Irgendwie geht meistens dann doch einer rein

Die 15 spektakulärsten Last-Minute-Goldtore

Kleine Dinge waren in der Geschichte immer schon entscheidend. Napoleon verlor die Schlacht von Waterloo wegen eines Migräneanfalls, die Schweizer Armee fackelte aufgrund eines Sturmes beträchtliche Teile Liechtensteins ab, und Haris Bukva gilt wegen einer einzelnen kleinen Bewegung immer noch als Held. Kleine Dinge können auch im Fußball ganz große Geschichten schreiben, nämlich dann, wenn sie beinahe in letzter Sekunde passieren und sie beispielsweise ein ödes 0:0 binnen Sekunden in ein Heldenepos verwandeln. Alles was davor geschah, wird in aller Regel erstmal völlig relativiert. Wie bei der Volleyabnahme unseres Außengriechen Charalampos Lykogiannis im Spiel gegen den LASK. Der Fan entschuldigt sich zuallererst bei seinem Nebenan, den man zuvor noch mit Flüchen zugetextet hatte, wirft noch einen andächtigen Blick auf den Goldtorschützen, den man möglicherweise bereits jegliche Profitauglichkeit absprechen wollte und verfällt danach in grenzenlose Ekstase. Während man in Salzburg in schöner Regelmäßigkeit die Sitzschalen schon ab Minute 75 klappern hört, da der dortige Anhang schon bei einer Kulisse von 6.000 zahlenden Kunden ob der Möglichkeit eines Staus Richtung Westautobahn in Panik verfällt, schnell die Klatschpappen verschwinden lässt und fluchtartig die Arena verlässt, warnen wir davor, in Graz jemals auf so eine Schnapsidee zu kommen. Solche Siege sind nämlich so etwas wie das Salz in der Suppe jedes Fußballfans und bleiben zumeist über Jahre im kollektiven Gedächtnis. Genau wegen solchen Momenten geht man immer wieder ins Stadion, genau wegen solchen Momenten geht man auch in der 90. Minute noch nicht nach Hause. Wir blicken atemlos und nostalgisch zurück auf die aufregendsten Lastminute-Goldtor-Siege in der Geschichte des Sportklub Sturm. 

 
Darko Bodul, 6.11.2011: Lange Zeit scheint es so, dass dem SK Sturm im Steirerderby gegen den KSV kein Tor gelingen will. Doch in Minute 96 nimmt sich der bis dahin glücklose Darko Bodul ein Herz und zieht aus 20 Metern ab. Sein Schuss wird ins lange Eck abgefälscht. Liebenau jubelt, Kapfenberg-Trainer Gregoritsch hingegen tobt. Zuvor hatte Foda Bodul, nachdem er eine Großchance viel zu lässig vergeben hatte, noch getadelt und geschrien „Mensch, hau das Ding rein, Du!“, nach dem Schlusspfiff lag man sich jedoch wieder schnell versöhnt in den Armen. Dieser Treffer ist bis heute das späteste Sturmtor in der regulären Spielzeit.

 

Haris Bukva, 14.8.2011: Der regierende Meister SK Sturm liegt vor diesem Spiel auf dem letzten Platz der Bundesliga und empfängt mit Rapid den ungeschlagenen Tabellenführer. Drei Tage vor dem Spiel in der Champions-League-Quali gegen BATE Borisow, freunden sich 14.000 Zuseher in Liebenau bereits mit einer Punkteteilung an. Doch in der 92. Minute haut der erst acht Minuten zuvor eingewechselte Haris Bukva einfach mal drauf, Rapid-Goalie Helge Payer kann den Ball nur noch an die Innenstange lenken, von wo er über die Torlinie kullert. Das Publikum tobt. 

 

Mario Kienzl, 30.10.2008: Im Cupsiel beim SV Horn – damals noch ein starker Regionalligist und kein Champions League Anwärter unter japanischer Flagge – mühen sich die Grazer über weite Strecken des Spieles furchtbar ab. 3.800 Besucher erleben ein Spiel, in dem Chancen absolute Mangelware sind. Doch in Minute 93 verwertet Mario Kienzl eine Flanke per Kopf und Sturm erreicht das Viertelfinale. Gegen die Austria scheidet man in diesem leider wieder einmal im Elfmeterschießen aus, Mario Haas vergab den entscheidenden Versuch.

 

 

Amadou Rabihou, 19.8.2006 und 12.5.2007: Dem jungen Kameruner mit AC Milan-Vergangenheit gelingen in der Saison 2006/2007 gleich zwei späte Goldtore gegen die Wiener Austria. In Graz verwertet er einen Elfmeter gegen Szabolcs Sáfár in der 88. Minute, im Horrstadion lässt er in der selben Spielminute nach Salmutter-Flanke Ex-Blacky Johnny Ertl stehen und schlenzt den Ball ins lange Eck. Dieser Auswärtserfolg war auch der erste Sturm-Sieg am Verteilerkreis nach fast fünf Jahren.

 

Bojan Filipovic, 14.9.2004: In der Meisterschaft herrscht Ladehemmung, da kommt der Vorletzte der öberösterreichischen Landesliga, SV Wallern,  scheinbar gerade recht. Das Team von Albert Huspek (Vater von Sturmspieler Philipp Huspek) rührt mächtig Beton an und so dauert es bis zur 92. Minute, als erst ein Kunstschuss von Filipovic Sturm den Aufstieg beschert. Coach Micha Petrovic, der obgleich der vielen Niederlagen in der Meisterschaft ohnehin kein Schützenfest erwartet hatte, spricht von Glück und atmet nach 15 Zigaretten am Stück während des Spieles erstmal befreit durch.

 

Imre Szabics, 12.12.2002: Das Tor des Ungarns in der 88. Minute im UEFA-Cup-Rückspiel gegen Lazio Rom war zwar für den Aufstieg zu wenig, trotzdem war er gleichbedeutend mit einem schönen Achtungserfolg für den SK Sturm. Denn dieses 1:0 im Stadio Olimpico war der allererste Europacuperfolg einer österreichischen Mannschaft in Italien. Beim Profi-Debüt von Jürgen Säumel hatte der Ungar vor einer Minus-Kulisse von nur 4.000 Tifosi nach Vorarbeit von Herbert Rauter für den Sieg gesorgt. 

 

 

Ivica Vastic, 16.3.2002: Sturm ist im Spiel gegen Rapid die klar bessere Mannschaft, doch der glänzend aufgelegte Helge Payer hält an diesem Tag vorerst alles. In der 93. Minute zieht Ivo nach Charles Amoah-Zuspiel ab und lässt 10.500 Zuseher in Liebenau doch noch jubeln. Während Osim vom besten Spiel seines Teams seit Monaten spricht, tun Rapid-Trainer Lothar Matthäus seine Spieler leid. Vastic ist in diesen Tagen ohnehin der Mann der späten Siegestore, dreizehn Tage zuvor gelang dem Austro-Kroaten bereits gegen Innsbruck ein Goldtor in Minute 88.

 

Mario Haas, 21.10.1995: Nach 88 Minuten Kampf und Krampf im Bundesliga-Spiel gegen die SV Ried, nimmt sich Ivica Vastic eine Flanke von Arnold Wetl mit der Brust herunter, schupft den Ball zu Mario Haas, der den Ball zum erlösenden Goldtor nur noch einzuschieben braucht. Zuvor hatte es in der Gruabn schon Pfiffe gegeben, dank dieses späten Tors klappte es dann doch noch mit einem Sieg gegen den Sensationsaufsteiger. Es war das damals bereits dritte späte Goldtor des Bombers innerhalb von 13 Monaten: Im September 1994 traf er gegen den LASK in Minute 83, im März 1995 in Minute 86 gegen den VfB Mödling. 

 

Arnold Wetl, 3.5.1994: Fünf Tage zuvor hatte Sturm mit zehn gebürtigen Steirern Rapid im Hanappi-Stadion sensationell mit 4:2 geschlagen, trotzdem wollen das Heimspiel gegen die Admira nur 3.000 Fans sehen. Und die müssen lange warten: Erst in Minute 87 nimmt sich Richie Padmore ein Herz, stürmt über das halbe Feld und serviert Arnold Wetl die Kugel mustergültig. Der Eibiswalder braucht nur noch einzuschieben und der überraschende Auswärtserfolg in Wien wird dadurch doch noch bestätigt.

 

 

Dido Teskeredzic, 22.7.1986: In der ersten Runde der Saison 1986/87 kommt es zum Auftakt gleich zu einem Grazer Derby. Bei der Premiere von Trainer Walter Ludescher, gelingt einem weiteren Neuzugang erst in der 94. Minute das vielumjubelte Goldtor. Nach einer Huberts-Flanke ist der Bosnier mit dem Kopf zur Stelle. Die Roten schimpfen wieder einmal auf die Sturmplatz-Matchuhr, die angehalten worden sein soll, um den Schiedsrichter zu irritieren. Der Stürmer sollte verletzungsbedingt allerdings nie die in ihn gesteckten Erwartungen erfüllen, nach drei Runden hält er zwar bereits bei drei Treffern, doch nach nur einer Saison und insgesamt elf Toren verlässt er Sturm Richtung Admira. Dieses späte Goldtor im Derby bleibt ihm aber zeit seines Lebens.

 

Gernot Jurtin, 3.3.1984: 119 Pflichtspieltreffer hat der unvergessliche Blondschopf für den SK Sturm erzielt, darunter auch ein Last-Minute-Goldtor. Nur vier Tage bevor Sturm im Europacup-Viertelfinale am City-Ground zu Nottingham antreten durfte, wartete noch die dritte Runde im ÖFB-Cup zuhause gegen Austria Klagenfurt. Für Sturm ein Pflichtsieg, doch in der 89. Minute trifft Steiner bei einem Rettungsversuch die eigene Querlatte. Man rettet sich in die Verlängerung, wo Jurtin nach Szokolai-Pass erst in der 118. Minute seine Blackys vor einer Entscheidung im Elfmeterschießen bewahrt. 

 

Alfred Wirth, 25.10.1980: Ein Jahrzehnt lang hatte das Sturm-Urgestein Alfred Wirth bereits für die Schwarz-Weißen gekickt, als auch ihm ein Last-Minute-Goldtor gelingen sollte. Beim Auswärtsspiel gegen VÖEST Linz dauerte es bis zur 89. Minute, bis Gernot Jurtin abzieht, der Linzer Torhüter Fuchsbichler den Ball fallen lässt. Wirth staubt ab, trifft aber nur die Stange, der Ball landet nochmals bei Wirth und im zweiten Versuch klappt es mit einem seiner nur vier Pflichtspieltore in 309 Einsätzen. Der Sieg in Linz war ein wesentlicher Baustein zum ersten Herbstmeistertitel im Jahr 1980.

 

 

Helmut Grischenig, 11.9.1976: Sturm hatte vor jenem Heimspiel gegen Austria Salzburg die Wiener Austria mit 5:2 aus dem Liebenauer Stadion gefegt, in Graz spricht man von einem Pflichtspiel, auch wenn die Blackys ersatzgeschwächt auflaufen mussten. Doch 88 Minuten bleibt die Partie torlos, bis sich der nur sporadisch eingesetzte Verteidiger mit nach vor wagte und nach Schrei-Flanke zum Goldtor einköpfte. Der vom SV Spittal geholte großgewachsene Spieler, kehrte nach Abschluss seines Studiums 1979 zu seinem Heimatverein zurück. Der 1:0-Treffer gegen Salzburg blieb auch seiner einziger für den SK Sturm. 
 
 
 

Manfred Steiner, 2.3.1974: Unter Trainer Sir Karl Schlechta legt Sturm einen fulminanten Saisonstart hin und gewinnt die ersten sechs Meisterschaftsspiele. Als jedoch bekannt wird, dass von Wien aus eine Radikalreform der Liga mit zukünftig nur noch einem steirischen Vertreter durchgezogen wird, gerät der Motor der Schwarz-Weißen ins Stocken. Von nun an zählt jeder Punkt, um in einer willkürlichen Fünf-Jahres-Wertung vor dem Stadtrivalen zu bleiben. Für zwei wichtige Punkte sorgt Kämpfernatur Steiner, als er im März 1974 bei dichtem Schneefall gegen die Vienna in Minute 90 aus 20 Meter abzieht und Goalie Dannhauser – der zuvor einen Seneca-Elfer parieren konnte – doch noch bezwang. Einer seiner nur elf Bundesliga-Treffer, jedoch ein immens wichtiger.

 

Alfred Murlasits, 26.8.1970: Auch der legendäre „Granaten-Fredl“ sorgte einst für ein Last-Minute-Goldtor. Dem groß gewachsenen Stürmer, der von 1964 bis 1971 das Trikot der Blackys trug, gelang in der Saison 1970/71 beim Heimspiel gegen die Admira in der Gruabn in der 90. Minute das 1:0. Selbstredend dank eines Freistoß-Hammers. Die Südstädter, damals mit Stars wie Demantke, Kozlicek, Strasser und Kreuz, sowie dem späteren Sturmspieler Charly Rosner, wurden doch noch gebogen.

 

 

 

 

2 Kommentare

  1. lankowitz sagt:

    Das wichtigste alles Last-Minute-Tore fehlt aber:

    22. Mai 1999, Jan-Pieter Martens, 93. Minuten, GAK – Sturm 1 : 2

    Der Spitz war der Meistertitel! 🙂

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    • Günter Kolb Günter Kolb sagt:

      Anlässlich des Lykogoal am Samstag, geht es in diesem Artikel nur um Spiele, die bis kurz vor Schluss 0:0 standen und ein Last-Minute-Goldtor dann doch noch für Sturm fiel.

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