Ein außergewöhnlicher Auftakt als Aufbruch zu neuen Ufern

Der 4:0-Stadioneröffnungsderbysieg vor 20 Jahren

Eine sehr große Portion Wehmut und Sentimentalität klang im Mai des Jahres 1997 mit, als sich beim Spiel Sturm gegen Rapid zwischen zehn- und zwölftausend Besucher – so genau wusste man das damals nie – in die Gruabn drängten. Sicher war nur, dass wie so oft in der Endphase des Sturm-Platzes, einige Hundert vor den Toren vergeblich auf Einlass warten mussten. Da halfen selbst Bittrufe wie jene des legendären Stadionsprechers Günther Schrey – die Stimme Sturms zwischen 1957 und 1995 – nichts, „doch noch ein Stückchen nach vorne zu rücken“. Denn noch weiter vorne wäre an solchen Tagen schon am Spielfeld gewesen. Doch egal ob draußen oder drinnen, bei allen Anwesenden rund um den Sportplatz kam beim Abschied aus der Gruabn ein merkwürdiges Gefühl auf: War doch in unmittelbarer Nähe eine neue Unterkunft knapp vor der Fertigstellung, welche als „modernstes Stadion Europas“ angepriesen wurde und trotzdem überwog die Trauer über den Verlust einer Spielstätte, für die der bloße Toilettenbesuch von der Stehplatztribüne aus meist einem Gang nach Canossa glich. Diese Emotionalität mit einem Sportplatz als Herzstück eines Klubs blieb an neuer Wirkungsstätte bis dato aus. Denn trotz der genau ebenda eingefahrenen Titel, trotz der erfolgreichsten Phase in der Klubgeschichte, hat sich bis heute an einem Umstand nichts geändert: Das Stadion Liebenau – bei all seiner damaligen Notwenigkeit – ist auch 20 Jahre nach seiner Eröffnung noch immer nicht die Heimstätte des Sportklub Sturm. Bis heute geht man nicht ins Sturm-Stadion oder auf den Sturmplatz, man geht schlicht und einfach „ins Stadion“ oder „nach Liebenau“. Daran änderte auch ein unvergessliches Eröffnungsspiel nichts, welches sich dieser Tage zum 20. Mal jährt und auf das wir aus diesem Anlass gebührend zurückblicken wollen.

Derby im alten Liebenauer-Stadion (c) Foto-Fischer-Graz

 
Nachdem man sich vom unatmosphärischen alten Liebenauer-Stadion (ständige Spielstätte des SK Sturm zwischen 1974 und 1982, ansonsten nur Ausweichort bei Spitzen- bzw. Abendspielen) im Oktober 1994 mit einer Last-Minute-Niederlage gegen die Admira endgültig verabschiedete, war die Erbauung der neuen Arena schon von Beginn an von sehr sportlichem Charakter: Der Bauleiter der beauftragten Firma propagierte mit dem Spatenstich im Jänner 1995 die Errichtung zum Wettkampf, zog durch den Plan des Stadions eine Diagonale und beschäftigte zwei Poliere mit je einer Hälfte. Ein gelungener Impuls. Denn die Bauzeit wurde um gut drei Monate unterschritten und die versprochenen Gratiskarten an die Arbeiter für jedes Sturm oder GAK-Match vor dem eigentlichen Fertigstellungstermin am 30. September 1997 somit schlagend. Kaum war die letzte Baumaschine abgezogen worden, realisierte Präsident Hannes Kartnig schon seinen Traum vom exklusiven VIP-Klub mit schwarz-weiße Teppichen, Seidenblumen und golden gepolsterten Sitzen. Mit der entsprechend gediegenen Kulinarik sollte in Zukunft der betuchte Stadiongeher bereitwillig 25.000 Schilling für seine Golden-VIP-Card hinblättern. Jene in silber gab es nur unwesentlich billiger.
 
Während sich die schwarze Reichshälfte an der restlichen Stadion-Infrastruktur eher rar hielt – man fand im Gegensatz zum GAK Auslangen mit einem Raum für einen Fanshop und dem Sturmtreff –  schlug man jedoch sehr wohl beim siebenstöckigen Stadionturm zu. Die oberste Etage wurde erworben und daraus vier Spielerwohnungen samt Pool am Dach erschaffen. In diesen Räumlichkeiten sollte zukünftig so mancher weibliche Fan seinen großen Idolen tatsächlich ein Stück weit näher gekommen sein, als bloß nur um ein Autogramm zu bitten. Eine der vielen Mythen aus einer Zeit, in der es aufgrund der Noch-Nicht-Existenz von Handykameras glücklicherweise an unwiderleglichen Belegen fehlt. 

Das Derby um das Stadion

Fußball-Graz war zu jener Zeit gerade mehr als en vogue. Die ersten beiden Cuptitel der Schwarzen und wiedererstarkte Athletiker – mit Neo-Coach und Weltmeister Klaus Augenthaler auf der Betreuerbank – machten Appetit auf noch mehr. Zudem erwiesen sich die beiden Klubpräsidenten als echte Meister des Entertainments indem sie stets für eine perfekte Show sorgten. Zu ähnlich waren sich die Herren Fischl und Kartnig, doch ihre zur Schau gestellte, zumeist gespielte, Feindschaft („Wenn i di siach, kriag i a Lungenentzündung“) fand auch in Sachen Stadionneubau ihre Fortsetzung. Schon beim Abriss wurde um alte Lampen, Anzeigetafeln und Sesseln gezankt und natürlich stieß man auch ob des gemeinsamen neuen Stadions auf Streitthemen die medienwirksam on air ausgetragen wurden.
 

(c) Flickr/nemico publico

 
Eine Großarena mit 30.000 Plätzen (Österreich bewarb sich zu jener Zeit bereits für die Ausrichtung einer Europameisterschaft mit Ungarn) wollten beide, doch der Stadt war dies zu groß, zu teuer und sowieso absolut nicht notwendig. Auch ein nachträglicher Ausbau wurde wegen des begrenzten Raumangebotes bereits vorab ausgeschlossen. Sowohl Schwarz als auch Rot fühlten sich dadurch augenscheinlich pikiert, in Wahrheit bewiesen die beiden Herren aber ihr Talent im „Geld-Aufstellen“. Der GAK, zuvor ja im Kapfenberger Exil, ließ plötzlich verlautbaren, wie wohl man sich in der Obersteiermark eigentlich fühle und auch bei Sturm wurde eine neu entdeckte Liebe für die altehrwürdige Gruabn vorgegaukelt. Was blieb den Stadtvätern da auch anderes übrig, als die beiden Grazer Klubs  mit einem großzügigen Förderungsprogramm in der Höhe von 18 Millionen Schilling doch noch ins funkelnagelneue Liebenauer Stadion zu locken. Selbst der Opposition war dieses Thema zu brisant, um auch nur ein Wort über dieses Goodie zu verlieren. Und weil zum Kick ja auch das Bier nie fehlen darf, folgte selbstredend auch noch ein Derby um den Gerstensaft: Die Stadt hatte sich beim Stadionbier auf Sturm-Sponsor Steirerbräu geeinigt, was sich der GAK erst nach zähen – natürlich erneut lukrativen – Verhandlungen gefallen ließ. 

Losentscheid zu Gunsten des GAK

Selbst mit der überregionalen Bundesliga hatte man leichtes Spiel: Geradezu manierlich untertänig wurde ein Stadtderby als Eröffnungssspiel im Spielkalender terminisiert, doch auch da folgte ein rot-schwarzes Scharmützel: Prinzipiell war ja das Erzduell als ein Spiel für die ganze Stadt gedacht, einen offiziellen Veranstalter bedurfte es dennoch und anfangs war der SK Sturm dafür vorgesehen. Dagegen legte der GAK allerdings Protest ein, die Bundesliga gab klein bei und beschloss, das Los entscheiden zu lassen. Die Kugel fiel auf Rot. Der Sturm-Präsident war mächtig angefressen, hatten bei ihm doch schon Tausende Sturmknofel Karten mittels Vorbestellung geordert, diese drohten nun durch den Rost zu fallen, denn Fischl bot Kartnig anstelle der vom Sturm-Präsidenten geforderten 7000 nur 3000 Tickets. Zudem pochte der Zampano auf eine generelle Einnahmenteilung, würde doch die Stadt für den Großteil der Unkosten aufkommen. Bis einen Tag vor dem Spiel wurde gefeilscht, im „Teufelstreff“ unter der Nordkurve fand man dann doch noch einen Kompromiss, verlautbarte jetzt sogar „in Zukunft öfter noch gemeinsame Sache machen zu wollen“.
 

Foto © by der Plankenauer

 
Am Spieltag war das Stadion dann aufgrund 3000 Luftballons und 180 Meter langer Transparente ganz in rot getaucht und nachdem Opus aus der Luft auf die Bühne am Liebenauer Grün eingeflogen und italienische Operntöne ausgeklungen waren, erfolgte um Punkt 20:01 der Ankick und einer der in seiner Karriere für beide Grazer Klub aktiv war – Gerald Strafner – durfte die erste Ballberührung vornehmen. Wie sehr das Stadion an diesem Abend freilich in schwarz-weißer Hand war, wurde bereits nach kurzer Zeit unübersehbar. 90 Sekunden waren erst gespielt, als Roman Mählich nach Vorarbeit von Hannes Reinmayr den Ball ins gegnerische Tor spitzelte. Ausgerechnet der kleine Mittelfeldmotor – zeit seiner Karriere alles andere als ein Goalgetter – durfte den Torreigen in der neuen Sportstätte eröffnen. Denn während Mählich von einer Jubeltraube  förmlich erdrückt wurde, lagen sich gefühlt zwei Drittel des Publikums im rot geschmückten Stadion in schwarz-weißen Armen. Munter ging es auch weiter. Erst konnte Roland Goriupp (kurzfristig für den am Schlüsselbein verletzten Kazimierz Sidorczuk eingesprungen) einen Strafner-Kopfball klären und auch die kommenden drei Großchancen gehörten dem ach so geliebten Feind: Herfried SabitzerDieter RamuschMichael Anicic und Zeljko Radovic scheiterten allerdings erneut am Sturm-Tormann oder am eigenen Unvermögen. Erst Sekunden vor der Pause wurde Sturm wieder gefährlich, aber Reinmayr vergab aus sieben Metern. In der 56. Minute dann die Vorentscheidung, als erneut der Wiener Filigrantechniker an Franz Almer scheiterte, Gilbert Prilasnig jedoch den Abpraller zur 2:0-Führung verwertete.

Die Ivica-Vastic-Show

Der Zuschlag in einem der besten Stadtderbys aller Zeiten war ein Wink auf das, was in Liebenau in den kommenden Jahren zum Standard werden sollte: Die große Ivica-Vastic-Show. In der 64. Minute ließ Vastic drei Rotjacken ins Leere laufen, spielte auf Reinmayr, der den Ball nur abtropfen ließ. Ivo bedankte sich artig, indem er die Kugel aus 20 Metern ins Kreuzeck hob. In der 90. Minute annähernd ein Da Capo: Erneut ließ der gebürtige Kroate seine Gegenspieler wie Schulbuben stehen und sorgte mit einem präzisen Schuss in das lange Eck für den 4:0-Endstand. Genau jenes Ergebnis, mit dem Sturm, fast neun Jahre zuvor, gegen den Stadtrivalen letztmals einen Meisterschaftserfolg einfahren konnte. Eine echte Leidenszeit hinsichtlich Derbys ging somit zu Ende.
 
Natürlich war Trainer Ivica Osim dieser Sieg viel zu hoch, doch auch er war vom Feuerwerk, welches mit dem Schlusspfiff über den Dächern des neuen Stadions abgefeuert wurde, beeindruckt. Als er jedoch Präsident Kartnig siegestrunken und wild gestikulierend vor den TV-Kameras erblickte, entkam ihn nur ein schelmisches „Hätten wir 4:0 verloren, würde ich wohl da stehen“. Diesem klaren Derbyerfolg folgte ein noch überzeugenderes 4:1 am Innsbrucker Tivoli. Erst am dritten Spieltag zog man auch als Heimteam endgültig in Liebenau ein und tat es erneut nicht unter vier. Der LASK wurde mit 4:1 besiegt, wobei die Treffer zum 2:1, 3:1 und 4:1 erst zwischen der 84. und 90. Minute fielen. Sturm war schon nach drei Runden all seinen Gegnern enteilt und die Konkurrenz konnte den Schwarz-Weißen in diesem Spieljahr nicht einmal mehr ansatzweise auf die Pelle rücken. Der erste Meistertitel im ersten Bestandsjahr des neuen Liebenauer Stadions fiel letztendlich sogar mit Rekordpunktezahl aus, dieser Blitzstart war gewiss bereits vorentscheidend.

Spieldaten

GAK – Sturm Graz 0:4 (0:1)
Bundesliga – 1. Runde
Mittwoch, 9. Juli 1997, 20:00 Uhr – Arnold-Schwarzenegger-Stadion – 15.400 Zuschauer – SR: Fritz Stuchlik
 
GAK: Almer – Vukovic – Pötscher, Dietrich, Hartmann – Ramusch, Ceh, Radovic (68. Brnas), Anicic, Strafner (64. Wieger) – Sabitzer
Sturm Graz: Goriupp – Foda – Popovic (70. Bardel), Milanic (64. Hopfer)– Reinmayr, Prilasnig, Schupp, Mählich, Neukirchner – Haas (82. Gröbl), Vastic
 
Tore: 0:1 Mählich (3.), 0:2 Prilasnig (56.), 0:3 Vastic (65.), 0:4 Vastic (90.).
Gelbe Karten: Sabitzer (Foul); Schupp (Foul)
 

1 Kommentar

  1. Melvinuss sagt:

    Gibts dazu auch noch irgendwo ein video?

    0

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