„Es geht nur mit Kontinuität!“

Das große Gespräch in der Winterpause der Sturm-Damen mit Mario Karner und Emily Cancienne (Teil 1/2)

Das ausführliche Gespräch zur Frauenfußball-Abteilung des SK Sturm wird in zwei Teilen veröffentlicht. Nach der Einleitung findet sich hier der erste Teil des Gesprächs.

Im Mai wird die Abteilung Frauenfußball beim SK Sturm neun Jahre alt und viel hat sich seitdem getan. Das Team hat sich im österreichischen Fußball etabliert. Immer wieder wechseln große Talente nach Graz (zuletzt Katja Wienerroither, 17, vom FC Bergheim) anstatt sich für den SKN St. Pölten zu entscheiden, wo das Bundeszentrum für Frauenfußball stationiert ist. Vieles spricht für die erfolgreiche Arbeit des Leiters der Damen, Mario Karner (37), der den Großteil seiner aktiven Karriere im Kader der SK Sturm Amateure verbrachte und später beim ASK Voitsberg in der Regionalliga über 50 Spiele machte. Für mehr als einen Einsatz bei der „Einser“ der Schwoazen reichte es leider nicht. Nichtsdestotrotz rollt der langjährige Sturm Graz-Funktionär nun den österreichischen Frauenfußball mit den Schwoazen auf, wo er die federführende Figur der ersten Dekade ist. Gemeinsam mit Christian Lang, dem Trainer, wurden in den letzten Jahren nicht nur die Weichen für fruchtbare und professionelle Arbeit gestellt, die auch sportlich zunehmend Früchte trägt, sondern auch Spielphilosophie und Kaderplanung überarbeitet. Seit fünf Jahren ist nun auch Emily Cancienne Teil des Teams und nach dem Karriereende von Torfrau Anna-Carina Kristler die aktive Spielerin mit den meisten Einsätzen für die Grazer. Über 100 Spiele hat Cancienne für den SK Sturm schon gemacht, was bei einer Liga, die nur 18 Runden hat, mehr als beeindruckend ist. Sie spielt nicht nur für Sturm, sondern bringt sich auch im Marketing und Sponsoring ein und coacht das österreichische Homeless WorldCup-Frauenteam, das bei den Herren Ex-Sturm-Spieler Gilbert Prilasnig leitet. Im großen Interview in der Winterpause stellt sie sich gemeinsam mit Mario Karner den Fragen von SturmNetz.

Die Ausgangslage für die SK Sturm Damen vor der Rückrunde in der Liga. | Screenshot: weltfussball.at

Neun Runden sind gespielt, Halbzeit in der Liga. Letztes Jahr beim Interview stand der SK Sturm auf Tabellenplatz zwei mit 24 Punkten und einem Torverhältnis von 35:7. Heuer ist Sturm am dritten Platz mit einem Torverhältnis von 24:11. Polemisch gefragt: Warum ist Sturm in diesem Jahr schlechter, oder sind die Gegnerinnen einfach besser geworden?

Mario Karner: Wir sind auch in diesem Jahr gut in die Saison gestartet, dank der Vorbereitung in Riga (Anm. CL-Qualifikation) und einigen Erfolgen in der Liga. Kipppunkt für mich war dann aber das Spiel gegen St. Pölten (Anm. 0:6-Niederlage), wo wir nach der Pause Leergeld bezahlen mussten. Fünf Gegentore in einer Halbzeit waren einfach zu hart. Vor allem in einer Meisterschaft, wo es am Ende oft auf das Torverhältnis ankommt, ob man Zweiter oder Dritter wird.

Emily Cancienne: Für mich ist ein Thema, dass wir als ganze Mannschaft nur ein Mal in der Woche zusammenkommen, weil viele unserer Spielerinnen in St. Pölten in der Akademie sind. Aber das war ja auch schon in den Jahren davor so.

Auch die Niederlage gegen Altenmarkt hat sehr geschmerzt (Anm. 0:2), weil wir den Anspruch haben, vorne mitzumischen. Die darf eigentlich nicht passieren, aber da sind viele Faktoren und eben auch Pech zusammengekommen.

Wie war die Stimmung nach dem Spiel gegen St. Pölten für euch in der Kabine?

EC: Humbling (Anm. Demütigend), wäre wohl das englische Wort, das mir dazu einfällt. Wir haben am Anfang der zweiten Hälfte nicht unsere Wucht auf den Platz gebracht, die bei einem Team wie SKN notwendig wäre und dann geht es sehr schnell. Die fahren dann wie die Eisenbahn drüber.

Kann es auch sein, dass ihr von St. Pölten einfach nicht mehr unterschätzt werdet? Habt ihr euch mehr Respekt erarbeitet?

MK: Ich glaube, viel hängt von der Spielweise ab. Früher war die Defensive im Fokus. Durch den Trainerwechsel mit Lang haben wir eben angefangen, auch gegen Gegnerinnen wie St. Pölten selbstbewusster aufzutreten. Wir versuchten, unser Spiel zu machen und wurden an diesem Tag kaltschnäuzig überrumpelt. Die Schwankungen mit den jungen Spielerinnen sind normal, auch wenn wir mit Emily und Stefanie (Anm. Kovacs) arrivierte Größen im Kader haben.

Trotzdem wirkt ihr gerade gegen am Papier schlechtere Gegnerinnen oft ideenlos und chancenarm. Woran liegt das?

MK: Die Liga ist enger und professioneller geworden. Zudem bekommen alle Teams alle Spiele als Video zur Vorbereitung zur Verfügung gestellt. Unsere Gegner können unser Spiel nun auch besser analysieren, aber unabhängig davon: Das letzte Drittel des Spielfeldes ist das entscheidende. Man muss technisch gut und präzise spielen. Die Spielerinnen müssen fit, ruhig und gut ausgebildet sein. Es braucht Spielerinnen, die da vorne auch Zielspielerinnen sind und Bälle verwerten.

Emily, wie nimmst du das als Führungsspielerin, die am Feld die anderen mitnimmt, wahr? Was hat sich verändert, was macht dir besonders Spaß und ist alles daran gut?

EC: Mit Chris (Anm. Lang) war die erste Saison sehr schwer, weil es gedauert hat, bis der Plan und die Theorie überall ankommt. Doch die Ziele und das Pressing griffen mit der Zeit und dadurch ist der Prozess immer besser und spaßiger geworden. Jetzt, drei Jahre später, stehen wir natürlich alle noch mehr dahinter.

Wie ist das mit den Neuzugängen?

EC: Ja, also ich denke es geht eigentlich recht schnell. Wir müssen das Feld für die Gegnerinnen klein machen, sie einschnüren und die Bälle erkämpfen. Nina (Anm. Predanic) und Katja (Anm. Wienerroither) werden uns da sehr helfen. Katja ist körperlich sehr stark und Nina schlägt tolle Flanken. Wenn wir die Automatismen drin haben, dann wird die Offensive im final third hoffentlich zu einer Maschine.

Warum hat es mit den englischsprachigen Neuzugängen in den letzten Jahren nicht so gut geklappt? Heather Seybert musste wegen Heimweh nach Hause, die beiden Kanadierinnen Habuda und Giantsopoulos sind jetzt im Winter wieder gegangen. Was kann man da verbessern?

MK: Also wir hatten da natürlich suboptimale Ausgangssituationen. Kat (Anm. Giantsopoulos) ist gekommen und hat sich in der Vorbereitung ein Band gerissen, verpasste dadurch Riga und den Start in die Saison. Habuda hat sich von Beginn an gut präsentiert, dann aber Knieprobleme bekommen. Sie waren beide topfit, aber im Nachhinein hat es von der Mentalität nicht so gepasst. Die Startelf muss man sich auch erkämpfen, wenn es mal nicht so läuft. Unser Kader hat mittlerweile mehr Qualität. Die Jungen haben mehr Gas gegeben als die Legionärinnen, die eigentlich Vorbilder sein sollten.

EC: Heather (Anm. Seybert) hätte gepasst. Sie war technisch unfassbar gut und cool am Ball. Leider war das mit dem Heimweh nicht zu überbrücken.

MK: Wir arbeiten an der Professionalität und werden in der Zukunft keine Spielerinnen mehr verpflichten, die wir nicht in Graz zur Beobachtung hatten, um sie vor Ort zu überzeugen. Gerade Nina Predanic ist in dieser Hinsicht unser erster Schritt in diese Richtung.

Im Herbst hoffte man noch auf eine erfolgreiche Nordamerika-Connection | Foto: Bella Habuda, Instagram

Katja Wienerroither ist ja ein absoluter Toptransfer, wenn man sieht, dass sie erst 17 Jahre alt ist. Bereits im U19-Team eine fixe Größe und an der Schwelle zum A-Team – wie konnte das im Winter so schnell gehen?

MK: Sie kommt aus einem sehr familiären Rahmen und hat beim FC Bergheim tolle Voraussetzungen gehabt, um an die Bundesliga herangeführt zu werden. Im Winter kam der Kontakt von ihr, weil der Wechsel eigentlich erst für den Sommer angedacht war. An dieser Stelle müssen wir auch nochmal dem FC Bergheim für die kooperative Zusammenarbeit im Sinne der Spielerin danken. Für die anstehende Quali ist das nun auch eine gute Situation für den ÖFB.

Die Pause zwischen Herbst und Frühjahr ist bei den Frauen sehr lang. Habt ihr in diesem Winter etwas in der Vorbereitung geändert?

EC: Wir haben nun einen neuen Athletik-Coach und eine neue Physio. Da gibt es schon ein paar Dinge.

MK: Wir haben infrastrukturell einiges verändert. Den Post-Platz mussten wir herrichten, wir haben nun Frühtrainingseinheiten in Messendorf und in der Halle. Die Möglichkeiten sind einfach, was Staff und Räumlichkeiten angeht, ein bisschen optimiert worden.

Heißt das, dass das Budget erhöht wurde?

MK: Budgettechnisch sind wir in den letzten Jahren immer gleich. Man muss abwägen, wo man mehr investiert und wo weniger. Da ist die Zusammenlegung mit der Frauenakademie eine Verbesserung des Handlungsspielraums gewesen. An Quantität dürften wir mit dem gesamten Programm den Männern nun nicht mehr viel hinten nach sein.
2019 war ein Meilenstein für Graz, der uns nun die Arbeit erleichtert. Jetzt können wir uns darauf fokussieren, die Identifikation mit dem Verein nach vorne zu treiben und Frauenfußball in Graz noch besser zu verankern.

Emily, du bist über Dinamo Zagreb vor fünf Jahren zu Sturm gekommen. Bist du im Verein eine Ausnahmeerscheinung, wo doch viele junge Spielerinnen nur kurz bei Sturm bleiben?

EC: Ich bin ein großer Fan vom Image-Branding – wofür Sturm steht. Deshalb gefällt mir das Leitbild auch so gut. Wenn wir die Verbindung mit der Stadt, mit der Gesellschaft schaffen, mit unserem Einsatz, unserem Spiel und der Leidenschaft, dann werden wir auch die Begeisterung für die SK Sturm Frauen stark steigern können.
Ich glaube, wenn wir wie eine Familie auftreten – one heart, one team – dann kann das klappen. Als ich hergekommen bin, hatten wir drei Trainings pro Woche. Du (Anm. Mario Karner) warst noch oft Co-Trainer des zweiten Teams, hast die athletischen Übungseinheiten geleitet…

Du hast also wirklich die gesamte Entwicklung miterlebt.

EC: Ja, es ist unglaublich. Wenn ich schaue, wo wir waren und wo wir jetzt sind … Es geht steil bergauf und es ist wirklich cool und spannend, genau jetzt im österreichischen Frauenfußball dabei zu sein.

Trotzdem: Wird Emily Cancienne eine Ausnahmeerscheinung bleiben und die SK Sturm Frauen weiter nur ein Durchlaufposten für talentierte Spielerinnen sein?

MK: Wenn wir den Weg, den wir seit einigen Jahren gehen, so weitergehen, dann wird diese Basis samt den sportlichen Aussichten, bei einem österreichischen Spitzenteam immer wieder um Titel spielen zu können und sich für das Nationalteam zu empfehlen, bestimmt viele Spielerinnen davon überzeugen, länger in Graz zu bleiben. Es ist nicht immer der richtige Schritt, sofort ins Ausland zu gehen, nur weil man sich mit 19, 20 Jahren denkt „ich bin schon so gut – in Österreich ist ziemlich viel weitergegangen“.

In der Vereinskantine zwischen vielen Trophäen fand unser frühlingshaftes Wintergespräch statt. | Foto: privat

Trotz aller medialer Präsenz und gerade auch den Vorteilen der Unmittelbarkeit von Social Media lechzen alle bei den Männern wie bei den Frauen nach Identifikationsfiguren, die einem Verein den Stempel aufdrücken. Ist es da nicht vielleicht eher ungünstig, Leihspieler zu verpflichten, die sportlich vielleicht weiterhelfen, aber nach kurzer Zeit schon wieder weiterziehen?

MK: Ich muss sagen, dass wir bei den Frauen so viel zu tun haben, dass ich mich da bei den Herren nicht einmischen möchte. Gerne gehe ich zu spielen, um mich emotionalisieren zu lassen, aber diesbezüglich bin ich zu weit weg und auch zu eingespannt, um ein ordentliches Urteil abzugeben.

Aber würdest du sagen, dass du, um die Dominanz von St. Pölten zu brechen, ein paar gute Spielerinnen für ein Jahr leihen möchtest?

MK: Nein, auf keinen Fall. Das geht ja komplett auf die strategische Entwicklung. Diese Kurzfristigkeit – so denke ich nicht. Ich bin hier seit neun Jahren dabei und es geht nur mit Kontinuität. Das fängt beim Trainer, beim Staff an und erst, wenn ich eine gewisse Kontinuität habe, kann ich etwas implementieren.

EC: Voll, das kann ich bestätigen.

MK: Wir haben diese Zeit, die es für so etwas braucht, und ich glaube, dass es im Herrenfußball schwerer ist, weil viele wirtschaftliche Faktoren im Hintergrund viel Einfluss nehmen.

Hier geht’s zum zweiten Teil des Interviews.

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