Die pure Euphorie!

Piefkecorner – Ausgabe #3

Vergangenen Sonntag hatte ich das historische Vergnügen, einem unfassbar unverhofften 6:0 (!) Heimsieg des VfL Bochum gegen die Schanzer aus Ingolstadt beizuwohnen. Noch nie in meinem Leben habe ich ein dermaßen einseitiges Spiel gesehen. Egal, was die Bochumer Jungs versucht haben, es ist aufgegangen. Sogar wenn die Passentscheidung vollkommen falsch war, ist der Ball angekommen. Die eigenen Fans konnten nicht glauben, was sie sahen, weil sie so dermaßen gepeinigt von den letzten Jahren waren. Es muss wirklich niederschmetternd gewesen sein, als Ingolstadt-Supporter in diesem Stadion gewesen zu sein, aber eines kann ich euch sagen – in der Kurve in Bochum hatte ich noch nie so viel Spaß wie an diesem Nachmittag. Thorsten Röcher wird sich an diesem jedoch vermutlich eher zurück nach Graz gewünscht haben, wo die Mannschaft zunehmend in die Spur zu finden scheint.

© Martin Hirtenfellner Fotografie

Als ich mir das Spiel in meinen Piefkecorner gestreamt habe, kam ich natürlich nicht umhin, die wunderbaren Südstadt-Trompetenklänge zu vernehmen, die über die volle Spielzeit meine Gehörgänge richtiggehend penetrierten. Hinter dem einen Tor steht, seit ich mich erinnern kann, eine Handvoll Leute, die sich 90 Minuten lang die Lunge durch ihre Hälse in ihre Blechblasinstrumente quetschen und so für Stimmung sorgen, die in Österreichs Bundesliga einmalig ist. Auch wenn in meinem Freundeskreis natürlich auch manche Leute sagen, dass es unfassbar nervig ist, so muss ich doch klar dagegen anhalten. Das ist eine wundervolle Methode, um der eigenen Mannschaft zu zeigen, dass man für sie da ist, auch wenn die Stimmung der restlichen Heimfans in Maria Enzersdorf oft zu wünschen übrig lässt. Lieber auf einem mittelprächtigen Trompetenkonzert mit Flyeralarm-Transparenten, als auf einem Stimmungsfriedhof für junge Nachwuchstalente.

Unterhaltsame Bräuche und Traditionen in Stadien gibt es allerorts und ich finde sie überall fantastisch und manchmal auch seltsam. Bei einem Auswärtsspiel in Duisburg habe ich Bekanntschaft mit einem der lächerlichsten aber auch putzigsten aller Stadionlieder machen müssen. Wenn neben einem tätowierte Muskelmänner, zerbrechliche Omas, aufgedrehte Kinder und zurückhaltende Anzugträger begeistert mitsingen, dann muss man einfach fröhlich sein (Stichwörter Zebrastreifen weiß und blau, ein jeder weiß genau, hier kommt der MSV).

Als ich im Auswärtssektor für Real Madrid beim Viertelfinale im vergangenen Jahr in Turin stand und die Mannschaftsaufstellung von Juve mit der absurdesten Lightshow, die meine begeisterten Augen jemals verarbeiten mussten, verkündet wurde, dachte ich bis zum Fallrückzieher von CR7, dass es sich um einen epischen Kinotrailer handelte. Oder beim Derbi Madrileño im Santiago Bernabeu, wenn die Klubhymne abgespielt wird und man wirklich einfach glaubt, man sitzt jetzt in einer riesigen Oper und da kommt gleich im wahrsten Sinne des Wortes ein weißes Ballett auf den Platz. Ist natürlich nicht so (aber was Marcelo jedes Mal abzieht, kommt dem schon immer ganz schön nahe).

Auch schön finde ich die kollektive Stiegl-Werbung beim Nationalteam im Takt zum Radetzkymarsch. Diese Fahnen-Choreo im Happel-Oval erfreut sich bei Gästefans immer sehr großer Beliebtheit und lässt auch meinen Serotonin-Haushalt sofort und im Vier-Vierteltakt steigen. Ebenso ergeht es mir, wenn ich bei Union Berlin die legendäre Hymne von Nina Hagen hören darf, wenn ich den vom Stadionlärm gepeinigten Geißbock im Rhein-Energie Stadion in Köln erspähe, dieser eine alte Typ am Holte End in Birmingham komplett ausrastet, weil bei Aston Villa wieder einmal in der fünften Spielminute unglaublicherweise noch keine Offensivaktion geklappt hat, oder bei Werder Ost- und Westkurve erst einmal quer durchs Weserstadion „Hallo!“ brüllen und sich zuwinken, bevor gemeinsam Stimmung gemacht wird. Manche dieser Dinge quer durch den Kontinent und die Stadien sind natürlich grenzwertig, aber viele davon sind auch einfach nur grenzwertig geil.

In Bochum stellt sich im Block P immer ein alter Mann mit einem riesigen Plastiksack mit Papierschnipseln in den Sektor und lässt alle Fans im Umkreis von fünf bis zehn Metern sich schwer mit diesen kleinen Streifen bewaffnen. Wenn die Mannschaften dann aufs Feld kommen und der Wind durch Castroper Straße ins Ruhrstadion zieht, dann gibt es eine wundervolle Schnipselbegrüßung, schöner als jede Konfettikanone. Mittlerweile hat sich das auch auf andere Blöcke ausgeweitet und Schnipsel werden auch bei Toren, Stadionhymne und einfach so zwischendurch geworfen. Bleibt eigentlich nur die Frage, woher all das Papier kommt. In unserer Stadionrunde glauben wir an die Hypothese, dass es sich hierbei um vertrauliche Akten aus einer zwielichtigen Anwaltskanzlei handelt, die den schmerzhaften Weg durch den Shredder gehen mussten.

Natürlich stellt das Grazer „Wenn wir hier stehen“ im richtigen Moment alles in den Schatten. Das Acapella-Steiermark von STS mit den Trommlern in der Nordkurve. Ein Corteo zum Saisonstart nach Liebenau, oder einfach mal auswärts die Innenstadt daran erinnern, dass heute die Grazer zu Gast sind.

© Martin Hirtenfellner Fotografie

Dennoch kann ich allen schwoazen Fans nur schwer empfehlen auch in andere Stadien zu fahren, „fremdzugehen“ und die illustren Fankulturen rund um den Globus kennenzulernen. Man lernt einerseits zu schätzen, was man an der Grazer Kurve trotz des kleinen Stadions an toller Stimmung hat und merkt andererseits, dass es viele andere erlebenswerte Szenen gibt. Ein Stadionbesuch hat sich fast immer gelohnt, denn selbst wenn der Kick qualitativ vielleicht kein Champions-League-Viertelfinale ist, sondern sich eher auf dem Niveau des FC Obdach gegen den FC Judenburg bewegt, so gibt es abseits des Spielfeldes schöne Wortgeplänkel zu hören, lokale Getränkespezialitäten zu verkosten und man bekommt die alten Geschichten vom vorletzten Feuerwehrfest frisch aufgewärmt.

Dies ist ein Plädoyer für die Vielseitigkeit des Fußballs, die unterschiedlichen Klubkulturen und die Möglichkeit, auch neben seinem Herzensverein vorbei über den Tellerrand zu schauen. Menschen kennenlernen, die auf Männerfußball in den Bundesligen pfeifen, weil sich ihrer Meinung alles und jeder dem Geld unterworfen hat, der Wettbewerb nur noch von den Beträgen gemacht wird und sie sich deshalb nur noch in den unteren Ligen und bei den Frauenteams rumtreiben. An vielen dieser Orte kann man Fanfreundschaften begründen, bei einem Bier auch einmal eloquent darlegen, warum man Rapid Wien vielleicht sogar noch schlimmer als Red Bull Salzburg findet, und wird auch mal einstecken müssen, weil jemand offen etwas gegen den SK Sturm Graz sagt, aber da muss sich jemand wirklich sehr viel Mühe in der Recherche gegeben haben …

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3 Kommentare

  1. GazzaII sagt:

    Gut die Vielseitigkeit des Fußballs und vielleicht Stadionbesuche über den Fußball hinaus sehe ich genauso auch wenn ich mit den deutschen Freunden (Piefkecorner als Kolumnennamen…) nix anfangen;-)

    Dann schon lieber das Mutterland des Fußballs wo ich dann auch gerne erkläre warum das Dosending fur mich schlimmer ist als Rapid!

    Zur Fanfreundschaft würde ich einen Besuch noch weiter im Norden in Glasgow empfehlen, nicht wegen den Farben aber es ist schon cool von Celtic Fans zu hören dass Sie Sturm kennen und mögen:-)

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  2. Gustlig sagt:

    Aber bitte nur bei Vereinen mit korrekt gesinnnten Fanszenen!

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  3. goodoldtimes sagt:

    Super Artikel! Stimme voll zu, dass im Ausland ins Stadion zu gehen ein tolles Erlebnis sein kann. Leider will meine meine Frau im Städteurlaub das meistens nicht mitmachen. 😉

    Jedoch werde ich mir nächste Woche Samstag das Budapester Stadtderby Ferencváros – Újpest ansehen. Auch kein Celtic – Rangers, wird aber sicher trotzdem auf die ganz eigene Art ganz interessant.

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