„Ein Vorzeige-Profi, und noch wichtiger, ein Vorzeige-Mensch“

Für eine ganze Generation an Sturmfans war Walter Saria der Sturmtorhüter schlechthin: Immerhin ließ der in St. Peter am Ottersbach geborene Goalie zwischen April 1977 und Mai 1986 gar nur zehn Pflichtspiele aus. Saria war durch und durch schwarz-weiß, ein anderer Verein kam für ihn gar nie in Frage. Vor einigen Jahren durfte ich mit mit unserem Idol aus der Kindheit ein Interview führen. Eine gewisse Anspannung war natürlich da, doch als Saria mich mit den Worten „Ich bin der Walter“ begrüßte, war diese schnell verflogen. Mir bleibt ein irrsinnig sympathischer, trotz aller sportlichen Erfolge so wohltuend bescheidener Mensch in Erinnerung, wie ich es in vielen Interviews – wohlgemerkt mit sehr vielen angenehmen und nur sehr wenigen unliebsamen Menschen – nie zuvor und nie danach erlebt habe. Am vergangenen Mittwoch ist Walter Saria – für viele unerwartet, für alle viel zu früh – verstorben. Heute hätte er seinen 66. Geburtstag gefeiert. Wir haben aus diesem Anlass alte Weggefährten gebeten, uns von Walters sportlichem Schaffen und seinem einzigartigem Naturell zu erzählen:

Walter Saria in einer bummvollen Grazer Gruabn (c) Foto Fischer/SK Sturm Graz

Franz Feirer (246 Bundesliga-Spiele für Sturm): Wir sind natürlich alle sehr traurig, mit Walter einen ganz Großen verloren zu haben. Er war eine echte Konstante im Tor, sportlich vielseitig und immer topfit. Ich glaube, diese Einstellung zum Sport und zur Bewegung im Allgemeinen, war Grund dafür, dass er zeit seiner Karriere so selten verletzt war. Ich persönlich kann mich an einen Moment besonders erinnern: Gewisse Medien wollten Walter damals immer eine „Nachtblindheit“ unterstellen, sie meinten, bei Flutlicht, habe er Schwächen. Auf der Gugl haben wir dann einmal am Abend gespielt, ich weiß nicht mehr ganz genau, in welchem Jahr, aber jedenfalls hatte Walter dort wieder einmal einen echten Sterntag und hat alles gehalten. Darüber hat er sich gefreut, war es doch eine Genugtuung für ihn, dieses Vorurteil zu widerlegen. Walter war ein ruhiger, bescheidener Typ. Vielleicht war dies beim Thema Nationalteam etwas hinderlich, denn er hätte sich so manche Berufung hundertprozentig verdient. 

Heinz Thonhofer (langjähriger Sturmkapitän in den 80ern): Walter Saria war zu unserer gemeinsamen Sturm-Zeit die absolute Nummer 1. Er zeigte kontinuierlich Topleistungen, ohne sich jemals hervorzuheben. Er war trotzdem immer ein Führungsspieler, ist dabei aber stets unglaublich sympathisch geblieben. Er war DER Faktor für den Einzug ins UEFA-Cup-Viertelfinale. Und er hat damals – lange vor Faröer-Goalie Knudsen – die Zipfelhaube salonfähig gemacht. Ich werde dieses Match, damals gegen Leipzig auf Schneeboden nie vergessen, als Walter mit diesem schwarz-weißen Ding auf dem Kopf auf das Feld gelaufen ist. 

Sarias letztes Jahr in Schwarz-Weiß: Aufgrund einer Personalnot half er auch in der U-21 aus (c) Johann Dietrich

Michael Paal (Zusammen mit Otto Konrad Saria-Nachfolger bei Sturm): Ich kann nur das Allerbeste über Walter sagen: Er hat mich gefördert, unterstützt und mir den Rücken frei gehalten. Er war für mich stets ein echtes Vorbild. Er war ein Vorzeige-Profi und noch wichtiger – ein Vorzeige-Mensch. Einmal hat er sogar in Kauf genommen, sich selbst einen „Trainingsrückstand“ zu attestieren, nur um mich zu fördern, nur, damit ich bei Sturm auch einmal die Chance als Einser-Goalie bekomme. In Wahrheit hätte natürlich er spielen müssen, er wollte mich einfach in der Entwicklung zu einem Bundesligatorhüter so gut es ging unterstützen. Zeit meiner Karriere und auch danach habe ich diesem einzigartigen Menschen die allerhöchste Wertschätzung entgegengebracht.

Herbert Troger (Sturmhistoriker): Eine Anekdote, die zeigt, wie Walter Saria getickt hat: Am 4. Juni 1977 lag Sturm unter Trainer-Sir Karl Schlechta auf Platz 9 in der Zehnerliga – drei Runden vor Schluss, der Tabellenletzte Salzburg nur vier Punkte hinter uns. Sturm spielte gegen die Vienna, in Minute 70 erzielte Walter Gruber das erlösende 1:0 für Sturm. Doch in der 90. Minute gab der damalige Starschiri Erich Linemayr Elfer für die Wiener. Poindl trat an, doch Saria hielt. Im Gegenzug erzielte Hubsi Kulmer das 2:0. Die Sturmfans – aller Abstiegssorgen nun entledigt – stürmten den Platz und Saria wurde auf Heri Webers und Mandy Steiners Schultern vom Platz getragen. Doch in den Katakomben wehrte unser Torhüter alle Ehrdarbietungen ab und meinte: „Was zählt ist nur die Mannschaft und dieser Sieg.“

Kurt Grössinger (Sturmspieler zwischen 1972 und 1985): Walter war ein klasser Bursch, ein selten umgänglicher Mensch, den wirklich alle gemocht haben. Er war für einen Torhüter nicht der Allergrößte, aber er hatte eine enorme Sprungkraft. Walter war der Einzige in unserer Mannschaft, der einen Rückwärtssalto aus dem Stand machen konnte. Oft genug hat er für uns Spiele entschieden, an eine Szene jedoch kann ich mich auch noch erinnern: Wir haben im alten Liebenauer-Stadion gegen Wacker Innsbruck gespielt, Rückpassregel gab es noch keine, Walter hat die Kugel mit den Händen aufgenommen und sie runtergelegt. Als er den Ball jedoch wieder aufheben wollte, hat er die Kugel unabsichtlich weggespitzelt, direkt zu Innsbruck Stürmer Alfred Roscher. Der hat dann den Ball nur noch ins leere Tor schieben müssen. Das war doch sehr kurios. Aber: Niemand von uns hat dem Walter auch nur einen Vorwurf gemacht, wir waren ein eingeschworenes Team, das hat uns damals ja ausgezeichnet. Bis zuletzt haben wir noch zusammen in Gratkorn Tennis gespielt: Wie beim Fußball – wo er auf der Linie ja fast nicht zu bezwingen war, um die hohen Bälle von den Außenpositionen haben ohnehin wir Innenverteidiger uns gekümmert – war er reaktionsschnell und wenn er ans Netz stürmte, brachte man den Ball kaum an ihm vorbei. Im letzten Sommer haben wir alle Walter noch einmal bei ihm daheim in der Mantscha besucht. Er hat sich irrsinnig darüber gefreut, wir haben die alten Geschichten noch einmal aufgewärmt und hatten dabei einen riesen Spaß. So werde ich Walter für immer in Erinnerung behalten. 

Walter Hörmann, Franz Feirer und Kurt Grössinger zu Gast bei Walter Saria im Sommer 2020 (c) Privat

Walter Kowatsch-Schwarz (France Football Korrespondent und steirische Journalistenlegende): Noch im September vergangenen Jahres hat mir Walter erzählt, dass er bei einem einwöchigen Tirol-Urlaub wieder Mut getankt hat, um gegen seine Krankheit anzukämpfen. Er blickte optimistisch in die Zukunft und berichtete mir von einer 20-Kilometer-Wanderung, die er  problemlos absolviert hatte. Leider wollte es das Schicksal nun anders. Ich sehe ihn noch vor mir, meist in schwarzer Hose und gelbem Leiberl, die markante, weiße Strähne – übrigens kein Torhüter-Spleen, sondern schon als Maturant ersichtlich -, die „Saria…..Walter“-Rufe von den Rängen. Und wie er so den Fans zuwinkte. Er war zusammen mit Gernot Jurtin, Andy Pichler, Hubert Kulmer und Manfred Steiner das Herzstück der erfolgreichsten Sturm-Mannschaft vor der Osim-Ära, und allesamt waren sie aus der steirischen Landesliga geholt worden. Walter bemängelte stets, dass unter Kartnig, das Herz der Sturmfamilie dem Geschäftssinn untergeordnet wurde. Und er liebte seine Arbeit in der Grazer Burg, als „Herr Oberamtsrat“ im Amt der Steiermärkischen Landesregierung, wo er für die Landes- und Gemeindeentwicklung zuständig war, seine Birgit und die beiden Kinder, sowie seine Tätigkeit als Turnierleiter beim Steirischen Tennisverband. Von der legendären Sturm-Mannschaft um die 80er-Jahre sind nun schon so viele gegangen. Andy Pichler, der langjährige Kapitän dieser Mannschaft, hat mir bereits beim Tod von Mandi Steiner gesagt: „Leider kann ich darüber nicht mehr viele meiner ehemaligen Mannschaftskollegen verständigen.“

Eine der vielen vereinsinternen Ehrungen für den Langzeittorhüter im Jahr 1979 (c) Foto Fischer/SK Sturm Graz 

Dr. Günther Paulitsch (Ehemaliger Nationalteamtorhüter und Sturmtrainer zwischen 1977 und 1979): Saria zum Stammtorhüter zu machen, war sicher eine meiner besten Entscheidungen. Ich hatte damals ja mit Fritz Benko, Franco Moser und Walter Saria ein Überangebot an guten Torhütern. Zudem hab ich mit Benko ja noch gemeinsam gespielt, Moser, der aus St.Veit zu Sturm gekommen ist, war auch überaus talentiert. Aber der Walter hat so gut gespielt, dass die beiden anderen vom Bankerlsitzen schon Hühneraugen am Hintern hatten. Er war dermaßen konstant, dass es nie einen Grund gab, etwas an der Torhüterposition zu ändern. Zwar war er in dieser Phase noch kein Führungsspieler, aber der ruhende Pol und die Verlässlichkeit in Person schlechthin. Im Nachhinein kann man aber auch sagen: Walter hat diesen Druck von guten Ersatzleuten gebraucht. Und er war einer der Hauptgründe, dass sich die Mannschaft – wie ich es immer sage – zu Tode gesiegt hatte. Die Spieler hatten damals ein Fixum von 1.500 Schilling brutto, richtig verdienen konnte man nur durch die Punkteprämien. In meinen ersten beiden Jahren haben wir ja fast immer gewonnen, Zuschauer sind deswegen aber nicht mehr gekommen, denn mehr als voll ging in Liebenau ja nicht. Auch Sponsor Durisol zahlte damals nur die – an heutigen Maßstäben gemessene – lächerliche Summe von 750.000 Schilling jährlich. Daher mussten wir uns nach diesen beiden Jahren von Leistungsträgern wie Heribert Weber, aber auch von Ergänzungsspielern trennen, zu groß war der finanzielle Engpass. Dass er nie im Nationalteam spielte, lag sicher auch daran, dass mit Ausnahme von Bela Guttmann – unter dem ich als kleiner Sturmtorhüter zweimal einen Nationalteampullover tragen durfte – die ganze Sache immer sehr wienlastig war. Aber auch daran, dass Österreich mit Koncilia, Lindenberger und Fuchsbichler über drei hervorragende Schlussmänner verfügte. Auch nach meiner Trainerzeit bei Sturm blieb der Kontakt zu Walter und meinen anderen Spielern stets aufrecht. Mitte der 80er haben wir sogar ein Tennisturnier beim Walter in der Mantscha veranstaltet. Es wurden Doppelpartner gelost, der Zufall ergab, dass ich mit Gernot Fraydl (Anm: Sturmtrainer zwischen 1982 und 1984) ein Paar bildete. Was soll ich sagen: Wir haben jede Partie gewonnen. Die Spieler wollten das nicht hinnehmen, stellten das aus ihrer Sicht mit Gernot Jurtin und Walter Saria stärkste Duo zusammen, und forderten eine Revanche. Wir spielten einen langen Satz und beim Stand von 7:0 sagte ich zu Fraydl: „Jetzt müssen wir den beiden wenigstens ein paar Games lassen, sonst ist die Stimmung im Keller.“ Die Kosten für das anschließende Essen haben wir alle zusammengelegt, für Wein und Schampus jedoch, mussten die Spieler geradestehen. Das war Ehrensache.

Otto Konrad (Sturm- und Austria Salzburg-Legende): Als Berufsschüler bin ich 1981 mit einer selbstgenähten Sturmfahne zum meisterschaftsentscheidenden Spiel gegen Rapid nach Liebenau gegangen und hab mir schon ausgemalt, was ich alles aufführen werde, wenn Sturm den Titel holt. Ich sah mich schon mit dem Sturmtrikot am nächsten Tag die Schulbank drücken. Die damaligen Spieler waren meine Helden, natürlich auch der Torhüter: Walter Saria. Er war mein erstes Vorbild und hat mich inspiriert. Bis zu meinem 16. Lebensjahr war ich ja Feldspieler, auch dank ihm hab ich mich erst zwischen die Pfosten gestellt. Drei Jahre später war ich dann schon in Nottingham mit von der Partie, vor dem Rückspiel hat sich Walter am Finger verletzt und ich wäre fast zu meinem ersten Einsatz gekommen. Es stand bis knapp vor Schluss nicht fest, ob Saria spielen wird können. Später wurden wir dann Konkurrenten, wobei Walter mich das nie spüren hat lassen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass so ein Verhalten heutzutage nicht mehr funktionieren würde. Er war immer fair zu mir, wenngleich da schon ein gewisse Konkurrenzsituation bestand. Das werde ich ihm immer hoch anrechnen. Eigentlich gab es für einen zweiten Torhüter neben Walter Saria nie die Chance, auch spielen zu dürfen. Ich kann mich auch an keine „deppaten“ Tore erinnern, die er in dieser Phase jemals bekommen hätte. Erst als Walter gegen Ende seiner Profikarriere überhaupt zum ersten Mal verletzt war, kam ich in Dornbach gegen den Wiener Sportklub zum Zug. Ich war jung und hatte den Drang nach oben. Trotzdem hab ich von ihm sehr viel Wertschätzung erfahren. Mein erstes großes Vorbild ist leise gegangen. 

 

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1 Kommentar

  1. 12terMann sagt:

    Danke für diesen Bericht und die Statements der ehemaligen Mitspieler. Man fühlt beim Lesen richtig, was für ein angenehmer Zeitgenosse Walter Saria war. Noch viel mehr kommt hervor, wie sehr er durch und durch ein echter Schwoazer war.
    Mit Walter Saria hat uns eine weitere, großartige Vereinslegende verlassen. Saria hat die Einladungen zu Veranstaltungen immer sehr gerne angenommen und war Sturm bis zum Schluss stets verbunden.

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