Die schwarz-weißen „Titten und Bullen“ aus dem Jahr 1909

Schwarz-Weiß, die schönsten Klubfarben, die ein Fußballverein seine Eigen nennen darf, sind bei deutschen Profivereinen eine echte Rarität. Wirft man einen Blick auf die ersten drei Fußball-Leistungsstufen und den fünf Regionalligen unseres Lieblingsnachbarn in der abgelaufenen Spielzeit hatten von 146 Vereinen nur acht sich irgendwann für diese Kombination entschieden: Während die Erste Bundesliga ganz ohne dieser auskommt, ist dank des 1916 gegründeten SV Sandhausen Schwarz-Weiß aktuell immerhin in der Zweiten Liga vertreten und durch den 1921 aus der Taufe gehobenen VfR Aalen auch einmal in Liga Drei. Schielt man noch eine weitere Leistungsstufe tiefer, entdeckt man weitere Klubs, auf denen dieses Merkmal zutrifft: In der Regionalliga Bayern den 1930 gegründeten SV Wacker Burghausen, in der Regionalliga Nord den BSV Schwarz-Weiß Rehden (1954) und den BV Cloppenburg (1919), auch den ehemaligen Schloffer-Klub SV Elfersberg (1918) in der Regionalliga Nordwest, sowie den 1924 gegründeten SC Verl in der Regionalliga West.

Genau in jener Regionalliga West findet man auch den einzigen Klub der in Deutschland Schwarz-Weiß als Vereinsfarbe trägt UND im selben Jahr wie der Sportklub Sturm gegründet wurde: Die SG Wattenscheid 09.

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Das legendäre Lohrheide-Stadion (c) Wikimedia Commons/Thorsten Bachner

Gegründet wurde der Verein am 9. August 1909, nachdem in der „Bochumer-Vorstadt“ bereits zuvor zwei Ballspielvereine existent waren aus einer Fusion dieser beiden. Man pendelte jahrzehntelang zwischen zweiter und dritter Liga, erst gegen Ende der 30er-Jahre kam man erstmals der Erstklassigkeit nahe, scheitere aber immer erst in Aufstiegsspielen entweder am Lokalrivalen SV Höntrop, an Preußen Münster oder an der SpVgg Erkenschwick. 1944 war es dann aber so weit: Zwar klassierten sich die „Titten und Bullen“ – wie sie umgangssprachlich genannt werden – nur auf Platz Zwei hinter der SG Minden, doch aufgrund einer Liga-Aufstockung gelang dennoch der Sprung in die oberste Spielklasse. Allerdings wurde wegen des Zweiten Weltkrieges diese Saison bereits nach zwei Spieltagen abgebrochen und nie mehr beendet.

Nach dem Krieg fand sich der Verein fast zwei Jahrzehnte lang in den Niederungen diverser Amateurligen wieder, doch dank eines jungen Kaufmannes kam der Aufschwung. Sein Name war Klaus Steilmann: 1958, mit einem Inventar von acht Nähmaschinen, gründete er eine Bekleidungsfirma, welche in den nächsten beiden Jahrzehnten zum größten Textilunternehmen Europas werden sollte. Ab Mitte der Sechziger stieg Steilmann als Mäzen beim Sportverein ein, pumpte sehr viel Geld in den Klub und beschäftigte den Großteil der Kicker in seiner Firma. Mit dieser Unterstützung begann auch der Aufstieg der SG, die im Sommer 1969 in den Aufstieg in damals noch zweithöchste Spielklasse, der Regionalliga, mündete. Die Zweite Deutsche Bundesliga wurde bekanntlich erst 1974 eingeführt und war zudem noch bis 1980 auch zweigleisig.

Von diesem Erfolg angestachelt, wollte der Präsident mit Wattenscheid nicht bloß eine gute Rolle in der Regionalliga spielen, sondern für den Mäzen gab es nur ein Ziel: Die Erste Liga. Ab 1974 gab es in Wattenscheid schon Berufsfußballer und bereits im ersten Jahr als Profibetrieb, scheiterte man nur knapp am einstmals Unmöglichen: Die SG wurde zwar Westfalenmeister, unterlag aber in der Relegation um den Einzug in die höchste deutsche Spielklasse der Eintracht aus Braunschweig. Übrigens knapp bevor die einst eigenständige Stadt mit Bochum zusammengeschlossen wurde und somit seit 1975 nur mehr als ein Stadtteil firmiert.

Sportlich folgten weitere 15 Jahre Zweitklassigkeit, doch im Mai 1990 gelang endlich der ganz große Wurf: Unter der Wattenscheider Trainerlegende Hannes Bongartz brachte die SG den lang ersehnten Bundesliga-Aufstieg unter Dach und Fach. Mit 5:1 wurde Hertha BSC Berlin, zu diesem Zeitpunkt schon als Aufsteiger feststehend, wieder nach Hause geschickt und 7500 Zuschauer stürmten den Rasen im Lohrheidestadion. Doppeltorschütze Maurice Banach – später auf tragische Weise ums Leben gekommen – avancierte als Torschützenkönig zum Aufstiegshelden, mit Uwe Tschiskale belegte ein weiterer Wattenscheider Platz 2 der Torjägerliste. Diese beiden, sowie Torhüter Ralf Eilenberger, hatten maßgeblichen Anteil am Aufstieg des Bundesliga-Nobodys. „Das Schlimmste, was der Liga passieren könnte“, hatte Bayern-Manager Uli Hoeneß zuvor noch geunkt. Schließlich waren die Zuschauerzahlen in Wattenscheid seit jeher überschaubar. Welche große Sensation dies war, zeigt beispielsweise, dass zu diesem Zeitpunkt bei Wattenscheid 09 genau eine Mitarbeiterin auf der Geschäftsstelle arbeitete, während etwa beim HSV schon damals jemand eingestellt war, um sich ausschließlich für die Versorgung mit Kindergartenplätzen für den Nachwuchs der Spieler zu beschäftigen.

Nichtsdestotrotz blieb Wattenscheid gleich die ersten drei Bundesliga-Partien unbesiegt, stand zwischenzeitlich sogar auf Platz 2 und bereits drei Runden vor Schluss wurde der Klassenerhalt gesichert. In der darauffolgenden Runde lief dann erstmals der große FC Bayern, gegen den es auswärts noch ein 0:7-Debakel setzte, im Lohrheidestadion auf. Die Münchner waren noch mit durchaus realistischen Titelchancen in das Ruhrgebiet angereist, gingen dort aber mit 2:3 unter. Bis heute ein Meilenstein in der Vereinsgeschichte der Wattenscheider. Meister wurde – auch dank der Schwarz-Weißen – der 1. FC Kaiserslautern und auch Ulli Hoeneß wusste nun endlich ganz genau, wo denn dieses Wattenscheid überhaupt liegt.

Vier Jahre lang hielt dieses Märchen an, auch dank routinierter Neuverpflichtungen wie etwa dem ehemaligen Sturm-Spieler Markus Schupp. Historisch für die SG war vor allem die Saison 1993/94, als man kurzzeitig vollends aus dem Schatten des Lokalrivalen trat: Der VfL Bochum musste in der Vorsaison absteigen, und somit waren die 09-er der einzige Bochumer Klub in der höchsten deutschen Spielklasse. Das erste aber auch das letzte Mal: Denn im Sommer neigte sich das Wunder dem Ende zu, Wattenscheid stieg ab und kam auch nie mehr wieder. Seit 1999 ist kein Profifußball mehr in der Lohrheide zu sehen, zwischenzeitlicher Tiefpunkt war 2004 der Abstieg in die damals noch vierthöchste Spielklasse, der Oberliga Westfalen. Heutzutage etabliert sich die SG Wattenscheid 09 im Mittelfeld der Regionalliga West und kämpft verzweifelt darum, eines Tages womöglich wieder an alte Zeiten anzuknüpfen. Der Weg dorthin scheint unerreichbar weit.

(c) Wattenscheid 09

Dieses Team beendete die abgelaufene Saison in der Regionalliga-West auf Platz 8. (c) Wattenscheid 09

Resümierend:

FAST WIE STURM: Nicht nur die Klubfarben und das Gründungsjahr der SG – btw. sehr coole Initialen – sind mit jenen des SK Sturm identisch, auch konnte der Verein, wie Sturm, in den 90ern des vorigen Jahrhunderts die ersten und auch größten Erfolge einfahren. Und wie in Graz, stand diese Erfolgsära ganz im Zeichen eines mächtigen, mäzenenhaften Klubpräsidenten. Auch wenn jener aus Wattenscheid wohl viel eher im Sinne eines guten Kaufmannes gewirtschaftet hat, als sein damaliger Amtskollege in der Steiermark.

GAR NICHT WIE STURM: Während Sturm noch immer eine fixe Größe im österreichischen Fußball ist, steht Wattenscheid 09 nur für ein kurzes Aufflackern in der deutschen Fußballhistorie. Und während sich die Grazer mit dem, mittlerweile nicht mehr wirklich existenten, Lokalrivalen jahrzehntelang einen ziemlich ausgeglichenen Kampf um die Vorherrschaft in der Stadt lieferten, standen die 09-er – mit einem ganz kurzen Intermezzo- stets klar im Schatten des VfL.

 

1 Kommentar

  1. elceezed elceezed sagt:

    aber auch die sge hat als Gründungsfarben schwarz weiss.

    rot kam erst später bei einer fusion dazu

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