„Dumpf!“

Die Gedanken zum Profi-Fußball ohne Fans

Unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Meinungen niedergeschrieben. Alle Fürs und Widers sind mehrfach durchgekaut worden. Dieser Piefkecorner ist vom kompletten Diskurs einfach nur übersättigt. Weder interessieren diesen Piefkecorner die sportliche Wertigkeit, noch die Ergebnisse. Die Spiele schaut dieser Piefkecorner trotzdem – aus purer Langeweile. Darauf einen Handschlag mit dem Ellenbogen.

„Der trockene Widerhall von vereinzelten Rufen in riesigen Stadien macht die Leere und Sinnlosigkeit des Unterfangens der Bundesliga erst so richtig spürbar“, sagt meine Mitbewohnerin mit Blick auf den Fernseher. „Formuliert wie ein verdammter Roman aus dem achtzehnten Jahrhundert, aber so fühle ich, ok?“

Das kann ich ihr nicht verübeln. Gemeinsam leiden wir mit Werder Bremen, dem Verein, der sich langsam aber sicher selbst sportlich zu Grabe trägt. Jetzt, wo die Saison wieder angepfiffen wurde und das Team trotzdem gleich spielt wie vor Corona, schwinden die Hoffnungen, dass der Abstieg noch abgewandt werden könnte. So lustlos wie die Leistung des Teams, so lustlos hocken wir auf der Couch und schauen in die Glotze. Dumpf macht es immer wieder, wenn ein Spieler den Ball tritt. Doppelpass: Dumpfdumpf. Zwischendurch hört man Spieler sich bei ihren Spitznamen rufen und die Trainer brüllen Anweisungen. Jemand klatscht. „Gut, gut!“

„Hauptsache Fußball. Besser als kein Fußball. lol“ – Ein Freund in einer Telegram-Gruppe

Vor etwa einem Jahr waren wir bei einem Ausflug in der Südsteiermark und haben uns ein Derby angesehen. Der FC Union RB Weinland Gamlitz gastierte beim FC Diesel Kino Resch Transporte Großklein in der Oberliga Mitte und nahm ein 2:2 auf dem Weg zum Aufstieg mit. Damals beschloss ich, dass ich fortan öfter als Zuseher im Amateurfußball an der Seitenlinie stehen wollte. Das Dumpf dort ließ mein Herz höher schlagen. Jedes Trainerkommando bekam man mit. Jeder Zwischenruf vom Dorfalkoholiker und seinen Kollegen beim Würstelstand an der Eckfahne, machte das Spiel unterhaltsamer. Schön war das. Trivial war das. Ein Spiel eben. Dumpf. Vollkommen absurd, dass Leute davon und dafür irgendwo lebten.

Die deutsche Bundesliga hat für mich seit vergangenem Wochenende den gleichen Charme wie ein Spiel der Oberliga Mitte und ich muss ganz ehrlich sagen: Es ist mir wirklich komplett egal. Mir fehlt nur irgendein Hans oder Franz, der aus dem Off zu hören ist und sich lautstark über irgendetwas auf dem Rasen empört. Es ist gegenüber allen anderen Sportarten einfach nur unfair, dass der Fußball dieses Theater veranstalten darf. Aber natürlich schaue ich mir das an. Würden sie im TV statt der Fußball-Bundesliga Tennis-Turniere übertragen, ich würde sie auch anschauen. Warum? Ich habe nichts besseres zu tun, schließlich muss ich mich isolieren und an Christian Drostens Podcast-Vorgaben halten. Ständig Bücher zu lesen und spazieren zu gehen ist irgendwann genauso langweilig, wie Paderborn gegen Düsseldorf.

Selten hat ein Absatz von Goethe so gut zum Profi-Fußball gepasst. | Foto: privat

Nun, man muss nicht gleich Die Leiden des jungen Werthers sezieren, um in die geschundenen Seelen vieler Fußballfans zu sehen, zu denen ich mich selbst zähle. Es reicht ein Blick auf Twitter, oder in eine der unzähligen Kommentarspalten der Tageszeitungen und Blogs. Der Frust sitzt tief. Als Groundhopper, der gerne Fußball live (nicht Fernseh-live, sondern Real Life-live) erlebt hat, bin ich gegen diese Geisterspiele und kann doch nicht wegschauen wie bei einem Autounfall. Dumpf. Ich werde weiterhin keinen Cent für Pay-TV ausgeben. Aber wenn wer ein Passwort für mich übrig hat, dann bin ich natürlich am Start. Wird mein Lieblingssport schon komplett ad absurdum geführt, will ich zumindest dabei zusehen dürfen (notfalls auf livetv.ru).

„Es ist so bemitleidenswert, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass diese Hampelmänner diesen ganzen Aufwand wegen eines Fernsehvertrags betreiben. Ich kann gar nicht mehr hinsehen.“ – Ein Freund in einer Telegram-Gruppe

Mich interessieren die Artikel zu den Einhaltungen der Hygienebestimmungen genauso wenig, wie Diskussionen darüber, ob man nicht bald wieder zumindest ein paar Fans in die Stadien lässt. Von mir aus soll alles so (dumpf) bleiben. Lasst die Millionäre wieder untereinander sporteln, so, wie Fußball im 19. Jahrhundert erfunden wurde. Sobald der Laden wieder läuft, will ich mir die SK Sturm Damen ansehen, oder die Turbine in Potsdam. Oder den LUV Graz. Dort höre ich am Platz auch ein Dumpf nach dem anderen. Aber es bleibt wenigstens ein ehrliches Dumpf, das mir keine „notwendige Alternativlosigkeit“ um GmbHs zu retten vorgaukelt. Das Einzige, was der Fußball im Fernsehen mit dem Amateur-Sport für mich noch gemein hat? Alle Beteiligten machen das für sich selbst. Die Fans interessieren niemanden. Frei nach Heinz Fassmann sind wir nur Humankapital, das sein Geld in den Ring wirft, oder eben nicht. Und etwas anderes lässt sich dieser desillusionierte Piefkecorner auch nicht mehr einreden. Dumpf.

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5 Kommentare

  1. Gustlig sagt:

    „Der trockene Widerhall von vereinzelten Rufen in riesigen Stadien macht die Leere und Sinnlosigkeit des Unterfangens der Bundesliga erst so richtig spürbar,“ sagt meine Mitbewohnerin mit Blick auf den Fernseher“ Ja sicher sagt sie das. GENAU so reden Menschen ja schließlich. Und tatsächlich, „unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Meinungen niedergeschrieben. Alle Fürs und Widers sind mehrfach durchgekaut worden,“ also fehlt natürlich nur noch diese Kolumne, und das fröhliche Zurschaustellen von Satzbausteinen aus der Schreibwerkstatt im dritten Semester darf weiter gehen. Dazu gereicht wird bequem-wohlig-vage Kapitalismuskritik, achtlos drübergesenft am Ende. Auch irgendwie dumpf.

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  2. Arch Stanton sagt:

    So wohlig vage drübergesenft ist die Kapitalismuskritik hier gar nicht, und auch durchwegs berechtigt. Und wenn man der äußeren Form schon nichts abgewinnen kann, darf man dem Inhalt wohl zustimmen.
    Wenn man will.
    Guter Artikel jedenfalls..

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  3. rio sagt:

    Kapitalismus oder marxistisches Gedankengut sind mir im Bezug auf Fußball herzlich egal, haben doch letztendlich alle Ideologien ihre Begrenztheit aufgezeigt. Was mir allerdings nicht egal ist, ist meine Freiheit! Und diese scheint mir durch einen VL-Lehrer, der Gesundheitsminister spielt nicht nur gefährdet, sondern massiv eingeschränkt. Ab Freitag darf ich z.B mit 3 Freunden das Theatercafe besuchen, wo bei einer Veranstaltung vor 50 Leuten ärgeres Gedränge herrscht, als in einem ausverkauften (!) Liebenau-Stadion. Kann mir einer erklären, warum in engen Räumen Besucher erlaubt, aber im Freien (!) im riesen Areal eines Stadion keine 50% Plätze verkauft werden dürfen? Wir werden verarscht und keiner schreit dagegen, das macht Sorgen und keine „unbefriedigte“ (auf Fußballübertragungen bezogen!) Mitbewohnerin. Wir müssen mit Corona leben und tun dies auch, also lasst uns unser Leben wieder leben. Hört auch mit dieser postkommunistischen Bevormundung auf, wir sind alt und verantwortungsbewusst genug, wir brauchen keine grünen Vordenker und Verbieter von allem. Der Zeitpunkt ist da, wo alles nur noch lächerlich ist!

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  4. Arch Stanton sagt:

    Kapitalismuskritik finde hier nicht so fehl am Platz. Auch in einem Fußballportal sollte man sich gesellschaftspolitisch äußern dürfen. Parteipolitik hat hier aber tatsächlich nichts verloren. Zudem glaube ich, dass es bei den Grünen wenig Marxisten gibt.
    Was die Bevormundung betrifft gebe ich Dir natürlich recht.

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  5. Adrian Pennino sagt:

    bevormundung is immer ungut. allerdings weiß i net, was postkommunistische bevormundung sein soll. und die grünen haben ihren arsch eh dem kurz verkauft. außerdem san die mehr für binnen i und popupradwege zuständig und (er)kennen net die echten sorgn von arbeitenden oder gar arbeitslosen.
    gehn tuts hier aber um geiszerspiele, oder? und de san oasch!

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