„Ich will mich nicht mehr jeden Tag schämen“

Osims letzter Tag als Sturmtrainer

Am 14. September 2002, exakt um 17:26, ging die wohl für lange Zeit erfolgreichste Ära in der Sturm-Historie zu Ende:

1:3 verlor an diesem Tag der SK Sturm zuhause gegen den FC Kärnten. In den Tagen zuvor war man bereits in der Champions-League-Qualifikation am israelischen Vertreter Maccabi Haifa gescheitert, unterlag im Grazer Stadtderby mit 1:2 und hatte gegen den Aufsteiger Pasching eine blamable 1:3-Heimniederlage eingefahren.

Auch Ivica Osims letzte 90 Minuten auf der Bank werden bittere. Trotz einer 1:0-Führung durch Alain Masudi spürt man förmlich die Unsicherheit in den Köpfen der Spieler. So kommt es wie es kommen musste: Zwischen der 74. und 79. Spielminute patzt Torhüter Heinz Weber zweimal fürchterlich (zuerst spitzelt er einen harmlosen Rückpass von György Korsos genau vor die Beine von Maric, danach segelt er nach einem Eckball völlig desorientiert am Ball vorbei), weitere zwei Minuten später dann auch noch der Deutsche Horst Heldt. Mit einem gellenden Pfeifkonzert der Fans wird die Mannschaft in die Kabine begleitet und es wird sogar noch heftiger, als Kartnig von der Ehrentribüne quer über das Spielfeld Richtung Stadioninneres stolziert.

Inoffiziell erklärt Ivica Osim direkt nach dem Spiel und noch in der Kabine seinen Rücktritt, stellt aber sofort klar: „Es ist nicht diese Niederlage, sondern das was in der letzten Zeit so alles passiert ist.“ Einen Tag zuvor hatte der Bosnier von Hannes Kartnigs verbalen Brachialattacken gegen seine Person in einer Sportillustrierten erfahren. Kartnig hatte dem „Sportmagazin“ schon drei Wochen zuvor – völlig frustriert nach dem Ausscheiden gegen Maccabi Haifa – ein Interview gegeben. „Osim wolle nur Cevapcici und Raznici als Spieler, reine Freunderlwirtschaft“, hatte der Präsident gepoltert. Ein Generalverdacht und Frontalangriff auf die Spieler aus Ex-Jugoslawien. Also auf Ikonen wie Ivica Vastic, Tomislav Kocijan, Darko Milanic oder Ranko Popovic. „Legionäre aus dem Süden“, die allgemein in der Vereinsgeschichte des Sportklub Sturm stets Bereicherungen waren. Während Kocijan konstatiert, dass man in schwierigen Zeiten das wahre Gesicht eines Menschen erkenne, meint Osim nur lapidar: „Diese Beschuldigungen sagen mehr über den Präsidenten aus, als über mich.“

(c) Flickr: Ivica Osim - SK Sturm (1999)

(c) Flickr: Ivica Osim – SK Sturm (1999)

Darüber hinaus unterstellt Kartnig in diesem Rundumschlag dem Trainer, er habe keine Manieren, er grüße die Vorstandsmitglieder nicht, er sei feige wie kein Zweiter und inkonsequent. „Der Präsident kann mich persönlich beleidigen. Aber nun hat er eine ganze Nation, mein Volk, beleidigt“, sollte Osim diesen präsidialen, geistlosen Erguss später kommentieren. Zu lange hat der Sir unter den Trainern Kartnigs teils untergriffige und geschmacklose Kommentare gegen seine Person abqualifiziert. Zudem behauptete der Präsident, dass der Trainer und der Manager Heinz Schilcher „ihre Hintern nicht mehr aus Graz hinausbringen“. Tatsächlich verweigerte aber Kartnig den beiden die Zustimmung, direkt von Graz aus über Zürich nach Nikosia abzuheben. Dort wurde der Champions-League-Quali-Gegner von Sturm zwischen Happoel und dem weißrussischen Vertreter Belschyna Babrujsk ermittelt, da die UEFA damals die Durchführung internationaler Spiele in Israel verbot. Kartnig ordnete den beiden an, mit dem Auto nach Wien zu fahren und erst dort, und für die Vereinskasse kostengünstiger, abzufliegen. „Das war ihnen aber zu weit. Aber gut, alte Herren werden halt bequem mit der Zeit,“ argumentierte Kartnig. Schon seltsam: Ein paar Monate zuvor protzte Kartnig noch in einem Interview mit dem deutschen Spiegel „Heit is so schön, heit nemma den Rolls“ oder „Schade, dass ihr gerade jetzt kommts wenn mei Hai schloft“. Nun aber plötzlich reichte das Geld nicht einmal mehr für Tickets für einen Flug ab Graz-Thalerhof.

Schon viel zu lange Zeit bewies Osim Geduld, ertrug Beleidigungen, die die Schmerzgrenze zu oft überschritten. Der Trainer hatte bis zuletzt daran geglaubt, das Team wieder an die Spitze zu bringen. Und das, obwohl von den Leistungsträgern der großen Champions-League-Ära nur noch Günther NeukirchnerMario Haas hatte sich zu Beginn dieser Saison am Kreuzband verletzt und fiel monatelang aus – übrig geblieben ist. Mit Ivica Vastic hat zudem nach der letzten Saison auch das Herz des Teams Graz in Richtung Japan verlassen. Auch nicht ganz ohne Nebengeräusche: Kartnig versuchte den Austro-Kroaten zu einer vorzeitigen Vertragsverlängerung zu überreden, als dieser sich aber noch Bedenkzeit erbat, polterte Kartnig auch gegen den Kapitän und sprach von „Herumgeeiere“, dass er ohnehin an einen neuem Spielmacher dran sei und dass er Vastic ohnehin nur mehr als zukünftigen Libero gebrauchen könne. Der Krug ging schon hier eben so lange zum Wasser, bis er brach.

Der längstdienende Trainer der Bundesliga ist nach Studium des Hochglanzformates und den unappetitlichen Zeilen schwer angeschlagen. Die Mehrzahl der Sturmanhänger peinlich berührt. Osim redet mit seinem Torwarttrainer und besten Freund Reftik Muftic über Kartnigs Verbalattacken und trifft die Entscheidung, Sturm zu verlassen. Die drei Gegentore binnen acht Minuten erleichtern am nächsten Tag nur seinen Abschied. Nach dem Match geht er in die Kabine und bedankt sich bei der Mannschaft. Die Truppe um Kapitän Günther Neukirchner bleibt stillschweigend zurück.“Wenn ich keine Manieren hätte, wäre ich geblieben, doch es ist Kartnig, der keine Manieren hat. Ich kann nicht mehr.“ Nach acht Jahren und drei Monaten ist der Trainer, dem Sturm – und somit auch Hannes Kartnig – so vieles zu verdanken hat, Geschichte. Er trinkt noch, wie gewohnt, in seiner Lieblingsecke im Pressebereich, ein Bier. Ausgerechnet ORF-Reporter Gerald Saubach, den Osim in der Vergangenheit so oft und so wunderbar ins Leere laufen hat lassen, ist der erste Journalist, der es wagt, Osim dort anzusprechen. Es entwickelt sich ein innerer Monolog, der allerdings in diesem Fall wortwörtlich nie beim Gegenüber ankam. Dieses Zwiegespräch bleibt vielen bis heute in Erinnerung:

SAUBACH: „Herr Osim, welche Konsequenzen erwarten Sie sich aus dieser Niederlage?“
OSIM: „Warum sind Sie da?“
SAUBACH: „Sind Sie zurückgetreten?“
OSIM (will flüchten, kommt aber am ORF-Mikrofon nicht vorbei und setzt sich wieder hin): „Ich sage nichts, das muss genügen…….Okay, Sie haben geholfen, Baba, ich bin zurückgetreten.“
SAUBACH (sichtlich schockiert): „Aber Sie können doch gar nichts dafür. Es waren zwei schwere Torwartfehler.“
(Danach folgt ein Satz, der die Einzigartigkeit von Osim so wunderbar veranschaulicht, seine im Vergleich zum Präsidenten völlig konträre Art exemplarisch unter Beweis stellt.)
OSIM: „Was soll das heißen? Wer hat den Torwart aufgestellt? Ich, also bin auch ich schuld.“
SAUBACH: „Ist das ihr letztes Wort? Sie hören auf?
OSIM: „Ja, aus. Ich habe keine Manieren. Hat der Präsident ja gesagt.“
SAUBACH schweigt, reagiert auch nicht auf das von Osim angebotene Bier und wird vom Bosnier daraufhin endgültig schachmatt gesetzt:
OSIM: „Sie haben ohnehin alles gesagt. Jetzt bin ich ein Niemand, wie Sie. Wir können jetzt zusammen ein Bier trinken.“

Auch in einer seiner schwersten Stunden blitzt bei Svabo noch einmal der Schelm auf. Und er hofft auf einen Konter. Dringt noch einmal seine mannigfaltige Genialität durch. Doch Saubach gesteht sich, vielleicht erstmals, seine Unterlegenheit ein und gibt w.o..

Der Ex-Trainer verfolgt noch mit seiner Frau Asima den Fernsehbericht und eine Osim-Nachlese der Sendung „Fußball“. Er wirkt gerührt und kämpft mit den Tränen. Danach verlässt er das Stadion, geht zu seinem Lieblingschinesen in St. Peter und lässt die wunderbaren Jahre in Graz Revue passieren. Einschlafen kann er, wie zu dieser Zeit allzu oft, trotz doppelter Aspirin-Ration nicht. Am nächsten Tag versucht Kartnig noch einmal mit Ivica Osim zu sprechen. Aber der Bosnier ist für den Präsidenten nicht mehr erreichbar. Über Muftic lässt Osim seinem ehemaligen Präsidenten ausrichten, „dass am Rücktritt nichts mehr zu ändern sei“. Sturms Jahrhunderttrainer ist bereits nach Marburg zu seinem Dentisten des Vertrauens gefahren. Osim bevorzugt an diesem Tag den Zahnarztsessel anstelle des Trainerstuhls bei Sturm. In einer elefantentränenreichen Aussendung teilt der Sturm-Präsident dies tags darauf der versammelten Presse mit. Betont dabei, dass „ohnehin unredliche Journalisten, denen ich vertraut habe, ihren Anteil daran haben, dass es so weit gekommen sei“. Aber schon im gleichen Atemzug ließ Kartnig die Reporterzunft frömmelnd wissen, dass man bereits mit Christoph Daum als möglichem Nachfolger im Gespräch sei. So weit kam es aber nie. Auch wird es nichts mit der angekündigten Verpflichtung von Alexander Manninger, der sich gerade auf Jobsuche befindet und den endgültig in Ungnade gefallenen Heinz Weber ersetzten sollte. Denn im ersten Pflichtspiel nach der Zeitrechnung-Osim, beim 2:1-Auswärtserfolg in Hütteldorf, feiert Franco Foda seine Premiere als Sturm-Trainer. Zwischen den Pfosten steht weiterhin Heinz Weber.

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8 Jahre und 3 Monate Ivica Osim

Jahrelang war es für Beobachter der Grazer Fußballszene verwunderlich, wie zwei so unterschiedliche Charaktere überhaupt miteinander konnten. Zwei völlig divergente Persönlichkeiten, die beide jedoch zu gleichermaßen die absolute Bedingung für das Grazer Fußballwunder waren. Auf der einen Seite der bescheidene Philosoph und Meister des Understatements, Osim, auf der anderen der Verbalprolet und im Rausche des Erfolges völlig dem Größenwahn verfallene Kartnig. Der langanhaltende Erfolg heilte so manche Wunde, doch als dann erstmals echter Sturm bei Sturm aufzog, brach das menschlich instabile Konstrukt wie ein schlecht gestapeltes Kartenhaus in sich zusammen. Für Osim waren es, wie er nach dem Abschied sagte, „sechs wunderbare Jahre und zwei nicht ganz so schöne“. Genau diese beiden letzten Jahre wird er vermutlich auch wohl gemeint haben, als er einst dozierte: „Sturm deckt alles was schwarz ist, in meinem Leben. Alles was weiß ist, auch.“

Die verbalen Entgleisungen Kartnigs hatten zudem noch ein Nachspiel. 2006 musste der damals Noch-Präsident nach letztinstanzlichen Urteil rund 350.000 Euro an Ivica Osim zahlen. Der ehemalige Coach – mittlerweile Trainer in der J-Leauge bei JEF United – gab an, dass er diesen Prozess nur angestrebt habe, um den „Beleidigungen und dem Mobbing gegenüber seiner Person entgegenzuwirken. Ich freue mich über das Urteil, damit ist meine Reputation wiederhergestellt. In Zukunft werden Herren im Fußballgeschäft mit ihren Äußerungen vorsichtiger sein. Ich habe die Schuld immer gern auf mich genommen, aber zum damaligen Zeitpunkt hat es keinen Anlass gegeben, mich als Trainer in Frage zu stellen“, erklärte Osim damals vor Gericht.

 

Spieldaten

BL_Statistiken_OSIMBL_Aufstellungen_NEU

 

In dieser Reihe bisher erschienen:

Teil 1: Ein Trainer ohne Mannschaft

Teil 2: Gegen den Strom

Teil 3: Einen Wetl wird Giannini nicht ersetzen können

Teil 4: Die Gruabn – Für immer die Heimat des SK Sturm

Teil 5: Es wurde nicht immer mit fairen Mitteln gekämpft

 

5 Kommentare

  1. Was Osim geleistet hat bei SK. Sturm wird kein Trainer in Stande sein !!!!!LG Pepi ,,,,

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  2. Arch Stanton sagt:

    Mir schoss das Nasse in die Augen beim Lesen dieses Artikels!

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  3. Juran Juran sagt:

    Wieso müsst ihr die ganze Geschichte noch einmal ausgraben, das tut mir heute noch im Herzen weh.

     

    Manninger ,Daum

    Ihr könntet ja einmal eine Liste veröffentlichen mit welchen Spielern, Trainern ,Managern man Laut Kartnig nicht alles schon im Gespräch war.

    Wäre sicher Lustig.

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  4. Neukirchner sagt:

    Großartig. Danke dafür….“der bescheidene Philosoph und Meister des Understatements, Osim, auf der anderen der Verbalprolet und im Rausche des Erfolges völlig dem Größenwahn verfallene Kartnig“ triffts herrlich…..

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