Ein Trainer ohne Mannschaft

„Um die Gegenwart zu verstehen, muss man die Geschichte kennen.“ Genau aus diesem Grund blicken wir von SturmNetz.at in regelmäßigen Abständen zurück in die Historie eines Vereines, der so viele Hochs und Tiefs überwunden hat, wie wohl nur wenige andere Klubs, der beispielsweise einst europaweit für Furore sorgte und danach finanziell in der Gosse landete. Ivica Osim brachte es wunderbar auf den Punkt: „Sturm deckt alles was schwarz ist in meinem Leben. Alles was weiß ist aber auch.“ Wir erzählen in dieser Rubrik „Gschichtn“, stürmische Gschichtn eben. 

Der Sommer 1990 bleibt für viele steirische Fußballfans ein unvergessener. Nach den bei der Weltmeisterschaft in Italien dargebotenen Schmankerln gibt’s nun wieder Hausmannskost, sprich österreichische Bundesliga. Mit einer, dank der Zugänge Goran Radojevic aus Jugoslawien, Sigurd Kristensen aus Dänemark und dem Ex-Admiraner Michael Gruber, kompakten Truppe startet Sturm sensationell. In den ersten sechs Meisterschaftsspielen gibt es beispielsweise klare Heimsiege gegen Austria Salzburg oder der Millionenelf vom FC Tirol und auswärts reicht es immerhin zu zwei Remis in Wien gegen die Austria und Rapid. Am 24. August hat dann die italienische Lebensfreude endgültig die Gruabn erreicht: DSV Alpine wird mit 6:1 vom Platz gefegt, Otto Konrad erzielt aus einem Elfmeter das 4:0 und tanzt an der Eckfahne – linkerhand  der alten Holztribüne – in Anlehnung an den Publikumsliebling der WM, Roger Milla aus Kamerun, Lambada.

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Günther Koschak, Didi Pegam, Michael Temm und Goran Radojevic beim Torjubel im Sommer 1990 in der Gruabn  (c) Johann Dietrich

Doch wie so oft in der Historie von Sturm kommt nach kurzer Zeit des Jubelns alsbald die Depression. In Runde sieben gastieren die Blackies bei der Admira in der Südstadt. In einem furchtbar zerfahrenen Spiel bringt Gerald Glatzmayer die Niederösterreicher in Minute 58 in Front und beendet damit die 488 Minuten anhaltende Tor-Sperre von Sturm-Goalie Otto Konrad. Doch es sollte noch dicker kommen:

Die Admira agiert überhart, ja brutal, und tritt nach allem was noch steht. In der 80. Minute verpasst Ernst Ogris – sein Bruder Andi galt im Vergleich zu ihm noch als echter Feingeist, ja fast als Philosoph – Sturmverteidiger Walter Kogler einen Ellbogencheck. Mit vollster Absicht und ohne Konsequenzen. Trainer Gustl Starek – bekannt unter anderem dadurch, dass er einst am Innsbrucker Tivoli den Heimfans den nackten Hinterteil entgegenstreckte – rastet völlig aus. Er sprintet an die Outlinie, schnappt sich die Auswechslungstafel und schleudert diese wutentbrannt auf das Spielfeld. Der völlig überforderte Schiedsrichter Felder verweist den „schwarzen Gustl“ auf die Tribüne, doch dieser lässt sich nicht beruhigen. Erst als der Referee mit einem Spielabbruch droht, gibt Starek nach.

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Trainer August Starek im Zwiegespräch mit seinem „verlängerten Arm“ am Spielfeld, Mischa Petrovic                                              (c) Johann Dietrich

Der damalige Sturm-Obmann Hugo Egger ist über dieses „vereinsschädigende“  Verhalten des Trainers „not amused“ und entlässt Starek. Und schnell ist auch schon ein Nachfolger bei der Hand: Sportmanager Kjeld Seneca holt den ehemaligen Bayern München Spieler und Co-Trainer Werner Olk nach Graz und präsentiert ihn als neuen Coach. Unbestritten ein absoluter Fachmann. Sozusagen der Dirk Schuster der frühen 80er-Jahre, denn er war der letzte vor Schuster, dem es gelang, den SV Darmstadt in die Bundesliga zu führen. 1981 war das ein um keinen Deut kleineres Wunder als 2015. Doch für frühere Erfolge von Olk interessierte sich rund um die Gruabn niemand.

Der Grazer Anhang und vor allem die Spieler wollten Gustl Starek zurück. Schließlich wollte der Trainer seine Spieler in der Südstadt nur vor weiteren Verletzungen schützen. Und so gab es den ersten amtlich bekannten Spielerstreik in der Geschichte von Sturm Graz. Der gesamte Kader erschien zwar brav zum Training, doch es zog sich niemand um. Initiator dieser Aktion war Kapitän Heinz Thonhofer, als Pressesprecher fungierte, wie sollte es anders sein, Otto Konrad. Zwei Tage hielt dieser Zustand an, bis Hugo Egger nachgab. Zu groß wurde der öffentliche Druck. 72 Stunden nach dem Skandal in der Südstadt, war August Starek wieder retour am Trainerstuhl. Mit glasigen Augen bedankte er sich mit Handschlag bei jedem einzelnen Spieler: „I bin stulz auf eich, des hots in Österreich noch nie gebn.“

Zwar verlor Sturm auch an diesem Tag – 0:1 gegen die Vienna auf der Hohen Warte – doch der bei diesem Spiel auf der Tribüne sitzende Werner Olk fuhr noch am selben Tag heim nach München. Die damaligen Sturmspieler haben ihn nie zu Gesicht bekommen. Nur ein Fernsehinterview, in dem er als neuer Trainer am Jakominigürtel vorgestellt wurde, bleibt im Gedächtnis.

Sportlich war dieser Streik auf alle Fälle ein sinnvoller. Sturm spielte unter Trainer Gustl Starek eine großartige Saison und konnte sich am Ende mit Platz drei sogar noch für den UEFA-Pokal qualifizieren.

Unser Dank gilt den „Zeitzeugen“ Günther Koschak und Kjeld Seneca für ihre authentischen Schilderungen.

 

8 Kommentare

  1. realistic sagt:

    Ja ja die guuuten alten Zeiten. Schen warens die 90er. Und die Leut hatten noch Anstand in jeder hinsicht!!!!

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  2. zilkowicht sagt:

    obwohl man natürlich schon erwähnt lassen muss, dass dieser august starek schon desöfteren durch pietätlose Aktionen aufgefallen ist!
    Aber naja, er war ja auch kein intellektueller der ersten Güte, wie man so schön sagt.
    Besonders gefallen hat mir der damalige kader mit nur zwei (!) Legionären jedenfalls nicht so!

    Ansonsten natürlich wieder mal ein sehr gelungener Text!

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  3. mahoni sagt:

    Der Starek nach seiner Entlassung: „Einmal im Monat fahre ich nach Graz und hole mir meine 170000 Schilling ab, es gibt Schlimmeres.“

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  4. Helmut Pi sagt:

    lol, der „Feingeist und Philosoph Andi Ogris…“…grossartig!

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  5. Neukirchner sagt:

    Der Gustl war immer für einen Aufreger gut…Man erinnere sich nur an seinen ewigen Clinch mit Hans Krankl als dessen Nachfolger bei Rapid. Toller Artikel!

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  6. flachzange sagt:

    Beste G’schicht. Dank euch!

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  7. Reinhold sagt:

    Großartige Retrospektive.
    Detail am Rande: ein Jahr später, wieder in der Südstadt.
    Nach der 1:3 Niederlage gegen Admira war Gustl Starek seinen Trainerjob bei Sturm los, und dieses Mal endgültig. Noch im Kabinengang wurde er von Charly Temmel (Präsident) über seine sofortige Beurlaubung informiert, trat dann die Rückfahrt nach Graz gar nicht mehr an. Er blieb jedoch auf der Gehaltsliste, da sich Sturm eine sofortige Abfertigung damals nicht leisten konnte, und sollte dann Johann K. als Rapid-Trainer folgen.

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  8. Arch Stanton sagt:

    Schöne Geschichte, großartig erzählt!
    Balsam nach dem gestrigen Spiel.
    Danke, Günter Ko!
    Danke, sturmnetz!

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