFA B-Lizenz in knapp zwei Wochen verschoben wurde, musste Schautzer den Prüfungstermin für die A-Lizenz verschieben. Dennoch nutzen beide die entstandenen Leerläufe laut eigenen Angaben für die persönliche Weiterbildung. Vor allem Schautzer betont, dass aus der Not in der Krise später eine Tugend gemacht werden kann und die Trainings durch die neu erlernten Methoden in Zukunft „noch individueller und dadurch besser“ gestaltet werden können. Wann es wieder auf den Platz gehen soll? „Am besten sofort“, meint Philipp Albrecht. „Aber wir sind hier an die Regierung gebunden.“ Jürgen Schautzer hat jedenfalls vollstes Vertrauen, „dass die Verantwortlichen (Politik, ÖFB, Verein und Landesverband) den richtigen Zeitpunkt finden werden.

Anzeige

Schreibe einen Kommentar