Die Dante-Schnegg-Frage

Ein Antwortversuch

Im Fußballjargon spricht man von einem “durchwachsenen Saisonstart”, wenn man zu Beginn einer Spielzeit weder vollkommen überzeugt, noch vollkommen versagt hat. Dem SK Sturm Graz ist genau das gelungen.

Guten Leistungen gegen Kiew, Salzburg und Altach stehen semi-gute Leistungen gegen den WAC, Ried und den Tabellenführer aus Linz gegenüber. Einigen schwarz-weißen Fans genügt das, um Schickers Transfer- und Ilzers Aufstellungspolitik zu hinterfragen. Besonders gerne wird in den Foren aktuell über den Österreichertopf und über David Schnegg gestritten. 

Der aus Italien gekommene Schnegg macht Fanliebling Amadou Dante dessen Stammplatz als Linksverteidiger streitig. Wer setzt sich durch? Letztlich liegt die Entscheidung beim Cheftrainer. Aber auch der scheint sich noch kein eindeutiges Bild gemacht zu haben. Beide haben einige Spielzeit bekommen, beiden ist auf dem Platz ebenso viel gelungen wie misslungen. Keiner scheint mit einer Reservistenrolle dauerhaft zufrieden zu sein. Von endlosem Rochieren wird auch Christian Ilzer nichts wissen wollen. 

Wer konstant Leistung erbringen will, muss zwangsweise auch eine konstante Personalplanung an den Tag legen. Für uns Grund genug, die Konkurrenzsituation zwischen Schnegg und Dante unter die Lupe zu nehmen.

(c) Martin Hirtenfellner Fotografie

Abfangjäger mit Zweikampfschwäche …

Ob Wandervogel David Schnegg in Graz endlich heimisch wird? Sturm ist die sechste Station des Tirolers – obwohl er noch keine 24 Jahre alt ist. Sein Italien-Abenteuer hat Schnegg frühzeitig abgebrochen, weil er sich beim letztjährigen Serie-A-Absteiger Venezia nicht recht durchsetzen wollte. Eigenen Angaben zufolge gelang es ihm aber, sich in taktischer Hinsicht weiterzuentwickeln. 

Tatsächlich dürften es auch seine Qualitäten im defensiven Stellungsspiel sein, die Trainer Ilzer an Schnegg festhalten lassen. In den vier Partien, in denen er über die volle Distanz zum Einsatz kam, konnte er bereits 12 Zuspiele abfangen – ein sehr guter Wert. Der landesweit für seine Qualitäten als Abfangjäger berüchtigte Jon Gorenc Stankovic hält bei ebenso vielen abgefangenen Bällen. 

Weniger prickelnd liest sich Schneggs Zweikampfstatistik. Im Durchschnitt gewann der Tiroler nur 40 % der 1:1-Duelle. Angesichts der Statur von Schnegg und seiner Funktion als Abwehrspieler ein miserabler Wert. Auch wie er diese Duelle führt, müssen wir kritisch hinterfragen. 13 Fouls gehen auf seine Habenseite – ligaweit ist das Platz 2! “Brutaler” zeigt sich ausschließlich Atdhe Nuhiu: Schon 18mal wurde auf Freistoß gegen Altachs Stoßstürmer entschieden.

Größere Sorgenfalten bereiten uns aber seine außergewöhnlich schwachen Erfolgsquoten bei Aktionen in der gegnerischen Hälfte. Ein Blick auf seine aktuellen Statistiken erübrigt weitere Kommentare. Exakt einer von sieben Schüssen musste vom gegnerischen Goalie pariert werden. Nur rund 38 % seiner Pässe in der gegnerischen Hälfte kamen beim Mitspieler an. Siebzehnmal probierte der Tiroler zu flanken – einmal blieb er damit erfolgreich.

… versus Laufwunder mit Offensivschwäche

Konträr dazu Amadou Dante. Er kam 2019 als Perspektivspieler zum Verein – und stieg ein Jahr später zum positionsgetreuen Nachfolger von Thomas Schrammel auf. Heute ist er malischer Teamspieler und Fanliebling in Graz Liebenau.

Mitunter ein Grund für seinen rasanten Aufstieg: seine extreme Laufbereitschaft. Wer bereits Zuseher in der Merkur Arena sein durfte, weiß, dass Dante jeden einzelnen Quadratzentimeter seiner linken Spielhälfte bewirtschaftet. In den Bundesliga-Spielzeiten 2020/21 und 2021/22 brachte es Dante auf ungefähr dieselbe Gesamtspielzeit – wenn wir also seine Heatmap aus jener und jener Spielzeit vergleichen, sehen wir, dass er im Vergleich zur Vorsaison auf dem Platz noch präsenter wurde.

Heatmap Dante 20 21

Amadou Dante 2020/21
Quelle: sofascore.at

Heatmap Dante 20 21

Amadou Dante 2021/22
Quelle: sofascore.at

Außerdem gelingt es ihm, durch für einen Verteidiger überdurchschnittlich gute Qualitäten am Ball, sehr häufig, spielerische Lösungen zu finden, anstatt harmlose Querpässe zu spielen oder den Ball blind nach vorne zu dreschen. Auch bei seinem einzigen durchgehenden Einsatz in dieser Spielzeit (beim Heimsieg gegen Salzburg) konnte er dank dieser Fähigkeiten den zweiten Treffer von Rasmus Höjlund einleiten.

Womit wir zu Dantes Schwäche kommen – in 81 Pflichtspieleinsätzen für Sturm konnte er nur viermal scoren. Ein Treffer und drei Assists stehen auf seiner Habenseite. Nur wenige seiner Flanken finden zum Mitspieler, auch direkt vor dem Tor erzeugt Dante wenig Gefahr, seine Schusstechnik ist mittelmäßig. 

Doch wer den Weg von Sturms Nummer 44 mitverfolgt hat, weiß, wie hart er für seine Erfolge arbeitet. Augenfällig ist, dass er seit der Sommervorbereitung den rechten Fuß häufiger einsetzt und dadurch in seinem Spiel mit dem Ball deutlich variabler geworden ist. Dieser hohe Ehrgeiz wird im Rennen um den Stammplatz Amadou Dantes wichtigster Trumpf sein. Aber auch sein direkter Konkurrent schläft nicht.

Unberechtigte Kritik

David Schneggs Statistiken lesen sich nicht immer großartig, den Vorwurf, ein Anti-Kicker zu sein, muss er sich trotzdem nicht gefallen lassen. Gegen Altach bewies er dem Grazer Publikum, mittelfristig ein wichtiger Faktor sein zu können. Einerseits gelang ihm am Ball außergewöhnlich viel. In besonders guter Erinnerung bleibt eine Aktion aus Minute 25: mit der Ferse chippt Schnegg den Ball über Thurnwald und legt anschließend per Steilpass einen Höjlund-Schuss auf. Andererseits hielt er dem in dieser Partie brillierenden Alexander Prass oft den Rücken frei.

Es war diese außergewöhnlich gute Leistung, die Ilzer dazu veranlasste, auch im Schlagerspiel gegen den LASK auf den Sommer-Neuzugang zu vertrauen. Obwohl in den Foren viele Supporter zu finden sind, die diesen Eindruck nicht teilen: David Schnegg lieferte erneut ein souveränes Spiel ab. Seine Hauptaufgabe an diesem Abend war es, sich um Thomas Goiginger zu kümmern. Obwohl jener in den Spielen zuvor WAC-Verteidiger Scherzer bzw. Rapid-Verteidiger Koscelnik schwindelig gespielt hatte, konnte er diesmal keine einzige spielentscheidende Aktion verbuchen. Es war kein Zufall, dass das 0:1 nicht über die linke, sondern die rechte Abwehrseite zu Stande kam.

Obwohl Schnegg seine Bundesliga-Tauglichkeit bewiesen hat; obwohl etwaige Qualitätsunterschiede zwischen Dante und Schnegg keineswegs eklatant sind: Der Tiroler genießt bei vielen Fans keinen einfachen Stand. Nicht jeder konnte begreifen, wieso der Transfer von David Schnegg überhaupt notwendig war. Immerhin hatte Amadou Dante in den letzten zwei Jahren konstant gute Leistungen auf den Platz gebracht.

Eine Teilfrage, auf welche wir eine Teilantwort im Jahr 2004 finden. Anno dazumal war ein gewisser Frank Stronach amtierender Präsident der Österreichischen Bundesliga.

Der berüchtigte Österreichertopf

Es war nicht Didi Mateschitz, der die Legionärsthematik in die Österreichische Bundesliga transportiert hat. In den 00er-Jahren verursachten vorzugsweise Rapid, Austria und Sturm geringe Einsatzzeiten für österreichische Spieler. Das Bosman-Urteil und diverse Erweiterungen des Schengenraums motivierten Vereinsverantwortliche übermäßig häufig, sich im Ausland auf Schnäppchenjagd zu begeben. Ein Verhalten, das nicht bloß Jahrhundert-Flops – Charles Amoah lässt grüßen! – zur Folge hatte. Aus den Akademien rückten kaum noch Spieler nach, im österreichischen Nationalteam gab es viele ältere Protagonisten mit hohem Kultpotential zu bewundern. Joachim Standfest, Jürgen Patocka, Martin Hiden,…

Es gab also gute Gründe, in der Spielzeit 2004/05 den Österreichertopf einzuführen. Seitdem wird ein Fünftel der vorhandenen TV-Gelder ausschließlich an jene Vereine vergeben, die dessen strenge Kriterien erfüllen. Höchstens sechs Spieler unter 22 Jahren, die nicht in Österreich ausgebildet worden sind oder österreichische Staatsbürger sind, dürfen Runde für Runde den Spielplan füllen. Wer sich brav an die Regeln hält, darf mit rund 400.000 Euro Mehreinnahmen jährlich rechnen.

In der Spielzeit 2020/21 generierte Sturm Graz Einnahmen in Höhe von 14,8 Millionen Euro. Angesichts der (zumindest mittelfristig) überstandenen Corona-Pandemie können wir davon ausgehen, dass die Einnahmen in der Spielzeit 2021/22 (verglichen mit dem Vorjahr), eher gestiegen als gesunken sind. Pi mal Daumen lukriert Sturm Graz 2,5 % des Jahresumsatzes durch den Österreichertopf. Geld, auf das Sturm eigentlich nicht verzichten kann. Einige Beobachter stellen angesichts des gelungenen Verkaufs von Kelvin Yeboah und eines irgendwann anstehenden Höjlund-Transfers jedoch die berechtigte Frage, ob diese Einnahmen nicht auch durch Ablösesummen erzielt werden können. 

Fakt ist, dass diese Herangehensweise um ein Vielfaches riskanter wäre, als weiterhin auf den Österreichertopf zu setzen. Fakt ist auch, dass diese Frage eine wirtschaftliche ist, letztlich also von höherer Ebene beantwortet werden muss. Das Mitspracherecht von Ilzer und Schicker hält sich in Grenzen. 

Vor seinem 22. Geburtstag galt Jusuf Gazibegovic auf dem Spielbogen als Österreicher – immerhin wurde er in seiner Heimatstadt Salzburg ausgebildet. Gazibegovic ist allerdings kein Doppelstaatsbürger, bekanntlich entschied er sich für das bosnische A-Team. Ohne einen Transfer getätigt zu haben, stand also im März 2022 plötzlich ein zusätzlicher Legionär in der Startelf. Andreas Schicker wurde damals von der Kronen Zeitung mit dem Satz zitiert: “Es ist auch nicht optimal, dass wir schon drei Legionärsplätze für die Abwehr brauchen.” 

Zwei Monate später schien Andreas Schicker auch diese Problematik gelöst zu haben. Gerüchte wurden laut, es könnte einen jungen und kostengünstigen Österreicher namens David Schnegg an die Mur ziehen. Und so wurde Amadou Dante zum Bauernopfer.

Fazit

Dante verfügt läuferisch über außergewöhnliche Qualitäten, ist logischerweise besser ins Team integriert und gilt durch seine Fähigkeiten am Ball als sehr pressingresistent und wenig anfällig für grobe Schnitzer.

Warum aber gibt Christian Ilzer aktuell dem Tiroler eindeutig den Vorzug? Weil Vereinsvorgaben erfüllt werden müssen und er auf der Linksverteidiger-Position einen geringeren Qualitätsunterschied in Kauf nehmen muss als anderswo. Schnegg überzeugt auf dem Platz insbesondere durch ein starkes Antizipationsvermögen und ein, vermutlich durch sein Lehrjahr in Italien geschultes, für nationale Verhältnisse gutes Spielverständnis. Außerdem harmoniert seine Spielweise mit jener von Alexander Prass. 

Amadou Dante hat noch bis 2024 Vertrag in Liebenau. David Schnegg bis 2026. Eigentlich eindeutige Signale. Wird der aktuelle Trend beibehalten, werden sich die Fans und Dante selbst die Frage stellen müssen, ob für ihn eines Tages ein Vereinswechsel die sinnvollere Lösung sein wird. Der Malier wird aber weder seinen Stammplatz, noch seinen durch eine spektakuläre Spielweise erworbenen Ruf als Top-Spel kampflos aufgeben. Das wissen wir. 

Und einen Hoffnungsschimmer gibt es ja noch: In den kommenden Europacup-Begegnung gibt es nämlich keinen Österreichertopf, dessen Regelungen beachtet werden müssen. Für ihn die passende Gelegenheit, Ilzer und Schicker davon zu überzeugen, mit seiner Degradierung einen Fehler gemacht zu haben.

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5 Kommentare

  1. Schworza99 sagt:

    Es ist kein Österreicher-Topf es ist ein Staatsbürger-Topf. Wenn wir z.B. einen Jungen alle Jugendmannschaften durchlaufen lassen, er aber nicht Ö ist, können wir ihn uns aufsetzen. Ich verstehe die Intention dahinter…nur wenn immer mehr Team darauf verzichten, muss was geändert werden. Ö Kosten durch die Regel mehr und somit schaut man eher das man Legionäre bekommt, da man diese auch in der Liga anbringen kann. Wenn der Primus zudem darauf scheißt musst als kleinerer Verein sowieso mithalten um überhaupt eine Augenhöhe in Aussicht zu bekommen. Prämien erhöhen ist utopisch…ka was da gemacht werden kann.

    Zu Schengg/Dante:

    Schnegg ist der neue BadGuy geworden…warum auch immer. Hat nicht geglänzt in seinen ersten Einsätzen aber von schlecht war er auch weit weg. Dante sowieso auch konstant eher gut. Dante hat halt Defizite (Flanken). Ich find beide in Ordnung. Schnegg hat halt aufgrund des Topfes Vorteile.

  2. hurricamo sagt:

    Ich sehe das Problem weniger bei der Staatsbürgerschaft von Dante, sondern von Horvat. Der konnte mich bisher überhaupt nicht überzeugen und wenn Jantscher wieder fit ist, nimmt dieser für mich viel eher einen „unnötigen“ Legionärsplatz ein (super Vergleich mit „wo ist der Qualitätsunterschied am geringsten“). Dann stelle ich Mani wieder auf auf die 10, so ist er auch mehr eingebunden. Bei ihm hab ich das Gefühl je häufiger er den Ball bekommt desto besser wird er im Laufe eines Spiels und der kann vorne schon auch gestalten. Wäre für mich eine Option, die bisher leider noch nicht machbar war.

  3. Moe sagt:

    Guter Artikel!
    Die Idee einfach das Geld aus dem ÖTopf mit lukrativen Verkäufen zu generieren die häufiger in den Kommentaren umhergeistert find ich echt unbrauchbar. Das ÖTopf Geld is planbar und im vorhinein budgetiert, wenn man das Budget aber mit Spielerverkäufen auffüllen muss ist man eigentlich ausgeliefert und kann sportlich gar keine langfristige Entwicklung machen.
    Natürlich gibts Ausnahmen wie jetz Højlund, aber zu sagen wir verzichten auf fixe Einnahmen und gehen auf volles Risiko is sicher nicht die richtige Richtung.

    Zu Schnegg/Dante:
    Ich find Dante schon ein bissl besser, aber Schnegg is jetz nicht unsere große Schwachstelle, im EC bin ich gespannt wer dann aufläuft!

  4. flo1909 sagt:

    Für mich eindeutig- keiner von beiden, sind beide schwach…

  5. CrazyBusiness sagt:

    Also bei einem kolportierten Erlös iHv 17 Mio (sollen noch 2nMio Prämie nach Kopenhagen fließen) könnte man beinahe für 40 Jahre auf dieses Geld verzichten – Ende der Diskussionen!

    Dieser Topf entspricht eigentlichbgenaubdem, was wir landläufig als geschützte Werkstätte bezeichnen!

    Zum eigentlichen Thema: Dante! Schnegg erinnert mich immer wieder an Thomas Burgstaller, wenngleich ihm nicht die selbe Rolle zugedacht ist

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