Ein Trainer ohne Mannschaft

„Um die Gegenwart zu verstehen, muss man die Geschichte kennen.“ Genau aus diesem Grund blicken wir von SturmNetz.at in regelmäßigen Abständen zurück in die Historie eines Vereines, der so viele Hochs und Tiefs überwunden hat, wie wohl nur wenige andere Klubs, der beispielsweise einst europaweit für Furore sorgte und danach finanziell in der Gosse landete. Ivica Osim brachte es wunderbar auf den Punkt: „Sturm deckt alles was schwarz ist in meinem Leben. Alles was weiß ist aber auch.“ Wir erzählen in dieser Rubrik „Gschichtn“, stürmische Gschichtn eben. 

(c) Foto Fischer Graz / SK Sturm

August Starek, den alle nur den „Schwarzen Gustl“ nannten, sorgte in Graz nicht nur für so manche Schnurre, auch bereits seine Bestellung im Jahr 1989 war – jedoch ohne sein Zutun – ziemlich spektakulär: Denn sechs Tage vor dem Saisonstart pokerte sein Vorgänger Otto Baric zu hoch und fordert einen gut dotierten Anschlussvertrag als Nachwuchschef. Obmann Werner Mörth ließ sich aber nicht erpressen und deswegen rauschte der spätere Salzburg-Erfolgscoach zwei Tage danach Richtung Steyr auf und davon. Bereits am selben Nachmittag trainierte Starek in Messendorf mit dem Sturm-Kader. Weitere 96 Stunden später bezwingt man die Admira durch ein Graf-Eigentor, einen Feirer-Elfmeter und einen Holzer-Treffer in der Gruabn mit 3:0. Stareks erste Saison auf der schwarz-weißen Betreuerbank sollte mit einem zufriedenstellenden fünften Bundesliga-Endrang enden. 

Spektakulärer Start im WM-Jahr

Der Sommer 1990 bleibt für viele steirische Fußballfans ein unvergessener. Nach den bei der Weltmeisterschaft in Italien dargebotenen Schmankerln gibt’s nun wieder Hausmannskost, sprich österreichische Bundesliga. Mit einer, dank der Zugänge Goran Radojevic aus Jugoslawien, Sigurd Kristensen aus Dänemark und dem Ex-Admiraner Michael Gruber, kompakten Truppe startet Sturm sensationell. In den ersten sechs Meisterschaftsspielen gelingen klare Heimsiege gegen Austria Salzburg oder der Millionenelf vom FC Tirol und auswärts reicht es immerhin zu zwei Remis in Wien gegen die Austria und Rapid. Am 24. August hat dann die italienische Lebensfreude endgültig die Gruabn erreicht: DSV Alpine wird mit 6:1 vom Platz gefegt, Otto Konrad erzielt aus einem Elfmeter das 4:0 und tanzt an der Eckfahne – linkerhand  der alten Holztribüne – in Anlehnung an den Publikumsliebling der WM, Roger Milla aus Kamerun, Lambada.

Unvergessen. Jeder auf diesem Foto strahlte damals mit Otto Konrad um die Wette. (c) Foto Fischer Graz / SK Sturm

Doch wie so oft in der Historie von Sturm kommt nach kurzer Zeit des Jubelns alsbald die Depression. In Runde sieben gastieren die Blackies bei der Admira in der Südstadt. In einem furchtbar zerfahrenen Spiel bringt Gerald Glatzmayer die Niederösterreicher in Minute 58 in Front und beendet damit die 488 Minuten anhaltende Tor-Sperre von Sturm-Goalie Otto Konrad. Doch es sollte noch dicker kommen:

Die Admira agiert überhart, ja brutal, und tritt nach allem was noch steht. In der 80. Minute verpasst Ernst Ogris – sein Bruder Andi galt im Vergleich zu ihm noch als echter Feingeist, ja fast als Philosoph – Sturmverteidiger Walter Kogler einen Ellbogencheck. Mit vollster Absicht und ohne Konsequenzen. Trainer Gustl Starek – bekannt unter anderem dadurch, dass er einst am Innsbrucker Tivoli den Heimfans das nackten Hinterteil entgegenstreckte – rastet völlig aus. Er sprintet an die Outlinie, schnappt sich die Auswechslungstafel und schleudert diese wutentbrannt auf das Spielfeld. Der völlig überforderte Schiedsrichter Felder verweist den „Schwarzen Gustl“ auf die Tribüne, doch dieser lässt sich nicht beruhigen. Erst als der Referee mit einem Spielabbruch droht, gibt Starek nach.

(c) SturmNetz.at

Trainer August Starek im Zwiegespräch mit seinem „verlängerten Arm“ am Spielfeld, Mischa Petrovic                                              (c) Johann Dietrich

Der damalige Sturm-Obmann Hugo Egger ist über dieses „vereinsschädigende“  Verhalten des Trainers „not amused“ und entlässt Starek. Und schnell ist auch schon ein Nachfolger bei der Hand: Sportmanager Kjeld Seneca holt den ehemaligen Bayern München Spieler und Co-Trainer Werner Olk nach Graz und präsentiert ihn als neuen Coach. Unbestritten ein absoluter Fachmann. Sozusagen der Dirk Schuster der frühen 80er-Jahre, denn er war der letzte vor Schuster, dem es gelang, den SV Darmstadt in die Bundesliga zu führen. 1981 war das ein um keinen Deut kleineres Wunder als 2015. Doch für frühere Erfolge von Olk interessierte sich rund um die Gruabn niemand.

Erster Generalstreik in Schwarz-Weiß

Der Grazer Anhang und vor allem die Spieler wollten Gustl Starek zurück. Schließlich wollte der Trainer seine Spieler in der Südstadt nur vor weiteren Verletzungen schützen. Und so gab es den ersten amtlich bekannten Spielerstreik in der Geschichte von Sturm Graz. Der gesamte Kader erschien zwar brav zum Training, doch es zog sich niemand um. Initiator dieser Aktion war Kapitän Heinz Thonhofer, als Pressesprecher fungierte, wie sollte es anders sein, Otto Konrad. Zwei Tage hielt dieser Zustand an, bis Hugo Egger nachgab. Zu groß wurde der öffentliche Druck. 72 Stunden nach dem Skandal in der Südstadt, war August Starek wieder retour am Trainerstuhl. Mit glasigen Augen bedankte er sich mit Handschlag bei jedem einzelnen Spieler: „I bin stulz auf eich, des hots in Österreich noch nie gebn.“

Günther Koschak, Didi Pegam, Kurt Temm und Goran Radojevic im Sommer 1990 in der Grazer Gruabn (c) Johann Dietrich

Zwar verlor Sturm auch an diesem Tag – 0:1 gegen die Vienna auf der Hohen Warte – doch der bei diesem Spiel auf der Tribüne sitzende Werner Olk fuhr noch am selben Tag heim nach München. Die damaligen Sturmspieler haben ihn nie zu Gesicht bekommen. Nur ein Fernsehinterview, in dem er als neuer Trainer am Jakominigürtel vorgestellt wurde, bleibt im Gedächtnis.

Sportlich war dieser Streik auf alle Fälle ein sinnvoller. Sturm spielte unter Trainer Gustl Starek eine großartige Saison und konnte sich am Ende mit Platz drei sogar noch für den UEFA-Pokal qualifizieren. Als man in der Folgesaison nach dem Europacup-Aus gegen den FC Utrecht auch in der heimischen Liga nicht mehr in die Gänge kommt, trennen sich die Wege des SK Sturm und August Starek nach 96 Pflichtspielen zu Allerheiligen 1991. 

August Starek war als Aktiver einer der erfolgreichsten österreichischen Fußballer der „Vor-Cordoba-Ära“. Der 22-fache Nationalteamspieler wechselte 1967 zum 1. FC Nürnberg und wurde dort auf Anhieb Deutscher Meister. Als er nach nur einer Saison die Franken Richtung Bayern München verließ, stieg der „Klub“ als amtierender Meister ab. Einzigartig im deutschen Profifußball. Bei den Bayern avancierte Starek zum Mittelfeld-Regisseur und holte das Double. An der Säbener-Straße damals noch alles Andere als Normalität. 1971 kehrte er zu Rapid zurück und spielte auch noch für den LASK, dem Wiener Sportklub und für die Vienna. Als Trainer war er neben Sturm auch noch bei der Admira, in Salzburg, dem GAK, bei der Austria und bei Rapid Wien tätig. Heute genießt er den Ruhestand und bereist die Welt mit Golftasche.

Unser Dank gilt den „Zeitzeugen“ Günther Koschak und Kjeld Seneca für ihre authentischen Schilderungen.

 

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8 Kommentare

  1. realistic sagt:

    traumhaft!! Ja ja die guuuten alten Zeiten. Schen warens die 90er. Und die Leut hatten noch Anstand!!

    +4
  2. zilkowicht sagt:

    obwohl man natürlich schon erwähnt lassen muss, dass dieser august starek schon desöfteren durch pietätlose Aktionen aufgefallen ist!

    Ansonsten natürlich wieder mal ein sehr sehr gelungener Text!

    +7
  3. mahoni sagt:

    Super Artikel! Der Starek nach seiner Entlassung: „Einmal im Monat fahre ich nach Graz und hole mir meine 170000 Schilling ab, es gibt Schlimmeres.“

    +5
  4. Helmut Pi sagt:

    lol, der „Feingeist und Philosoph Andi Ogris…“…grossartig!

    +8
  5. Neukirchner sagt:

    Der Gustl war immer für einen Aufreger gut…Man erinnere sich nur an seinen ewigen Clinch mit Hans Krankl als dessen Nachfolger bei Rapid. Toller Artikel!

    +5
  6. flachzange sagt:

    Beste G’schicht. Dank euch!

    +6
  7. Reinhold sagt:

    Großartige Retrospektive.
    Detail am Rande: ein Jahr später, wieder in der Südstadt.
    Nach der 1:3 Niederlage gegen Admira war Gustl Starek seinen Trainerjob bei Sturm los, und dieses Mal endgültig. Noch im Kabinengang wurde er von Charly Temmel (Präsident) über seine sofortige Beurlaubung informiert, trat dann die Rückfahrt nach Graz gar nicht mehr an. Er blieb jedoch auf der Gehaltsliste, da sich Sturm eine sofortige Abfertigung damals nicht leisten konnte, und sollte dann Johann K. als Rapid-Trainer folgen.

    +6
  8. Arch Stanton sagt:

    Wunderschöne Geschichte, großartig erzählt!
    Balsam nach dem gestrigen Spiel.
    Danke, Günter!
    Danke, sturmnetz!

    +6

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