„Eigentlich wollte ich nie weg von Sturm“

Was wurde aus Herbert Grassler?

Günther Neukirchner, Markus Schopp, Gilbert Prilasnig, Herbert Grassler, Martin Hiden und Mario Haas, das waren die Eckpfeiler einer Generation, die man noch heute in Graz als die „Goldene“ schlechthin bezeichnet. Zwar gab es rund um diese sechs noch zahlreiche Talente, die sich Anfang der 90er-Jahre bei Sturm tummelten, gab es Nachwuchs-Nationalteam-Spiele mit neun Sturmakteuren am Feld, richtig prägend waren aber wohl diese sechs. Nach dem großartigen Haas-Interview wollen wir heute den Kärntner Mittelfeldspieler Herbert Grassler portraitieren:

Begonnen hat Grasslers Karriere in St. Michael im Lavantal. In der dortigen U-10 spielte neben Grassler auch Heinz Arzberger (145 Bundesliga Spiele, davon auch 9 für den SK Sturm Graz, heute noch immer bei RB Salzburg als Torwarttrainer tätig) und Christian Schrammel (57 Bundesligaspiele für Vorwärts Steyr). Da es in St. Michael aber keine U12 gab, wechselte dieses Trio zum WAC, wo schon Herberts Bruder Günther erfolgreich als Spieler tätig war. Dort durchlief er sämtliche Nachwuchsklassen und schaffte den Sprung ins BNZ.

Obwohl als Kärntner etwas weg vom Schuss, entging Grassler den Scouts des ÖFB nicht, und er wurde für die beiden entscheidenden Qualifikationsspiele für die U-16 Europameisterschaft 1989 in Dänemark gegen die Türkei nominiert. Der Wolfsberger kam in beiden Spielen zum Einsatz und überzeugte den damaligen Trainer Paul Gludovatz dermaßen, dass er mit zur Endrunde durfte. Zwar gab es in den Vorrundenspielen drei Niederlagen (gegen Dänemark, Jugoslawien und Frankreich), Grassler wurde aber in allen Spielen eingesetzt. Von da an war für ihn klar, dass er das Potential hat, irgendwann eine Profikarriere anzustreben.

Der WAC hatte damals ein sehr gutes Team (wie auch heute wieder) und spielte in der zweiten Bundesliga, daher war es für einen 16-Jährigen ziemlich schwer dort in der Kampfmannschaft Fuß zu fassen. So wechselte Grassler zum ATSV Wolfsberg, wo der dortige Trainer und frühere Bundesligaprofi bei Austria Wien und Austria Klagenfurt Hans-Peter Buchleitner ihn enorm förderte. Dem damaligen Nationalteamspieler Walter Kogler, ebenfalls Kärntner und bis zu diesem Frühjahr 1992 Spieler bei Sturm Graz, entging die sportliche Entwicklung seines Landsmannes nicht, und so empfahl er ihn den Verantwortlichen.

„Sturmtrainer Robert Pflug und sein Co-Trainer Hannes Haller haben mich dann dreimal in Wolfsberg beobachtet. Anscheinend waren sie von meinen Leistungen beeindruckt und sie haben mir einen einjährigen Leihvertrag angeboten. Sturm war auch damals schon eine große Adresse, die Matura hatte ich erfolgreich hinter mich gebracht und so bin ich eben nach Graz gegangen, hab dort an der Universität inskribiert und für Sturm Fußball gespielt.“

Kam der Wolfsberger im Herbst 1992 zwar noch selten zum Einsatz, änderte sich dies im darauffolgenden Frühjahr:

herbert grassler„Der Herbst war für den Verein eine sportliche Katastrophe. Eigentlich war der Abstieg in die 2. Bundesliga nach dem 0:4 gegen den GAK in der Körösistrasse schon so gut wie fix. Aus dieser Not heraus trennte sich der Verein von fast allen alten, teuren Routiniers wie beispielsweise Igor Calo oder Stephan Deveric und begann rund um Darko Milanic schon ein Team mit Hinblick 2. Liga und mit lauter jungen, einheimischen Spielern aufzubauen. Und so spielten wir die Saison zu Ende, ganz ohne Druck. Vielleicht war genau das der Grund, warum wir auf einmal jedes Spiel gewonnen haben und dann letztendlich doch noch den Klassenerhalt feiern konnten und dadurch der GAK ein weiteres Jahr in Liga 2 blieb. Davor sprach man in der Stadt sehr viel von den Rotjacken, danach allerdings waren wir wieder im Mittelpunkt. Als junger Spieler, der eigentlich Student war, war das schon sehr schön. Ich bin mir sicher, selbst bei einem Abstieg hätte keiner von uns Jungen den Verein verlassen. Das war für uns kein Thema. Aber für unsere sportliche Entwicklung war es sicher sehr wichtig, weiterhin in der höchsten Spielklasse tätig zu sein.“

Trainer Ladislav Jurkemik verließ nach dieser Saison trotzdem den Verein, sein Nachfolger wurde Milan Djuricic. Grassler, mittlerweile mit einem Zwei-Jahres-Vertrag ausgestattet, blieb Stammspieler und absolvierte nun seine erste volle Saison, kam bereits zu 31 Einsätzen.

„Man hat gemerkt, dass wir eine Einheit waren. Kein zusammengekauftes Team. Es gab keinerlei Reibereien und jeder war stolz, für Sturm Graz spielen zu dürfen. Wenn ich mich recht erinnere, hab ich damals ein Fixum von 5.000 Schilling gehabt, plus eine kleine Wohnung in Messendorf, wo noch sehr viele andere Spieler gewohnt haben. Richtig viel Geld konnte man damals sowieso noch nicht verdienen, das kam erst später, durch das Bosman-Urteil.“

Im Sommer 1994 wird Ivica Osim als Trainer in Graz vorgestellt. Heute hat dieses Ereignis einen enormen Stellenwert und ist wohl zumindest jahrzehntelang von anhaltender Nachhaltigkeit, doch damals war dies den Spielern noch gar nicht so bewusst. Herbert Grassler blickt zurück:

“Gekannt hat ihn so genau keiner von uns. Nur Darko Milanic hat uns vorgewarnt und gemeint, dass es ab jetzt ganz schön hart für uns werden wird. Er war schon eine echte Erscheinung. Wir haben zwar nicht allzu viel von ihm gewusst, aber seine Präsenz war vom ersten Tag an zu spüren. Am Anfang ist es allerdings schon vorgekommen, dass er sich bereits nach 20 Minuten eine angeraucht hat und das Training abbrechen wollte, da er der Meinung war, dass es mit uns ohnehin keinen Sinn mache.“

Von Anfang an spielt Sturm Graz einen Fußball den es zuvor in Graz noch nie gegeben hat, Ende des 94er-Jahres kommt es zwar zu Rückschlägen, im Frühjahr 1995 allerdings beginnt das „System Osim“ so richtig zu greifen. Sturm Graz bleibt ungeschlagen und wird nur durch die schlechtere Tordifferenz schon im ersten Trainerjahr des Bosniers Vizemeister hinter der punktegleichen Austria aus Salzburg. Der Begriff der jungen Löwen (Schopp, Neukirchner, Prilasnig, Grassler, Haas) wird österreichweit zum Markenzeichen der „Buam aus der Gruabn“.

„Osim hat den Fußball gelebt. Rund um die Uhr. Ich vermute, er hat sich sogar im Schlaf damit beschäftigt. Er kam von Griechenland nach Österreich und ich kann mir nicht vorstellen, dass er dort unsere heimische Liga verfolgen konnte. Doch schon nach einer Woche, kannte er alle unsere Gegner, sämtliche Spieler aus der ersten Bundesliga, deren Stärken und Schwächen. Das war schon ungemein beeindruckend. Die Vorbereitung war unter ihm extrem anspruchsvoll, prinzipiell ließ er aber lieber mit dem Ball trainieren. Er kannte auch keine Einheiten. Er hat uns einfach so lange trainieren lassen, bis wir seinen Erwartungen entsprachen. Und vor allem war er auch menschlich schwer in Ordnung. Er vergriff sich nie im Ton, auch wenn seine Anordnungen von der Seitenlinie ziemlich laut sein konnten. Am besten darstellen lässt sich dies am Beispiel von Alfred Hörtnagl. Der Tiroler war bereits ein gestandener Bundesligaprofi, war Nationalteamspieler, Spieler unter Ernst Happel und hatte zuvor mit dem FC Tirol schon sehr viele Erfolge vorzuweisen. Da Osim aber immer gerne einen Stamm gehabt hat, war es dementsprechend schwierig in die Startelf zu kommen. Doch Hörtnagl gewann diesem Reservistendasein sehr viel Positives ab. Er hat gemeint, soviel wie in dem einem Jahr unter Osim, habe er in seiner ganzen Karrieren noch nie gelernt. Ich denke, ein besseres Kompliment kann man einem Trainer nicht machen.“

Sturm Graz wird mit Herbert Grassler 1996 erstmals Cupsieger, im Kampf um den Meistertitel scheitert man erst in der letzten Runde bei Rapid Wien. Der Kärntner ist weiterhin gesetzt:

herbert grassler 2

Der Natur bis heute sehr verbunden (c) Privat

„Es hat einfach ungemein Spaß gemacht. Wir Spieler sind zumeist schon eineinhalb Stunden vor dem Training am Platz gewesen und haben Hösche gespielt. Der Schmäh ist gerannt und sogar bei diesem Aufwärmspiel hat jeder alles gegeben. Wenn der Trainer dann gekommen ist und uns gesehen hat, konnte er auf das Aufwärmprogramm zumeist verzichten.“

Daran ändert sich anfangs auch in der folgenden Saison, im sogenannten Giannini-Jahr 1996/97, nichts. Das Duo Kartnig/Schilcher erhöht jetzt die Investitionen, nach zwei Vizemeistertitel kann nun das erklärte Ziel nur noch der Meisterteller sein:

„Giannni war als Fußballer zweifellos Extraklasse. Auch uns Jungen war er immer ein Vorbild und menschlich schwer in Ordnung. Ob die Verpflichtung allerdings sportlich auch Sinn ergab, sei dahingestellt. Ich denke der Trainer war bei so manchem Transfer nicht eingebunden. Schließlich hatten wir schon Ivica Vastic. Und wenn sich dann zwei Alphatiere in eine Mannschaft einfügen sollen, kann es schon zu Problemen kommen.“

Und tatsächlich läuft es im Herbst 1996 alles andere als rund. Herbert Grassler ist zwar auch hier eine der wenigen Konstanten im Team, Sturm beendet die Herbstsaison dennoch abgeschlagen im Mittelfeld. Und als im Winter die Vertragsverhandlungen mit dem Kärntner anstehen, spürt er erstmals in seiner Grazer Ära heftigen Gegenwind:

„Ich war mit dem mir angebotenen Vertrag nicht ganz zufrieden. Für ein weiteres Jahr hätte ich trotzdem unterschrieben, obwohl mir weitaus bessere Angebote aus Salzburg beziehungsweise von Rapid Wien vorlagen. Ich wollte von Sturm ja gar nie weg. Allerdings war die Art und Weise und vor allem der Ton, wie das Duo Kartnig/Schilcher mit mir umgegangen ist, nicht in Ordnung. Vielleicht lag es daran, dass ich mehr oder weniger schon zum Inventar gehörte, oder auch dass ich als einer der wenigen Spieler noch ohne Manager meinen neuen Vertrag auszuhandeln versucht habe. Die Führung stellte mir die Rute ins Fenster und drohte, wenn ich nicht unterschreiben würde, mich nicht ins Winter-Trainingslager nach Costa Rica mitfahren zu lassen. Ich war immerhin über Jahre Stammspieler und habe mir gesagt, dass ich mir das nicht bieten lassen muss.“

Somit war das Band zerschnitten. Die Mannschaft reiste ohne den Kärntner ins Trainingslager nach Mittelamerika und Grassler kam fortan nur bei der damaligen Amateurmannschaft LUV Graz zum Einsatz:

„Vielleicht habe ich auch Fehler gemacht und mich teilweise zu stur verhalten, trotzdem gab es nun kein Zurück mehr. Trainer Osim hat zwar einige Male mit mir gesprochen, mich auch gebeten zu bleiben. Aber in finanzielle oder vertragstechnische Modalitäten hat sich Osim nie einmischen wollen. Trotzdem war es sehr schade, denn ich hab mich mit ihm immer sehr gut verstanden. Bei all seinen fachlichen Kompetenzen war er auch menschlich überragend. Wir sind oft nach dem Training noch lange zusammengesessen und haben über alles Mögliche gesprochen. Wenn wir über unsere Leistung gesprochen haben und er hat am Ende dann endlich einmal gesagt, er sei heute zufrieden, dann hat man gewusst, diesmal hat wirklich alles gepasst.“

Ernst Dokupil von Rapid Wien will Grassler im Sommer noch immer holen, der Kärntner wechselt aber zu Heribert Weber nach Salzburg. Die Mozartstädter, regierender österreichischer Meister, sehen in ihm einen wesentlichen Mosaikstein, um die bevorstehende Champions-League-Qualifikation positiv zu gestalten. Doch dieses Vorhaben scheitert. Sparta Prag erweist sich als übermächtig. Dass just nach Grasslers Abgang Sturm Graz die größten Erfolge in der Vereinsgeschichte einfahren konnte, sieht der Wolfsberger aus heutiger Sicht so:

„Natürlich habe ich die Entwicklung von Sturm Graz immer genau verfolgt. Das war ja mein Verein. Mein Klub und vor allem auch meine schönste Zeit als Fußballer. Ich hab mich zwar sehr über die Erfolge gefreut, aber natürlich hat es mich auch gewurmt, schließlich war ich dort über einen langen Zeitraum eine fixe Größe, nur das Sahnehäubchen in Form von Meistertitel und Champions-League-Spielen habe ich nicht mitgenommen.“

Grassler wechselt nach einem Jahr in Salzburg zum LASK nach Oberösterreich. Dort ist gerade Otto Baric auf der Trainerbank und hat einen „Millionenkader“ zur Verfügung. Vidar Riseth, Walter Kogler, Josef Schicklgruber, Markus Weissenberger, Jerzey Brzeczek, Peter Stöger, Christian Stumpf, Geir Frigard usw. Auch in Linz ist Grassler wieder Stammspieler, mit dem Meistertitel klappt es dennoch nicht ganz und im Cupfinale verliert man – denkbar knapp im Elfmeterschießen – ausgerechnet gegen Grasslers Ex-Verein Sturm Graz. Als daraufhin das Rieger-Konstrukt in Linz zusammenbricht, muss beim Fußballverein gespart werden. Grassler bleibt dennoch weitere zwei Jahre, absolviert insgesamt 93 Bundesligaspiele und wechselt danach noch für zwei Spielzeiten zur SV Ried.
Nach einigen Jahren in der Regionalliga beendet er seine Karriere als aktiver Fußballer in seiner Kärntner Heimat. Bis auf ein Jahr, in dem er sich eine Auszeit vom Fußball gönnt, ist er im Fußballgeschäft immer in irgendeiner Form aktiv. Hauptberuflich ist Grassler seit Jahren beim Regionalmanagement Lavantal tätig, vierfacher Vater, nebenbei sportlicher Leiter beim WAC und somit auch hier ganz eng seiner Heimat verbunden.

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Herbert Grassler mit Sohn Florian, selbst Fußballer bei St. Andrä und bei jedem Heimspiel von Sturm in der Nordkurve (c) Privat

Über Ivica Osim sagt Grassler noch heute, dass dieser der beste Trainer in seiner Karriere gewesen ist:

„Osim hat den Fußball gelebt. Er war immer auf der Suche nach dem perfekten Fußball. Dafür hat er gelebt. Aber wenn einer alles gegeben hat, konnte er nicht böse sein, für ihn war Teamgeist das Wichtigste nur Extrawürschtl hat er nicht geduldet. Vor allem aber hatte er hervorragende Qualitäten als Mensch und war ein echter Sir. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er für jeden von uns damaligen jungen Löwen der wichtigste Faktor war und so manches für uns ohne ihn niemals erreichbar gewesen wäre.“

Vielen Dank an Herbert Grassler für das ausführliche Gespräch!

 

6 Kommentare

  1. Neukirchner sagt:

    Sehr fein!

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  2. Nimrod sagt:

    Damals hatteman noch so richtig geile Autogrammkarten 😀

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  3. wama sagt:

    Schöne Erinnerungen – das waren noch Zeiten, wo man sich voll und ganz mit Sturm identifizieren konnte und einem so richtig bewusst wird, wie weit Sturm seit 3,4 Jahren davon vom Weg abgekommen sind….

    Habt ihr wieder super gemacht, danke!

     

     

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  4. schmitt sagt:

    Martin, nicht Markus Hiden.

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  5. Blacksmith sagt:

    Danke für das tolle Interview!

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