Heute vor 10 Jahren…

Das letzte Grazer Stadtderby

17. Mai 2007: Das 130. und vorerst letzte legendäre Grazer Derby zwischen dem Sportklub Sturm Graz und dem Grazer AK findet im Arnold Schwarzenegger-Stadion in Liebenau statt.

Ende.

Nein, Scherz. Die Saison 2006/2007 der (seinerzeit) T-Mobile Bundesliga in Österreich hat es in sich. Während der 2005 gegründete Konzernklub RB Salzburg seinen ersten Meistertitel feiert (und das mit 19 Punkten Vorsprung) und die Sensationsklubs SV Ried (als Vizemeister) und SV Mattersburg (als Dritter) in den Europacup einziehen, ist die öffentliche und mediale Aufmerksamkeit während der gesamten Spielzeit in Graz zuhause. Es sind bittere Zeiten für beide Lager. Geldprobleme, Konkurs, Punkteabzüge aufgrund von Lizenzverstößen. Das volle Programm. 

Sturm schafft es, nach dem eröffneten Zwangsausgleich-Verfahren und dem Rücktritt von Hannes Kartnig bedient man die Gläubiger mit der nötigen Quote und kann damit den Verbleib im Profifußball und der Bundesliga sichern. Sturm landet am Ende der Saison mit 41 Punkten und ausgeglichenem Torverhältnis auf Rang 7. Eigentlich, möchte man meinen, ein respektables Ergebnis für die junge, aus der Not geborene Truppe vom damals noch jungen Cheftrainer Franco Foda. Geführt von den Routiniers Frank Verlaat und Adam Ledwon sowie ab der Rückrunde von Rückkehrer Mario Haas, kämpft die unerfahrene Truppe rund um Eigengewächse wie Christoph Leitgeb, Jürgen Säumel, Klaus Salmutter, Thomas Krammer und Sebastian Prödl in diesen turbulenten Zeiten ums sportliche Überleben. „Solange wir Luft haben, kämpfen wir“, wird Foda dieser Tage mehrfach zitiert. Am Ende wird es Platz 7. Ein gutes Ergebnis für diese Situation. Doch in Wahrheit wurden Sturm 13 Punkte aufgrund von Lizenzverstößen abgezogen. Sportlich wäre Sturm nämlich Vierter mit 54 Punkten – das sind zwei Punkte mehr als etwa Rapid Wien hatte(Platz 4), gar neun Punkte mehr als der amtierende Meister Austria Wien, der die Saison auf Rang 6 beendet.

Auch der GAK kämpft. Trainer Lars Söndergaard muss wie sein Gegenüber Foda improvisieren, erfindet eine Mannschaft, bestehend aus jungen Eigenbauspielern, völlig neu, anders ist es finanziell nicht mehr möglich. Der GAK erhält keine Lizenz für die neue Spielzeit, dafür wegen Lizenzverstößen einen überdimensionalen Punkteabzug von 28 Zählern. Die Saison beendet man damit auf Platz 10 mit lediglich sechs Punkten. Rechnet man die 28 Zähler hinzu, hätte der GAK gleich viele Punkte wie der Neunte Wacker Tirol, bei gleichem Torverhältnis (-24) allerdings drei Tore mehr erzielt. Ja, der GAK hätte es sportlich tatsächlich geschafft, es wäre die Mutter aller Knappheiten geworden. Doch aufgrund von Umständen außerhalb des grünen Rasens stellte sich die Frage nicht. 

Die (nur eingeschränkt am Rasen entschiedene) Abschlusstabelle 2006/2007. Quelle: bundesliga.at

Schon lange war klar, dass der GAK seine Bundesliga-Abschiedstournee gibt. Zwei Wochen zuvor erschienen bei einem Heimspiel gegen Meister Salzburg gerade noch 2.500 Anhänger in Liebenau. Doch in Runde 35 steht ein Derby an. Und ein Derby, das ist immer etwas Besonderes, so darf auch der GAK noch ein letztes Mal ein volles Haus erleben, an jenem 17. Mai 2007.

Das 130. Grazer Derby, so wusste man bereits vor dem Spiel, geht als eines der legendärsten in die Geschichte ein. Denn klar ist: Es wird lange keines mehr geben. Mittlerweile sind zehn Jahre ins Land gezogen und noch immer sind wir sehr weit davon entfernt. Derby. Fußball. Endlich. Die Fans beider Teams mussten sich lange genug mehr Gedanken über andere Themen machen als über das, was am Feld passiert. Der Autor dieser Zeilen, ein damals jugendlicher Knilch, der sich in seiner Freizeit fast ausschließlich mit dem Sportklub Sturm beschäftigte, verfolgt das Spiel live in der Südkurve, die Eintrittskarte ein Geschenk zum 17. Geburtstag, der wenige Tage davor stattgefunden hat.

Schauplatz zahlreicher Derby-Schlachten. Foto: Wikimedia Commons/Mister No

Lars Söndergaard verzichtet in diesem Spiel, wie schon die Wochen davor, auf Spielmacher Samir Muratovic. Insgeheim soll schon lange feststehen, dass der Bosnier den GAK ausgerechnet zum Stadtrivalen verlässt. Einige Namen aus der Aufstellung der Rotjacken dürften doch auch dem Sturm-Fan im Jahr 2017 noch ein Begriff sein. Mario Sonnleitner etwa. Auch er wechselt nach der Saison die Fronten. Andreas Schranz, Martin Amerhauser und Zlatko Junuzovic stehen ebenfalls am Feld. Roland Kollmann stürmt an der Seite von Dominic Hassler, der wie Muratovic Jahre später mit Sturm Österreichischer Meister werden sollte. Und mit Marco Perchtold steht ein Spieler am Feld, der nach einigen Unterbrechungen am heutigen Tag noch in der Bundesliga zu finden ist, nämlich in St.Pölten.

Und Sturm? Gleich wie noch Jahre später steht Christian Gratzei im Tor, der Steirer war seit dem Frühjahr die Nummer 1 im Sturm-Tor, nachdem Grzegorz Szamotulski abmontiert wurde – der Pole kündigte an, Sturm verlassen zu wollen, woraufhin er zu den Amateuren verbannt wurde. Die Innenverteidigung, alt und jung. Frank Verlaat und Sebastian Prödl. Dazu der deutsche „Grizzly“ Fabian Lamotte rechts und Mark Prettenthaler links. Adam Ledwon, Gott hab‘ ihn selig, bildet mit Jürgen Säumel das Mittelfeldzentrum, flankiert von Thomas Krammer auf der rechten und Christoph Leitgeb auf der linken Seite. Vereinsikone Mario Haas stürmt neben Amadou Rabihou.

Christian Gratzei in jungen Jahren im Sturm-Tor. Foto: Wikimedia Commons/Steindy

Wäre es kein Grazer Derby gewesen, wäre es de facto ein Spiel, in dem es um nichts mehr geht. Für Sturm ist Europa aufgrund des Punkteabzugs längst kein Thema mehr, der Abstieg jedoch ebenso wenig, denn dieser war dem Stadtrivalen bereits sicher. Doch gerade weil wir hier vom Grazer Derby sprechen, geht es um viel. Um Dinge, die den Fußball ausmachen, ohne in einer Tabelle aufzuscheinen. Es ist eine intensive, von Kampf geprägte Partie. Wer sonst als Adam Ledwon trägt sich nach 13 Minuten als Erster mit einer Gelben Karte im Notizbuch von Referee Christian Steindl ein. Der „Hustler“ auf Seiten des GAK tut es ihm 6 Minuten später gleich. In der Tonart geht es auch weiter, insgesamt vier Verwarnungen gibt es beim Stadtrivalen. 

Mario Haas. Foto: Wikimedia Commons/Steindy

Die 37. Spielminute. Das einzige Tor in dieser Partie, das letzte Derby-Tor, ein legendärer Moment. Selbst jene, die sich nicht mehr erinnern können oder etwa aus Altersgründen noch nicht Sturm-Fans waren, werden nicht fragen, wer es denn erzielt hat. Zu sehr liegt auf der Hand dass dieser legendäre Moment niemand geringerem als Mario Haas vorbehalten ist. Der Stürmer leitet einen Angriff durch das Zentrum selbst ein, ein kurzer Pass auf Christoph Leitgeb und der perfekte Laufweg Richtung GAK-Strafraum. Der junge Leitgeb spielt einen Traumpass genau in den Lauf des Routiniers und Mario Haas vollendet per Spitz („Schneckerl-Izmir-Trick“, nannte es der ORF-Kommentator seinerzeit) ins lange Eck. Keine Abwehrmöglichkeit für Andreas Schranz, der sich sichtlich in Rage bei seinen Vorderleuten beschwert.

Es sollte bei diesem Tor bleiben, denn trotz hoher Kampfbereitschaft auf beiden Seiten kann weder Sturm nachlegen, noch der GAK ausgleichen, am Ende entscheidet Mario Haas eine denkwürdige Partie zu Gunsten des SK Sturm, den Franco Foda übrigens mit einem 4-4-2 mit defensiv ausgerichteter Doppelsechs aufs Feld schickte, wie er es auch heute noch häufig tut. Ausgelassen gefeiert wurde nach dem Spiel auf Seiten unserer Blackies, wehmütig verließen Mannschaft und Fans des GAK das Stadion an jenem Abend. Und ein bisschen, so gestehe ich es offen und ehrlich, war auch der Autor dieser Zeilen wehmütig. Und ist es heute noch. Zum damaligen Zeitpunkt – 11 Jahre Sturm-Fan und mit Ausnahme einer Phase, in der Sturm international reüssierte – waren jene vier Derbys pro Saison jeweils die besonderen Highlights. Kein Derby mehr? Damals unvorstellbar, heute Routine, Selbstverständlichkeit. 

Was bleibt, ist die Erinnerung, an viele besondere Spiele, die, obwohl sie teilweise nicht so ausgegangen sind, wie man es sich erhofft hat, den Grazer Fußball hochleben ließen. Es ist definitiv nicht auf das Fehlen des Stadtrivalen zurückzuführen, doch an Emotion und Leidenschaft hat Sturm gegenüber jener Zeit, in der man sportlich sogar deutlich erfolgloser war als heutzutage, so einiges eingebüßt.

9 Kommentare

  1. graz4ever sagt:

    Mag es an diesen fantastisch emotionalen Derby-Momenten gelegen haben, oder an der „rosaroten Vergangenheitsbrille“, aber die Bundesliga im Allgemeinen kam mir damals qualitativ besser vor (Spielqualität, Leidenschaft, Emotionen und – zum Teil – Spannung)..

    Wie dem auch sei: Vielen Dank!!! für diesen Artikel und den “ Schwarz vs Rot“ Flashback

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    • vampy99 sagt:

      Naja die Spannung ist meiner Meinung nach durch Red Bull abhanden gekommen. Man stelle sich vor RB gäbs nicht und Austria, Sturm und Altach würden noch um den Meistertitel kämpfen. Auch wenn RB eventuell die Qualität hebt, besser wird das Produkt Bundesliga dadurch nicht sondern eher langweilig.

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    • Jocole sagt:

      Gar nichts war besser!

      Die Spielergehälter waren für Österreichische Verhältnisse astronomisch! Zu den 4 Derbys kamen, nachdem die Euphorie nach den ersten beiden Meistertiteln abnahm und das neue Stadion langsam an Glanz verlor, im Schnitt auch nur 11-12 000!

      Die Sturmfans schimpften scheiß Millionäre wenn wir nicht nach 20 Minuten vorne waren!

      Dann kam die Zeit der Konkurse und Punkteabzüge! ( Tirol, Sturm, GAK..)

      Red Bull kann nichts dafür, dass Sturm, Austria und Altach weniger Punkte als Mattersburg machen im Frühjahr, sonst wärs heuer brutal spannend!

      Freue mich schon auf den LASK u. die 12er Liga, hoffentlich mit Wacker Innsbruck!

      Und ein kleiner Appell an die Sturm Fans, dass Sturm Netzteam und den Sturm Vorstand! Ein bischen weniger  Nostalgie und Vergangenheit mitten in der wichtigsten Phase der Meisterschaft würde auch nicht schaden!

      Der Vizemeistertitel ist möglich, immerhin auch was für die Geschichtsbücher!

       

       

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    • dawuede Sebastian Engelbrecht sagt:

      @Jocole

      Danke für die Anmerkung. Ich möchte da aber etwas einhaken.

      Nostalgie, Vergangenheit – den Geist unseres Lieblingsvereins zu versprühen, steht für uns nicht im Gegensatz zum Fokus auf das aktuelle Tagesgeschäft. Wir beschäftigen uns intensiv mit dem hier und jetzt, zumindest in dem Rahmen, der uns machbar ist und versorgen euch mit allen Infos hierzu. Seien es spielrelevante Vorab-Informationen in unserer Spielvorschau und dem Vorbericht vor Ankick im Liveticker, wo wir denke ich alles auftischen was uns irgendwie möglich ist, von Ticket-Informationen über Ausfälle, Tabellensituation, aktuelle Form, sogar über den Gegner, auch über die jüngsten Bilanzen in direkten Aufeinandertreffen, bishin zu Statements von allen verfügbaren Spielern, Funktionären nach Abpfiff in der Mixed Zone des jeweiligen Austragungsortes. Unter der Woche sind wir zudem stets mit Recherche beschäftigt, vor allem in dieser Phase der Saison sehr bemüht euch Informationen über den Status Quo der Kaderplanung (Wer bleibt, wer kommt, wer geht?) zukommen zu lassen. Der Spieltag beginnt für uns 2 Tage vor dem Spiel und endet spät nachts wenn die meisten Fans bereits zuhause sind oder im Optimalfall in ihrer bevorzugten Lokalität einen Sieg unserer Blackies feiern, mit Ausnahme von Kazan waren wir immer vor Ort, selbst in Zürich zum Champions League-Spiel der Damen oder in Hoffenheim für ein einfaches Testspiel 😉

      Nichts desto trotz, und ich denke hier für unser gesamtes Team zu sprechen ist es wichtig und unumgänglich, umfangreich die Geschichte des Vereins zu beleuchten. Sturm ist ein traditionsreicher Verein und lebt von all den Geschichten und Erinnerungen aus der Vergangenheit, wären wir beispielsweise RedBullNetz dann hätten wir in der Hinsicht natürlich weniger zu erzählen 😉

      Ich meine dass Fan-sein immer mit Erinnerungen und Nostalgie verbunden ist, schließlich machen all die „gemeinsamen“ Erlebnisse unsere Verbundenheit zum Verein aus. Hierbei ist es meiner Meinung nach egal, ob wir um den Meistertitel, Europapokal, Abstieg oder irgendwo im Niemandsland der Tabelle „um nichts“ spielen, Nostalgie ist niemals fehl am Platz 😉

      Lg Sebastian

      5+

    • Arch Stanton sagt:

      Lieber Sebastian!

      Gebe dir vollinhaltlich recht.

      Ich lese gerade derlei Beiträge immer wieder gern, weil sie einem die spielefreie Zeit verkürzen. Zudem kommt, dass durch Eure Recherche vieles dem Vergessen entrissen wird: Namen, Situationen, Tore. Und ab und zu treibt es einem dann förmlich das Nasse in die Augen. Das Haastor, das alle Schmährufe verstummen ließ, der Name Adam Ledwon, der auszuckende Schranz, .. und wie hieß der andere Grazer Verein in diesem Artikel, wie war noch sein Name..?

      Grabt weiter in der Vergangenheit!

      Zeit vergeht nur in eine Richtung.

      Auf die Schwoazn!

      3+

  2. wolkerl sagt:

    Es ist halt was anderes, wenn man Wacker Innsbruck, den GAK & den LASK in der Liga hat oder Mattersburg, WAC & Grödig…da ist gleich wesentlich mehr Spannung und Rivalität vorhanden…das hat aus meiner Sicht tatsächlich weniger mit Red Bull zu tun.

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    • MadMax sagt:

      Das ist korrekt.

      Wenn die 3 Erstgenannten halt nur Wirtschaften könnten…. Wobei, der LASK ist ja gottlob jetzt zurück. Hoffen wir, dass es auch für eine längere Zeit ist….

      Bei Wacker Innsbruck sehe ich keine große Hoffnung, dass die in nächster Zeit wieder hoch kommen. Aktuell gibt’s dort ja schon wieder „Ungereimtheiten“.

      Und der GAK… Naja. Die Derbies waren schon was Feines. Aber mehr nicht. Die werdens wohl nimmer schaffen.

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  3. Aero Aero sagt:

    Ja die Derbys hatten etwas, ich kann mich auch noch erinnern, dass Bekannte von mir den Untergang des GAK feierten, als hätte Sturm den Meistertitel gewonnen.

    Das was aber damals verloren ging mit dem Stadtderby, an das dachte niemand. Schade eigentlich.

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  4. Schworza99 Schworza99 sagt:

    Sportlich wäre ein Derby natürlich top (auch wenn die Spiele gegen Rapid hitzig sind, Derby Stimmung werden sie nie erreichen).

     

    Nur was die Fans von beiden Seiten dann wieder aufführen würden wäre wahrscheinlich wieder peinlich….

    Also so ein ausverkauftes Derby im ÖFB Cup wäre nicht verkehrt…

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