„Eigentlich wollte ich meine Karriere bei Sturm beenden“

Joachim Standfest im Vorfeld des kommenden Spiels des SK Sturm Graz gegen den WAC im Gespräch mit SturmNetz.at

1999 sorgte er als Debütant in einem Europacupspiel erstmals für Aufsehen, 16 Jahre beziehungsweise 454 Bundesligaspiele, 55 Europacupeinsätze und 34 Länderspiele später, ist er als derzeitiger Kapitän des WAC aktiv wie eh und je. Joachim Standfest ist einer von 3 Spielern (gemeinsam mit Muratovic und Hassler), die mit beiden Grazer Vereinen österreichischer Meister wurden. SturmNetz.at sprach anlässlich des kommenden Heimspiels des SK Sturm Graz mit dem Obersteirer über seine Karriere, seine Zeit bei Sturm und über die kommende Meisterschaftsbegegnung:


Joachim, im Bundesligaspiel gegen Rapid sorgte eine Szene für Schmunzeln, in der Mario Sonnleitner und du sich vor dem Ankick beim Münzwurf augenscheinlich beide für die rote  – und gegen die schwarze Seite – entschieden haben. Einmal Rot, immer Rot?
Ganz so war das nicht. Diese Entscheidung ging nicht von mir aus. Sonnleitner durfte entscheiden, hat mich angelächelt und „Rot oder?“ zu mir gesagt. Zudem darf bei uns immer der Torwart die Farbe aussuchen. Er darf ja auch gegebenenfalls die Platzhälfte wählen.

Seit deinem Durchbruch 1999, als du als Debütant gleich drei Treffer gegen Klaksvik auf den Färöer Inseln erzielen konntest, hast du fußballerisch beinahe alles erreicht, was es zu erreichen galt: zweifacher Meister, fünffacher Cupsieger, Nationalteamspieler, Teilnehmer an einer EM-Endrunde. Und das über all die Jahre ohne Allüren oder Skandälchen. Entspricht das deinem Naturell oder hast du dich einfach nur stets professionell verhalten?
Ich glaube, das ist eher ein grundsätzlicher Charakterzug von mir. Ich bin ein eher introvertierter Mensch. Mein Privatleben bleibt auch privat. Das war immer meine Prämisse. Es gibt noch so viele andere wunderbare Dinge auf dieser Welt. Dass ich dem Fußballspielen alles untergeordnet hätte, kann man bei mir – in keiner Phase meiner Karriere – behaupten. Ich sehe mich auch nicht als den klassischen Fußballspieler.

Kann man die beiden Meistertitel, einer mit dem GAK, einer mit Sturm, in irgendeiner Art vergleichen?
Gewisse Dinge waren ähnlich. Beim GAK waren wir damals eine zusammengewachsene Mannschaft, die über Jahre hinweg zusammengespielt hat. Bei Sturm hatte ich das Glück, zu genau einer solchen dazuzustoßen. Zudem gab es auch bei Sturm Spieler, die ich schon über Jahre hinweg gekannt habe. Mit einem Ferdinand Feldhofer oder einem Christian Gratzei bin ich ja quasi aufgewachsen. Ein Faktum, dass mir die Sache nicht unwesentlich erleichtert hat. Der Zusammenhalt in beiden Teams war immens groß, in beiden Vereinen haben sich über Jahre hinweg gewachsene Freundschaften gebildet. Eine weitere Parallele war, dass sowohl der GAK 2004, als auch Sturm 2011, nicht die beste Mannschaft der Liga war. Aber genau jener Zusammenhalt war meiner Meinung nach dann letztendlich entscheidend für den Erfolg.

In den Medien wird das Spiel WAC gegen Sturm ja oft zum „Pack-Derby“ hochstilisiert. Glaubst du, werden wir noch jemals ein echtes Derby, ein Grazer Stadtduell, erleben?
Ich hoffe es. Das Derby war immer etwas Besonderes. Ich bin auch der Überzeugung, dass jedem Sturm-Fan insgeheim etwas fehlt, seitdem der GAK nicht mehr in der Liga ist. Umgekehrt natürlich auch. Ich habe ja auch etliche Wiener Derbys miterlebt. Die hatten meiner Meinung nach nicht den Flair der steirischen Derbys. Sturm gegen GAK  hatte trotz aller Brisanz doch noch etwas Familiäres, Freundschaftliches. Diese Aggression, wie ich sie in Wien erleben musste, habe ich in Graz nie wahrgenommen.

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Joachim Standfest beim Hinspiel gegen Sturm Graz in Wolfsberg (c) SturmNetz

Allerdings hat so mancher Wechsel von einem ehemaligen GAK-Spieler zu Sturm für Unruhe unter den Fans gesorgt. Bei dir blieb es in dieser Hinsicht ruhig. Worauf führst du das zurück?
Ich denke, das lag an der speziellen Situation. Ich war vier Jahre in Wien, zudem war der GAK 2010 ja nicht mehr wirklich präsent. Nichtsdestotrotz war ich überwältigt, wie ich bei Sturm aufgenommen worden bin. Sowohl vom Verein, von meinen Mitspielern als auch von den Fans.

Am Samstag wirst du ja wieder einmal auf einen Ex-Verein treffen. Gibt es da noch Emotionen oder sieht man das als Profi aus einem anderen Blickwinkel?
In diesem Fall muss ich sagen, ist es ein Spiel wie jedes andere. Sturm hat sich ja seit 2012 extrem verändert. Zwar habe ich noch immer ein gutes Verhältnis zu ein paar Spielern, ich denke, auch zum Verein, trotzdem gibt es da keine besonderen Emotionen mehr. Es wäre wohl anders, wenn in Graz noch immer die gleiche Truppe wie damals am Feld stehen würde und ich der einzige Spieler wäre, der gewechselt hätte.

 

Am liebsten wäre es mir gewesen, meine Karriere bei Sturm zu beenden.
– Joachim Standfest

 

Obwohl du mit Sturm Meister wurdest, erhieltst du –  erst 32-jährig –  in Graz keinen neuen Vertrag. Woran lag das?
Den Grund kann ich dir selber nicht sagen. Es gab damals keinerlei dahingehenden Versuch des Vereines. Es ist also nicht an irgendwelchen Details gescheitert. Noch unter Franco Foda gab es zwar lose Gespräche, die neuen Entscheidungsträger hatten dann allerdings keinerlei Interesse mehr an mir. Ich muss gestehen, ich wollte von Graz überhaupt nicht mehr weg. Am liebsten wäre es mir gewesen, meine Karriere bei Sturm zu beenden. Es ist dann halt anders gekommen. Man muss das akzeptieren, so läuft es im Fußballgeschäft nun einmal.

Gerade auf der rechten Außenverteidigerposition hatte Sturm nach deinem Abgang des Öfteren so seine Probleme. War das eine Art späte Genugtuung?
Definitiv nein. Was habe ich im Nachhinein davon, wenn es bei meinem Ex-Verein nicht läuft? Mit so einer Einstellung würde man doch die falsche Auffassung vom Fußballgeschäft haben. Ich glaube allerdings, zu dieser Zeit hat der Verein einige falsche Entscheidungen gefällt. Und ehrlich gesagt, denke ich, dass meine Ausbootung auch ein solcher Fehler war.

Somit warst du, alles in allem, insgesamt nur zwei Jahre für Sturm tätig, hast in dieser Zeit allerdings sehr viel von der typischen Schwarz-Weiß-Mentalität kennengelernt. Himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt. 2011 noch unter Foda Meister, 2012 daraufhin die für viele doch sehr unwürdige  Entlassung des Meistermachers. Wie war so ein Absturz aus deiner Sicht überhaupt möglich?
Das ist Fußball. Eben ein Tagesgeschäft. Alles was du gestern erreicht hast, ist heute schon nichts mehr wert. Und wir haben eben nach dem Meistertitel ein extrem schwieriges Jahr gehabt. Zudem hatte man fast das Gefühl, man muss sich für etwas entschuldigen. Zu sehr überwog die Meinung, dass wir diesen Titel erreicht haben, ohne wirklich guten Fußball zu zeigen. In Wahrheit, hätte man doch in Graz stolz sein sollen auf den Titel. Dass wir 2010/2011 nicht die beste Mannschaft waren, das wussten wir ohnehin selbst. Wir waren auch nicht die besten Fußballer, dafür ein eingeschworener Haufen. Kicker, die wie man so schön sagt, Eier gehabt haben und alles für den Verein, fürs Team und für die Fans gegeben haben. Doch auf das wird gerne vergessen. In der Folgesaison haben zwei, drei wesentliche Bausteine zudem noch den Verein verlassen. Der Bruch kam dann allerdings erst mit dem Aus in der Champions-League-Qualifikation. Das war dann wie ein Absturz ohne Sicherheitsnetz. Ich glaube, dieses internationale Scheitern war auch der Hauptgrund dafür, dass es in der Meisterschaft nicht gut gelaufen ist. Und schlussendlich war wie sooft der Trainer das schwächste Glied in der Kette.

 

Du bist Angestellter des Vereins. Ob du etwas gut findest oder nicht, interessiert in Wahrheit keinen.
– Joachim Standfest

 

Hatte man innerhalb der Mannschaft Verständnis für diese Trainerentlassung?
Wenn du lange in diesem Geschäft bist, weißt du, dass das irgendwann passieren wird. Ob das gerechtfertigt ist oder nicht, darüber braucht man als Spieler nicht nachzudenken. Du bist Angestellter des Vereins. Ob du das gut findest oder nicht, interessiert in Wahrheit keinen.

Nach Sturm wechseltest du zum KSV in die zweite Liga und es schien so, als sei dies das langsame Ausklingen einer langen Karriere. Hast du in diesem Moment noch einmal darauf gehofft, wieder in die Bundesliga, ja sogar in den Europacup, zurückzukehren?
Hoffen darf man ja immer irgendwo. In Kapfenberg wurde zudem mein Vertrag ja auch nicht verlängert, da muss man sich dann schon realistisch mit der Zukunft auseinandersetzen. Soll man es eventuell ganz bleiben lassen? Zudem hatte ich ja schon die Trainerausbildung in der Tasche und hätte auch dahingehend etwas versuchen können. Dass es dann – schnell und unerwartet – doch noch mit einem Engagement beim WAC geklappt hat, war für mich natürlich ein absoluter Glücksfall.

In den letzten beiden Spielzeiten hast du in Kärnten  61 Bundesligaspiele absolviert. Warum bist du trotz deines doch schon eher fortgeschrittenen Fußballeralters der Dauerbrenner im Kader der Wolfsberger? Glück oder stets professionelle Einstellung?
Da sind mehrere Faktoren dafür verantwortlich, Natürlich gehört da auch eine Portion Glück dazu. Ich versuche natürlich, mich stets professionell zu verhalten, auch meinen Alltag dahingehend auszurichten. Zudem war ich während meiner ganzen Karriere kein einziges Mal ernsthaft verletzt.

Welche der beiden folgende Zukunftsaussichten tritt wahrscheinlicher ein: Joachim Standfest spielt eine überragende Saison und wird – auch dank seiner Erfahrung – von Teamchef Marcel Koller in den Kader für die EURO 2016 einberufen oder Joachim Standfest schnappt sich nach Karriereende noch einmal seine Sprungski und stürzt sich zusammen mit Jugendfreund Wolfgang Loitzl eine Schanze hinunter?
Ich würde beides als unwahrscheinlich einschätzen. Wahrscheinlicher ist dann schon noch, die Skier rauszuholen. Meine Zeit im Nationalteam ist definitiv vorbei. Vor allem ist unsere Auswahl stärker denn je. Da hat sich in den letzten Jahren etwas gefunden, was zusammen gehört. Selbst wenn sich auf meiner Position zwei, drei Spieler verletzen würden, erachte ich es als sinnvoller, einen Lainer aus Salzburg, eventuell auch einen Potzmann, einzubauen.

 

In Graz gab es in den letzten Jahren immer wieder einen Neuanfang.
– Joachim Standfest

 

Die Bilanz zwischen WAC und Sturm ist in der Bundesliga bislang völlig ausgeglichen. Wie ist so etwas deiner Meinung nach möglich. Schöpft man in Wolfsberg das Potenzial derzeit besser aus als in Graz?
Wie man an der Tabelle erkennt momentan nicht. Prinzipiell muss man sagen, dass in Graz in den letzten Jahren halt vieles versucht wurde, es immer wieder einen Neuanfang gab. Daher stehen wir in dieser Bilanz so gut da. Grundsätzlich ist Sturm aber ganz klar über den WAC zu stellen.

Nach Platz 5 in der letzten Saison, der Qualifikation für den Europacup und drei sehr starken Halbzeiten gegen Dortmund fiel deine Mannschaft in ein Loch, war ja sogar noch bis vor einer Woche Tabellenletzter. Wieso dieser Absturz?
Im Prinzip eine Summe von vielen Kleinigkeiten. Die Doppelbelastung wirkt sich bei unserer dünnen Personaldecke eben viel gravierender aus. In Wolfsberg fehlt einfach der Unterbau. Die Erfolge rührten natürlich auch von der Euphorie, die allgemein geherrscht hat. Diese ist uns allerdings irgendwann in den Rücken gefallen. Wir konnten unsere Leistung gegen Dortmund nicht richtig einordnen. Gegen den BVB hatten wir nichts zu verlieren. Da spielt man dann schon einmal unbeschwert auf. Doch in der Bundesliga geht es für uns letztendlich um viel mehr und da fanden wir auf dem Platz einfach nicht mehr die richtigen Antworten. Und irgendwann kommt dann alles zusammen, wenn ich beispielsweise nur daran denke, dass sich unsere beiden Stürmer Philip Hellquist und Tadej Trdina beinahe zeitgleich verletzt haben. Irgendwann summiert sich so etwas und man steht am Ende der Tabelle.

Wie schätzt du die aktuelle Mannschaft von Sturm Graz ein und was für ein Spiel dürfen sich die Zuschauer am Samstag erwarten?
Sollten wir die Leistung der letzten Partie wiederholen können, erwarte ich mir ein Duell auf Augenhöhe. Sturm hat eine ähnliche Spielanlage wie wir. Auch in Graz wird auf ein schnelles Umschaltspiel hoher Wert gelegt. Daher entscheiden oft Kleinigkeiten. Ich würde Sturm von der Qualität trotzdem ein klein wenig über uns stellen. Letztendlich fehlt bei Sturm nur noch die Konstanz. Aber sowas braucht Zeit und Geduld. Wenn dies einmal gelingt, ist man ohne Zweifel dauerhaft im Konzert der großen Vier zu finden.

Zum Abschluss bitten wir dich noch um einen obligatorischen Tipp zum Ausgang des Spieles.
Ich hoffe natürlich, dass wir gewinnen. Wir brauchen dringend Punkte. Wir wollen so schnell wie möglich aus dem Tabellenkeller raus, damit sich die Lage bei uns ein wenig entspannt. Es ist nicht angenehm, hinten drin zu stehen.

 

SturmNetz.at bedankt sich bei Joachim Standfest für das ausführliche Interview.

 

 

4 Kommentare

  1. hutab sagt:

    Standfest wurde immer unterschätzt. Gönne es ihm, dass er nach Sturm dann doch nochmal nach oben zurückkehren durfte.

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  2. Juran Juran sagt:

    Ich weiß nicht Standfest hat mir nie wirklich gefallen als AV bei Sturm.
    Jedenfalls war auch er für mich ein eher mieser AV, aber natürlich wenn man bei uns nach ihm einen Ehrenreich oder/und Klem bestaunen darf als AV, ist natürlich ein Standfest eine Offenbarung dagegen.

    Und Sturm musste damals gewaltig einsparen um überhaupt überleben zu können nach der Ära Foda 2 und deshalb wurde auch er nicht verlängert.

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  3. Nock-74 sagt:

    Liebes Sturmnetz-Team! Der Joachim (Hoschi) Standfest ist mit Sicherheit alles nur kein Leobener. Er ist in Eisenerz zur Welt gekommen und in der Radmer aufgewachsen. @Juran: Joachim hätte gewaltige Gehaltseinbußen hingenommen um bei Sturm zu bleiben, man wollte halt einfach nicht verlängern. Wünsche mir natürlich einen Sieg am Samstag, dann darf der Hoschi auch gerne ein Tor machen! 🙂

    4+

  4. Arch Stanton sagt:

    War nicht der schlechteste, der von den Roten zu uns gekommen ist und scheint ein sympathischer Kerl zu sein.
    Gute Artikel, die da um 19: 09 Uhr erscheinen!

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