Es ist angerichtet

Spielvorschau: SK Sturm Graz vs. SK Rapid Wien

„Es ist angerichtet“: Dieser von Stadionsprecher Luki Krentl beinahe inflationär gebrauchte Opener wird knapp vor dem Anpfiff des Spitzenspiels Sturm gegen Rapid mit nahezu 100%-iger Wahrscheinlichkeit aus den Stadionlautsprechern erschallen. Erschien dieser Satz in den letzten Jahren noch so manches Mal als leichter Anflug von Selbstironie, wird der Sturmfan am Samstag der Stimme von Liebenau vorbehaltslos zustimmen. „Es ist angerichtet“, passte in den letzten Jahren eher dann, wenn in der Nordkurve der Stehnachbar aus der Kantine mit einem neuen Sechsertragerl seichtem Puntigamer-Bier aufkreuzte oder eventuell auch bestenfalls noch, wenn die Schüler der Tourismusschule Bad Gleichenberg den Gästen im Vip-Bereich ein schmackhaftes 5-Gänge-Menü kredenzten. Dieses Mal ist es da angerichtet, wo es wirklich zählt: Unten am Rasen.

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© Martin Hirtenfellner Fotografie

Bereits neun Tage vor dem Spieltag waren alle Karten für diese Spitzenbegegnung vergriffen und sollte in der Steiermark nicht kurz vor Anpfiff eine Massenepedemie ausbrechen, wird der Besucherrekord in Liebenau-Neu (16.480, 1999 in der Champions League-Begegnung gegen Manchester United) fallen. Sturm ist wieder in aller Munde. Und das ist hauptsächlich der Verdienst eines Mannes: Günter Kreissl. Als dieser vor knapp fünf Monaten in Graz als neuer Geschäftsführer Sport vorgestellt wurde, war das Aufatmen unter den Sturmknofel spürbar, denn zu viel Porzellan ging davor zwischen diversen Entscheidungsträgern und der Anhängerschaft zu Bruch. „Ich blicke sehr positiv in die Zukunft. Ziel muss es sein, dass all die, denen Sturm am Herzen liegt, möglichst oft glücklich sein können“, sagte Kreissl bei seiner Vorstellung. Dass diese Metamorphose allerdings so schnell eintritt, hätte wohl nicht einmal der kühnste Optimist zu träumen gewagt. Denn der neue GF Sport zauberte in der Folge ja alles andere als Weltstars aus dem Hut, hinter denen ganz Fußball-Europa hinterher war. Zum größten Teil waren die Neuzugänge Spieler, die bei anderen Vereinen kein Land mehr sahen und für die Sturm eine Oase darstellen sollte, um wieder in die Spur zu kommen. „Nicht unbedingt die besseren Spieler braucht es, sondern jene mit der Bereitschaft, alles zu geben“, pflegte Kreissl stets zu betonen. Zugegeben, diesen Satz hat man schon von so manchen Sportdirektor im bezahlten Profifußball gehört. Dieses Mal scheint an jener allgemein gültigen Floskel tatsächlich was dran zu sein. Im Nachhinein betrachtet, haben die organisierten Fangruppen, mit ihrer Kritik – „Sportdirektor gesucht“ – sehr viel Gespür bewiesen und rasch erkannt, woran es beim Sportklub Sturm in den letzten Jahren hauptsächlich hakte. Die vielzitierte positive Energie und Leidenschaft des neuen starken Mannes in Messendorf scheint sich nun schneller als erwartet auf die Angestellten am Rasen übertragen zu haben.

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© Martin Hirtenfellner Fotografie

Gegen Ende der letzten Saison gelang es dem Verein nicht einmal mehr all jene Sturmanhänger, die ohnehin eine Saisonkarte ihr Eigen nennen konnte, dazu zu bewegen, die imaginären Drehkreuze in Liebenau zu passieren. Viele von uns haben zudem auch die Erfahrung gemacht, dass es in der abgelaufenen Spielzeit ziemlich schwierig war, eine Karte gratis an den Mann zu bringen. „Keine Zeit, kein Interesse“, zumeist einfach „keinen Bock mehr“ lauteten die gängigsten Ausreden. Für das kommende Spiel gegen Rapid hätte man hingegen geschätzte 30.000 Karten absetzen können, auf eBay gingen zwei Karten für den 25er-Sektor für 111 Euro weg, bei unserem SturmNetz-Gewinnspiel versuchten zudem noch über 1.200 User im letzten Moment noch zwei von uns zur Verfügung gestellte Tickets zu ergattern.

 

Die Hauptgründe für diesen gegenwärtigen Erfolg sind schnell auszumachen: Nach etlichen Jahren steht im Kader von Sturm wieder ein grundsolider Rechtsverteidiger, sogar die „fodaische“ Doppel-Sechs wurde vom Großteil der Sturmfans dank der Personalien Uros Matic und James Jeggo in das Herz geschlossen, das Offensivspiel über die Außenpositionen ist im Vergleich zur Vorsaison kaum wiederzuerkennen, vor allem aber brilliert die Offensive von Sturm bislang mit einer nahezu himmlischen Effizienz. Aber auch an diversen Nebenschauplätzen überzeugt der Sportklub: Spieler und Trainer äußern sich gegenüber Medienvertretern selbst nach Siegen gegen einst übermächtige Gegner selbstkritisch, Kapitän Christian Schulz plaudert ganz offen und absolut hörenswert mit den Kollegen von black.fm unter anderem über die Auswüchse der Kommerzialisierung im modernen Fußball und auch unserem kleinen, feinen Medium wird es gestattet, mit Charalampos Lykogiannis bei seinem Stammwirt in ungezwungener Atmosphäre ein entspanntes Interview zu führen. Alles Dinge, die zuletzt unter Kreissls Vorgänger so unrealistisch erschienen wie ein Champions League-Titel für den SC Stainz.

Am Samstag dürfen wir alle, die sich mit dem Sportklub Sturm Graz in irgendeiner Form verbunden fühlen, diese Saat einfahren und die allzu lange Leidenszeit zumindest kurzfristig, wohl aber eher langfristrig, für beendet erklären. „Tut mir leid für euch, aber das kann man nur verstehen, wenn man selbst am Platz steht“, meinte Lykogiannis auf unsere Frage, wie es sich denn anfühle, in ausverkauftem Haus das Feld zu betreten. Damit hat der griechische Verteidiger natürlich Recht, andererseits kann Lyko schwer nachvollziehen, welche Vorfreude derzeit innerhalb der schwarz-weißen Anhängerschaft herrscht, da nach mehreren mageren Jahren, der Tisch endlich wieder reichlich gedeckt ist. Sturm gegen Rapid Wien ist vor allem hinsichtlich Fankultur das Nonplusultra im österreichischen Fußball. Mehr und zu einem besseren Zeitpunkt geht fast nicht. Zudem scheint die Spielweise der Hütteldorfer den Blackies augenblicklich wie maßgeschneidert: Den Gegner kommen lassen, punktuelles, durchdachtes Pressing ausüben, blitzschnelles Umschaltspiel und eiskaltes Auftreten vor dem gegnerischen Tor. Das könnte die Rezeptur sein, dass die Erfolgsserie auch gegen den angeblichen Rekordmeister seine Fortsetzung finden wird.

Ausgangslage

Während Sturm die letzten vier Meisterschaftsbegegnungen (Tordifferenz 11:3) siegreich absolvieren konnte, sind die Wiener schon seit drei Pflichtspielen ohne vollen Erfolg. Beim WAC reichte es nur für ein 1:1, im unbedeutenden Rückspiel in der UEFA Europa League gegen den AS Trencin setzte es eine 0:2-Niederlage und gegen Salzburg gab es zuhause auch „nur“ ein 0:0. Gegen Sturm spricht statistisch, dass man schon seit neun Spielen auf einen Sieg gegen die Hütteldorfer wartet, für Sturm, dass man relativ unbekümmert an die Sache ran gehen kann. Selbst bei einer Niederlage, werden die Blackies auch nach der siebenten Runde noch von der Tabellenspitze lachen. Bei einem Sieg allerdings ist die Wahrscheinlichkeit relativ groß, dass die Grazer das erste Saisonviertel als Klassenprimus beenden. Es ist angerichtet.

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Personalien

Mit Ausnahme von Bright Edomwonyi, der sich im Testspiel gegen den SV Horn, einen Muskelfaserriss im Bereich des Wadenbeinkopfes zugezogen hat, kann Franco Foda aus dem Vollen schöpfen. Gegenüber SturmNetz wollte der Nigerianer allerdings noch nicht gänzlich ausschließen, dass er für das Spitzenspiel ein Thema sei, zudem stünde Neuzugang Philipp Zulechner für zumindest einen Kurzeinsatz Gewehr bei Fuß. Auch Simon Piesinger kam in der Länderspielpause zu einer 90-minütigen Spielpraxis gegen Horn. Bei Rapid Wien hat sich der neue georgische Stürmer Giorgi Kvilitaia fit gemeldet, auch Steffen Hofmann kam unlängst bei einem Testspiel wieder zu einem Einsatz. Fraglich ist Thomas Murg, der angeschlagen vom U21-Nationalteam zurückkehrte, kein Thema hingegen sind die noch rekonvaleszenten Philipp Schobesberger und Matej Jelic.

Spieldaten

SK Sturm Graz vs. SCR Rapid Wien
Samstag, 10.09.2016, 16:00 Uhr, Merkur-Arena

Schiedsrichter: Mag. Oliver Drachta

Mögliche Aufstellung:
SK Sturm Graz (4-2-3-1): Gratzei; Koch, Spendlhofer, Schulz, Lykogiannis; Jeggo, Matic; Huspek, Hierländer, Horvath; Alar
Ersatz: Lück, Schoissengeyr, Potzmann, Dobras, Stankovic, Kienast/Edomwonyi /Zulechner

Fraglich: Edomwonji

Es wird ab 15:30 Uhr einen SturmNetz-Liveticker geben.

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6 Kommentare

  1. gabrielzoll sagt:

    Kienast nicht auf der Bank ?

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  2. black_aficionado sagt:

    Es kribbelt so richtig!!! Wurscht wie es ausgeht (Sieg wäre natürlich schon nicht schlecht 😉 ), aber diese Sturm Mannschaft wird sich morgen zerreißen, das spür ich förmlich. Gegen die Grünen hat der Einsatz zwar ohnehin meistens gepasst, aber mit der Stimmung die heuer endlich wieder um die Mannschaft herrscht kann etwas Entstehen 🙂

    Musste man in vergangenen Tagen an dieser Stelle noch einen Aufruf starten, morgen wird die Hütte voll sein und das Stadion brennen 🙂

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  3. Schworza99 Schworza99 sagt:

    @Sturmnetz

    Wird von euch ein Kommentar zur Liga Reform kommen? Heute wurde ja alles fixiert…

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  4. elceezed elceezed sagt:

    Ein weiterer neuzugang wird heute auf der Tribüne platz nehmen und die optik erheblich verbessern.

    https://www.instagram.com/heidi_zulechner/

    herzlich willkommen in graz

     

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  5. Arch Stanton sagt:

    Wunderbar, ich wär am liebsten jetzt schon im Stadion.

    Die mit öffentlichen Mitteln wettbewerbsverzerrenden Rapidler müssen, wir können, dürfen und wollen natürlich gewinnen.

    Könnt Ihr Euch noch an die eher pessimistischen Kommentare in den Wochen der emotionalen Leere der Meisterschaftspause erinnern? Und dann das, womit kaum einer gerechnet hat: Erster. Volles Haus. An Geisteskrankheit grenzende Vorfreude auf ein Spiel(!).

    Völlig egal wie dieses Spiel heute ausgeht:

    carpe fucking diem!!

     

     

     

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  6. GazzaII sagt:

    Guter Artikel ABER seichtes Puntigamer-Bier?  Der Panther/vom Fass wars schon immer einer meiner Favoriten, wennst dann seit einigen Jahren im Ausland lebst, ist das normale (wennst heimkommst)n aus super! 😉

    Hoffentlich wird das heute was, mein Gefühl ist nicht gut, aber wahrscheinlich vor allem deswegen weil ich noch immer nicht ganz glauben kann, dass unser Traumstart echt/nachhaltig ist!

    Auf die Schwoazn!!!

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