Die unglaublichen 6 Minuten gegen Wacker Innsbruck

In der Herbstsaison 1985 sorgte Sturm Graz öfters für Schlagzeilen als es dem Verein lieb war. Djalma „Ivan“ Markovic, dessen Markenzeichen sein rustikales Auftreten und sein unvergleichliches Augenrollen war und der sich selbst gern als „echter Mann“ bezeichnete, ist ab Sommer Trainer am Jakominigürtel und besticht durch unorthodoxe taktische Maßnahmen, so in etwa, als er Peter Huberts zum „Mittelfeld-Libero“ bestimmt. Anscheinend verwirrt er mit so mancher taktischen Neuheit die Bundesligamannschaften in Österreich derart, dass Sturm nach 13 Runden erst mit einer Niederlage dasteht, allerdings wurden die restlichen 12 Spiele 10 Mal mit einem Remis beendet. Als am 12.10.1985 Prügelknabe SAK in die Gruabn kommt, passiert etwas in Österreich noch nie Dagewesenes. Nachdem die Salzburger völlig verdient mit 2:0 in Führung gehen, platzt Präsident Paul, der die Heimspiele stets vom Fenster im ersten Stock des alten Klubhauses verfolgte, der Kragen. Noch während des Spieles ruft er eine Pressekonferenz ins Leben und verkündet vom Klubhausfenster aus die Entlassung des Jugoslawen während des Spieles.
 
Der damalige Co-Trainer Franz Mikscha, 12 Jahre im Sturm Tor, Legende der späten 50er und 60er Jahre, erinnert sich an Markovic so: „Markovic war an und für sich ein sehr guter Trainer und ich habe bei ihm völlig neue Trainingsmethoden gelernt. Sein Problem allerdings war, dass ihn die Spieler nie richtig verstanden haben, und das obwohl er perfektes Deutsch sprach. Seine taktischen Besprechungen waren sehr eigenartig, sodass die Spieler ziemlich schnell überfordert aufgaben.“

Franz Mikscha (ganz links) in der schneebedeckten Grazer Gruabn (c) Foto-Fischer-Graz

Mikscha, wegen einer Handverletzung einst gegen Steyr sogar als Außenverteidiger aufgeboten und zudem – lange bevor Hans-Jörg Butt das Licht der Welt erblickte – Elfmetertorschütze in einem Meisterschaftsspiel, will gerade über die legendäre Gruabnstiege wieder auf die Trainerbank, als auch er von der Entlassung erfuhr. „Dr. Erich Schratzer von der Süd-Ost Tagespost sprach mich an, klopfte auf meine Schulter und gratulierte mir zu meinem neuen Job als Cheftrainer von Sturm Graz. Erst dachte ich, dieser legendäre Journalist hat wohl schon zu tief ins Glas geblickt.“ Gernot Jurtin und Rudi Schauss retten danach Sturm durch Tore in der 77. und 85. Minute einen Punkt. Das hindert allerdings 200 Sturmtiger nicht daran, nach Abpfiff das Klubhaus zu stürmen und den Rauswurf von Markovic zu fordern. Dass dieser in der 2. Halbzeit gar keinen Einlass mehr in die Sturmkabine fand und schon über alle Berge war, hatte sich bis zum harten Kern noch nicht herumgesprochen.
Mit Franz Mikscha zieht der legendäre Sturmgeist wieder in die Gruabn ein, so wird zuerst gleich einmal der GAK nach 0:1-Rückstand durch Tore von Josip Cop in der 83. und Rudi Schauss in der 88. Minute besiegt, doch dies war nur die Ouvertüre für das, was sich nur wenige Tage später zutragen sollte.
 
In einer gut gefüllten Gruabn war das Starensemble von Wacker Innsbruck zu Gast und viele Zuschauer kamen auch, um der Primaballerina Hansi Müller erstmals live auf die Beine schauen zu dürfen. „Der schöne Hansi“, immerhin einst als erster Fußballer am Titelblatt der Bravo, mit Deutschland Europameister 1980 und millionenschwerer Ex-Legionär bei Inter Mailand, spielte ab dieser Saison bei den Tirolern. Und Müller kam nicht zum Abkassieren nach Österreich, schließlich war er mit 28 Jahren im besten Fußballeralter, blieb auch fünf Jahre in Innsbruck und läutete damit die erfolgreichste Ära in der Innsbrucker Klubgeschichte ein. Noch heute bezeichnet er diese Zeit als „die schönste Station in seiner aktiven Karriere“.

Hansi Müller im Trikot von Wacker Innsbruck (c) Foto-Fischer-Graz

Doch diesen 9. November 1985 hat er wohl aus seinem Gedächtnis gestrichen. Sturm geht durch ein Tor von Gernot Jurtin schnell mit 1:0 in Führung, doch die Latzke-Elf ließ sich davon nicht sonderlich beeindrucken, überzeugte mit gepflegten Kurzpassspiel und mit schnell ausgeführten Kontern und schon 10 Minuten später sorgte Andreas Spielmann per Kopf fürs 1:1. Nach der Pause brachte Mikscha Bozo Bakota für den bis dahin wieder einmal farblos gebliebenen Günter Vidreis, am Spielgeschehen änderte das vorerst aber wenig. So gelang Spielmann in der 52. Minute nach einer Hupfauf -Flanke erneut per Kopf sein zweites Tor und als Ewald Roscher knapp zehn Minuten später nach einem Fehler von Otto Konrad das 3:1 erzielte, schien die Partie für Sturm verloren.

Doch die Innsbrucker übertrieben es jetzt mit ihren Kurzpässen, agierten überheblich. Damit sorgten sie nicht nur für Unmut auf den Rängen, auch die Sturmspieler ließen sich diese Demütigung nicht gefallen und plötzlich waren rollende Angriffe auf das Innsbrucker Tor die Folge. Franz Mikscha: „Eigentlich kann ein Trainer bei einem solchen Spielstand nichts mehr machen. Ich weiß noch, dass Laszlo Szokolai nach dem 1:3-Rückstand ständig neben mir an der Outlinie stand und auf taktische Anweisungen wartete. Ich allerdings hab nur zu ihm gesagt, dass er hier fehl am Platz ist, er soll sich nur mehr im Strafraum des Gegners aufhalten. Aber eigentlich hab ich damals bestenfalls auf eine Ergebniskorrektur gehofft, denn Innsbruck war an diesem Tag zumindest eine Klasse stärker als wir. Aber ihr überhebliches Klein-Klein-Spiel brach ihnen letztendlich den Nacken.“

(c) Johann Dietrich

 Sechs Minuten vor Schluss gelang der überfällige Anschlusstreffer. Nach einem Idealpass von Mischa Petrovic sorgt Gernot Jurtin aus spitzem Winkel für das 2:3 und eine Minute später marschiert Franz Feirer von der eigenen Hälfte bis in den gegnerischen Strafraum, lässt dabei noch Hansi Müller wie einen Schulbuben ins Leere fahren, bedient Bakota ideal und dieser bringt mit seinem Ausgleichstreffer die Gruabn zum Beben. Spätestens jetzt bereuen jene wenigen Fans, die zu früh gegangen waren, ihre Entscheidung und liefen den Jakominigürtel wieder zurück zur Gruabn. Auch die legendäre Matchuhr schien zu spüren, dass an diesem Tag noch mehr möglich ist und blieb „sonderbarerweise“ bei Minute 89 stehen.
Nach einem Eckball (offiziell noch immer in der 89. Minute) für Sturm durch Bakota ist es wieder einmal Außenverteidiger Rudolf Schauss, der per Kopf den späteren jugoslawischen Teamtorhüter Ivkovic bezwingt und für ein Wunder in der Gruabn sorgt. Schauss war in dieser Saison Spezialist für Tore in den Schlussminuten, immerhin war es bereits sein vierter entscheidender Treffer. Als Schiedsrichter Prohaska das Spiel abpfiff, fielen sich die Sturmspieler am Rasen und die Fans auf den Rängen in die Arme, bei den Innsbruckern allerdings machte sich Fassungslosigkeit breit. Hansi Müller schleuderte wutentbrannt sein Trikot auf den Boden, stampfte darauf herum und musste lange überredet werden, bis er es sich wieder anzog. Zudem hinterließ dieses Spiel auch bei einigen Anhängern seine Spuren. Hinter dem Sturmtor wurde kurz nach Schlusspfiff ein herrenloses Gebiss gefunden und von einem ehrlichen Finder im Sturm-Sekretariat abgegeben.
 
Mit diesem Sieg schob sich Sturm auf den dritten Tabellenplatz und die Innsbrucker fanden sich plötzlich unter dem ominösen Strich, der zur Teilnahme am Meister-Play-Off berechtigte, wieder. Schließlich sollten die Innsbrucker die Qualifikation für die Meisterrunde knapp schaffen und in der Endtabelle vor Sturm sein. Auf den ersten Sieg in der Gruabn seit 1973 mussten sie aber noch mehr als ein Jahr warten.
Trainer Mikscha, der nach dieser Saison von Walter Ludescher abgelöst wurde und nach Donawitz wechselte, erinnert sich noch an den Jubel in der Sturm-Kabine, allerdings „ging es nebenan bei den Innsbruckern noch viel lauter zu“. Noch heute ist er emotional eng mit Sturm Graz verbunden und auch häufig in der Merkur-Arena anzutreffen.

Franz Mikscha kam im Sommer 1956 vom Grazer Sportklub im Tauschweg gegen Adi Sauruck zu den Schwarz-Weißen und blieb bis 1968. Später war er erfolgreicher Landesliga-Trainer, unter anderem beim WSV Rosental, in Bärnbach und bei Flavia Solva, ehe er in den 1980er Jahren Sturm-U21-Trainer, Co-Trainer und schließlich erfolgreicher Nachfolger von Ivan Markovic wurde. Mikscha wurde im Jänner 2016 Ehrenmitglied des SK Sturm.

7 Kommentare

  1. wama sagt:

    legendäres spiel, das ich selbst erleben durfte. innsbruck, finanziell u sportlich fast so ein riese wie heute red bull , wurde gegen ende der partie gerechterweise tatsächlich für seine unfassbare arroganz bestraft. wie oft passiert das schon? so gut wie nie, wie man weiss. unser kader mit bozo bakota, lazlo szokolai, gernot jurtin, rudi schauss und co, um einige zu nennen, war übrigens auch nicht übel. meine damaligen lieblinge waren bozo bakota, gernot jurtin und franzi feirer.

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    • Bozo 07 sagt:

      Der erste war mein Vorbild am Fußballplatz und den hab ich verehrt,  den Gernot bewundert und den franzi angefeuert …

      Und mit dem hupsi Hubert bin ich jeden tag in der früh im Bus nach Graz gefahren  …

      Das waren noch glorreiche Sturm Zeiten!

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    • Ferdi sagt:

      @Bozo:   mit „Hubsi“ Kulmer oder Peter Huberts?

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    • Bozo 07 sagt:

      @Fredi

      Peter Huberts.

      War damals in Voitsberg zu hause

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  2. Alex011 sagt:

    Warum kam jemand wie Müller im besten Fussballeralter nach Österreich? War damals die Kluft noch nicht so groß zwischen Klub? War er vielleicht ein absoluter Premiumspieler für den Swarovski extra tief in die Tasche griff?

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  3. Nimrod sagt:

    Schon damals gab es eine „Merkur Arena“ 😉

    Legendär war für mich auch das Match gegen Austria Kärnten im April 2010, als wir ein 0:2 in den letzten Minuten noch drehen konnten!

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  4. Melvinuss sagt:

    Ich kann mich gut an das spiel damals gegen austria salzburg erinnern, 4:0 war der endstand damals, 2x koschak und 2x ich glaub radojevic, oder? Kann mir da jemand meine erinnerungslücken auffrischen?

    oder das spiel gegen die vienna, dass schon vor anpfiff wegen strömenden regen abgesagt werden musste.

    Ich hoffe, ich kann meine kinder auch mit dem sturm-virus infizieren, so wie es mir damals „passiert“ ist. Einzig – die erinnerungen an die gruabn werden sie dann leider nur aus meinen erzählungen und bild/videodokumenten mitbekommen. Auch wenn es heut ohne der merkur arena gar nicht gehen würde, die gruabn zeiten bleiben unvergessen und sind unvergänglich, jeder, der dies miterleben durfte, kann nur dankbar sein

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