Geschlossene Gesellschaft

Die Reform der Champions League unter der Lupe

Seit einigen Wochen rumort es gehörig in der Fußballwelt, denn auf europäischer Ebene stehen Veränderungen mit weitreichenden Folgen für die Fußballverbände unter der Schirmherrschaft der UEFA mittlerweile fest und das schon sehr viel früher als erwartet. Gleich vorweg: Am Turniermodus selbst wird sich nichts ändern. Die geplanten einschneidenden Reformen in der Champions League lassen sich relativ präzise in einem Satz zusammenfassen:

Große Fußballnationen werden mit vier fixen Champions League-Startplätzen ausgestattet und auch finanziell zu Ungunsten kleinerer Verbände zusätzlich begünstigt.

Der Ligaweg über die Meisterschaft soll erhalten bleiben, die Fixplätze für die fußballerisch kleinen Nationen jedoch reduziert werden, was das Erlangen eines Fixstartplatzes über die 5-Jahres-Wertung noch einmal deutlich erschweren wird. Der Europa League-Sieger soll künftig fix für die Champions League qualifiziert sein. Ein detaillierter Plan von der Neuverteilung der Startplätze wird allerdings erst im kommenden Dezember präsentiert werden.

Diskrepanzen

Dass dieser Vorstoß der Verantwortlichen bei der UEFA, allen voran Generalsekretär Theodore Theodoridis, nicht unisono als begrüßenswert bezeichnet wird, ist nachvollziehbar. Vor allem die kleinen und mittleren Verbände Europas sehen darin nämlich eine große Benachteiligung für sich selbst. Präsident Leo Windter gibt sich in einer gemeinsamen Presseaussendung von ÖFB und Bundesliga gleichermaßen verärgert wie kämpferisch: „Ich habe kein Verständnis dafür, dass seitens der UEFA derartige Reformen ohne Information beschlossen werden, wenn dies zum Nachteil für die kleineren und mittleren Verbände ist. Der ÖFB war in die Reform in keinster Weise eingebunden, und wir werden uns auch mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen wehren.“ Auch für Bundesliga-Präsident Hans Rinner ist es nicht nachvollziehbar, dass ÖFB und Bundesliga erst „über die Medien von dieser Entscheidung der UEFA erfahren“ haben.

Theodoridis spricht hingegen von „intensiven Beratungen mit allen Interessenvertretern“, deren Folge diese Entwicklung der europäischen Klubbewerbe sei: „Außerdem wurde eine große Bandbreite an Expertisen und anderer Gesichtspunkte bei der Entscheidung berücksichtigt“, so der Generalsekretär.

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(c) SturmNetz.at – Derartige Sensationen werden künftig noch seltener sein.

Von den Großen für die Großen

Diese Reform ist, auch wenn man seitens der UEFA dabei ausschließlich von einer eklatanten Verbesserung für alle Verbände spricht, von den großen Klubs für die großen Klubs – daran kann nicht gezweifelt werden. Die Geldverteilung soll nämlich ebenfalls reformiert werden: Die nationale Komponente wird im Klub-Koeffizienten zurückgedrängt und die Beurteilung individueller Leistungen in der Vergangenheit (Titel auf europäischer Ebene) erstmals mit einem Anteil von 30 % eingeführt. Der Market-Pool-Anteil für Vereine aus einem Land sinkt hingegen von 40 % auf 15 %. Damit sollen Topklubs wie etwa Bayern München oder Champions League-Rekordsieger Real Madrid in Zukunft sehr viel mehr Geld bekommen, während sich Klubs ohne zu berücksichtigende Erfolge auf europäischer Ebene in Zukunft mit weniger zufrieden geben müssen.

©David Flores (CC-BY-2.0)

©David Flores (CC-BY-2.0)

Der Weg in die geschlossene Gesellschaft

Die großen Klubs wollen unter sich sein und ein weiterer Meilenstein zu einer sterilen „Super-Liga“ der reichsten Teilnehmer am europäischen Fußballmarkt wird mit dieser Reform der UEFA-Klubbewerbe wohl gelegt. Schon alleine die Tatsache, dass nicht alle europäischen Verbände in den Reformprozess miteinbezogen wurden, gibt Aufschluss über einschlägige Tendenzen zur kompletten Abtrennung der Gesamtheit jener größten Klubs, die schon jetzt mehr als nur bevorzugt werden sollen. Bundesliga-Vorstand Christian Ebenbauer spricht von einer Gefährdung des Wettbewerbs auf europäischer Ebene und von einer „größer werdenden Schere zwischen Arm und Reich“. Die Umverteilung der finanziellen Mittel zugunsten der ohnehin schon erfolgreichsten und somit meist auch finanzstärksten Vereine durch die Abänderung der Berechnung des Klubkoeffizienten stößt dabei naturgemäß sauer auf und lässt in den Augen des Autors auch auf lange Sicht System hinter der Vorgehensweise der UEFA erkennen. Schon alleine der Ausschluss der kleinen Fußballnationen bei der Gestaltung der Reform zeigt deutlich, dass deren Interessen im Vergleich zu jenen der großen Nationen nun noch weniger wiegen (sollen). Wie könnte man Verbänden auch mögliche finanzielle Zuwendungen und Qualifikationschancen wegnehmen, wenn diese in den dafür erforderlichen Entscheidungsprozess, ob ihrer Anzahl maßgeblich, involviert werden?

Die Sache mit dem Kommerz

Kommerzielle Interessen sind innerhalb eines marktwirtschaftlich geprägten Rahmens für den Profisport maßgebliche Komponenten in der Entwicklung des modernen Fußballs und auch der Grund für die Entscheidungsträger im internationalen Geschäft, jene Klubs mit der größten Wirkung auf den Markt zu bevorzugen. In dieser Hinsicht ist die Reform der UEFA eine logische Konsequenz aus den Entwicklungen der vergangenen zwanzig bis dreißig Jahre, denn aus marktwirtschaftlicher Sicht ist es sinnvoll, auf die zugkräftigsten Pferde zu setzen. Erfolge bringen Aufmerksamkeit, ein guter Fußball bringt Kunden. Warum sonst findet man heutzutage auch mehr Neymars, Messis oder Ronaldos, also viel mehr deren Trikots, auf den Straßen Österreichs, als jene der Alars, Schaubs oder Sorianos? Der Autor, der in Kindestagen mit seinem Ivica Vastic-Trikot aufgrund dessen damals häufigen Vorkommens nicht besonders auffiel, sieht diese Entwicklung des Interesses weg von dem, was die heimische Kost zu bieten hat, als Symptom folgender Tatsache: Der heimische Liga-Fußball ist am internationalen Markt kaum konkurrenzfähig und befindet sich diesbezüglich in einer Abwärtsspirale, vor allem mit den großen Ligen mehr oder weniger direkt vor der Nase, deren Marketing in all seiner Professionalität auch über Landesgrenzen hinweg Wirkung zeigt.

Dass für Klubs kleinerer Verbände der Zugang zur Champions League, zu der einen großen Möglichkeit, international für etwas mehr Aufsehen zu sorgen, als es aus den Kreisen der versiertesten unter den Fußballfans kommt, weiter erschwert werden soll, bringt kleinere nationale Profi-Ligen im Kampf um Attraktivität nun noch mehr in Bedrängnis. Eine bedenkliche Entwicklung, denn so werden diese – in Anbetracht ihrer Ohnmacht von den Platzhirschen des europäischen Fußballs – ganz einfach sukzessive mit System verdrängt, sowohl am Transfermarkt als auch in sportlicher und finanzieller Hinsicht. Auf internationaler Ebene könnte also noch einmal eine neue, sehr elitäre und somit für aufstrebende Klubs abseits der ganz großen Namen unerreichbare Ebene eingezogen werden: eine neue Liga, die einer geschlossenen Gesellschaft gleichkommt. Auch wenn dies eine sehr gewagte Extrapolation aktueller Vorgänge ist, scheint diese derzeit immer wahrscheinlicher zu werden. Kleine Fußballverbände wie etwa der ÖFB tun in jedem Fall gut daran, gegen die derzeitigen Reformvorhaben der UEFA vorzugehen, auch wenn diese bereits beschlossene Sache sind.

 

 

8 Kommentare

  1. Schworza99 Schworza99 sagt:

    Wenn Topf 4 aus Teams wie Arsenal, Lyon, Milan und Leverkusen besteht werden die großen schon zurückrudern weil sie sonst selbst oft die Gruppenphase nicht überstehen werden…

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  2. Moritz Lösch Moritz Lösch sagt:

    Für mich als Fußballfan steigert die UEFA indirekt die Attraktivität der Europa League. „Super-Liga Champions League“ schön und gut, sportlich ist die EL damit umso interessanter geworden.

     

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  3. Jolosin sagt:

    „Es herrscht Klassenkampf, meine Klasse gewinnt, aber das sollte sie nicht“ … aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen“ Warren Buffet (amerikanischer Großinvestor)

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    • GazzaII sagt:

      Weise Worte!

      Aber im Endeffekt ist der durchschnittliche Fußballfan (der zugleich die zahlende und somit bestimmende Masse bildet) damit zufrieden! Der sieht lieber zum 15ten Mal in 3 Jahren Barca:City, Bayern:Arsenal whatever in der CL, als Marketinggag:Marburg in einem Meistercup Achtelfinale. Deswegen die Angst der UEFA von Hrn Rumenigge&Co weil trotzdem mehr Leute die „Superliga“ schauen/geschaut hätten/schaune werden;-) als die Nostalgiker unter uns die sich den Cup der Landesmeister & Cup der Cupsieger zurückwünschen.

      Um dem Gefälle Arm&Reich entgegenzuwirken könnte man zB ein System nach US Amerikanischem Vorbild, in den großen US Sportarten, einführen=> Draft, Salary Cap, trades statt Transfers (sprich „Spielertausch“) aber wie will man das bei 55 Landesverbänden machen? Wenn man sich die europäischen Zusammenarbeit abseits des Sports ansieht weiß man, dass das nicht funktionieren wird 😉

      Wenn jemals ein mutiger, nicht geldgeiler Funktionär kommen würde, könnte er zumindest den Salary Cap&ein Transfergeldobergrenze (ja, ja Financial Fairplay funktioniert eh schon super;-)…) probieren um den Wahnsinn (habe gerade im Frühstücksradio gehört, dass die Premiere League Vereine heuer bis jetzt rund 1 Milliarde Euro für Transfers ausgegeben haben, wenn man dann noch die Gehälter dazu rechnet…) einzudämmen.

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    • lobbo sagt:

      das mit dem us vorbild wird nicht funktionieren da dann keine österreicher mehr in österreich spielen und auch keine slowenen in slowenien dann ist der letzte funke der eh schon romantischen tradition und vereinstreue verflogen. ich sehe die chance der kleinen verbände tatsächlich in der euroleague oder einer neuen liga. muss einfach als die ehrliche liga vermarktet werden. ehrlich insofern dass man sich eine teilnahme verdient/erspielt und nicht ausverhandelt hat. eine chance einer solchen liga ist auch dass nicht immer die beste liga die meisten leute anzieht: und so schließt sich der kreis zu den usa wo im football die collegeteams weit mehr leute anziehen als die nfl

       

      http://www.football-blog.net/zuschauermagnet-college-football/

      http://www.fussballtransfers.com/andere-ligen/top-10-sportligen-weltweit-mit-den-hochsten-zuschauerzahlen_54038

      1+

    • GazzaII sagt:

      Das könnte man wiederum über Kontingente steuern, aber brauch man nicht weiter fantasieren weil es eh nicht passieren wird.

      Hm die Vergleiche/die Links die du schickst sind für mich nicht geeignet, was soll der Vergleich absoluter Zahlen bringen? Hier zB prozentuelle NFL Zahlen:(http://www.espn.com/nfl/attendance/_/year/2015/sort/homePct )

      genauso mag die Bundesliga höhere Zahlen als die Premiere League haben, %ual schauts sicher anders aus, zumindest ist es hier in England oft schwer Tickets (für mehrere Leute nebeneinander brauchen wir gar nicht reden…) zu bekommen 😉

      Aber generell bin ich schon bei dir, dass ich auch auf eine Aufwertung der EL/höherer Wertschätzung der EL durch den Kommerzfan hoffe, glauben tu ich das aber nicht…

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  4. Arch Stanton sagt:

    Wir können uns hier gegenseitig links empfehlen, Statistiken vergleichen, wir können uns über die Großen auslassen oder einfach nur gemeinsam über den Kapitalismus schimpfen.. Was auch immer? Könnten wir in diesem Forum oder in Österreich etwas ändern, dann wären beide, nämlich Republik und Sturmnetz schon längst verboten.

    Ich kann Euch nur empfehlen: schaut mehr Italowestern – da sind Tempo und Musik noch in Ordnung und vor allem kann man gut und böse noch richtig unterscheiden!

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  5. Schworza99 Schworza99 sagt:

    Die Spanne beim Geld zwischen EL und CL muss eben veringert werden…

    Wenn wir bald mit Playoff spielen kanns eh vorkommen dass wir unabsichtlich mal Meister werden 😉

    Und dann müssa ma halt den Ö Vereinen zeigen wie CL geht…

    Naja Wunschdenken ist immerhin auch Denken…

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