Die unglaubliche Entführung der drei Punkte aus St. Pölten

Gratzei, Matic und Co. lassen Daxbacher ganz schön alt aussehen. © SturmNetz

Das erste Aufeinandertreffen mit dem Aufsteiger ist immer eine schwere Aufgabe mit hohen Erwartungen an den oft vermeintlichen Favoriten.
In Runde fünf kam Sturm, dank drei Siegen aus vier Partien, mit ordentlich Rückenwind nach Niederösterreich, gleichzeitig stieg das erste Trainerduell seit einigen Jahren zwischen Franco Foda und „Sir“ Karl Daxbacher.

In 20 Aufeinandertreffen der beiden Trainer konnte Foda sechs Spiele gewinnen, sechs mal gab es ein Unentschieden und acht mal musste er sich dem 63-Jährigen geschlagen geben. Nur gegen Franz Lederer (24) und Paul Gludovatz (21) musste sich Foda öfter als Trainer beweisen.

Der letzte Showdown zwischen Daxbacher und Foda stieg am 10.12.2011; Daxbacher war in seiner letzten Saison als Trainer der Wiener Austria: In der 100-Jahre-Jubiläumssaison der Wiener setzte es in Graz eine heftige 5:1-Schlappe. Roman Kienast erzielte in Halbzeit Zwei einen lupenreinen Hattrick, Darko Bodul steuerte die restlichen beiden Tore bei.
Nur 11 Tage später wurde Daxbacher bei der Austria entlassen, Ivica Vastic folgte ihm als Cheftrainer nach, 51  Tage später schloss sich Kienast der Austria an.

„Besser kann man gegen einen Aufsteiger nicht spielen.“

Der SKN St. Pölten stand nach einem schwachen Ligaauftakt schon gehörig unter Druck, bisher vertraute Daxbacher eisern seinem Konzept aus Liga II. Neben viel Ballbesitz wollte man dominant auftreten, den Gegner dominieren und sich Chancen erarbeiten, so auch der Plan gegen Sturm Graz.

In der Bundesliga weiß mittlerweile beinahe jeder Trainer, welche Spielanlage gegen Sturm für gewöhnlich erfolgreich ist: Steht man gegen Fodas Mannen tief, verengt die Räume und attackiert im letzten Drittel konsequent, so vermag man Sturm mit einfachen Mitteln den Nerv zu ziehen; so geschehen bei der 1:0-Niederlage gegen die SV Ried.
Daxbacher setzte weiterhin auf seine Spielanlage, frei nach Pep Guardiola: „Hat meine Mannschaft den Ball, kann der Gegner kein Tor schießen“. An und für sich ein sehr guter Plan, nur ist hier eine hohe individuelle Klasse vonnöten, über eine solche verfügt der Aufsteiger jedoch nicht.

Die Grazer standen zu Beginn tief und defensiv überaus kompakt. Man überließ den St. Pöltnern den Ball in Zonen, in denen die Heimmannschaft nicht gefährlich werden konnte. Diese fanden keine Mittel, um sich über die Zentrale gefährlich vor das Tor zu kombinieren und versuchten deshalb auf die Flügel auszuweichen. Hier räumten die starken Fabian Koch und Charalampos Lykogiannis jedoch alles ab, was sich ihnen in den Weg stellte. Kam doch einmal eine Flanke durch, so hatte die aufmerksame Sturm-Defensive die gegnerische Solospitze Kevin Luckassen bereits isoliert. James Jeggo und Uros „Porno“ Matic stellten die Räume vor der Abwehr gekonnt zu und Sturm lauerte auf Kontergelegenheiten, eine solche verwertete man dann auch zur Führung. Ein Indiz wie überzeugend Sturms Leistung in der ersten Halbzeit war: Man ließ nur zwei Schüsse zu, ein Bestwert im gesamten Kalenderjahr 2016.

Daxbachers Systemumstellung brachte wieder Spannung

Zur Halbzeit reagierte Daxbacher, wechselte mit Daniel Segovia einen kopfballstarken Mittelstürmer ein und opferte dafür den überforderten Florian Mader. Statt zu versuchen, sich durch Sturms Abwehrbollwerk zu kombinieren, forcierte die Heimmannschaft fortan hohe Bälle auf den Zielspieler Segovia, der die Defensive der Blackies sehr gut beschäftigte. Der 1,89 Meter große Sturmtank gewann fast jeden zweiten Zweikampf und legte viele Bälle auf seine Mitspieler ab. Kapitän Christian Schulz und Lukas Spendlhofer hatten mit der St. Pöltner Doppelspitze deutlich mehr Probleme, als gegen Solospitze Luckassen in Halbzeit eins. Sturm fing sich zehn Minuten nach Wiederanpfiff der zweiten Halbzeit auch den Anschlusstreffer ein und konnte sich in Folge nicht ausreichend stabilisieren. Foda reagierte, stellte auf eine Fünferkette um, wechselte Innenverteidiger Christian Schoissengeyr für Flügelspieler Philip Huspek ein und verdichtete damit weiter die Defensive. St. Pölten fiel nicht mehr viel ein, versuchte es vehement mit Flanken in den Strafraum der Grazer und hätte Lukas Spendlhofer in der Schlussphase auf sein unmotiviertes Hands im Strafraum verzichtet, wäre Sturm auch ohne Christian Gratzeis Heldentat und Matics Gustostückerl mit weit aus weniger Bauchweh als Sieger vom Platz gegangen.

In den raren Momenten, in denen man in der vergangenen Saison spielerisch zu überzeugen in der Lage war, hatte man – wie auch in den meisten Spielen dieser Saison – weniger Zeit am Ball als der Gegner. Einzig beim Sieg über den SV Mattersburg konnte man den Gegner „trotz“ mehr Ballbesitz bezwingen. Sturm ist eine Kontermannschaft. Reagieren > agieren.
Sollte Foda dies nun erkannt haben und gezielt die Stärken des Kaders forcieren, dabei sogar von der Heiligen Schrift, welche in Kooperation mit Ex-Sportdirektor Gerhard Goldbrich verfasst wurde und im Detail erklären soll, wie man selbst bis in die untersten Nachwuchsteams auftreten will, abweichen, dann wäre das ein echtes Indiz für Fortschritt.
Nach fünf Runden stehen jedoch bereits 11 erzielte Treffer auf dem Konto, letzte Saison konnte man lediglich 40 Tore in 36 Spieltagen erzielen. Die Stürmer treffen regelmäßig, die Neuzugänge (8 der 11 Treffer von Neuzugängen erzielt) haben richtig eingeschlagen.

Schlussendlich darf man Franco Foda zu diesem Sieg gratulieren. Er stellte seine Spieler optimal auf den Aufsteiger ein und nutzte die Schwächen der Heimmannschaft aus. Zu bemängeln bleibt einzig die ausbaufähige Chancenauswertung, sowie das Spiel nicht schon vor der Pause entschieden zu haben. Auch als es in Halbzeit zwei eng wurde, traf Foda kluge Entscheidungen zur richtigen Zeit und wurde, letztendlich auch mit etwas Glück, dafür belohnt.

Zum Abschluss noch ein Zitat von Anton Ego aus dem Pixar-Film Ratatouille:

Die Arbeit des Kritikers ist in vieler Hinsicht eine leichte. Wir riskieren sehr wenig und erfreuen uns dennoch einer Überlegenheit gegenüber jenen, die ihr Werk und sich selbst unserem Urteil überantworten.

Kritik muss immer erlaubt sein. Seit Günter Kreissls Amtsantritt reagiert man bei den Schwarz-Weißen bei Weitem nicht mehr so patzig darauf, jedoch wird sich das wahre Gesicht aller Protagonisten erst offenbaren, wenn man einmal nicht in Führung gehen kann, Elfmeter nicht pariert werden oder Freistöße nicht im Winkel einschlagen. Dann wird es umso wichtiger sein, Ruhe zu bewahren. In einer Saison, ohne zur Desillusion verdammten Euphorie, könnte endlich mal etwas wirklich Großes gelingen; unabhängig von der Endplatzierung nach 36 Runden. Dank der überaus positiven Entwicklungen innerhalb des Vereins wird man sich in Graz zukünftig hoffentlich nur mehr sehr wenig über Kritik ärgern müssen.

Wir wünschen es uns, denn auch wenn Kritiken wesentlich leichter von der Hand gehen, so macht es wesentlich mehr Spaß, Lobeshymnen zu verfassen.

2 Kommentare

  1. vampy99 sagt:

    Echt geiles Bild!!

    5+

  2. mauer mauer sagt:

    Was is/war mit lyko??

    0

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